22.05.2026
GEHALT

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

Finanzierungsrunden in Millionenhöhe, zweistellige Wachstumsraten, Mitarbeiter:innen, die pünktlich ihr Gehalt bekommen – und mittendrin Gründer:innen, die sich selbst jahrelang kaum etwas auszahlen. Warum der finanzielle Selbstverzicht zur ungeschriebenen Regel des Unternehmertums geworden ist – und was er wirklich kostet.
/artikel/millionenumsatz-null-gehalt-was-gruenderinnen-wirklich-verdienen
Nadina Ruedl und Michael Kowatschew lachen in die Kamera
Nadina Ruedl (Die Pflanzerei) und Michael Kowatschew (Heizma) teilen ihre Erfahrungen mit Gehältern. (c) Nadina Ruedl/brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In der Startup-Szene spricht man offen über Finanzierungsrunden, monatliche Wachstumsraten und die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die man in den letzten sechs Monaten eingestellt hat. Was dabei
unerwähnt bleibt, ist, was all das finanziell für die Gründer:innen als Privatpersonen bedeutet – wie viel landet eigentlich auf deren Konto? Wovon leben Gründer:innen eigentlich, während sie ein Unternehmen aufbauen, das nach außen hin floriert?

„Wir leben in einem Co-Working-Space und es ist hier wie so eine Riesen-WG. Trotzdem reden wir über dieses Thema nicht“, sagt Nadina Ruedl. Die Gründerin von Die Pflanzerei beobachtet seit Jahren, wie sich das Schweigen über persönliche Finanzen selbst durch engste Arbeitsbeziehungen zieht. „Sogar in einem vertrauten Verhältnis, wo man sich Tag für Tag sieht, jeden Tag miteinander isst, jeden Tag über Probleme spricht, redet man nicht über das, was das alles monetär heißt“, erzählt sie. Es sei etwas, das zwar natürlich für jeden existiere, aber nie ausgesprochen werde.

Mit dem Thema Gründergehalt verbindet sich in der Szene eine unausgesprochene Wertung, die Ruedl klar benennt: „Damit verbunden wird: Bist du erfolgreich oder bist du nicht erfolgreich?“ Da niemand über sein Gehalt redet, wusste Ruedl anfangs gar nicht, welche Summe überhaupt angemessen wäre. Wer zugibt, sich nichts oder kaum etwas auszuzahlen, riskiert außerdem, als gescheitert zu gelten.

Die Pflanzerei first

Der „Gustl“ ist inzwischen überall in Wien; in Billa-Filialen, in Feinkostläden, in der Gastronomie: Der pflanzliche Leberkäse von Die Pflanzerei hat seinen Weg ins Kühlregal gefunden. Nadina Ruedl hat dafür in den ersten Jahren auf einiges verzichtet: auf Urlaub, Wochenenden und ein regelmäßiges Gehalt. „Ich habe seit fünf Jahren keinen Sonntag mehr, wo ich nicht am Abend noch arbeite“, sagt Ruedl.

Ihr Wiener Unternehmen steht seit seiner Gründung 2021 für pflanzliche Alternativen bei österreichischer Hausmannskost. All das baute Ruedl ohne externes Kapital auf – lediglich mit ihren eigenen Ersparnissen, viel Zeit und Energie. Im ersten Jahr verzichtete sie auf ein Gehalt. Ruedl startete mit insgesamt 47.000 Euro, die sie sich durch vorherige Jobs angespart hatte. Der Cashflow von Die Pflanzerei floss direkt zurück ins Unternehmen – in Kühlschränke, Tiefkühlgeräte, Equipment; die Infrastruktur eines Betriebs, der wachsen wollte. „Ich habe ein Jahr lang alles reinvestiert, was ich an Umsatz gehabt habe. Es ist nichts in meine Tasche gewandert“, erzählt die Gründerin.

Gleichzeitig lebte sie von 1.000 bis 1.500 Euro im Monat. Im ersten Geschäftsjahr reduzierte Ruedl ihre Ausgaben auf das Minimum und verzichtete freiwillig auf Urlaub. „Ich habe gar nicht die Zeit gehabt. Sogar Freunde haben mich drei Monate nicht gesehen, weil ich einfach nur gearbeitet habe. Mein ganzes Leben hat sich darum gedreht“, sagt sie.

