22.06.2022

mitgestalten: Wiener Startup will Österreich demokratischer machen

Das mitgestalten Partizipationsbüro setzt auf Beratung und das international erprobte Open Source-Tool Decidim, um direkte Demokratie zu ermöglichen.
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mitgestalten Partizipationsbüro-Gründerin und CEO Romy Grasgruber-Kerl | (c) mitgestalten Partizipationsbüro
mitgestalten Partizipationsbüro-Gründerin und CEO Romy Grasgruber-Kerl | (c) mitgestalten Partizipationsbüro

Ein gewisser Betrag aus dem öffentlichen Haushalt wird als Budget für die Bürger:innen freigegeben. Über eine Online-Plattform können sie Ideen einbringen, was damit passieren soll und – nach einer Machbarkeitsprüfung durch Expert:innen – darüber abstimmen, welche Ideen realisiert werden. So ein „partizipatives Budget“ gibt es derzeit etwa in Finnlands Hauptstadt Helsinki, wo 8,8 Millionen Euro dafür bereitgestellt wurden. Auch in Metropolen wie Madrid, Paris und New York sowie in zahlreichen kleineren Städten und Dörfern auf der ganzen Welt wurde das Konzept bereits erprobt. Genutzt wird dafür das ursprünglich in und für Barcelona entwickelte Open Source-Tool Decidim, das noch eine ganze Reihe weiterer Funktionen bietet. Das kürzlich gegründete Social Startup mitgestalten Partizipationsbüro will dieses nun auch in Österreich etablieren.

„Wir wollen mehr Demokratie in die österreichische Politik bringen“

„Wir wollen mehr Demokratie in die österreichische Politik bringen. Wir sind hier im Vergleich zu einigen anderen Ländern weit hinten und haben viel Aufholbedarf“, erklärt Romy Grasgruber-Kerl, Gründerin und CEO von mitgestalten Partizipationsbüro. „Mich hat schon immer die Vision einer besseren Politik angetrieben. Und meine Hoffnung ist, dass die Politikgestaltung in der Qualität besser wird, wenn mehr Leute Perspektiven und Ideen einbringen“, so die Unternehmerin, die zuvor bei der NGO-Interessensvertretung IGO tätig war. Schon 2009 als Studentin wurde sie das erste Mal öffentlichkeitswirksam politisch aktiv – damals organisierte sie gemeinsam mit einer Studienkollegin eine Lichterkette um das Parlament.

mitgestalten-Gründer: Decidim als „Lego für die digitale Demokratie“

Schon in ihrer vorigen Tätigkeit bei IGO, wo sie für den Bereich Partizipation verantwortlich war, begann Grasgruber-Kerl damit, Decidim nach Österreich zu bringen. „Mein damaliges Projekt musste wegen Corona pausiert werden. Gleichzeitig war der Bedarf für ein digitales Tool für Partizipation größer denn je. Ich habe die Zeit genutzt, um die beste Software für diesen Zweck zu suchen“, erzählt die Gründerin. Decidim habe sie erstens mit seinem Funktionsumfang überzeugt: „Es ist wie Lego für die digitale Demokratie. Für jeden Prozess kann man auf Bausteine zugreifen“. Umsetzen lassen sich damit neben dem oben erwähnten „partizipativen Budget“ etwa auch Bürger:innen-Abstimmungen oder Umfragen. Zweitens sei es die komplette Transparenz des Open Source Tools durch die Missbrauch verhindert werde. „Es ist so integer, dass es mich völlig für sich eingenommen hat“, so Grasgruber-Kerl.

Vom Watchdog zum proaktiven Tun

Nach kurzer Zeit habe sich für sie herausgestellt, dass sie mehr mit dem Tool aufbauen will, als im Rahmen der NGO-Interessensvertretung möglich ist. „Es war schnell klar: Es macht mehr Sinn, wenn ich mich mit einem sozialen Unternehmen selbstständig mache“, sagt Grasgruber-Kerl- „Ich komme damit auch ein wenig weg von der Watchdog-Position, wo es primär darum geht zu sagen, was nicht passt, hin zum proaktiv etwas Tun“. Schließlich setzte ihr neues Startup das erste große Decidim-Pilotprojekt – mit dem Sozialministerium zum Thema Freiwilligenarbeit – in Kooperation mit IGO um. „Wir haben dazu zwei Funktionen herausgegriffen: Crowdsourcing zur Ideenfindung und die Bewertung dieser Ideen durch Stimmen-Vergabe“, erzählt die Gründerin.

mitgestalten Partizipationsbüro: Zielgruppe vom Dorf bis zur Hauptstadt

Mit mitgestalten Partizipationsbüro bietet sie nicht nur die Umsetzung von Decidim-Projekten mit individuellem Customizing und Branding an, sondern beteiligt sich mit ihrem Team auch an der Weiterentwicklung der Open Source-Plattform, um bestehende Funktionen zu verbessern und weitere zu schaffen. Zielgruppe sind alle Verwaltungsebenen von kleinen Gemeinden über Großstädte bis zu Ländern und Bund ebenso wie NGOs und andere Organisationen, die Partizipationsprozesse umsetzen wollen.

