22.05.2026
GEHALT

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

Finanzierungsrunden in Millionenhöhe, zweistellige Wachstumsraten, Mitarbeiter:innen, die pünktlich ihr Gehalt bekommen – und mittendrin Gründer:innen, die sich selbst jahrelang kaum etwas auszahlen. Warum der finanzielle Selbstverzicht zur ungeschriebenen Regel des Unternehmertums geworden ist – und was er wirklich kostet.
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Nadina Ruedl und Michael Kowatschew lachen in die Kamera
Nadina Ruedl (Die Pflanzerei) und Michael Kowatschew (Heizma) teilen ihre Erfahrungen mit Gehältern. (c) Nadina Ruedl/brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In der Startup-Szene spricht man offen über Finanzierungsrunden, monatliche Wachstumsraten und die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die man in den letzten sechs Monaten eingestellt hat. Was dabei
unerwähnt bleibt, ist, was all das finanziell für die Gründer:innen als Privatpersonen bedeutet – wie viel landet eigentlich auf deren Konto? Wovon leben Gründer:innen eigentlich, während sie ein Unternehmen aufbauen, das nach außen hin floriert?

„Wir leben in einem Co-Working-Space und es ist hier wie so eine Riesen-WG. Trotzdem reden wir über dieses Thema nicht“, sagt Nadina Ruedl. Die Gründerin von Die Pflanzerei beobachtet seit Jahren, wie sich das Schweigen über persönliche Finanzen selbst durch engste Arbeitsbeziehungen zieht. „Sogar in einem vertrauten Verhältnis, wo man sich Tag für Tag sieht, jeden Tag miteinander isst, jeden Tag über Probleme spricht, redet man nicht über das, was das alles monetär heißt“, erzählt sie. Es sei etwas, das zwar natürlich für jeden existiere, aber nie ausgesprochen werde.

Mit dem Thema Gründergehalt verbindet sich in der Szene eine unausgesprochene Wertung, die Ruedl klar benennt: „Damit verbunden wird: Bist du erfolgreich oder bist du nicht erfolgreich?“ Da niemand über sein Gehalt redet, wusste Ruedl anfangs gar nicht, welche Summe überhaupt angemessen wäre. Wer zugibt, sich nichts oder kaum etwas auszuzahlen, riskiert außerdem, als gescheitert zu gelten.

Die Pflanzerei first

Der „Gustl“ ist inzwischen überall in Wien; in Billa-Filialen, in Feinkostläden, in der Gastronomie: Der pflanzliche Leberkäse von Die Pflanzerei hat seinen Weg ins Kühlregal gefunden. Nadina Ruedl hat dafür in den ersten Jahren auf einiges verzichtet: auf Urlaub, Wochenenden und ein regelmäßiges Gehalt. „Ich habe seit fünf Jahren keinen Sonntag mehr, wo ich nicht am Abend noch arbeite“, sagt Ruedl.

Ihr Wiener Unternehmen steht seit seiner Gründung 2021 für pflanzliche Alternativen bei österreichischer Hausmannskost. All das baute Ruedl ohne externes Kapital auf – lediglich mit ihren eigenen Ersparnissen, viel Zeit und Energie. Im ersten Jahr verzichtete sie auf ein Gehalt. Ruedl startete mit insgesamt 47.000 Euro, die sie sich durch vorherige Jobs angespart hatte. Der Cashflow von Die Pflanzerei floss direkt zurück ins Unternehmen – in Kühlschränke, Tiefkühlgeräte, Equipment; die Infrastruktur eines Betriebs, der wachsen wollte. „Ich habe ein Jahr lang alles reinvestiert, was ich an Umsatz gehabt habe. Es ist nichts in meine Tasche gewandert“, erzählt die Gründerin.

Gleichzeitig lebte sie von 1.000 bis 1.500 Euro im Monat. Im ersten Geschäftsjahr reduzierte Ruedl ihre Ausgaben auf das Minimum und verzichtete freiwillig auf Urlaub. „Ich habe gar nicht die Zeit gehabt. Sogar Freunde haben mich drei Monate nicht gesehen, weil ich einfach nur gearbeitet habe. Mein ganzes Leben hat sich darum gedreht“, sagt sie.

Als sie ihren Job kündigte und sich mit einem veganen Food-Startup selbstständig machte, war das für ihre Eltern, die in einer ländlichen Region Österreichs leben, ein Schock. „Meine Mama hat vor Angst geweint; das waren keine Freudentränen“, schildert Ruedl. Die Familie hatte monatliche Gehälter als Normalzustand erlebt, vierzehn im Jahr, Urlaub inklusive. Eine Tochter, die sich nichts auszahlt und sieben Tage die Woche arbeitet, war anfangs sehr ungewohnt für die Eltern.

