17.01.2019

Flugauto auf Knopfdruck? Die Mobility-Highlights auf der CES 2019

Die Consumer Electronic Show CES in Las Vegas ist eine Messe der Superlative - und inzwischen eine der fünf größten Automotive-Messen weltweit. Georg Fürlinger, Technologiebeaufragter der Außenwirtschaft Austria, berichtet in diesem Gastbeitrag von den spannendsten Entwicklungen der Mobilitätsbranche.
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Bell Nexus
(c) Georg Fürlinger.

In Las Vegas wird das Jahr wieder durch die Consumer Electronic Show (CES) 2019 eingeläutet. Gemessen an der der Besucherzahl, über 180.000 und davon ca. ein Drittel von außerhalb der USA, ist sie die größte Veranstaltung in der Unterhaltungsmetropole und eine der größten Business- und Technologiemessen der Welt. Doch nicht nur das: Die mehr als 1000 Startups aus 50 Ländern, die nach Region bzw. Technologiebereichen aufgeteilt im Eureka Park ausstellen, machen die CES außerdem zum größten Startup Event der Welt.

CES: eine der fünf größten Automotive-Messen weltweit

Über die Jahre hat sich die CES auch immer mehr im Bereich Automotive und Mobilität einen Namen gemacht. Mit 170 Ausstellern in diesen Bereichen und einer Ausstellungsfläche von umgerechnet vier Football Feldern ist die CES eine der fünf größten Automotive-Messen der Welt. Immer mehr Automobilhersteller suchen strategische Partnerschaften mit Technologie-Firmen, um gemeinsam neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Doch auch die Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Technologie-Anbietern, sowie mit anderen Vertretern im Innovations-Ökosystem, wie Versicherungen und Finanzinstitutionen, intensiviert sich. Kooperation ist das Stichwort, wenn es um die Entwicklung neuer Plattformen und Standards geht, zum Beispiel bei der Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation. Differenzieren und Konkurrieren werden die Firmen jedoch weiterhin vor allem auf der Produkt,- und Feature-Ebene.

Das Abo als neuer Zugang zum Auto

Ein großer Trend bewegt sich hin zu neuen Arten von Mobilitätsservices, weg vom eigenen privaten Auto. Die jüngere Generation hat oft mehr Interesse an Mobilitätsdienstleistern und sieht Eigenbesitz oft als zu teuer an. Das Auto-Abonnement ist eine Dienstleistung, bei der ein Kunde eine wiederkehrende Gebühr für das Recht zur Nutzung eines oder mehrerer Fahrzeuge entrichtet. Einige Fahrzeug-Abonnements bieten Versicherung und Wartung als Teil der Abonnementgebühr, während bei anderen Services der Abonnent während des Abo-Zeitraums zwischen verschiedenen Fahrzeugen wechseln kann. Das Auto-Abo, so einige Experten am Panel, sehen sie als neue Alternative zum Eigentum oder Leasing eines Fahrzeugs. Neben Ride-Hailing Services wie Uber oder Lyft, sind Car-Sharing Services bereits jetzt eine vielversprechende Alternative zum eigenen privaten Auto.

Autonomes Fahren: Sicherheit und Akzeptanz gefragt

Die Entwicklung im Bereich des autonomen Fahrens geht weiter konstant voran. Während jedoch in den letzten Jahren die involvierten Firmen sich noch mit neuen Schlagzeilen über technologische Durchbrüchen übertrumpfen wollten, sieht man nun mehr eine “wir kommen damit auf den Markt, wenn die Technologie reif ist”-Einstellung. Experten am Panel meinten, dass die autonomen Systeme 100 bis 1000 Mal besser sein müssen als Menschen, da die Gesellschaft es nicht akzeptieren würde, dass Maschinen Menschen in Gefahr bringen. Um die Akzeptanz autonomer System zu erhöhen, haben führende Technologiefirmen und Organisationen die PAVE Organisation (The Partners for Automated Vehicle Education) gegründet, die sich auf Information und Bildung im Bereich autonomer Fahrzeuge fokussieren wird.

Mit dem selbstfahrenden Auto durch Las Vegas

Aptiv ist ein globales, börsennotiertes Technologieunternehmen, das sichere, umweltfreundlichere und vernetzte Lösungen für die Zukunft der Mobilität entwickelt. Durch die Kooperation der Car-Sharing Firma Lyft mit BMW und Aptiv kann man nun in Las Vegas über die Lyft-App mit einem der 30 autonom-fahrenden Autos in der Stadt unterwegs sein. Bei der Fahrt selbst sitzt die ganze Zeit ein Sicherheitsfahrer hinter dem Steuer, mit seinen Händen unterhalb des Lenkrades, um in gefährlichen Situationen eingreifen zu können. Während der halben Stunde Fahrt, die ich mit dem autonomen Fahrzeug durch die Straßen von Las Vegas unternommen habe, musste der Sicherheitsfahrer jedoch kein einziges Mal eingreifen, weder beim Spurwechsel auf einer stark befahrenen Straße, noch beim Abbiegen mit Fußgängern auf dem Fußgängerübergang.

Aptiv
(c) Georg Fürlinger.

