14.01.2026
INTERVIEW

Mathias Muther: „Eine Exit-Phase ist eine enorme Doppelbelastung für Gründer“

Interview. Exit-Stories wirken glamourös – tatsächlich sind sie oft von Druck, Unsicherheit und Machtverschiebungen geprägt. Der österreichische Unternehmer und Investor Mathias Muther gibt Einblick in den Einstieg von Trilantic Europe bei Aerocompact und erklärt, worauf Gründer:innen in der Exit-Phase besonders achten müssen.
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Mathias Muther | (c) brutkasten

Mathias Muther ist ein Unternehmer, dessen Karriere nicht im Meetingraum, sondern im Handwerk begonnen hat. Aufgewachsen in Vorarlberg, lernte er sein Geschäft von Grund auf – auf der Baustelle, nahe am Kunden, mit einem ausgeprägten Verständnis für Technik, Praxis und Umsetzbarkeit. Nach der Pflichtschule absolvierte er eine Lehre als Gas-, Wasser- und Heizungstechniker und studierte anschließend berufsbegleitend Wirtschaft, das er mit einem MBA abschloss.

Mit der Gründung von Aerocompact im Jahr 2012 besetzte Muther früh eine Nische, die lange unterschätzt wurde. Statt auf Module oder Wechselrichter setzte er auf Befestigungssysteme für Photovoltaik-Anlagen – ein scheinbar unspektakulärer, aber zentraler Teil der Wertschöpfungskette. Durch die Kombination aus standardisierter Hardware, softwaregestützter Planung und internationaler Skalierbarkeit entwickelte sich Aerocompact innerhalb von rund zehn Jahren zu einem global tätigen Anbieter mit hoher Profitabilität und starkem organischem Wachstum. Muther zufolge erreichte das Unternehmen dabei Umsätze in der Größenordnung von rund 100 Millionen Euro und ein EBITDA von etwa 20 Millionen Euro pro Jahr.

Der Aufbau erfolgte ohne klassische Venture-Capital-Finanzierung, stattdessen durch Reinvestition der Gewinne. 2024 folgte der Einstieg des europäischen Private-Equity-Hauses Trilantic Europe, das rund 60 Prozent der Anteile an Aerocompact übernahm. Muther zog sich aus dem operativen Geschäft zurück, blieb aber mit rund 40 Prozent der Anteile als Gesellschafter und Mitglied des Aufsichtsrats an Bord. Der Deal gilt als einer der größten österreichischen Exits der vergangenen Jahre im CleanTech-Umfeld.

Heute engagiert sich Muther als Investor und Business Angel, unter anderem als Investor bei „2 Minuten 2 Millionen“. Im Gespräch mit brutkasten gibt er einen selten offenen Einblick hinter die Kulissen dieses Deals – wie der Prozess tatsächlich ablief, welche Belastungen damit verbunden waren und was Gründer:innen daraus lernen können.


brutkasten: Der Einstieg von Trilantic Europe gilt als ein zentraler Moment in deiner Unternehmer-Karriere. Wie ist dieser Prozess tatsächlich abgelaufen?

Mathias Muther: Der Einstieg von Trilantic Europe war das Ergebnis einer längeren Vorbereitung. Für jeden, der einen Exit plant, ist dabei vor allem eines entscheidend: der zeitliche Vorlauf. In der Regel sollte man dafür mindestens zwei Jahre einplanen. Es gibt zwar hin und wieder einen Lucky Punch, bei dem plötzlich jemand um die Ecke kommt und die Firma kauft. Aber das ist die absolute Ausnahme. Im Normalfall läuft es ganz anders.

Zunächst braucht man einen Berater, in der Regel eine Investmentbank. Oft sitzen diese in Frankfurt oder London, dort sind die meisten. Diese Investmentbank „schmückt die Braut“, wie man so sagt. Das klingt hart, ist aber Realität. Es werden tausende Due-Diligence-Unterlagen vorbereitet, Strukturen aufgesetzt und Zahlen aufbereitet. Allein diese Phase dauert meist sechs bis zwölf Monate.

Danach gibt es einen Datenraum, und man beginnt gezielt, erste Investoren anzusprechen. Diese werden eingeladen, fliegen ein, es gibt eine kleine Roadshow, man präsentiert das Unternehmen. Nach etwa eineinhalb Jahren kommen dann die ersten Angebote. Und in diesem Moment denkt man oft: Jetzt sind wir über die Ziellinie. In Wahrheit ist man da aber erst bei ungefähr fünfzig Prozent.

Warum ist man zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht am Ziel?

