10.10.2018

Der Migrant als Gründer, Teil 2: „Dann bin ich halt der Vorzeige-Tschusch“

Diskriminierung und Rassismus. Zwei Begriffe, die das Leben von so manchen Gründern in der Startup-Szene geprägt haben. Der Brutkasten hat mit erfolgreichen Foundern, die ihre Wurzeln nicht im Lande haben, über das Thema Migration gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen befragt. Darunter Ali Mahlodji von Whatchado, Ex-DiTech-Co-Founderin Aleksandra Izdebska, Alexander Karakas von Iconz, Levent Akgün von Hadi und Andra Slaats, Younited Cultures-Gründerin und Mitglied des Vienna Impact Hub.
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Migrant, Hadi, Whatchado, Tian, IconZ, Louai, Ali Mahlodji, Andra Slaats, Aleksandra Izdebska, Levi Akgün, Alexander Karakas
(c) Hadi, Whatchado, Tian, IconZ, Louai - Fünf Gründer mit ausländischen Wurzeln berichten über ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus in ihrem Leben.

Migrant als Gründer Teil Zwei: Über Ali Mahlodji ist einiges bekannt. Der ehemalige Flüchtling, der in Traiskirchen lebte und nun Keynotes hält und Bücher schreibt, weiß, so wie Levi Akgün (siehe Teil 1), von Widrigkeiten aufgrund seines Äußeren oder Namens zu berichten. Der Whatchado-Gründer hatte als Kind Alpträume und Erinnerungen, deren Herkunft er nicht einordnen konnte. „Einmal träumte ich, wir wären in einer Art Heim und mein Vater streite sich mit jemanden. Später habe ich erfahren, das waren Szenen aus Traiskrichen“, so Mahlodji. Auch wenn er als Kleinkind die Zeit nicht bewusst miterlebt habe, die Ängste der Eltern bekommen Kindern mit, sagt er.

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Der braune Ali

„Man nennt es Sekundärtraumata, bei denen du eins zu eins die Sorgen deiner Eltern voll abbekommst. Ich habe begonnen zu stottern und als Kind sehr wohl gespürt, dass es einen Unterschied zwischen mir und meinen Klassenkameraden gibt. Die Österreicher haben, wenn wir mal in der Schule oder im Kindergarten gestritten haben, ‚du Brauner‘ zu mir gesagt“, erinnert er sich. „Wenn du als Kind hörst ‚geh wieder zurück‘, dann verstehst du es nicht. Ich habe mir die Hautfarbe oder meinen Namen nicht ausgesucht“.

Migrant, Ali Mahlodji, Whatchchado

(c) Whatchado – Ali Mahlodji weiß um die Wichtigkeit positiver Rollenbilder bescheid.

„Besser Deutsch als jeder Österreicher“

Mahlodji hat seine Schlüsse aus diesen Erfahrungen gezogen: Egal was man tue, man bleibe immer ein Fremder in einer fremden Welt; aber, es sei die eigenen Entscheidung, wie sehr man das auch zulasse. In jungen Jahren hatte Mahlodjis Vater daheim eine Regel definiert, die fortan prägend für den weiteren Verlauf im Leben des Founders sein sollte. „Er sagte: ‚Ali, du musst besser Deutsch als jeder Österreicher sprechen. Solange du auf der Straße gehst, werden die Menschen immer zuerst den Ausländer sehen. Wenn du aber den Mund aufmachst, die Kultur verstehst, dich artikulieren und ‚Schmäh‘ führen kannst, dann ist die Diskussion erledigt‘. Wir haben österreichische und nicht persische Fernsehsender gesehen und daheim deutsch geredet“, erinnert er sich. Er kritisiert jene Familien, die ihren Kindern eine gute Zukunft bescheren wollen, dann aber Sendungen aus der ehemaligen Heimat laufen lassen und Deutsch als Sprache nicht fördern. „Meine Eltern meinten, die Alternative wäre nur, sich nicht zu integrieren. Das wäre kein Leben“.

Wer denkt, dass rassistische Auffälligkeiten mit dem Ende der Jugend ein Ende fanden, der irrt. Wenige Wochen vor dem Gespräch mit dem Brutkasten, fuhr Mahlodji in der Gegend Praterstern mit der Straßenbahn und nießte laut. Ein Mann startete einen rassistischen Schwall in die Richtung des Whatchado-Gründers und beklagte sich, er solle zurückgehen, wo er herkäme. Ausländer würden die Jobs stehlen. „Ich habe ihm erzählt, ich habe 30 Arbeitsplätze geschaffen und ihn gefragt, wie viele es denn bei ihm seien? Seine Antwort war schlussendlich, dass er es eh nicht so gemeint habe“, sagt Mahlodji.

Hansi steigt ohne Plan ein

Ali Mahlodji hat in seiner Vita (bisher) mehr als 40 Jobs. Er hat am Wochenende bei McDonalds gearbeitet, war Zweitlehrer und Briefträger. „Weltweit gibt es über 100.000 Jobtitel. Als Kind hast du keine Ahnung, was du werden möchtest. Die Idee, eine Übersicht zu allen Jobs zu erstellen, hatte ich schon ewig“, sagt er.

Der junge Gründer träumte bereits vor 20 Jahren von einer Art „Übersichtslandkarte“ für Berufe, die als eine Anleitung für Kinder dienen sollte, die das Gefühl kennen, nicht zu wissen, was sie mit ihren Leben machen sollen. So entstand Whatchado. „2011 hat keiner Startup buchstabieren können. Wir haben aber zu dem Zeitpunkt Hansi Hansmann kennengelernt. Er hat, auch ohne Business-Plan an uns uns geglaubt. Im Jänner 2012 haben wir dann gegründet“. Diskriminierung gab es damals keine, wie er erzählt. Bei Thema Startup höre sie auf, sagt er und nennt Begriffe wie „International“ und „Disruptive“ in dem Zusammenhang.

