24.10.2019

Nagarro Österreich Chef: „KMU haben heute mehr Möglichkeiten als vor 20 Jahren“

Wie können Unternehmen aus den Unmengen von Daten tatsächlich einen Business Value für sich selbst generieren? Antworten auf diese Frage hat uns Damianos Soumelidis, Geschäftsführer von Nagarro Österreich, im Interview geliefert.
/artikel/nagarro-interview-2019
Nagarro
Nagarro Österreich Geschäftsfüher Damianos Soumelidis

Nagarro Österreich mit dem sogenannten Turntable eine neue Eventreihe ins Leben gerufen, um Best Practices zu wechselnden Innovationsthemen auf den Tisch zu bringen – der brutkasten berichtete. Beim ersten Event im Oktober stand die Frage im Zentrum, wie Unternehmen aus den Unmengen an Daten für sich selbst einen Business Value schaffen können. Im Rahmen der Veranstaltung hat uns Damianos Soumelidis, Geschäftsführer von Nagarro Österreich, darauf Antworten geliefert.

+++ „Turntable“: Nagarro holt digitale Best Practices vor den Vorhang +++


Mit welchen Herausforderungen sind Unternehmen aktuell konfrontiert, um die wachsenden Datenmengen auch für ihr eigenes Geschäftsmodell nutzen zu können?

Eine der größten Herausforderungen in der Verarbeitung von Daten ist sicherlich das “Security & Privacy”-Thema. Unternehmen müssen sich zunehmend die Fragen stellen: Wem gehören die Daten? Wie sichere ich die Daten ab? Was tun, wenn ein Kunde die Löschung seiner Daten fordert? Viele Firmen wissen oft gar nicht mehr, wie sie spezifische Daten wiederfinden Stichwort fehlendes “Tagging”. Unternehmen unterschätzen diese Komplexität oftmals und bereiten sich nicht rechtzeitig darauf vor.

Warum unterschätzen Unternehmen diese Komplexität?

Ein Großteil der Unternehmen glaubt immer noch, dass sie die Dateninfrastruktur selbst aufbauen müssen. Der Aufbau eines Rechenzentrums, das auch den nötigen Sicherheitsanforderungen entspricht, ist allerdings komplex und kostenintensiv. Der Betrieb in Eigenregie ist mittlerweile ein Auslaufmodell. Heutzutage macht es mehr Sinn, diese Dienste auszulagern und auf professionelle Cloud-Services zurückzugreifen.

Damianos Soumelidis, Geschäftsführer Nagarro Österreich, im Interview mit dem brutkasten

Welche Lösungsszenarien zur Datennutzung entwickelt Nagarro?

Nehmen wir unseren Kunden Andritz als Beispiel. Das Unternehmen hat uns beauftragt sämtliche Einkaufsdaten der letzten 15 Jahre zu verarbeiten. Ziel war es die Kommunikation mit den Lieferanten zu optimieren. In einem “Datathon” haben sich Nagarro-Teams die Daten über ein ganzes Wochenende angeschaut, um unterschiedliche Ansätze und Lösungen zum Analysieren der Daten zu erarbeiten. 

„Wir müssen künftig rascher reagieren und natürlich auch mehr Risiko eingehen.“ 

Die Lösungen variieren natürlich je nach Unternehmen und deren individuellen Anforderungen. Eine Grundstruktur lässt sich aber dennoch erkennen. Zunächst holen wir uns die Daten, dann säubern wir sie, standardisieren diese, um sie schlussendlich analysieren zu können. Im Rahmen der Analyse überprüfen wir auch, welche Daten in welchem Grad anonymisiert werden müssen.

Nagarro arbeitet auch an Connected-Enterprise-Lösungen. Um welche handelt es sich dabei?

Connected-Enterprise-Lösung, die wir für unsere Kunden entwickeln, sind sehr vielfältig. Als Beispiel lässt sich ÖBB-Postbus anführen. Das Unternehmen setzt gezielt Smart Glasses und Assisted Reality ein, um die Inspektion ihrer Busse effizienter zu gestalten. Ein anderes Beispiel ist der Mobilfunkanbieter A1, der ebenfalls ein Wearable in Kombination mit Assisted Reality für die Abnahme von Mobilfunkmasten verwendet. 

Welche Problemstellung löst A1 damit?

A1 errichtet gemeinsam mit seinen Infrastrukturpartnern  Mobilfunkmasten. Im Rahmen der Errichtung sind also eine Vielzahl an Akteuren involviert. Dies erfordert eine genau Dokumentation, welche Mitarbeiter wann und was gemacht haben. Um den Abnahmeprozess effizienter zu gestalten, setzt A1 mittlerweile eine Datenbrille ein.

