12.02.2020

N26 und die Brexit-Ausrede – Start einer Konsolidierung?

Analyse. Die Berliner Challenger-Bank N26 zieht sich aus dem Vereinigten Königreich zurück. Offiziell liegt es am Brexit, tatsächlich gab der Markt einfach zu wenig her. Es könnte beim FinTech der erste Schritt von einer All-In-Wachstumsstrategie in Richtung Konsolidierung sein.
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N26 und die Brexit-Ausrede - Start einer Konsolidierung? - Insolvenz-Statistik ertes Halbjahr 2020 Österreich
(c) Adobe Stock - Claudio Divizia

Noch etwa zwei Monate – dann ist der Expansionsversuch der Berliner Challenger-Bank N26 in das Vereinigte Königreich Geschichte. Wie der brutkasten gestern berichtete, zieht sich das FinTech im April aus dem Markt zurück. Die offizielle Begründung: Weil man nur über eine EU-Banklizenz verfüge, könne man die UK-Kunden nach dem am 31. Jänner vollzogenen EU-Austritt bald nicht mehr bedienen. Doch man muss kein Experte für den FinTech-Markt sein, um zu erkennen: Der Brexit kommt N26 als Ausrede durchaus gelegen.

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Fehlende Aussicht

Denn es hätte zwar ohne Zweifel bei N26 einige Ressourcen geschluckt, bis zum Ende der Brexit-Übergangsfrist am Jahresende eine passende Lösung zu implementieren. Doch genau so klar ist, dass man das getan hätte, hätte es denn irgendeine Aussicht darauf gegeben, dass es sich auszahlen würde. Schließlich arbeitet etwa auch der in London ansässige größte N26-Konkurrent Revolut mit einer EU-Bankenlizenz und wird die Brexit-Herausforderung gewiss meistern.

N26 als kleine Nummer 4 im UK-Challenger-Bank-Segment

Hämische Stimmen werden nun behaupten, es sei von Anfang an klar gewesen, dass es mit N26 im Vereinigten Königreich nichts werden kann, kommt doch neben Revolut auch der zweitgrößte europäische Challenger Bank-Konkurrent, Monzo, von dort, der im Land die klare Nummer 1 ist. Hinzu kommt unter anderem der international kleinere UK-Mitbewerber Starling – alle drei hatten im Vereinigten Königreich zuletzt einen maßgeblich höheren Marktanteil im Challenger-Bank-Segment, als N26. Dass man mit den drei Platzhirschen auch in der öffentlichen Wahrnehmung in UK so gar nicht mithalten kann, verrät ein Vergleich der Google-Suchanfragen im Land in den vergangenen Monaten.

Enorme Marketing-Ausgaben – enorme Verluste

Das heißt auch: Die Marketing-Ausgaben von N26 im Vereinigten Königreich dürften sich im Vergleich zu anderen Märkten viel weniger rentiert haben. Und hier geht es – international gesehen – um enorme Summen. Zwar sind die aktuellsten vorliegenden Zahlen jene für das Jahr 2018 – deren Tendenz dürfte sich aber im US-Expansionsjahr 2019 fortgesetzt haben. Demnach machte N26 2018 73 Millionen Euro Verlust bei 43 Millionen Euro Umsatz – und das wird seitens des FinTechs primär mit Mehrausgaben für Marketing und Internationalisierung begründet – der brutkasten berichtete. Die weltweit rund 1500 Mitarbeiter sind freilich auch nicht günstig.

Revolut mit All-In-Wachstumsstrategie zuletzt effizienter als N26

Zum Vergleich: Revolut meldete für 2018 32,8 Millionen Pfund (ca. 40 Mio. Euro) Verlust bei 58,2 Millionen Pfund (ca. 70 Mio. Euro) Umsatz. Eine einfache Gegenrechnung zeigt: Der Londoner N26-Konkurrent gab also bei höheren Einnahmen unterm Strich sogar geringfügig weniger aus. Das ist ein für die Chancenbewertung der beiden Kontrahenten durchaus relevanter Vergleich. Denn beide fahren mit ihrem Ziel, den Weltmarkt zu erobern, eine All-In-Wachstumsstrategie. Wie auch bei den großen Scaleups der USA lautet die Devise: Erst mit allen Mitteln Kunden erobern, dann irgendwann profitabel werden.