Als sie ihren Job kündigte und sich mit einem veganen Food-Startup selbstständig machte, war das für ihre Eltern, die in einer ländlichen Region Österreichs leben, ein Schock. „Meine Mama hat vor Angst geweint; das waren keine Freudentränen“, schildert Ruedl. Die Familie hatte monatliche Gehälter als Normalzustand erlebt, vierzehn im Jahr, Urlaub inklusive. Eine Tochter, die sich nichts auszahlt und sieben Tage die Woche arbeitet, war anfangs sehr ungewohnt für die Eltern.

Bei der Frage, ob die Anfangsphase des Unternehmens eine mentale Belastung war, winkt Ruedl ab: „Da stellt sich die Frage nicht, ob du mental irgendwas brauchst, sondern da funktionierst du.“ Was von außen nach Erschöpfung klingt, erlebte sie als etwas anderes: „Du bist als Gründerin oder Gründer so dermaßen verliebt in diese Idee – du gibst dafür ohne nachzudenken 200 Prozent.“

Nadina Ruedl ist die Gründerin und CEO von Die Pflanzerei. (c) Nadina Ruedl

Entscheidung mit Konsequenz

Investor:innen an Bord zu holen war für die Pflanzerei-Gründerin nie eine ernst zu nehmende Option. Als ein potenzieller Geldgeber vorschlug, die Produktlinie um Fleischprodukte zu erweitern, war für sie klar, dass das nicht infrage kam: „Ich stehe 100 Prozent zu meiner Vision. Ich verkaufe
mich nicht.“ Die Freiheit, jede Entscheidung selbst zu treffen, sei ihr mehr wert gewesen als die finanzielle Erleichterung, die externes Kapital gebracht hätte. Als der Ukrainekrieg die Rohstoffpreise in die Höhe trieb und die Inflation zehn Prozent erreichte, gab es Monate, in denen sie Vorfinanzierungen aus eigener Tasche stemmen musste. „Du darfst nicht glauben, dass es linear läuft. Es geht immer auf und ab. Und durch deine Reaktion geht es immer weiter“, sagt die Gründerin.

Einen expliziten Plan B hatte Ruedl nicht. Sie wusste jedoch, dass im Notfall die Rückkehr ins Angestelltenverhältnis eine Möglichkeit gewesen wäre. Zuvor hatte sie im Bereich Marketing, unter anderem als Dozentin an Universitäten und als Kommunikationsleitung in Non-Profit-
Organisationen, gut verdient. „Ich habe damals die Entscheidung getroffen, dass ich mich mit der Pflanzerei selbstständig machen will – mit der Konsequenz, dass ich mich einschränken muss. Das war einfach Part of the Deal“, sagt die Gründerin.

Ihr Verhältnis zu Geld habe sich seit der Gründung grundlegend verschoben. „Die Frage ist nicht, was mein Maximum ist, sondern was mein Minimum ist – und das, was das deckt, ist wichtig.“ Heute zahlt sie sich einen Geschäftsführerinnenbezug aus, dessen Höhe regelmäßig mit ihrer Steuerberaterin angepasst wird, immer abhängig vom Cashflow, immer nachrangig zu den Gehältern ihrer Mitarbeiter:innen. „Bevor du dir selbst was auszahlst, kriegt es jeder andere. Meine Mitarbeiter:innen kriegen zuerst.“ Und was ist, wenn es finanziell mal eng wird? „Dann wird halt gestrichen. Und dann wird kein Gehalt der Mitarbeiter:innen später bezahlt oder gestrichen, sondern meines.“

Zehn Millionen Umsatz, privat fast pleite

Michael Kowatschew, Co-Founder von Heizma, sammelte ähnliche Erfahrungen wie Nadina Ruedl. Sein Wiener Startup, das Energielösungen für Einfamilienhäuser anbietet, erlebte einen Wachstumsverlauf, der von außen betrachtet beeindruckend wirkt: Im ersten Jahr wuchs das Unternehmen von null auf 3,5 Millionen Euro Umsatz, im zweiten Jahr knackte Heizma die Zehn-Millionen-Marke. Und trotzdem zahlten Kowatschew und seine zwei Co-Founder sich in dieser ganzen Zeit nichts aus.

„Wir haben 100 Prozent von dem, was wir finanziell erwirtschaften konnten, wieder in die Firma investiert“, beschreibt er die Anfangszeit von Heizma. Er und seine Co-Founder Alexander Valtingojer und Valentin Perkonigg investierten Eigenkapital als Darlehen in die Firma und drückten ihre Lebenshaltungskosten bewusst auf etwa 1.500 Euro im Monat, während jede verfügbare Ressource ins Unternehmen floss.