„Gerade in Österreich braucht es viel Advocacy-Arbeit“

Nun liege erst einmal viel Sales-Arbeit vor dem Startup, sagt Grasgruber-Kerl. Doch sie stellt klar: „Ich habe mir selbst versprochen, dass ich das Ding nicht einfach nur verkaufe, egal wer es haben will, sondern dass wir einen hohen Standard wahren. Wir machen keine Scheinpartizipation – das wäre fatal für uns und unsere Auftraggeber:innen“. Sie wolle all jene Leute erreichen, die tatsächlich das Thema wichtig finden und an guten Prozessen interessiert sind. Und dieses Interesse will die Gründerin auch selber wecken: „Es reicht nicht, ein gutes Produkt anzupreisen, sondern gerade in Österreich braucht es viel Advocacy-Arbeit. Wir müssen Ängste abmildern und verständlich machen, dass gute Politik immer schon gut Zuhören bedeutet hat“. Oft herrsche nämlich hierzulande immer noch das im 18. Jahrhundert von Kaiser Joseph II ausgegebene Motto: „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“.

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Ed Prinz | Foto: Ed Prinz / Hintergrund Canva

Wer in den vergangenen Jahren auf Wiener Blockchain-Events unterwegs war, ist an Ed Prinz kaum vorbeigekommen. Seit fast acht Jahren gestaltet er die Blockchain- und Web3-Landschaft als Berater, Projektleiter und Organisator. Neben der Umsetzung zahlreicher Education-Events, Workshops und Meetups verantwortete er unter anderem die Vienna Blockchain Week und unterstützte Unternehmen bei der Entwicklung von Blockchain-Projekten. „Nur wenn man darüber spricht, nimmt man den Menschen die Ängste“, sagt Prinz über seine Motivation, Wissen zu vermitteln und die Community zusammenzubringen. Mit seinem Unternehmen neob hat der Wiener Gründer nun allerdings ein Thema in den Mittelpunkt gerückt, das mit Token und Settlement Layern nur noch die technologische DNA teilt: Agentic AI.

Der Umweg über das Weinviertel

Der Einstieg in das Thema erfolgte über den Kryptomarkt. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte Prinz zunächst moonlytics.ai, ein KI-basiertes Portfolio-Management-System für Crypto Asset Manager. Daraus entstand später moonboard.ai, eine Analyseplattform für Krypto-Investoren, die mithilfe mehrerer KI-Agenten Social Media, Markt- und Liquiditätsdaten sowie Nachrichten auswertet und daraus verschiedene Scoring-Modelle für die Identifikation aussichtsreicher Krypto-Assets berechnet.

Die eigentliche Wendung brachte dann eine Anfrage aus dem Freundeskreis: Ein befreundeter Winzer aus dem Weinviertel wollte einen Webshop. Das neob-Team baute den Shop und setzte obendrauf, was es ohnehin schon konnte: einen KI-Agenten. So entstand der „AI Sommelier“ von stich.wine, ein Assistent, der Kund:innen im Webshop berät, Weine empfiehlt und bis zum Kaufabschluss begleitet. Mit dem Projekt wollte man auch international sichtbar werden, etwa auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf und beim Meininger Award.

Der Zeitpunkt war günstig, wie Prinz einräumt: Die Weinbranche steckt angesichts sinkenden Konsums in den USA und Europa in einer Krise. Eine innovative Lösung, die neue Kaufanreize schafft, sei entsprechend gut angekommen.

In wenigen Minuten zum eigenen KI-Agenten

Aus dem Proof of Concept ist eine Plattform geworden: bitpull.ai. Unternehmen erstellen dort laut Prinz in wenigen Minuten einen eigenen KI-Agenten und passen ihn auf ihren Use Case an, ganz ohne Programmierkenntnisse. Danach ist der Agent überall dort im Einsatz, wo Kunden anklopfen: auf der Website, am Telefon mit eigener Rufnummer, auf WhatsApp und Telegram bis hin zur E-Mail. Er beantwortet wiederkehrende Anfragen, bucht Termine oder leitet an die richtige Stelle weiter: rund um die Uhr, in über 90 Sprachen und, wie Prinz betont, „immer freundlich und geduldig“.

Die Zielgruppe sind vor allem KMU: der Friseursalon, die Kfz-Werkstatt, die Tierarztpraxis, das Hotel. Beim Vertrieb setzt Prinz auf den denkbar direktesten Weg: Er spricht Unternehmer:innen an, denen er ohnehin begegnet, und zeigt ihnen eine Live-Demo. „Die meisten verstehen sofort, worum es geht, und haben selbst gleich wieder hundert neue Ideen“, erzählt der Gründer. Ergänzt wird der persönliche Verkauf durch Vertriebspartner, die mit Provisionen zwischen 15 und 30 Prozent beteiligt sind, sowie Affiliate-Programme. In einem nächsten Schritt sollen Kaltakquise und Meta Ads dazukommen.