Bei der Frage, ob die Anfangsphase des Unternehmens eine mentale Belastung war, winkt Ruedl ab: „Da stellt sich die Frage nicht, ob du mental irgendwas brauchst, sondern da funktionierst du.“ Was von außen nach Erschöpfung klingt, erlebte sie als etwas anderes: „Du bist als Gründerin oder Gründer so dermaßen verliebt in diese Idee – du gibst dafür ohne nachzudenken 200 Prozent.“

Nadina Ruedl ist die Gründerin und CEO von Die Pflanzerei. (c) Nadina Ruedl

Entscheidung mit Konsequenz

Investor:innen an Bord zu holen war für die Pflanzerei-Gründerin nie eine ernst zu nehmende Option. Als ein potenzieller Geldgeber vorschlug, die Produktlinie um Fleischprodukte zu erweitern, war für sie klar, dass das nicht infrage kam: „Ich stehe 100 Prozent zu meiner Vision. Ich verkaufe
mich nicht.“ Die Freiheit, jede Entscheidung selbst zu treffen, sei ihr mehr wert gewesen als die finanzielle Erleichterung, die externes Kapital gebracht hätte. Als der Ukrainekrieg die Rohstoffpreise in die Höhe trieb und die Inflation zehn Prozent erreichte, gab es Monate, in denen sie Vorfinanzierungen aus eigener Tasche stemmen musste. „Du darfst nicht glauben, dass es linear läuft. Es geht immer auf und ab. Und durch deine Reaktion geht es immer weiter“, sagt die Gründerin.

Einen expliziten Plan B hatte Ruedl nicht. Sie wusste jedoch, dass im Notfall die Rückkehr ins Angestelltenverhältnis eine Möglichkeit gewesen wäre. Zuvor hatte sie im Bereich Marketing, unter anderem als Dozentin an Universitäten und als Kommunikationsleitung in Non-Profit-
Organisationen, gut verdient. „Ich habe damals die Entscheidung getroffen, dass ich mich mit der Pflanzerei selbstständig machen will – mit der Konsequenz, dass ich mich einschränken muss. Das war einfach Part of the Deal“, sagt die Gründerin.

Ihr Verhältnis zu Geld habe sich seit der Gründung grundlegend verschoben. „Die Frage ist nicht, was mein Maximum ist, sondern was mein Minimum ist – und das, was das deckt, ist wichtig.“ Heute zahlt sie sich einen Geschäftsführerinnenbezug aus, dessen Höhe regelmäßig mit ihrer Steuerberaterin angepasst wird, immer abhängig vom Cashflow, immer nachrangig zu den Gehältern ihrer Mitarbeiter:innen. „Bevor du dir selbst was auszahlst, kriegt es jeder andere. Meine Mitarbeiter:innen kriegen zuerst.“ Und was ist, wenn es finanziell mal eng wird? „Dann wird halt gestrichen. Und dann wird kein Gehalt der Mitarbeiter:innen später bezahlt oder gestrichen, sondern meines.“

Zehn Millionen Umsatz, privat fast pleite

Michael Kowatschew, Co-Founder von Heizma, sammelte ähnliche Erfahrungen wie Nadina Ruedl. Sein Wiener Startup, das Energielösungen für Einfamilienhäuser anbietet, erlebte einen Wachstumsverlauf, der von außen betrachtet beeindruckend wirkt: Im ersten Jahr wuchs das Unternehmen von null auf 3,5 Millionen Euro Umsatz, im zweiten Jahr knackte Heizma die Zehn-Millionen-Marke. Und trotzdem zahlten Kowatschew und seine zwei Co-Founder sich in dieser ganzen Zeit nichts aus.

„Wir haben 100 Prozent von dem, was wir finanziell erwirtschaften konnten, wieder in die Firma investiert“, beschreibt er die Anfangszeit von Heizma. Er und seine Co-Founder Alexander Valtingojer und Valentin Perkonigg investierten Eigenkapital als Darlehen in die Firma und drückten ihre Lebenshaltungskosten bewusst auf etwa 1.500 Euro im Monat, während jede verfügbare Ressource ins Unternehmen floss.

Was dabei niemand von außen sah: Trotz eines zweistelligen Millionenumsatzes im zweiten Jahr waren die Gründer privat fast am Limit. „Obwohl durch die Firma Millionen liefen, hatten wir persönlich kaum noch Geld und standen fast vor dem Aus“, verrät Kowatschew. Existenzängste? „Ja, Existenzängste waren sicherlich da. Ich glaube, das gehört fast immer dazu.“ Schlaflose Nächte und Angstzustände sind laut dem Mehrfachgründer quasi automatisch Teil der Erfahrung.