Was dabei niemand von außen sah: Trotz eines zweistelligen Millionenumsatzes im zweiten Jahr waren die Gründer privat fast am Limit. „Obwohl durch die Firma Millionen liefen, hatten wir persönlich kaum noch Geld und standen fast vor dem Aus“, verrät Kowatschew. Existenzängste? „Ja, Existenzängste waren sicherlich da. Ich glaube, das gehört fast immer dazu.“ Schlaflose Nächte und Angstzustände sind laut dem Mehrfachgründer quasi automatisch Teil der Erfahrung.

Sein Bewältigungsmechanismus ist typisch für ihn: „Ich kann mich davon immer ein bisschen distanzieren, es von draußen betrachten, und dann finde ich gemeinsam mit den Co-Foundern irgendwie einen Witz daran. Ich weiß einfach, dass es immer einen Weg aus einer schwierigen Situation heraus gibt.“ Als Jugendlicher betrieb Kowatschew Karate, innerhalb von fünf Jahren gewann er den österreichischen Meistertitel. Dasselbe Mindset, sagt er, habe er auf das Gründen übertragen: „Im Unternehmertum wirst du noch mal härter und noch mal länger dranbleiben müssen. Aber ich mache das so lange, bis es klappt.“

Was Heizma von vielen Startups unterscheide, sei das Vorhandensein eines Investorennetzwerks, das Kowatschew als „mentales Safety Net“ bezeichnet. Es wurde in den ersten zwei Jahren nicht genutzt, bot aber durch seine bloße Existenz eine andere Art von Sicherheit. Als externes Kapital nötig wurde, sammelte Heizma 2,5 Millionen Euro in unter zwei Wochen ein. Kowatschew spricht von rund 45 Investorengesprächen in einer einzigen Woche.

Die Serienunternehmer Alexander Valtingojer, Michael Kowatschew und Valentin Perkonigg haben Heizma gegründet. Sie stehen in einem schwarzen Heizma Shirt vor der Kamera.
Die Serienunternehmer Alexander Valtingojer, Michael Kowatschew und Valentin Perkonigg haben Heizma gegründet. (c) Alissar Najjar

Der perfekte Moment und die perfekte Summe

Den Zeitpunkt, an dem sich Gründer:innen selbst das erste Gehalt auszahlen, stellt man sich als außenstehende Person als großen Meilenstein vor. Nadina Ruedl fasste nach etwa anderthalb Jahren die Entscheidung, sich 1.000 Euro im Monat auszuzahlen. Für die Gründerin von Die Pflanzerei war das eine Art von Wertschätzung gegenüber der eigenen Arbeit und Zeit: „Ich arbeite seit vier Jahren sieben Tage die Woche. Irgendwo muss ich meine eigene Arbeit auch selbst wertschätzen“, sagt sie. Es war weniger eine finanzielle als eine symbolische Entscheidung.

Bei Michael Kowatschew verlief es unkompliziert und ziemlich unemotional. Kurz vor dem regulären Auszahlungstermin schrieb er seinen Co-Foundern eine kurze Nachricht. „Ich habe gesagt: Leute, ich würde das jetzt machen – 70.000 Euro Jahresgehalt pro Kopf‘“, erzählt Kowatschew.

Was folgte, war nicht die Erleichterung über das Geld selbst, sondern über das, wofür es stand. „Ob ich jetzt ein Gehalt habe oder nicht – der Stein ist vom Herzen gefallen, weil wir gerade sehr gute Zahlen, sehr gutes Wachstum haben und jetzt Profitabilität erreichen“, sagt der Gründer. „Das Geld war ein ‚Nice, dass das jetzt geht‘ – als Seiteneffekt davon, dass es der Company gut geht. Company Finance ist meine Finance – das sehe ich als eins.“

Ein Privileg, das niemand ausspricht

Wer Ersparnisse hat, kann sie einsetzen – wer ein Investorennetzwerk im Rücken hat, das im Ernstfall innerhalb von zwei Wochen Millionen mobilisiert, trägt ein anderes Risiko als jemand ohne diese Ausgangslage. „Für eine Startup-Gründung musst du ein gewisses Risiko tragen wollen – aber auch können“, sagt Kowatschew. Er hatte bereits zuvor Unternehmen gegründet, kannte gängige Fehler und wusste, wie man im Ernstfall einen kühlen Kopf bewahrt. Wer zum ersten Mal gründe, navigiere oft im Dunkeln.