Weil danach erst der eigentliche Deal-Prozess beginnt. Dann startet die Due Diligence des Investors oder des Private-Equity-Hauses, und die dauert noch einmal drei bis sechs Monate. Die Aufgabe dieser Phase ist es im Grunde, den ursprünglich angebotenen Kaufpreis Schritt für Schritt zu reduzieren.

Da heißt es dann: tolles Unternehmen, toller Gründer – aber hier gibt es Risiken, dort Probleme, der Markt ist gerade schwierig. Das führt zu Wertabschlägen von ein paar Millionen hier und ein paar Millionen dort. Gleichzeitig versuchen Investoren, den Prozess möglichst lange hinauszuzögern, um Zeit zu gewinnen. Zeit, um zu prüfen, ob der Businessplan wirklich aufgeht, wie sich der Markt entwickelt und ob gerade ein schwieriges Umfeld oder ein Boom bevorsteht. Dafür gibt es dann auch eine Exklusivitätsphase.

Was bedeutet diese Exklusivität in der Praxis?

Diese Exklusivität läuft irgendwann aus. Theoretisch kann man dann wieder andere Investoren hereinholen. In der Praxis sind viele der Kontakte, die man Monate zuvor aufgebaut hat, aber längst wieder weg. Man bleibt also oft bei dem Investor, der grundsätzlich Interesse hat – auch wenn die Verhandlungen sehr hart sind.

In dieser Phase engagieren beide Seiten Top-Beratungsfirmen. Auf unserer Seite waren es etwa Strategieberater, auf Investorenseite große Prüfungsgesellschaften. Und beide Seiten geben dafür Millionen aus. Unsere Due Diligence hat in Summe fast zehn Millionen Euro gekostet. Da sitzen Berater monatelang in Meetings mit sehr hohen Stundensätzen, und die Rechnungen kommen täglich. Das muss man aushalten. Da darf man nicht nervös werden.

Wann kommt es schließlich zum Abschluss – und wie lange dauert ein Exit insgesamt?

Irgendwann – oft ein weiteres Dreivierteljahr oder sogar ein Jahr später – kommt man dann zum Punkt: Die Due Diligence ist abgeschlossen, es geht zum Signing. In unserem Fall waren das rund 800 Seiten Vertrag. Danach folgen noch sogenannte Signing-Bedingungen, die bis zum Closing erfüllt werden müssen. Auch das dauert wieder mehrere Monate.

In Summe heißt das: Wenn man schnell ist, dauert ein Exit rund zwei Jahre. Bei uns waren es drei Jahre.

Mathias Muther zu Gast bei brutkasten | (c) muther

Was macht diese Phase für Gründer und Management besonders schwierig?

Als Inhaber und Management hast du in dieser Zeit kaum noch Kapazität für das Tagesgeschäft. Das ist gefährlich, weil links und rechts Dinge liegen bleiben und das Unternehmen anfängt, schlechter zu laufen. Gleichzeitig bist du zwei Jahre lang mit Due Diligences, Beratern und Themen beschäftigt, die im normalen Betrieb eigentlich keine Rolle spielen.

Diese Exit-Phase ist extrem schwierig. Es ist eine enorme Doppelbelastung – und gleichzeitig genau der Moment, in dem Private-Equity-Investoren sagen können: Jetzt läuft das Unternehmen nicht mehr ganz rund, jetzt drücken wir die Bewertung noch einmal weiter nach unten.

Ja, es war extrem intensiv. Wirklich unglaublich. Das hat mich sehr viel Kraft gekostet. Und wenn man dann durch ist, fühlt es sich an, als würde man neu auf die Welt kommen. Wie ein kompletter Neustart. Es verändert sich danach sehr viel im Leben, weil man auf einmal in einer ganz anderen Situation ist.

Was muss man beachten, wenn man nach dem Verkauf nicht mehr operativ tätig sein möchte?

Wenn man ein Unternehmen verkaufen will und das Ziel hat, danach nicht mehr operativ mitzuarbeiten, dann muss man vor dem Start dieses Prozesses ein Management installieren. Dieses Management muss das Unternehmen mindestens ein Jahr lang auch ohne dich führen können.

Denn wenn du als Gründer vorne stehst und sagst: „Ich bin der Macher“, dann erwartet ein Investor automatisch, dass du auch bleibst. Niemand kauft dir ein Unternehmen ab und sagt: „Danke und ciao.“ Stattdessen sagen sie: Wir kaufen dir einen Teil ab, aber du bleibst bitte die nächsten fünf Jahre Geschäftsführer. Dazu kommt dann meist ein Earn-out. Wenn du die nächsten Ziele erreichst, gibt es noch mehr Geld, wenn nicht, fällt es weg. Das wollte ich alles nicht.