Auch der Fahrstil im autonomen Fahrmodus war überraschend angenehm, ohne stop-and-go-Bewegungen, die man von einem Autopiloten eventuell erwarten könnte. Mit zehn Radars, neun Lidars und zwei visuellen Kameras, die allesamt gekonnt in das Auto integriert wurden und nicht extern angebracht sind, ist das Auto in allen Richtungen mit Sensoren ausgestattet. So werden die Daten von der Umgebung an das Fahrsystem geliefert, um sicher durch die Stadt zu navigieren. Weiter erleichtert wird die Navigation durch die DSRC (dedicated short-range communication) Sensoren in den Ampelanlagen, die bei der Las Vegas Smart City Initiative installiert wurden. Die DSRC System kommunizieren die Abfolge der Ampelschaltungen direkt an das Fahrzeug und ermöglichen, vorauszuplanen und die Geschwindigkeit in Echtzeit an den Verkehr und die Ampelschaltungen anzupassen.

Bosch IoT Shuttle

Bosch ist ein weltweiter Anbieter für Technologien und Services in den Bereichen wie Smart Homes, Smart Cities, vernetzte Mobilität und der Industrie. Bei der CES präsentierten sie zum ersten Mal ihre neueste Innovation im Bereich Internet der Dinge (Internet of Things , IoT), das Bosch IoT Shuttle. Ab 2020 sollen solche Fahrzeuge in Metropolen unterwegs sein.  Dabei werden nicht nur die Sensoren und elektronischen Komponenten von Bosch hergestellt, sondern das komplette, autonome Fahrzeug. Dadurch versucht der Konzern eine führende Rolle im Bereich des autonomen Fahrens einzunehmen. Das Fahrzeug soll als elektrischer, fahrerloser Shuttle benutzt werden, der mit der Außenwelt und anderen Fahrzeugen über WiFi verbunden ist. Zugang wird man über das Smartphone haben.

Bosch IoT Shuttle
(c) Georg Fürlinger.

Mercedes vielfältiges Urbanetic Konzept

Mercedes hat einen innovativen Ansatz gewählt, um einen bedarfsgerechten, nachhaltigen und effizienten Transport von Personen und Gütern zu gewährleisten. Das visionäre Urbanetic-Konzept basiert auf einem selbstfahrenden, elektrisch angetriebenen Fahrzeug, das je nach Verwendungszweck austauschbare Elemente hat. Damit soll auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Städten, Unternehmen aus verschiedenen Bereichen, sowie von Stadtbewohnern und Reisenden eingegangen werden können. Wenn der Fokus auf einem Car-Sharing Konzept liegt, können bis zu 12 Personen bei dem 5 Meter langen Auto mitfahren. Möchte man Waren transportieren, hat man mit einem anderen Aufbau eine große Ladefläche zur Verfügung. Durch eine spezielle IT Infrastruktur empfängt der Urbanetic in Echtzeit Verkehrsmeldungen und kann sofort andere Routen wählen, wenn sich das Modell autonom fortbewegt.

Mercedes Urbanetic
(c) Georg Fürlinger.

Bell Nexus: Flugauto auf Knopfdruck?

Bell ist ein bekannter US-Hersteller von Hubschraubern für den kommerziellen und militärischen Bereich. Durch den Bell Nexus stellt die Firma ihre neue Vision des Fliegens vor. Der Nexus kann vertikal starten und erreicht mit sechs schwenkbaren, Rotoren eine Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h und eine Reichweite von 240 Kilometern. Derzeit wird der Nexus noch durch einen Hybrid Motor angetrieben, langfristig soll er aber rein elektrisch fliegen können. Das Fluggerät wiegt ca. 2700 Kilogramm und bietet Platz für bis zu 5 Personen. Zusammen mit dem Ride-Sharing Anbieter Uber sollen die ersten Flüge bereits 2020 in drei ausgewählten Städten stattfinden. Ab 2023 wird dann der kommerzielle Betrieb aufgenommen, angeblich in Dallas und Los Angeles.

Weitere Eindrücke von der CES 2019 und ausgewählte Interviews

Consumer Electronic Show CES 2019 in Las Vegas

Fliegende Taxis, Tischtennis-Roboter, und smarte T-Shirts aus Österreich! Unser Team in Los Angeles & San Francisco war für euch unterwegs, um einen Blick in die Zukunft der Unterhaltungsindustrie zu werfen und neue Trends im Bereich der Mobilität zu scouten!

Gepostet von AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA am Donnerstag, 17. Januar 2019

Über Georg Fürlinger

Georg Fürlinger.

Georg Fürlinger ist Technologiebeaufragter bei der Außenwirtschaft Austria, die Internationalisierungs- und Innovationsagentur der österreichischen Wirtschaft, sowie Co-Director des Open Austria Büros in San Francisco. Er unterstützt österreichische Startups und etablierte Unternehmen bei ihrer US-Markteintrittsstrategie sowie beim Technologie-, Partner- und Investoren-Scouting. Zuvor forschte er am Austrian Institute of Technology im Bereich Innovations Ökosysteme und arbeitet mit dem Startup Accelerator StartX der Stanford Universität. Georg ist Ko-Autor des Buches „Abseits von Silicon Valley“.

 

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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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