Auch Ruedl spricht offen darüber: „Man muss immer vorsichtig sein. Ich habe das Glück, dass ich Eltern habe, die mich zwar finanziell nicht unterstützen könnten, aber die trotzdem da wären und sagen würden: ‚Im Worst Case wohnst du bei uns!‘“ Es sei nicht das, womit sie geplant habe, aber es existiere als Möglichkeit. „Das darf man auch nicht unterschätzen: Ich habe eine gute Ausbildung, Berufserfahrung und ein Netzwerk, das mich auffangen kann.“ Wer das nicht habe, trage beim Gründen ein fundamental anderes Risiko.

Wann also ist der richtige Zeitpunkt, sich als Gründer:in ein Gehalt auszuzahlen? Das hängt immer von der Person, dem gewünschten Lebensstil und vom Unternehmen ab, sagen beide Gründer:innen. „Wenn du wirklich an die Firma glaubst und die Möglichkeit hast, dann würde ich so lange wie möglich kein Geld rausnehmen“, meint Kowatschew. „Du wirst im ersten Jahr finanziell sowieso immer besser aussteigen, wenn du woanders arbeitest als in deiner eigenen Firma.“ Diese Empfehlung gelte aber nur, wenn man es sich leisten könne, betont der Mehrfachgründer gleichzeitig. Für Personen, die keinen Geldpuffer haben, keine Familie, kein Netzwerk, gelten andere Voraussetzungen.

Deine ungelesenen Artikel:
13.08.2026

Sind VCs out? – im Interview mit dem Bits & Pretzels Co-Founder

Seit 2014 zieht die Bits & Pretzels Startup- und Innovationsbegeisterte nach München. Heuer mit Steven Bartlett und Trevor Noah als Stargästen. Mitgründer Bernd Storm van's Gravesande erklärt, warum ein Ankerkunde für viele Startups eine starke Ergänzung oder Alternative zu VC-Kapital sein kann und warum ohne VCs trotzdem kein Startup-Ökosystem existieren würde.
/artikel/sind-vcs-out-im-interview-mit-dem-bits-pretzels-co-founder
13.08.2026

Sind VCs out? – im Interview mit dem Bits & Pretzels Co-Founder

Seit 2014 zieht die Bits & Pretzels Startup- und Innovationsbegeisterte nach München. Heuer mit Steven Bartlett und Trevor Noah als Stargästen. Mitgründer Bernd Storm van's Gravesande erklärt, warum ein Ankerkunde für viele Startups eine starke Ergänzung oder Alternative zu VC-Kapital sein kann und warum ohne VCs trotzdem kein Startup-Ökosystem existieren würde.
/artikel/sind-vcs-out-im-interview-mit-dem-bits-pretzels-co-founder
Bits & Pretzels Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van's Gravesande © Bits & Pretzels

Weißwurst zum Frühstück, Brezn zur Beteiligungsverhandlung: Wenn München jedes Jahr im Herbst zur Wiesn bläst, verwandelt sich ein Teil der Stadt gleichzeitig in die größte Gründerbühne Europas. Seit 2014 zählt die Bits & Pretzels zu den wichtigsten Innovationsevents des Kontinents. Größen wie Barack Obama oder Arnold Schwarzenegger haben in München bereits ihre Weisheiten mit dem Publikum geteilt. Bei der dreitägigen Konferenz geht es aber nicht nur um Inspiration, sondern vor allem um Austausch und potenzielle Kundengewinnung. Genau darin sieht Bits-&-Pretzels-Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van’s Gravesande eine relevante Alternative zur klassischen Kapitalaufnahme über VCs.


brutkasten: Die polarisierende These, mit der wir heute starten: VCs sind out, Corporates sind in. Wie kommst du dazu?

Bernd Storm van’s Gravesande: Ich möchte die zentrale und wichtige Rolle von VCs damit überhaupt nicht kleinreden – ohne Venture Capital gäbe es das ganze Startup-Ökosystem nicht, das muss uns klar sein. Aber die Überspitzung dient natürlich auch dazu, dass wir erkennen: Für viele Startups – nicht für alle – gibt es Alternativen. Nämlich, dass ein Ankerkunde manchmal passender ist als ein Ankerinvestor. Da muss man immer definieren: für wen, für welches Startup, in welcher Phase.