Verluste im Wachstum: Die Stimmung schlägt um

Genau an den angesprochenen US-Scaleups zeigt sich jedoch derzeit, das diese Strategie keineswegs mehr gänzlich unkritisch gesehen wird – vor allem am Aktienmarkt. Zuletzt ging eine Reihe von IPOs von Wachstumsunternehmen schief, die zum Zeitpunkt des Börsengangs noch (tief-)rote Zahlen schrieben. Die Tesla-Aktie hingegen ging nach schwarzen Zahlen in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen durch die Decke. Es ist ein Stimmungsumschwung, der – eingeschränkt – auch auf die Risikokapital-Geber übergreifen könnte. Sie könnten gerade im Hinblick auf einen möglichen IPO von ihren Portfolio-Unternehmen verlangen, den Beweis der Profitabilität schon früher – zumindest vor dem Börsengang – zu erbringen.

Schluss mit aussichtslosen Abenteuern

Während eine aggressive Wachstumsstrategie in den allermeisten Fällen auch weiterhin nur über Kundenakquise und Infrastruktur-Aufbau auf Pump möglich sein wird, müssen Scaleups also wohl trotzdem etwas vorsichtiger werden, als sie es jetzt noch sind. Für N26 bedeutet das: Relativ aussichtslose Abenteuer, wie der Markteintritt im Vereinigten Königreich, gilt es zu vermeiden. Hier ist freilich einschränkend zu erwähnen, dass dieser vor dem Brexit tatsächlich noch „nebenbei“ gemacht werden konnte, was jetzt nicht mehr möglich wäre.

UK-Rückzug als Image-seitiger Einschnitt für N26

Dass man den Markt nun offiziell aufgibt, ist ein Einschnitt – vor allem Image-seitig. Er deutet auf den Anfang einer Konsolidierung des Unternehmens hin, mit dem Ziel, die Profitabilität in greifbare Nähe zu rücken. So hochtrabend das zuletzt ausgegebene Ziel, langfristig 100 Millionen Kunden weltweit zu erreichen, auch derzeit noch ist – es werden wohl in den kommenden Jahren weitere Opfer zu bringen sein.

US-Markt als nächster Wackelkandidat

So ist aus heutiger Sicht auch der Expansionsmarkt USA ein Wackelkandidat. Jahre lang vorbereitet verlief der Marktstart dort nicht gerade bombastisch. Nach rund einem halben Jahr vermeldete man 250.000 Kunden im 300 Millionen Einwohner-Land. Dabei hatte man schon vor dem Launch Vormerkungen von rund 100.000 interessierten Potenziellen Kunden gehabt. Gelingt es nicht bald, wirklich Fahrt aufzunehmen, wird man den Markt, der über ein kostspieliges Tochterunternehmen bearbeitet wird, überdenken müssen.


EDIT: N26 sendete uns in Reaktion auf diesen Beitrag folgendes Gegenstatement:

„Wir müssen der Darstellung unseres USA-Geschäftes entschieden widersprechen. Die USA sind und bleiben einer unserer wichtigsten Wachstumsmärkte. Nachdem wir den britischen Bankenmarkt aus rein marktspezifischen Gründen verlassen haben, werden wir uns nun noch stärker auf die weitere Expansion in den USA fokussieren. Die Entscheidung für einen größeren Fokus wird im Gegenteil unser Wachstum in unseren anderen Ländern stärken, insbesondere in den USA“.

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Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners
Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners

Wie brutkasten zuletzt berichtete, wurde die vor rund zehn Jahren als Teil der Voralberger Russmedia-Gruppe gegründete Liechtensteiner Private-Equity-Gesellschaft RM Equity Partners (RMEP) mit rund 500 Millionen Euro Assets under Management von den drei Partnern Eugen Benedikt Russ, Chris Wittlinger und Nicola Szekely übernommen. Im Gespräch mit brutkasten erläuterten Russ und Wittlinger die Hintergründe.

