23.06.2020

Russische Crazy Frog-Erfahrung und „kein Vorteil“ für Marschpat

Vergangene Woche verkündete das niederösterreichische Blasmusik-Startup Marschpat den Einstieg von Michael Altrichter, Markus Tröscher und startup300 als Investoren. In einer Q&A haben uns die Investoren ein paar Fragen beantwortet.
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Markus Tröscher: Das Marschpat-Team gewann als Sieger bei Startup Live u.a. ein Investment von startup300
(c) Markus Tröscher: Das Marschpat-Team gewann als Sieger bei Startup Live u.a. ein Investment von startup300

Der Medienmanager Markus Tröscher vermarktet den u.a. aus 2 Minuten 2 Millionen bekannten Business Angel Michael Altrichter, seit kurzem auch Startup-Beauftragter im Wirtschaftsministerium, medial. Nun investierten die beiden gemeinsam in ein Startup – der brutkasten berichtete. Dritter Investor im Bunde war startup300 (via Pioneers Ventures). Aufmerksam geworden ist man auf das niederösterreichische Startup Marschpat bei einer Ausgabe von Startup Live, wo es den Sieg und damit auch ein startup300-Investment über 10.000 Euro holte (siehe Bild). Warum die Technologie für Blasmusik ein Business Case ist, welche Erfahrungen mit Crazy Frog und dem russischen Rap-Business Markus Tröscher einbringt und warum Michael Altrichter nicht glaubt, in seiner Eigenschaft als Startup-Beauftragter einem Startup Vorteile verschaffen zu können, erfuhren wir in einer Q&A (Anm. für startup300 antwortete Co-Founder Bernhard Lehner).

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Was hat euch an Marschpat überzeugt? Auf den ersten Blick klingt das nach Nische…

Altrichter/Tröscher/Lehner: Die drei Founder Patrick Rupprecht, Carina Eigner und Markus Wenzl kennen das Innenleben von Blasmusikkapellen sehr gut. Gleichzeitig haben sie sich bis zur Marschpat-Gründung mit Digitalisierung in Industrie und Marketing beschäftigt oder haben Software entwickelt. Mit Marschpat haben sie eine feine Lösung, um die Nachteile des gedruckten Marschbuchs zu eliminieren und damit gleichzeitig den Beginn der digitalen Transformation der Blasmusik einzuläuten. Als österreichisches CultTech oder besser MusicTech besetzt Marschpat eine Nische – aber eine sehr spannende.

In der „Blasmusi“ spielen alleine im DACH-Raum fünf Millionen aktive MusikerInnen. Jährlich treffen sich beim Woodstock der Blasmusik in Oberösterreich 100.000 vor allem junge und junggebliebene MusikerInnen aus ganz Europa zum gemeinsamen Spiel – und Marschpat ist da mittendrin. International findet man Marchingbands in den USA und Kanada, Brassbands in der Karibik oder Mariachis in Mexico und Lateinamerika, Militärkapellen im Vereinigten Königreich, im arabischen Raum, Nordafrika, am Sub-Kontinent und in Asien sind es vor allem Schul- und Universitätsbands.

Erst kürzlich ist zum Kernprodukt „digitales Marschbuch“ noch eine Verwaltungs-Web-App dazugekommen. Wohin kann sich Marschpat aus eurer Sicht noch weiter hin entwickeln?

Altrichter/Tröscher/Lehner: Wir stellen uns die Fragen, wie Musikerinnen und Musiker oder eine Musikgruppe an jedem Ort, an dem sie Noten brauchen, diese digital und bequem bekommen und nutzen können. Dazu entwickeln wir Lösungen und Produktpackages mit Soft- und und Hardware. Neben der Blasmusik sind künftig weitere Kundengruppen Chöre, Kirchen mit dem digitalen Gotteslob und Musikschulen, die Noten in digitaler Form brauchen werden.

Markus, Du bringst umfassende Erfahrung aus dem Musik-Business mit. Wie wirst du dich einbringen?