Aber ein Ankerkunde kann sehr wertvoll sein. Nehmen wir ein Beispiel, das gerade in aller Munde ist: Defense. Wir haben die Helsings, die Quantum Systems und so weiter. Das ist eine spezielle Branche, aber das Muster dahinter erkennen wir auch in anderen Branchen. Bei all diesen hast du nicht nur reine VCs, sondern etwa mit der Bundeswehr oder mit internationalen Staaten ganz konkrete Kunden, mit denen du nicht nur über potenzielle Umsätze sprichst, sondern über ganz konkrete.

Wenn du als Startup schon zahlende Kunden mitbringen kannst, ist das so viel mehr wert als jede Powerpoint oder Marktanalyse. Das ist der eigentliche Proof. Du hast einen Ankerkunden und das ist sehr viel wert, auch für künftige Partner- und Kundenbeziehungen oder spätere Finanzierungsrunden.

Ist das eine Entwicklung, die du erst in letzter Zeit beobachtest, oder war das eigentlich immer schon so?

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, es geht verstärkt in diese Richtung. Vor vier, fünf Jahren war Kapital sehr günstig, Venture Capital war auch leichter in höheren Bewertungsrunden aufzunehmen. Da war es nicht so zwingend notwendig, zähe Corporate Deals einzugehen. Diese Rahmenbedingungen haben sich geändert.

Gleichzeitig haben sich aus meiner Sicht auch die Corporates selbst entwickelt. Vor zehn Jahren war es fancy, Acceleratoren und Innovation Labs zu haben, Innovationsprogramme – ein bisschen Schaufensterdekoration. Daraus ist inzwischen ein existenzieller Druck geworden, vor allem im Bereich KI. Die Corporates sehen die Innovation von Startups nicht mehr als Nice-to-have, sondern stehen so stark unter Druck, dass sie darauf angewiesen sind und überlegen müssen, wie sie diese intern nutzen können. Das sind die zwei Hauptfaktoren, die sich geändert haben: die Rahmenbedingungen für die Kapitalaufnahme und die Dringlichkeit der Corporates, externe Innovation aufzunehmen oder mit Startups zusammenzuarbeiten.

Bei der Bits & Pretzels haben wir ja nicht nur Investoren und Kunden, sondern auch 500 CIOs, weil wir verstehen, dass diese künftige Kunden- oder Entwicklungsbeziehung in unserer Wirtschaft notwendig sein wird – wir reden über Europa, über Deutschland. Das ist keine temporäre Reaktion, nach dem Motto: Weil Kapital teurer ist, machen wir eben was anderes. Es geht klar in die Richtung, dass man idealerweise sehr früh im Rahmen der Produktentwicklung gemeinsam mit Ankerkunden erste Umsätze generiert und am Markt Fortschritte erzielt.

Gibt es Red Flags, bei denen du sagen würdest: Finger weg von dieser Corporate-Venturing-Beziehung?

Red Flag ist ein hartes Wort, aber vorsichtig wäre ich bei Innovationslaboren. Ich würde jedem empfehlen, direkt zum Bereichsleiter oder zur Bereichsleiterin mit Umsatz- und Kostenverantwortung zu gehen, weil man dann bei den Entscheider ist. Ich würde mich nur eng committen, wenn man einen Kontakt auf Vorstands- oder Bereichsvorstandsebene hat – einen C-Level-Sponsor, weil man sonst nicht alle Türen öffnen kann.

Man muss sich vor Augen halten: Wenn du ein Corporate als Kunden siehst, ist das ein toller Proof, aber auch ein Riesen-Pain. Ein häufiges Problem, ein Stolperstein, ist die Geschwindigkeit. Wenn ich als kleiner Gründer an einen DAX-Konzern herantrete, bin ich startklar, ich fange morgen mit der Entwicklung an. Aber die brauchen so viele Abstimmungen – Rechtsabteilungen, Bereichsleiter, Einkaufsprozesse, Integrationsschnittstellen, IT-Implementierungsbudgets. Das dauert. Das muss man als Gründer wissen, das geht nicht von heute auf morgen. Was ich aus eigener Erfahrung und von vielen anderen auf der Bits & Pretzels gehört habe, nenne ich „Pilotitis“: Lass uns mal einen kostenlosen Proof of Concept machen und dann weitersehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht das nie in den Echtbetrieb, das ist die falsche Herangehensweise.

