04.01.2021

Was Unternehmen von „Moby Dick“ lernen können

Was können Unternehmen von einem Literaturklassiker lernen? Mic Hirschbrich identifiziert in seiner Kolumne drei konkrete Learnings.
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Mic Hirschbrich beschreibt, was Unternehmen von Moby Dick lernen können
Mic Hirschbrich beschreibt, was Unternehmen von Moby Dick lernen können | Hintergrund (c) Adobe Stock - Michael Rosskothen

Vielleicht kennen Sie ja den Literaturklassiker von Herman Melville (hier als Hörbuch um 50 Cent) oder den Film von John Huston mit Gregory Peck in der Hauptrolle des Kapitän Ahab, der gerade jetzt zur Weihnachtszeit wieder mehrfach im Fernsehen lief. Als dieser im Kampf mit dem 30 Meter langen Pottwalbullen „Moby Dick“ ein Bein verliert, verfolgt er nur mehr ein Lebensziel, nämlich das größte lebende Raubtier der Erde zu töten. So fährt er mit seiner Mannschaft 1841 erneut auf Wal-Jagd und geht auf die Suche. Er findet den intelligent wirkenden aber mystisch unscharf gezeichneten Moby Dick wieder und wird schließlich von diesem, selbst schon nahe dem Wahnsinn und geschwächt von der Suche, in einer Blutorgie getötet. Das Schiff namens „Pequod“ samt Matrosen wird spektakulär vom Wal zerstört und versenkt.  

Moby Dick: Eine Geschichte mit unheimlich vielen Facetten

Bevor wir uns ansehen, was wir als Unternehmen vom Klassiker „Moby Dick“ lernen können, ein paar Hinweise zu diesem Stück Kulturgeschichte. Der Autor wusste zunächst sehr genau, wovon er schrieb, denn er hatte selbst aus Geldnot inmitten einer Wirtschaftskrise auf einem Walfänger angeheuert. Das Leben am Schiff war extrem hart, aber man verdiente gut. Walfang war so etwas wie eine frühe Industrielle Revolution. Aus der bis zu einem halben Meter dicken Speckschicht gewann man Öl für russlose Brenn- und Schmierstoffe, genannt Tran. Weiters diente es als feinstes Gleitmittel in der Feinmechanik. Aus dem Magen der Tiere gewann man Ambra, den teuren Grundstoff für Parfüme und das Fett, welches den mächtigen Kopf des Wals schützte, wurde zu hochwertigem Kerzenwachs verarbeitet.

In diesen Jahrzehnten des kommerziellen Walfangs mehrten sich die Angriffe von Pottwalen auf Walfangschiffe und der tatsächliche Untergang der Essex 1820 diente Melville wohl als Vorlage für Moby Dick. Der Schriftsteller erlitt aber ein frühes Thomas Bernhard-Schicksal, denn zu Lebzeiten war sein Werk alles andere als beliebt, galt als negativ und narzisstisch. Erst nach seinem Tod wurde es zu einem weltweiten Klassiker.

Als Kapitän Jean-Luc Picard aus Star Trek Kapitän Ahab zitierte

Den Treckies unter uns gefiel in „Star Trek – Der erste Kontakt“ ein spannender Bezug zu Moby Dick. Als Kapitän Jean-Luc Picard, gespielt vom großartigen Mitglied der Royal Shakespeare Company – Sir Patrick Stewart, von Rache angetrieben zunehmend irrational agiert, vergleicht ihn ein Crew-Mitglied mit Kapitän Ahab. Picard sieht sich gerade in einer epochalen Schlacht der totalen Vernichtung durch die Borg gegenüberstehend. Picard zitiert, dem Untergang geweiht, aus Moby Dick. (Sehen Sie die Szene hier). Er tut das so überzeugend, dass er später selbst Kapitän Ahab spielen wird.

3 Lehren für Unternehmen aus Moby Dick

Und was können nun Unternehmen aus dem Literaturklassiker lernen?

1. Nichts ist wichtiger als gute Daten!

In der Verfilmung mit Gregory Peck als Kapitän Ahab, hat er in einer wichtigen Szene eine riesengroße, selbstgezeichnete Karte vor sich, während er den frommen Steuermann Starbuck erstmals in seinen Plan einweiht, die Walfang-Expedition nur durchzuführen, um Moby Dick zu töten. Die Kartografie der Meere war so etwas wie der Beginn der Datenökonomie. Ahab studierte Logbücher und Routen unzähliger Walfangflotten, zeichnete diese mit den Begegnungen besonders großer Pottwale nach und erstellte daraus unwahrscheinlich exakte Datenpunkte. Die Pottwale zogen über die Jahre durch zwei Weltmeere. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit den damaligen technischen Mitteln ein einziges, wenn auch großes Säugetier wiederfinden? Die Erzählweise gibt dem Finden des Wals etwas schicksalhaft mystisches, doch die gezeigten Fakten deuten auf extreme Akribie hin, auf die Liebe zum Detail und einen enormen Antrieb, aus den zu Verfügung stehenden Daten eine waghalsige Expedition zum Erfolg zu führen.