Tröscher: Als Mentor bin ich nicht im operativen Tagesgeschäft, sondern stelle mein Know-how, Erfahrung und ein internationales Netzwerk zur Verfügung. Da habe ich einen guten Background dank meiner früheren Tätigkeit bei Warner Bros Music und mittlerweile als selbstständiger Musikrechtevermittler. So zB verlizensierte ich die Musikverlagskataloge von Warner/Chappell, Ralf Budde Verlag und Curci Editione Musikali mitsamt den Rechten an Crazy Frog nach Russland. Umgekehrt habe ich dann russischen Content wie Tatu international vermittelt. Weiters war ich am Aufbau einer Music Content Upload Plattform beteiligt und supportete den russischen Mobileoperator Beeline unter dem hierzulande gut bekannten Boris Nemsic bei der Plazierung des digitalen Madonna-Contents. Von diesen Erfahrungen und Netzwerken wird nun Marschpat profitieren können.

Markus, wie ist es für dich, wieder mit so einem verhältnismäßig kleinen Projekt loszustarten?

Tröscher: Als mich meine russischen Musikbusinessfreunde fragten, ob ich ihnen zum Markteintritt von MTV beim Aufbau eines russischsprachigen Rap/HipHop Labels namens www.records – das erste virtuelle Label seiner Art in Russland – helfen kann, bin ich gleich ein paar Monate rüber nach Moskau. Wir saßen über einer Generatorentesthalle in der Fabrik „Der Kämpfer“ und casteten russische Rapper, besprachen Albenkonzepte, Videodrehs, die Kostüme der Tänzerinnen und Konzerttourneen. Nachdem wir alle aufgrund der Generatoren Herzrythmusprobleme bekamen sind wir dann in ein normales Office und das Label hat sich gut entwickelt, da uns MTV rauf und runter spielte und wir ja vor allem Content verkauften. Dasselbe nun mit Marschpat – hochmotivierte Gründer mit einem guten Produkt und einem eben gelungenen Verkaufsstart, mit Michael Altrichter einen sehr aktiven Business Angel und mit der startup300-Gruppe das „360-Grad-Wohlfühlprogramm“ für Startups. Natürlich ist Marschpat noch verhältnismäßig klein, aber das Potenzial und der Spassfaktor sind riesig.

Und Michael, wie kannst du dich bei Marschpat einbringen?

Altrichter: Ich werde das sein, was ich am besten bin: ein Ansprechpartner für strategische Fragen für die Gründer, ein Türöffner, wenn es um Kontakte geht, ein Nachschlagewerk in Business-Fragen aus über 20 Jahren Erfahrung und ein Motivator und Gasgeber oder eine Schulter zum Anlehnen – je nach Bedarf.

Wie ist aus eurer Sicht die weitere Roadmap für Marschpat in den kommenden Jahren?

Altrichter/Tröscher/Lehner: Marschpat wird sich nun voll und ganz auf den Verkauf im DACH-Raum konzentrieren, bei der Hardware mit entsprechenden Stückzahlen die Economies of Scale nutzen und die Software weiterentwickeln. Parallel werden wir in den wichtigsten Märkten wo es Brassband/Marchingband/Militaryband/Schoolband/Mariachis gibt, ein Netzwerk aufbauen und Rechtekataloge sichern. Sobald die kritische Menge an verkauften Marschpat-Packages für Blasmusik erreicht ist, startet das Business Development bei Chören, Kirchen und Musikschulen – hier auch in Kooperation mit Partnern.

Was wird dabei mittelfristig für ein Kapitalbedarf entstehen?

Altrichter/Tröscher/Lehner: Der Kapitalbedarf liegt im für solche Projekte üblichen Rahmen. Letztlich wird es darauf ankommen, ob wir eher organisch wachsen wollen oder aggressiver und schneller in die Märkte gehen. Die Entscheidung hängt noch von mehreren Parametern ab. Jetzt steht einmal der erfolgreiche Marktstart im Fokus. Strategische Partner gibt es jedenfalls jede Menge, sie finden sich unter Musikinstrumentenherstellern, Musikrechteinhabern oder Hardwareproduzenten aber auch Mobile Operators, Cloudservice-Anbietern oder Smartphone-Herstellern.