Falsche Signale

„Was ich allerdings sehe, ist: Wenn jemand sein Startup nur mit Österreichern besetzt, die nicht weltoffen sind, dann hat derjenige ein riesen Problem. Tim Cook von Apple wurde vor drei Jahren bei einer Konferenz gefragt, was das wichtigste für eine Company sei, um innovativ zu bleiben. Seine Antwort: ‚Diversity'“, erzählt Mahlodji. „Apples Kundschaft ist global, so Cook weiter. Man können, ohne Menschen mit mehreren Sichtweisen hereinzulassen, nie verstehen, wie andere Menschen denken“. In dieser Hinsicht habe Österreich aktuell ein Problem, meint der Motivation-Speaker.

Das Land sende ein Signal, dass man keine Vielfalt wolle. „Ich kenne viele Leute aus dem Ausland, richtig gute Software-Entwickler, die gern nach Europa würden, aber nicht nach Österreich. Das wirkt sich gerade negativ aus“, sagt er. „Als Trump damals den ‚Muslim-Ban‘ ausgesprochen hat, waren es die Tech-Companies, die auf die Barrikaden gegangen sind und Unterschriften dagegen gesammelt haben. Weil sie wussten, das bedeutet, Talente nicht ins Land zu lassen“.

Die ungehörte Generation

Dass die Gründung von Whatchado einem Migrant und ehemaligen Flüchtlingskind gelungen ist, sieht Mahlodji als bezeichnend. „Wenn du das Gefühl nicht kennst, in einem Flüchtlingsheim zu sitzen oder von einer Wohnung in die nächste geschoben zu werden, und bis zu deinem dreizehnten Lebensjahr die Klamotten von der Caritas trägst, dann würdest du wahrscheinlich niemals auf die Idee kommen, so eine Plattform für eine ungehörte Generation zu bauen“, sagt er. Er stimmt zu, dass, wenn es um das Thema Hautfarbe und Herkunft geht, die Startup-Szene sehr liberal sei, jedoch verhalte es sich in einem anderen Bereich anders. „Wenn es um das Frauenthema* geht, kann man nur von einem riesigen Macho-Treffen sprechen. Wenn man sich ansieht, was geschieht und mit welcher Halbherzigkeit dies angegangen wird, muss man klar sagen, das ist ein Problem. Ein globales Problem“, sagt er.

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Die „extra Meile“ als Migrant

Offenheit, Mitmachen, Welcome – das sind die Begriffe, die von Mahlodji genannt werden, um die Startup-Welt zu beschreiben. „Von diesem offenen Umgang miteinander kann sich die ‚echte‘ Wirtschaft ein großes Stück abschneiden“, sagt er. „Wenn dein Name Ali ist, hast du bei Job-Bewerbungen sechsmal schlechtere Chancen. Darüber gibt es Untersuchungen, das weiß man“. Der „Lebenslauf-Profi“, wie er sich bezeichnet, weiß aus seiner Erfahrung heraus, dass man als Nicht-Österreicher zehnmal so viele Bewerbungen schreiben muss, wie eine Person, die hier geboren ist.

„Ich musste lernen CV’s und Bewerbungsschreiben so gut zu verfassen, dass ich eine Chance habe. In der Startup-Welt aber zählen andere Sachen. Es handelt sich, positiv gemeint, um eine Parallelgesellschaft. Wenn man sich ein Team zusammenstellt, denkt man international, weil man internationale Märkte anstrebt. Wenn es jemand schafft ein Startup aufzubauen, dann sind es Migranten. Die kennen das, die extra Meile zu gehen“.

Ein Wettrennen im Turbokapitalismus

Trotz all seiner liberalen und diversen Einstellung, Ali Mahldoji findet auch Schattenseiten, die die Startup-Szene nach sich zieht. „Startups haben den Turbokapitalismus extrem befeuert, der uns allen um die Ohren geflogen ist. Man muss sich als Gründer verausgaben. Die ganzen Founder haben keine Wochenenden. Von Anfang an ist es darum gegangen, dass man den Personen eintrichtert, nur einer von zehn schafft es. Ein Rennen, bei dem den Leuten auf halber Strecke die Luft ausgeht. Das finde ich katastrophal“, sagt er. Sein Unternehmen Whatchado wurde 2012 gegründet und verfügt aktuell über 33 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz beträgt 2,7 Millionen Euro. Insgesamt sind über 6.500 Stories online.


*Exkurs: Auch Andra Slaats, Younited Cultures-Gründerin, erzählt eine ähnliche Geschichte, wenn sie von damaligen Schwierigkeiten berichtet, als über 30-jährige Frau eine Anstellung zu finden. Sie nennt es eine doppelte Diskriminierung; als Migrantin und als Frau. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Gleichberechtigung und die Rolle als Frau in der Startup-Szene für manche Interviewpartner ein derart wichtiges Thema war, sodass es ihm nicht gerecht werden würde, es hier bloß in ein paar Absätzen abzuhandeln. Frauen als Gründerinnen und deren Geschichten werden zu einem anderen Zeitpunkt den Rahmen, den das Thema verdient hat, erhalten.


⇒ Hier geht’s zu Teil drei: Warum man laut Aleksandra Izdebska keine Raumschiffe bauen sollte

⇒ Hier geht’s zu Teil eins: Warum sich Levent Akgün mit dem Samrtphone am Klo versteckte


⇒ Hadi

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⇒ Tian

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⇒ Younited Cultures

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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