08.05.2023

Michael Tojner im Interview: Warum Österreich jetzt Zuwanderung braucht

Interview. Michael Tojner ist einer der bekanntesten Unternehmer Österreichs. Mit Firmen wie Varta und Montana Tech baute er ein Milliardenimperium auf. Nun veröffentlicht er ein Buch gemeinsam mit Wissenschaftler:innen der Wirtschaftsuniversität Wien. Die These: Migration ist notwendig für Österreichs Wohlstand.
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Michael Tojner vor der Wirtschaftsuniversität Wien
Michael Tojner vor der WU Wien | Foto: Wirtschaftsuniversität Wien (Hintergrund) / Guenter Parth (Michael Tojner) / Montage: brutkasten

Für Michael Tojner ist es schon einmal besser gelaufen. Sein bekanntestes Unternehmen, der Batteriehersteller Varta, ist unter Druck und hat erst im März ein umfangreiches Sparpaket inklusive Jobabbau beschließen müssen. Zudem war Tojner wegen juristischer Vorwürfe, die er bestreitet, in den Schlagzeilen. Und auch beim Fußballverein SK Rapid Wien, wo Tojner im Präsidium sitzt, läuft es sportlich nicht nach Wunsch.

Das hält den Unternehmer jedoch nicht davon ab, sich öffentlich in Debatten einzubringen. Schon in der Vergangenheit hatte Tojner mehrfach Bücher gemeinsam mit Wissenschaftlern der Wirtschaftsuniversität Wien herausgegeben.

Nun erscheint ein weiteres – und darin widmen sich die Autoren einem der meistdiskutierten Themen der österreichischen Politik: Migration. Das Buch „Migration als Chance für Wachstum und Wohlstand“ wird von Tojner gemeinsam mit den WU-Wissenschaftlern Jesús Crespo Cuaresma, Nikolaus Franke und Peter Vandor herausgegeben und erscheint am 9. Mai im Linde Verlag.


brutkasten: Was darf man sich vom neuen Buch erwarten?

Michael Tojner: Das Thema Migration ist in den letzten Jahren oft missbraucht worden. Da heißt es dann, die „Ausländer“ seien schuld an einem möglichen Wohlstandsverlust – nicht nur in Österreich, sondern auch im restlichen Europa oder in Amerika. Angesichts des akuten Fachkräftemangels kommt man nun aber doch drauf, dass gut ausgebildete Migrant:innen dringend gebraucht werden, um die Wirtschaft flotter zu machen, Wachstum zu kreieren und die Pensionen abzusichern.

Mein neues Buch ist gemeinsam mit der Wirtschaftsuniversität Wien entstanden und beleuchtet das Thema in mehreren wissenschaftlichen Beiträgen. Das Ergebnis ist klar: Es ist wissenschaftlich nachweisbar, dass Migration einen volkswirtschaftlichen Vorteil für jedes Land hat.

In unserem Buch haben wir auch Informationen zusammengetragen, die vielen nicht bekannt sind. In den USA sind etwa 50 Prozent der börsennotierten Unternehmen von Immigranten gegründet, aufgebaut und zum Erfolg geführt worden. Das ist ja auch naheliegend: Jemand, der die Sprache am Anfang nicht spricht, der sich in einem Land erst zurechtfinden muss, ist auch meistens motivierter, engagierter und arbeitet mehr. Weil er sich einfach beweisen muss. Und da schlafen wir alle in Österreich.

Welche Probleme sehen Sie konkret?

Auf der Wirtschaftsuniversität höre ich, dass Talente aus Deutschland oder Spanien nicht gerne nach Österreich kommen, weil sie ihre Pensionsansprüche nicht mitnehmen können. In Österreich werden Hürden aufgebaut, es gibt kein Konzept und die Stimmung ist gegen die Ausländer. Hier muss man dagegen halten – wir brauchen ein modernes Einwanderungsrecht mit klaren Regeln. Wer sich nicht daran hält, sich nicht integriert, die Sprache nicht lernt und nicht arbeitet, kann auch wieder ausgewiesen werden. 