Für mich war klar: Ich will einen Neustart. Ich bleibe als Gesellschafter im Aufsichtsrat, begleite das Unternehmen weiter, aber operativ möchte ich draußen sein. Mindestens fünfzig Prozent meiner Zeit sollen neuen Projekten gehören.

Wie ging es nach dem Deal für dich persönlich weiter?

Für mich war immer klar, dass ich im Bereich erneuerbare Energie und nachhaltige Technologien bleiben will. Das war von Anfang an so und ist es bis heute. Einen konkreten Fahrplan für die Zeit nach dem Verkauf hatte ich allerdings nicht.

Der Exit war abgeschlossen, und gefühlt zwei Wochen später hat „2 Minuten 2 Millionen“ angerufen und gefragt, ob ich dabei sein möchte. Davor hatte ich dafür ehrlich gesagt weder die Zeit noch die Energie. Ich war mit Aerocompact komplett ausgelastet.

Durch die Sendung hat sich das dann sehr schnell verändert. Ich wurde in der Startup-Welt stärker wahrgenommen, und plötzlich sind sehr viele Startups auf mich zugekommen – täglich. Nicht nur über die Show, sondern auch darüber hinaus. Dazu kamen eine deutlich höhere Medienpräsenz und eine stärkere Sichtbarkeit in sozialen Medien. Das hat diesen neuen Abschnitt klar beschleunigt.

Warum hast du dich bewusst für die Rolle als Investor entschieden?

Viele fragen mich: „Warum machst du das eigentlich? Du brauchst es doch nicht.“ Und ja, theoretisch könnte ich mich auch unter eine Palme legen und nichts mehr tun. Aber ich bin einfach nicht der Typ dafür. Ich muss etwas bewegen und gestalten.

Für mich war es deshalb wichtig, etwas zurückzugeben. Nicht nur in Form von Geld oder Investments, sondern auch, indem ich für österreichische Startups verfügbar bin. Ich bringe fast zwanzig Jahre Selbstständigkeit mit, inklusive eines internationalen Exits. Genau diese Erfahrungen möchte ich an Startups weitergeben, die einen ähnlichen Weg gehen wollen.

Es geht mir dabei nicht darum, ob sich daraus eine besonders hohe Rendite ergibt oder ob ich mein Kapital optimiere. Es geht darum, einen Teil dieser Erfahrung zurückzugeben und aktiv beizutragen.

Wie bringst du dich in deinen Beteiligungen konkret ein?

Wenn ich investiert bin, dann bringe ich mich auch ein – aber nicht operativ im Sinne eines Geschäftsführers. Es muss ein Management geben, das das Tagesgeschäft verantwortet. Gleichzeitig können sie mich jederzeit anrufen. Ich bin bei strategischen Entscheidungen eingebunden, bei Budgetentscheidungen dabei und habe regelmäßige Jour fixes mit meinen Mitgesellschaftern.

Mir geht es weniger darum, bei Technologie oder Produkt im Detail mitzureden. Mein Fokus liegt darauf, wie das Unternehmen skaliert werden kann, wie man typische Fehler vermeidet und wie man es so aufstellt, dass es irgendwann wieder ein klarer Exit Case wird. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich investiere in kein Unternehmen, bei dem der Exit-Weg nicht klar definiert ist. Das lege ich von Anfang an gemeinsam mit den Gründern fest.

Was möchtest du Gründer:innen aus deiner Erfahrung mitgeben?

Im Wesentlichen geht es mir darum, etwas zurückzugeben – als Mentor und als Business Angel. Mir ist wichtig, dass Startups meine Geschichte kennen und verstehen. Man kann es in Österreich sehr wohl vom Handwerker zum Millionär schaffen. Man muss dabei aber gewisse Dinge beachten, und man darf sich auch Zeit nehmen.

Es müssen nicht unbedingt zehn Jahre sein, so wie es bei mir gedauert hat. Mit dem richtigen Mentor oder Investor kann man so einen Weg auch in fünf bis sieben Jahren schaffen. Diese Zeit braucht man trotzdem. Entscheidend ist der Glaube an dich selbst, volles Commitment und die Bereitschaft, Risiko einzugehen. Und dann braucht es die richtigen Menschen an der Seite – Teams und Mentoren, die ehrlich sagen: „Pass auf, schau dir das noch einmal genau an.“

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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