2. Achtung vor toxischer Männlichkeit

Wie viele heutige digitale Startups auch, litt die Mannschaft der Pequod an etwas, das Feminist*innen wohl als „toxische Männlichkeit“ beschreiben würden. Zu viel Testosteron und zu viele männliche Gebärden, deckten das falsche Ziel, der bis in den Tod treuen Matrosen, zu lange zu. Unnötige Riten und fest gefahrene kulturelle Organisations-Muster lenkten zusätzlich vom wesentlichen ab. Sie gaben den falschen Analysen zu viel Raum und negierten die richtigen.

3. Wenn der Vision das Business-Modell abhanden kommt

Ahab und sein Team hatten ein junges, aber sehr gut funktionierendes Business-Modell. Seine Mannschaft riet ihm mehrfach, man möge doch endlich „skalieren“. Sie lernten immer besser, die Fährten der Wale zu interpretieren, und hatten irgendwann nicht bloß eine Handvoll, sondern sogar Hunderte Wale vor sich, die sie bequem hätten jagen können. Das damalige Walfang-Startup wäre mit dieser Daten-Lage und eingespielten Team-Erfahrung höchst erfolgreich gewesen und hätte enorme Gewinne eingefahren. Doch es verfolgte (lange unwissend) eine ganz andere, persönliche Vision, nämlich die Rachsucht des Kapitäns. Das Team war loyal und nicht fähig, gegen die falsche Vision aufzubegehren, auch wenn sie, spät aber doch, davon in Kenntnis gesetzt wurde. Und ausgerechnet der intrigante Steuermann, der früh gegen die Pläne aufwiegelte, aber niemanden davon abbringen konnte, schickte seine Kameraden im letzten Gefecht völlig unnötig erst recht in den Tod. Und jedes Mal argumentierte er seine jeweiligen Beweggründe mit (gottesfrömmig) moralischem Impetus. Eine typische „Nummer 2“ also, die sich kein CEO wünscht.

Exkurs: Die Botschaften in Moby Dick

Man findet erstaunlich viele Interpretationen des Romans aus sexueller Perspektive, ist er doch geradezu zum schwulen Klassiker avanciert. Da auf den Schiffen ausschließlich Männer über sehr lange Zeiten arbeiteten und isoliert waren, ähnlich dem Strafvollzug, dürfte es häufig zu „nicht einvernehmlichen, homosexuellen Handlungen“ gekommen sein, um das Thema so politisch korrekt wie möglich zu umschiffen. Marville soll selbst sehr darunter gelitten haben, außerhalb der Seefahrt aber sowohl der Polygamie als auch der Homosexualität durchaus gefrönt haben. In entsprechenden Foren und sogar wissenschaftlichen Arbeiten, wird auch Moby Dick selbst als archaischer Phallus interpretiert, mit und gegen den die geballte Männlichkeit der testosteronreichen „Walfang-Startups“ kämpfte. Dass sich der Name Moby „Dick“ vom Phallus ableitete, was vielleicht plump aber naheliegend wäre, konnte im Zuge dieser Recherche nicht erhärtet werden. „Dick“ gilt einfach als generischer Name, wie der ehemalige US-Vize Dick Cheney oder der ehemalige Twitter CEO Dick Costolo.

Melville aber dachte sich etwas bei den von ihm vergebenen Namen. Ahab zum Beispiel war einst der Name eines im Nordreich Israel herrschenden, berüchtigten und gottlosen Königs. Im Roman wirft der gottesfürchtige Steuermann Starbuck dem Kapitän an einer zentralen Stelle vor, durch seine Rachsucht gegen Gott zu handeln. Gott würde den Walfang zu kommerziellen Zwecken gutheißen, aber Rache bestrafen. Generell ist die Geschichte von einer merkwürdigen Gottesgläubigkeit durchtränkt, denn wenig am Benehmen der Matrosen erinnert an christliche Werte und dennoch zitiert man ständig christliche Moralvorstellungen. Es wirkt ein wenig wie eine beliebig pragmatische Interpretation des Glaubens zu Geschäftszwecken. Quasi Fleiß und angestrebter Wohlstand nach der Lehre Calvins, gemischt mit dazu widersprüchlichen Mythen und Ritualen. Melville nennt sich selbst im Roman Ismael und erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Im Islam, Zufall oder nicht, ist dies auch der Name von Abrahams erstgeborenem Sohn, einem Propheten.

Obwohl der Wal für das breite Publikum eindeutig als Monster stilisiert wird, gab Melville ihm die seltene Farbe weiß. Diese stand literarisch aber für Schönheit, Unschuld, Ehre, Güte und Gerechtigkeit. Für Melville symbolisierte sie zudem „die höheren Werte in Religion, Kultur und Politik“. Man muss das Werk im historischen Kontext sehen. Damals gab es kein Greenpeace und auch keine Greenpeace-ähnliche-Haltung in der Gesellschaft. Der Walfang war eine ökonomisch wichtige und fortschrittliche, geachtete Betätigung. Der Natur eine derartige Bedeutung zu geben und den Walfängern ein moralisches Schicksal zuteil werden zu lassen, ja einem Wal so etwas wie eine richterliche Autorität zu verleihen, wenn auch nie explizit erwähnt, war noch revolutionärer, als der Walfang selbst.


Zum Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Mario Derntl, Ausbildungsexperte und CEO Talents&Company © Athenas

Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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