Auch meine Familie hat Migrationshintergrund und stammt aus Böhmen. Mein Urgroßvater ist nach Stadt Haag ausgewandert und hat dort eine kleine Kupferschmiede gegründet. 

Ich bin in Steyr und in Stadt Haag aufgewachsen. Ich habe gesehen, wie die Türken und die Jugoslawen die österreichische Automobil-Zulieferindustrie mit aufgebaut haben. Zu Hause im Installateur-Betrieb waren sicher die Hälfte der Mitarbeiter:innen aus Serbien, dem Kosovo und aus Kroatien. Das sind Leute, die zum Teil heute noch in der Firma arbeiten. Trotzdem habe ich früh bemerkt, dass Migrant:innen oft nicht voll akzeptiert und ausgegrenzt werden. Hier möchte ich ansetzen und gegen diese Stimmung die Initiative ergreifen. 

Das ist jetzt geglückt – mit der Wirtschaftsuniversität und auch mit unserer Initiative „eXplore!” mit der B&C Stiftung. Ich bin Herausgeber des Buches, habe das Vorwort verfasst und auch bei einem der wissenschaftlichen Artikel mitgeschrieben.

In welchen Ländern funktioniert die Einwanderungspolitik Ihrer Meinung nach gut?

Wir haben uns Australien genauer angeschaut. Dort dürfte ich selbst nur noch einwandern, wenn ich über eine Million Euro investiere. Ich bin schon über 45 und Australiens Einwanderungspolitik sieht das eben so vor. Australien hat eine klare Quote und geht nach Qualifikationen vor. Asylsuchende sind ein anderes Thema, aber auch die müssen Englisch lernen und sich integrieren. In diese Richtung müssen auch wir gehen.

Auch der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz ist von einer intelligenten Einwanderungspolitik abhängig. In der Schweiz gibt es sogar mehr Ausländer als bei uns. Ich habe dort selbst mehrere Unternehmen und in der Fabrikhalle arbeiten heute eigentlich fast ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund. Die sind jedoch voll akzeptiert, weil es klare Regeln gibt. Auch Amerika ist nur deswegen so erfolgreich, weil ausländische Arbeitskräfte kommen.

In der Startup-Szene sind die Schwierigkeiten mit der Rot-weiß-rot-Card, also mit Arbeitsgenehmigungen für Schlüsselkräfte, ein Dauerthema. Wie beurteilen Sie die Situation?

Eine schnelle Arbeitsgenehmigung für 15 dringend benötigte Fachkräfte zu bekommen, kann in Österreich ein Problem sein. Es ist aber auch in anderen Ländern in Europa mühsam. Wenn wir modern sein wollen, müssen wir da viel schneller agieren.

Ich habe das selber mitgemacht mit der Rot-weiß-rot-Card: Das dauert sechs oder sieben Monate. Bis dahin sind die Leute längst woanders – z.B. in Deutschland. Ich kenne selbst jemandem, der in Österreich erfolgreich studiert hat, dann aber keine Rot-Weiß-Rot-Card erhalten hat.

Wir haben hochqualitative und sehr günstige Universitäten in Österreich. Und dann bauen wir Hürden auf, dass deren Absolvent:innen nicht dableiben können. Das ist irre. Gleichzeitig bilden wir österreichische Ärzt:innen aus und die gehen dann in die Schweiz oder nach Deutschland.

Vor kurzem hat in Oberösterreich ein Fall für Aufsehen gesorgt, als eine indische Familie abgeschoben wurde. Der Besitzer des Gasthauses, bei dem die Mutter beschäftigt war, hat daraufhin gesagt, dass er zusperren muss, weil er keine Köchin mehr hat. Wie beurteilen Sie diesen Fall?