Eugen B. Russ blickt dabei auf die Anfänge zurück: „Wir haben eigentlich schon sehr selbstständig begonnen. Schon damals haben wir vom Medienhaus weitgehende Freiheiten bekommen, und ich glaube, genau das hat uns erfolgreich gemacht: dass man uns dieses Vertrauen gegeben hat. Wir konnten in Themen investieren, während andere in der Gruppe Media-for-Equity machen mussten und in dem, was sie tun konnten, nicht immer frei waren.“

Und Wittlinger ergänzt: „Organisatorisch waren wir schon immer sehr unabhängig, mit wenig Vorgaben. Jetzt übersetzen wir einfach das, was gelebt wurde, in die Realität. Dazu kommt, dass es im Partnerkreis – Eugen, Nicola und ich – über die Jahre sehr gut funktioniert hat. Wir sind ein sehr komplementäres Team, und wir haben alle gesagt: Wir haben Lust, das noch einmal eigenständig anzupacken und weiterzumachen – mit dem Team, das es schon gibt.“

Die Gruppe sei über das vergangen Jahrzehnt stark gewachsen und erwirtschafte im laufenden Jahr ein EBITDA im dreistelligen Millionenbereich. Dabei entfielen nur fünf Prozent des Umsatzes auf Österreich, da das Portfolio komplett europäisch aufgestellt sei.

„Die volle Selbstständigkeit war im Endeffekt der logische Schritt“, erklärt Russ. Seine Schwester übernehme die Generationennachfolge im Verlag der Russmedia-Gruppe, wo zuletzt auch ein Merger mit der Tiroler Tageszeitung stattfand. Während Russmedia den Wachstumsweg im Mediengeschäft verfolge, setze RMEP den Wachstumsweg bei digitalen Plattformen fort.

Dieser Prozess sei über einen Zehnjahresplan angelegt und seit acht Jahren vereinbart gewesen. Im September des vergangenen Jahres habe die konkrete Umsetzung Fahrt aufgenommen. Nach der Umstrukturierung in Liechtenstein um den Jahreswechsel wurde die Management Company RM Consulting im Frühjahr übernommen. Mit der offiziellen Kommunikation sei die Nachfolge nun abgeschlossen. Die Management Company befindet sich nun zu gleichen Teilen im Besitz des Führungstrios.

Neues Vehikel für neue Investments

Das initiale Investment von Russmedia habe damals knapp unter 100 Millionen Euro betragen – eine Summe, die die Gruppe heute jährlich an EBITDA generiere. Für die künftige Ausrichtung gilt nun eine klare Trennung zwischen Altbestand und neuen Beteiligungen.

Russ beschreibt die Strukturierung: „Das Bestehende führen wir so weiter. Wir schaffen jetzt ein neues Investment-Vehikel, in das exklusiv wir drei und das Team investieren. Alle Investments ab jetzt machen wir alleine. Von den bestehenden Investments profitiert natürlich auch die Familie weiter – unter anderem Bergfex, Pure, calimoto und die übrigen Unternehmen im heutigen Portfolio.“ An den bisherigen Beteiligungen halte Russ im Rahmen der Nachfolgelösung weiterhin eine Mehrheit.

„Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren“

RMEP investiert pro Beteiligung bis zu 150 Millionen Euro Eigenkapital, während das Gesamtvolumen pro Transaktion bis zu 250 Millionen Euro betragen kann. Chris Wittlinger grenzt den Investmentansatz klar ab: „Wichtig ist: Wir sind kein VC. Wir machen keine Frühphasen-Investments und prinzipiell keine Kapitalerhöhungen, bei denen das Unternehmen Cash braucht. Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren.“

Das Modell ziele zwar auf eine langfristige Haltedauer ab, doch Exits wie jener der Plattform Alpy (brutkasten berichtete im August) seien bei passenden Rahmenbedingungen vorgesehen. Wittlinger führt dazu aus: „Wir wollen die Möglichkeit haben, das Unternehmen sehr lange zu halten. Aber wenn wie bei Alpy die Situation kommt, in der man sagt: Das ist bei einem Strategen besser aufgehoben, weil der mehr daraus machen kann als wir – dann verkaufen wir auch.“ Gleichzeitig mache man auch strategische Zukäufe kleinerer, profitabler Wettbewerber von portfolio-Unternehmen, wie das aktuelle Beispiel Digital Heaven in der Schweiz veranschauliche.

„Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer“

Und es gebe auch einen zentralen Unterschied zwischen RMEP und klassischen Private-Equity-Gesellschaften, die fremdes Kapital verwalten, betont Russ: „Das Geld, das wir investieren, ist ausschließlich unser eigenes und das der Unternehmer-Partner, mit denen wir arbeiten. Viele wählen uns, weil sie nicht mit einem anonymen Private-Equity-Investor zusammenarbeiten wollen, der nicht sein eigenes Geld investiert. Sie spüren, dass wir unser eigenes Geld investieren – wir sind selbst Unternehmer. Das ist der riesige Unterschied: Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer.“

Dieses Unternehmer-Setup spiegelt sich auch in der Anbahnung neuer Investments wider. Wittlinger erklärt das Sourcing: „Der Dealflow ist dreigeteilt. Erstens gibt es ein Netzwerk von Tausenden M&A-Beratern in Europa, mit denen wir in Kontakt sind, die wissen, was wir suchen, und sich regelmäßig bei uns melden. Zweitens unser aktiver Outreach, bei dem wir schon sehr stark mit KI arbeiten: Wir schreiben Unternehmen an, die aus unserer Sicht gut ins Raster passen, gehen auf Messen und Branchenveranstaltungen und stellen sicher, dass uns die Unternehmer in den Industrien kennen, die uns interessieren. Drittens gibt es Unternehmer, die auf uns zukommen, weil sie von uns gehört haben – zum Beispiel, weil sie jetzt diesen Artikel lesen.“

Am Fokus auf asset-light und digitale Geschäftsmodelle ändere sich durch die Eigenständigkeit nichts, wobei der technologische Wandel berücksichtigt werde. Wittlinger ergänzt zur Rolle von KI: „Natürlich muss man immer schauen, wie sich KI auf ein Geschäftsmodell auswirkt. Wir fokussieren uns darauf, Geschäftsmodelle zu finden, für die KI ein Enabler sein kann oder die sehr resilient dagegen sind.“

„Wir haben die Kriegskasse gefüllt“

Für die kommenden Jahre stehe nun der Ausbau des eigenen Netzwerks und das gemeinsame Wachstum mit Gründern im Vordergrund. Russ betont: „Unsere Story sind eigentlich individuelle Unternehmer-Erfolgsgeschichten.“ RMEP verstehe sich als langfristiger Partner für Unternehmer, um Potenziale zu heben und gemeinsam zu wachsen.

Wittlinger richtet den Blick auf die Zehn-Jahres-Perspektive: „Natürlich wollen wir nicht stillstehen. Wir wollen größer werden, weiterhin Deals machen, das Netzwerk erweitern und dafür sorgen, dass die Assets under Management in zehn Jahren deutlich höher sind als heute. Das ist der Anspruch.“

Der Wechsel in die Unabhängigkeit soll dabei als Ansporn für die nächste Phase dienen. „Wichtig ist: Das Team bleibt gleich, die Investmenthypothese bleibt gleich, und unsere Ambition und unser Hunger bleiben gleich. Wir sind noch lange nicht am Ende der Reise“, unterstreicht Wittlinger. Und Russ wird noch einmal deutlich: „Wir haben die Kriegskasse gefüllt und suchen nach den nächsten Deals.“

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N26 und die Brexit-Ausrede – Start einer Konsolidierung?

Noch etwa zwei Monate – dann ist der Expansionsversuch der Berliner Challenger-Bank N26 in das Vereinigte Königreich Geschichte. Der offizielle Grund für den Markt-Austieg ist der Brexit, doch dieser kommt N26 als Ausrede nur gelegen, konnte man im Markt ob der Konkurrenz-Situation doch nie wirklich Fuß fassen. Im Hintergrund steht auch der Druck, die aggressive Wachstumsstrategie mittelfristig in ein profitables Modell überzuführen. Der UK-Ausstieg könnte der erste Schritt in Richtung Konsolidierung sein. Auch der US-Markt ist zu überdenken.

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