Beim Thema Kundenrisiko: Wenn Corporates Exklusivität wollen, dann höchstens temporär, sechs, zwölf Monate, aber bitte nicht 24 Monate – sonst bist du gefangen und kannst nur hoffen, dass sie dir Folgeprojekte geben. Ein weiteres mögliches Warnsignal: Wenn sich der Einkaufsprozess so in die Länge zieht, dass etwa ein Betriebsrat zustimmen muss, sollte man sich fragen, ob das trotzdem der richtige Kunde ist – als Gründer hat man ja ohnehin schon Zeitdruck, etwas FOMO und ein bisschen Paranoia.

Wo passen die VCs in diesem Bild trotzdem noch rein? Wo macht es weiterhin mehr Sinn, auf VC zu setzen statt auf Corporates als Pilotkunden?

Grundsätzlich immer, wenn man ein skalierbares Tech-Business-Modell hat. Ich sage nur, dass VC nicht mehr die einzige Option ist. Die Anzahl der Finanzierungsrunden geht runter, die Anzahl der Gründungen geht hoch – also müssen sich Gründer zwangsläufig überlegen, wo sie außer von VCs Geld herbekommen. Umsatz ist das neue Risikokapital, plakativ gesagt. Das kann für viele funktionieren, weil nicht alle von Milliardenrunden wie bei Helsing oder von den gerade raisenden Health-Tech-Companies gesegnet sind. Wir reden auch über den Mittelstand der Gründungen, der ebenfalls Umsatz braucht – und kein VC-Geld zu bekommen heißt nicht automatisch, keinen Erfolg am Markt zu haben. Viele bekommen keinen VC. Und ich plädiere dafür, zu überlegen, dass Umsatz auch gutes, für viele sogar das passende Kapital sein kann.

Auf der Bits & Pretzels findet auch heuer wieder der CIO AI Summit statt, den ich intern kuratiere und hoste. Da kommen 500 CIOs aus dem deutschen Mittelstand, aus der deutschen Industrie und von Großunternehmen zusammen, tauschen sich zunächst untereinander aus, und dann öffnen wir den Raum, damit jeder Gründer und jede Gründerin mit ihnen in Kontakt treten kann. Genau das sind mögliche Kontaktpunkte, um Ankerkunden zu gewinnen – und auch für jedes österreichische Startup, das den deutschen Markt als relevant erachtet, eine sehr effiziente Möglichkeit, Industriekontakte zu knüpfen.

Wenn wir schon bei der Bits & Pretzels sind: Wie ist es euch eigentlich gelungen, Steven Bartlett heuer als Speaker zu gewinnen und auf welche Highlights darf man sich sonst noch freuen?

Beharrlichkeit. Es ist nicht das erste und nicht das zweite Mal, dass wir angefragt haben, das erste Mal ungefähr 2024. Wir haben als Veranstalter den Luxus, aber auch die Bürde, zu überlegen, wer passt, wer motiviert, wer inspiriert, wer den Leuten Energie im Raum gibt und die Gespräche entfacht. Und da waren wir uns immer einig, dass Steven Bartlett ein toller Mensch ist – selbst Gründer, und durch seine Empathie in seinen Interviews betont er immer wieder genau diesen menschlichen Aspekt hinter dem Unternehmen, hinter der Gründung. Das passt sehr gut zu unserem heurigen Motto „Human After All“. Dazu kommt seine enorme Expertise: Er ist ein sehr guter Speaker, ein bisschen Celebrity, aber eben auch ein fantastischer Fachexperte, der die Leute begeistern kann – und das wollen wir. Also leider keine wahnsinnige Story von einem zufälligen Treffen beim Kaffee in London, sondern schlicht Hartnäckigkeit, bis er endlich Zeit hatte.

Ein bisschen in dieselbe Richtung geht auch Trevor Noah, den wir ebenfalls dabei haben: Auch er ist Unternehmer, hat für Microsoft eine KI-Serie gemacht, ist also vom Fach. Ich glaube, solche Personen können unsere Themen nochmal ganz anders beleuchten, aus einer anderen Perspektive, und die Leute begeistern. Ein bisschen Out-of-the-box-Denken eben – deshalb holen wir sie.


Die Bits & Pretzels 2026 findet heuer von 28. bis 30. September 2026 wieder in München statt.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Millionenumsatz, null Gehalt: Was Gründer:innen wirklich verdienen