Grundsätzlich muss man die Gesetze einhalten. Aber wenn jemand in Österreich arbeitet, Sozialversicherung zahlt und Österreich als Volkswirtschaft profitiert, dann würde ich so jemanden im Land halten. Ich bin sicher, dass das auch in der Bevölkerung akzeptiert wird. 

Aktuell ist ja überall die Rede vom Fachkräftemangel. Wie nehmen Sie das in Ihren eigenen Unternehmen wahr?

Wir haben natürlich auch in vielen Ländern akuten Fachkräftemangel. Das ist aus der Corona-Zeit noch übrig geblieben. In den USA, in Rumänien – überall suchen wir händeringend Leute. Und natürlich haben wir auch da die bürokratischen Hürden in Österreich zu überwinden.

Unternehmer:innen haben in Österreich nicht bei allen Bevölkerungsteilen das beste Image. Sie selbst waren zuletzt auch wegen juristischer Vorwürfe in den Schlagzeilen. Was ist Ihre Motivation, sich unter diesen Umständen in die politische Debatte einzubringen?

Ich sehe es als wichtige Aufgabe sich gesellschaftlich zu engagieren. Vor allem bei Themen, wo es Defizite gibt und wo man etwas beitragen kann. Ich möchte Aufklärungsarbeit leisten, neue wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich machen, deren Schlussfolgerungen einem breiten Publikum zugänglich machen. So können wir Verständnis in der Bevölkerung schaffen und politischen Populismus zurückdrängen.

Wie beurteilen Sie die Resonanz aus der Politik?

Wir haben ja schon mehrere Bücher herausgebracht gemeinsam mit der Wirtschaftsuniversität – zur Staatsquote, zur Pensionsreform, zum Euro. Die Politik hat das bisher noch nicht besonders wahrgenommen, aber ich hoffe, dass beim brennenden Thema Migration jetzt endlich agiert wird. Ich bin überzeugt, dass eine klare Einwanderungspolitik auch in der Bevölkerung ganz klar befürwortet würde.

Diejenigen, die arbeiten und uns etwas bringen, die holen wir ins Land, damit wir unsere Unternehmen stärken können, oder auch den Gesundheits- und Pflegebereich. Den gut Ausgebildeten aus der Universität machen wir es leicht. Für den Asyl-Bereich braucht es klare Regeln. Wenn man in Österreich ist, muss man sich auch den österreichischen Regeln unterwerfen – und das fängt bei der Sprache an.

Sie präsentieren Ihr Buch im “Club 20”, einem von Ihnen initiierten Diskussionsformat. Was ist Ihr Ziel mit dem “Club 20”?

Beim “Club 20” diskutieren wir politische Themen, volkswirtschaftliche Themen – und manchmal auch kulturelle Themen. Wir wollen eine Diskussionskultur etablieren, die es da und dort nicht mehr gibt – und die Leute zum Mitdiskutieren anregen.

Buchpräsentation

Das Buch „Migration als Schlüsselfaktor für den Wirtschaftsstandort Österreich“ wird am Mittwoch, den 10. Mai, um 18.30 Uhr im Hotel InterContinental im Rahmen des „Club 20“ (Vier Jahreszeiten) vorgestellt. Die Thesen des Buchs diskutiert Michael Tojner dort mit dem WU-Professor Crespo Cuaresma, mit EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna und mit dem Unternehmer und ehemaligen Neos-Politiker Sepp Schellhorn.

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Elisabeth Zehetner (Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus) | Foto: Martin Pacher
Elisabeth Zehetner (Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus) | Foto: Martin Pacher

Das Doppel-Budget für 2027 und 2028 wurde gestern vom Ministerrat vorgelegt und mit ihm gab es auch Neuigkeiten zum geplanten Dachfonds. Dieser scheint als „Start-up & Scale-up Dachfonds“ in den Bundesfinanzgesetzen 2027 und 2028 auf, bei einem nicht unwesentlichen Detail schaffen die Gesetzestexte und ihre Beilagen aber keine Klarheit, wie brutkasten berichtete.