Michael, Du bist nicht nur einer der aktivsten Business Angels des Landes sondern auch Startup-Beauftragter im Wirtschaftsministerium. Gibt es da mögliche Interessenskonflikte? Gibt es Dinge, die du früher für Startups machen konntest und jetzt nicht mehr?

Altrichter: Ich darf in meinen ehrenamtlichen Job als Startup-Beauftragter die Erfahrung aus über 40 Investments und mehreren eigenen Gründungen sowie Exits einbringen. Mein Ziel ist es, die Politik zu beraten. Das mache ich nicht alleine, sondern gleichberechtigt mit einem großen Team an Personen, allen voran Markus Raunig von AustrianStartups oder Lisa Fassl von der aaia und Female Founders. Kein Startup hat irgendeinen singulären Vorteil, nur weil ich Startup-Beauftragter bin – wie sollte das denn auch gehen? Alle Entscheidungen in der Sphäre von Verwaltung und Politik sind objektiviert, da gibt es keine Bevorzugungen. Insofern freue ich mich, dass ich weiterhin ein aktiver Business Angel und ein Berater und Vermittler sein werde.

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Das Zyglox-Team in Graz, in der Mitte die Gründer Jakob Moder (links) und Erik Gerstl (rechts). © Zyglox

Rund die Hälfte der Lifecycle-Kosten eines Zuges entfällt auf die Wartung, und davon wiederum mehr als die Hälfte auf Räder, Achsen und Fahrwerk, sagt Jakob Moder. Wie stark diese Bauteile im Betrieb tatsächlich belastet werden, wird bisher aber kaum gemessen. Der Grund ist simpel: Es fehlt an präziser Messtechnik, die im Dauerbetrieb einsetzbar ist. Das Grazer Startup Zyglox will das ändern.

„Die Eisenbahn ist nicht ins 21. Jahrhundert gekommen“

Der Name ist ein Wortspiel: Zyglox, gesprochen „Zügloks“, steht für Messtechnik für Züge und Loks. Dahinter stehen Jakob Moder und Erik Gerstl, die zuvor gemeinsam in der Messtechnik gearbeitet haben. Moder wechselte später in den Eisenbahnbereich und erlebte die Lücke dort aus der Praxis. Was es brauche, sei eine Lösung, „die das einerseits zuverlässig erkennt und gleichzeitig gut applizierbar ist“. Sein Urteil: „Bei der Usability ist die Eisenbahn nicht ins 21. Jahrhundert gekommen.“ Ende 2023 gründeten die beiden Techniker Zyglox in Graz.

Die bisherige Methode mit Dehnmessstreifen sei „einfach zu teuer“, erklärt Moder. Der Zug müsse dafür ein bis zwei Wochen zerlegt und instrumentiert werden, deshalb passiere das nur bei der Zulassung. „Das dauert ein Jahr, diese Technik reinzubringen, die Zulassung durchzuführen, und dann wird es wieder rausgenommen.“ Im laufenden Betrieb bleiben nur Beschleunigungssensoren, wie sie auch in jedem Smartphone stecken. „Das ist von der Datenqualität her ganz was anderes. Unser Sensor ist wie 4K, der Beschleunigungssensor liefert ein verpixeltes Foto von den Zuständen.“

Ein Sensor für Zulassung und Dauerbetrieb

Die Lösung von Zyglox lässt sich ohne größere Änderungen am Bauteil anbringen. „Wir haben eine Plug-and-Play-Lösung, die kann man einfach aufstecken“, sagt Moder. Ein Techniker braucht dafür laut Zyglox 30 Minuten. Der Sensor messe Dehnungen an Achsen, Wellen oder Schienen und liefere „gleiche oder bessere Daten als die Lösungen bisher“. Das Ziel ist ein Universalwerkzeug: genau genug für die Zulassung, aber so ausgelegt, dass es danach auf dem Fahrzeug bleibt und die Kräfte im Rad-Schiene-Kontakt dauerhaft erfasst. „Da gibt es ein großes Anwendungsfeld, denn damit wird auch die Infrastruktur überwacht“, so Moder.