Sein Bewältigungsmechanismus ist typisch für ihn: „Ich kann mich davon immer ein bisschen distanzieren, es von draußen betrachten, und dann finde ich gemeinsam mit den Co-Foundern irgendwie einen Witz daran. Ich weiß einfach, dass es immer einen Weg aus einer schwierigen Situation heraus gibt.“ Als Jugendlicher betrieb Kowatschew Karate, innerhalb von fünf Jahren gewann er den österreichischen Meistertitel. Dasselbe Mindset, sagt er, habe er auf das Gründen übertragen: „Im Unternehmertum wirst du noch mal härter und noch mal länger dranbleiben müssen. Aber ich mache das so lange, bis es klappt.“

Was Heizma von vielen Startups unterscheide, sei das Vorhandensein eines Investorennetzwerks, das Kowatschew als „mentales Safety Net“ bezeichnet. Es wurde in den ersten zwei Jahren nicht genutzt, bot aber durch seine bloße Existenz eine andere Art von Sicherheit. Als externes Kapital nötig wurde, sammelte Heizma 2,5 Millionen Euro in unter zwei Wochen ein. Kowatschew spricht von rund 45 Investorengesprächen in einer einzigen Woche.

Die Serienunternehmer Alexander Valtingojer, Michael Kowatschew und Valentin Perkonigg haben Heizma gegründet. Sie stehen in einem schwarzen Heizma Shirt vor der Kamera.
Die Serienunternehmer Alexander Valtingojer, Michael Kowatschew und Valentin Perkonigg haben Heizma gegründet. (c) Alissar Najjar

Der perfekte Moment und die perfekte Summe

Den Zeitpunkt, an dem sich Gründer:innen selbst das erste Gehalt auszahlen, stellt man sich als außenstehende Person als großen Meilenstein vor. Nadina Ruedl fasste nach etwa anderthalb Jahren die Entscheidung, sich 1.000 Euro im Monat auszuzahlen. Für die Gründerin von Die Pflanzerei war das eine Art von Wertschätzung gegenüber der eigenen Arbeit und Zeit: „Ich arbeite seit vier Jahren sieben Tage die Woche. Irgendwo muss ich meine eigene Arbeit auch selbst wertschätzen“, sagt sie. Es war weniger eine finanzielle als eine symbolische Entscheidung.

Bei Michael Kowatschew verlief es unkompliziert und ziemlich unemotional. Kurz vor dem regulären Auszahlungstermin schrieb er seinen Co-Foundern eine kurze Nachricht. „Ich habe gesagt: Leute, ich würde das jetzt machen – 70.000 Euro Jahresgehalt pro Kopf‘“, erzählt Kowatschew.

Was folgte, war nicht die Erleichterung über das Geld selbst, sondern über das, wofür es stand. „Ob ich jetzt ein Gehalt habe oder nicht – der Stein ist vom Herzen gefallen, weil wir gerade sehr gute Zahlen, sehr gutes Wachstum haben und jetzt Profitabilität erreichen“, sagt der Gründer. „Das Geld war ein ‚Nice, dass das jetzt geht‘ – als Seiteneffekt davon, dass es der Company gut geht. Company Finance ist meine Finance – das sehe ich als eins.“

Ein Privileg, das niemand ausspricht

Wer Ersparnisse hat, kann sie einsetzen – wer ein Investorennetzwerk im Rücken hat, das im Ernstfall innerhalb von zwei Wochen Millionen mobilisiert, trägt ein anderes Risiko als jemand ohne diese Ausgangslage. „Für eine Startup-Gründung musst du ein gewisses Risiko tragen wollen – aber auch können“, sagt Kowatschew. Er hatte bereits zuvor Unternehmen gegründet, kannte gängige Fehler und wusste, wie man im Ernstfall einen kühlen Kopf bewahrt. Wer zum ersten Mal gründe, navigiere oft im Dunkeln.

Auch Ruedl spricht offen darüber: „Man muss immer vorsichtig sein. Ich habe das Glück, dass ich Eltern habe, die mich zwar finanziell nicht unterstützen könnten, aber die trotzdem da wären und sagen würden: ‚Im Worst Case wohnst du bei uns!‘“ Es sei nicht das, womit sie geplant habe, aber es existiere als Möglichkeit. „Das darf man auch nicht unterschätzen: Ich habe eine gute Ausbildung, Berufserfahrung und ein Netzwerk, das mich auffangen kann.“ Wer das nicht habe, trage beim Gründen ein fundamental anderes Risiko.

Wann also ist der richtige Zeitpunkt, sich als Gründer:in ein Gehalt auszuzahlen? Das hängt immer von der Person, dem gewünschten Lebensstil und vom Unternehmen ab, sagen beide Gründer:innen. „Wenn du wirklich an die Firma glaubst und die Möglichkeit hast, dann würde ich so lange wie möglich kein Geld rausnehmen“, meint Kowatschew. „Du wirst im ersten Jahr finanziell sowieso immer besser aussteigen, wenn du woanders arbeitest als in deiner eigenen Firma.“ Diese Empfehlung gelte aber nur, wenn man es sich leisten könne, betont der Mehrfachgründer gleichzeitig. Für Personen, die keinen Geldpuffer haben, keine Familie, kein Netzwerk, gelten andere Voraussetzungen.

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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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