Am Markt ist neob damit freilich nicht allein: Voice- und Agenten-Lösungen für KMU sind derzeit eines der am dichtesten besetzten Felder im AI-Bereich. Prinz reklamiert für bitpull.ai dennoch ein Alleinstellungsmerkmal: Man sei aktuell einer der wenigen Anbieter, der Agenten-Erstellung samt Knowledge Base über mehrere Kanäle in wenigen Minuten ermögliche, bei einer Marge von 90 Prozent, so seine Darstellung.

Bootstrapped, mit Mentor an der Seite

Finanziert ist das alles bislang aus eigener Tasche. „Ich war schon lange in der Berufswelt tätig und hab mir ein kleines Pölsterchen zur Seite gelegt“, sagt Prinz. Externe Investoren gibt es keine, und aktuell auch keinen akuten Bedarf: Das nächste Etappenziel für 2026 sind 100 zahlende Kunden, danach soll die Marke von 1.000 Kunden fallen.

Begleitet wird Prinz dabei von einem prominenten Mentor: Peter Augustin, einer der Internet-Pioniere des Landes. Augustin gründete 1996 gemeinsam mit Michael Gredenberg den Internetprovider Inode, der aus kleinsten Anfängen zum größten privaten Provider Österreichs heranwuchs und Ende 2005 für einen kolportierten dreistelligen Millionenbetrag an UPC verkauft wurde. Zuletzt war Augustin vor allem als Web3-Investor aktiv, unter anderem gemeinsam mit dem von David Teufel aufgesetzten Fonds Tigris Web3.

Die ersten vier Jahre führten Gredenberg und Augustin Inode komplett zu zweit, ohne Mitarbeiter. „Da kriegst du einfach die besten Learnings“, erinnert sich Augustin: „Du hast deine Technik, du hast dein Produkt und du verkaufst.“ Das Projekt von Prinz erinnere ihn stark an die eigene Anfangszeit im Internet-Boom: „Du hast kein Branchenlimit. Du kannst es einem Anwalt verkaufen, einem Arzt, einer Autowerkstatt, einem Architekten.“ Der Bedarf sei damals wie heute praktisch zu hundert Prozent vorhanden gewesen, man habe nur den Markt einfangen müssen: „Genau in der Phase sind wir jetzt.“

Investiert ist Augustin bei neob übrigens nicht, wie beide betonen. Die Beziehung sei freundschaftlich, Augustin coacht. Perspektivisch sieht er sich aber durchaus auf der Investorenseite, „wenn es eines Tages dazu kommen sollte“. Momentan sei das schlicht nicht notwendig: „Das Produkt verkauft sich von selber.“

Die wichtigste Lektion aus dem Mentoring? Für Prinz ist es der Fokus auf den Vertrieb: Wer Product-Market-Fit finden wolle, müsse in erster Linie lernen, das eigene Produkt selbst zu verkaufen, und über das direkte Kundenfeedback prüfen, ob es überhaupt ein konkretes Problem löst.

AI Act als Pflichtprogramm, Krypto als Geduldsspiel

Beim Thema Regulierung gibt sich Prinz gelassen: Dieses sei von Anfang an mitgedacht worden. Die Transparenzpflichten des EU AI Acts (Art. 50) setze die Plattform standardmäßig um: Anrufer wie Website-Besucher werden zu Beginn jeder Interaktion darauf hingewiesen, dass sie mit einem KI-System sprechen, im Gespräch selbst ebenso wie in schriftlicher Form. Auch beim Datenschutz orientiert sich bitpull.ai an europäischen Standards: Die Verarbeitung erfolgt DSGVO-konform auf Servern in der EU, Auftragsverarbeitungsverträge stellt das Unternehmen seinen Kunden standardmäßig bereit. Eine Übergabe an einen menschlichen Mitarbeiter bleibt (je nach Konfiguration) jederzeit möglich.

Und die alte Heimat Krypto? Dort sieht Prinz ein gespaltenes Bild: Auf institutioneller Seite gebe es dank Regulierung immer mehr Adoption, auf der Retail-Seite komme davon derzeit wenig an. Es fehle schlicht an sinnvollen Produkten mit guter Usability, und „es hat ziemlich oft verbrannte Erde gegeben, weil viele sehr viel Geld verloren haben“.

Vorerst gehört die Aufmerksamkeit des Gründers also den Agenten. Aktuell ist neob bewusst breit aufgestellt, um herauszufinden, welche Branche und welche Nische am besten funktioniert. Danach, so der Plan, geht es spitz hinein.

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