Begleitend zum Budget-Entwurf erneuerte Startup-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner nämlich die Ansage, dass „bis zu 100 Millionen Euro“ Ankerinvestment durch den Bund für den Fonds vorgesehen sind. Als Budget-Posten scheinen diese aber nicht auf. Auch der Zusatz „bis zu“ schafft einen gewissen Spielraum.

„Aus Rückflüssen aus aws-Mitteln finanziert“

Wo also kommen die geplanten 100 Millionen Euro her und wovon hängt es ab, ob der gesamte Betrag zustande kommt? Brutkasten fragte im Rahmen einer Presseveranstaltung bei Staatssekretärin Zehetner und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nach.

Die Antwort: „Das Ankerinvestment wird aus Rückflüssen aus aws-Mitteln über die nächsten vier Jahre finanziert“, so Zehetner. Die Mittel für die aws werden im aktuellen Doppel-Budget auch erhöht, ergänzt Hattmannsdorfer.

Höhe des Ankerinvestments von aufgestelltem Kapital abhängig

100 Millionen Euro Ankerinvestment werden es nur dann, wenn das noch zu ermittelnde Fondsmanagement, mit dessen Ausschreibung die aws aktuell betraut ist, ausreichend Mittel für den Dachfonds aufstellt, erklärt Zehetner weiter: „Wir haben immer gesagt, dass wir nicht mehr als 20 Prozent hineinstecken.“ Sprich: Je mehr Kapital von Limited Partners in den Fonds fließt, umso mehr legt der Bund nach. Werden die gesamten anvisierten 400 externen Millionen aufgestellt, wächst auch das Ankerinvestment auf die vollen 100 Millionen Euro – so der Plan.

In Sachen Zeithorizont ist bislang klar: Bis Ende 2027 soll das erste Closing des „Start-up & Scale-up Dachfonds“ abgeschlossen sein, sodass dieser zu investieren beginnen kann. Mit der Aufteilung der Bundesmittel auf geplante vier Jahre scheint auch die anvisierte Deadline für das finale Closing zu stehen.

„Auch so auf einem guten Weg zu einem weiteren Einhorn“

Ein weiteres spannendes Detail im Gesetzestext, über das brutkasten gestern berichtete: Als quantitatives Ziel wurde auch die Steigerung der Unicorn-Zahl in Österreich gesetzlich festgeschrieben. 2027 und 2028 soll jeweils eines hinzukommen. Doch wie kann der Dachfonds bereits kommendes Jahr für ein weiteres Einhorn sorgen, wenn er erst an dessen Ende zu investieren beginnt? „Wir sind auch so auf einem guten Weg zu einem weiteren Einhorn“, so die Staatssekretärin. Der Dachfonds soll diese Entwicklung später beschleunigen.

Öbag-Strategie: OMV und Co sollen Startup-Ökosysteme aufbauen

Doch dieser sei nicht die einzige Maßnahme, hakt Hattmannsdorfer ein. Er verweist auf die Industriestrategie. „Hier sind auch eigene Förderungen zur Entstehung von Startups und Scaleups im Umfeld von Leitbetrieben vorgesehen“, so der Minister. Auch in der Öbag-Strategie (brutkasten berichtete) habe man entsprechende Zielsetzungen verankert: „Die Öbag-Betriebe haben den Auftrag, Ökosysteme für Startups und Scaleups zu schaffen“, so Hattmannsdorfer. So wie es Verbund mit Verbund X bereits umgesetzt habe, sollen zukünftig etwa auch die OMV und andere entsprechende Programme umsetzen.

Und Zehetner führt noch weitere Punkte an. Auch in der öffentlichen Beschaffung setze man Maßnahmen, von denen Startups und Scaleups profitieren sollen. „Und das schon im Regierungsprogramm verankerte Commitment zur Gleichstellung immaterieller Vermögensgüter in der Bilanz ist ebenfalls ein wichtiger Schritt“, so die Staatssekretärin. Das wiederum soll auch beim Erlangen höherer Unternehmensbewertungen helfen.

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