„KMU haben heutzutage definitiv mehr Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren.“

Die Lösung besteht aus einer intelligenten Brille und einer Backend-Lösung, die den ganzen Abnahmeprozess digitalisiert. Der Mitarbeiter am Mobilfunkmasten ist dabei live mit einem Mitarbeiter in einem A1-Büro verbunden und kann gemeinsam mit seinem Kollegen die einzelnen Abnahme-Schritte durchgehen. Dadurch können Fehler reduziert werden und der einzelne Mitarbeiter sichert sich damit auch selber ab.

Können auch KMU sich derartige Connected-Enterprise-Lösungen leisten?

Die neuen Technologien, wie Cloud-Computing, bieten große Möglichkeiten auch für mittelständische Unternehmen. KMU stehen trotz geringerer Ressourcen mittlerweile die gleichen Tools wie größeren Unternehmen zur Verfügung, nur die Skalierung ist eine andere. Kleinere Unternehmen haben sogar einen Vorteil. Sie sind agiler als Corporates, die teils träge agieren. KMU haben heutzutage definitiv mehr Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren, nur müssen sie diese Chancen auch nutzen.

Stichwort “Chancen” nutzen. Wie ist Österreich Ihrer Meinung nach in Sachen Digitalisierung und Innovation aufgestellt? 

Wir sind zu langsam. Früher ist Österreich damit sehr gut gefahren, abzuwarten und zu schauen, was international funktioniert und was nicht funktioniert. Dadurch konnte Österreich mit weniger Risiko und einer kleinen Verzögerung auf den fahrenden Zug aufspringen. Diese Strategie funktioniert heutzutage aber nicht mehr, da sich Dinge innerhalb von Monaten ändern. Wir müssen künftig rascher reagieren und natürlich auch mehr Risiko eingehen. 


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„Walter“ kann Ziegel mit einem Gewicht von bis zu 52 kg heben © PORR/Jan Hrdý

Der Bauriese Porr testet auf einer Baustelle in Tschechien, wie weit sich das Mauern automatisieren lässt. Beim Wohnbauprojekt Kladno Living, rund 25 Kilometer westlich von Prag, setzt ein Roboter mit der Bezeichnung WLTR, intern „Walter“ genannt, tragende Wände und Wohnungstrennwände aus plangeschliffenen Akustikziegeln. Das Projekt umfasst fünf Gebäude mit 371 Wohnungen samt Garagenplätzen.

Im Testbetrieb hat das Unternehmen die Maschine bereits seit 2025. Sie hebt Ziegel mit einem Gewicht von bis zu 52 Kilogramm und positioniert sie laut Aussendung millimetergenau auf Basis des digitalen Projektmodells. Zwei Personen bedienen den 2,5 Tonnen schweren Roboter, der auf eine Reichweite von 3,5 Metern kommt und mit 1,5 kW auskommt. Die angegebene Produktivität liegt bei 7,5 Quadratmetern pro Stunde, maximal sind zehn möglich.

Planung ab Tag eins

Entscheidend war aus Sicht des Konzerns, dass „Walter“ schon zu Projektstart eingeplant wurde. Robotik auf der Baustelle verlange eine enge Abstimmung zwischen Planung, Statik, Auftraggeber und Baustellenteam, dazu eine eigene Logistik und ausreichend Bewegungsfläche. Die aktuelle Gerätegeneration schafft nach Angaben des Unternehmens nicht nur lange gerade Wände, sondern auch Ecken und Wandöffnungen.

Der Roboter mauert auf der Baustelle des Projekts Kladno Living in Tschechien © PORR/Jan Hrdý

„Bauen ist und bleibt ein People Business. Unser Ziel ist es nicht, Menschen zu ersetzen, sondern unseren Mitarbeitenden Werkzeuge an die Hand zu geben, die ihnen die besonders schweren Arbeiten erleichtern“, sagt Porr-CEO Karl-Heinz Strauss. Der Roboter arbeite unter Aufsicht geschulter Fachkräfte, der größte Nutzen liege im Übernehmen der körperlich anspruchsvollsten Tätigkeiten.

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Koordiniert werden Automatisierungsprojekte gruppenweit über das Team Construction Automation & Robotics (CAR), das robotergestütztes Mauern neben BIM, digitalem Baumanagement und datenbasierten Lösungen verantwortet. Jeder Anwendungsfall entstehe aus einem konkreten Bedarf der Baustelle. Die Erfahrungen aus Kladno sollen in weitere Projekte einfließen, kündigt Dušan Čížek, Geschäftsführer von Porr Tschechien & Slowakei, an. Neu ist die Stoßrichtung nicht: Im brutkasten-Interview „Irgendwann wird der Kranfahrer eine IT-Fachkraft sein“ argumentierte Strauss bereits, dass Robotik das Berufsbild am Bau verschiebt, statt es abzuschaffen.

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