Jeden Tag werden auf der Schiene hunderttausende Kilometer zurückgelegt. Zyglox will jeden davon nutzbar machen, um zu lernen, zu verbessern und vorherzusagen. Mit herkömmlichen Methoden war das Erfassen dieser Daten bisher zu teuer, zu langsam und zu aufwendig. © Zyglox

Physik aus dem Trafo, Sensoren aus dem Weltraum

Technisch nutzt Zyglox hochsensitive Magnetfeldsensoren aus der Raumfahrt, das Startup ist Teil eines Downstream-Programms der ESA. Das Prinzip erklärt Moder am Transformator: Der brummt, weil das Magnetfeld des Wechselstroms den Stahl minimal dehnt. „Und wir machen das Umgekehrte: Wenn sich der Stahl dehnt, ändert sich sein Magnetfeld in der Umgebung.“ Ein aktives Messverfahren berücksichtigt dabei den linearen Zusammenhang zwischen Belastung und Sensorsignal. Die Technologie ist patentiert, entwickelt und montiert wird in Graz.

Betreiber als Kunden, Wartung als Hebel

Als primäre Kunden sieht Zyglox die Bahnbetreiber, bei denen die Wartungskosten anfallen. Dazu kommt die Sicherheit: „Es gibt viele Vorfälle, die vielleicht nicht zu einem Unfall führen, wo man aber trotzdem sicherer und zuverlässiger unterwegs wäre, wenn man gutes Condition Monitoring hat.“

Ein kleines Pilotprojekt ist bereits abgeschlossen. Für 2027 ist der Einbau des Systems in Fahrzeuge im regulären Streckenbetrieb geplant, zunächst als Prototyp für einige Wochen Messung. Danach folgt die Zulassung. Ende 2027 soll daraus ein fertiges Produkt werden, erst dann könne die Skalierung beginnen, sagt Moder. An Interesse mangelt es nicht: „Wir können gar nicht alle Pilotprojekte machen“, weil Sensorentwicklung samt Software personalintensiv sei. Ende September zeigt das Team den Prototyp auf der InnoTrans in Berlin, der größten Messe für Schienenfahrzeuge.

Mit aws Preseed und aws Seed vom Effekt zum Produkt

Finanziert hat sich Zyglox bisher aus eigenen Mitteln und über die Austria Wirtschaftsservice (aws). Mit aws Preseed, konkret im Programm „aws Preseed | Seedfinacing – Deep Tech“, hat das Startup die ersten eineinhalb Jahre an der Sensortechnologie getüftelt. „Es hat uns die Möglichkeit gegeben, eine Idee, die bereits validiert war, einfach zu erproben. Einfach Zeit zu haben, weil Hardware dauert ein bisschen, etwa Prototypen zu iterieren“, sagt Moder. Es sei vor allem darum gegangen, „sicherzustellen, dass das dann ein Produkt werden kann“. Seit Mitte 2025 ist Zyglox im Seed-Programm der aws, das voraussichtlich bis Anfang 2028 läuft. Das Team ist inzwischen auf rund sieben Personen gewachsen. Für die Skalierungsphase im kommenden Jahr will sich das Startup nach Investoren umsehen: „Wenn eine Bestellung eintritt oder größer wird, werden wir das mit den aktuellen Mitteln wahrscheinlich nicht mehr stemmen können.“

Standortvorteil Graz

Den Standort Graz sieht Moder als klaren Vorteil: Siemens fertigt hier Fahrwerke, dazu kommen Messdienstleister, Prüfstandbauer und Nextsense. Zyglox sitzt direkt am Campus der TU Graz, mit Zugang zu Prüfständen der Universität und Maschinen der voestalpine. „Die gesamte Infrastruktur ist einzigartig“, sagt Moder. „Im Silicon Valley könnten wir das Produkt wahrscheinlich nicht entwickeln, in Österreich geht es besser. Das ist eigentlich ein bisschen verrückt, aber wir haben hier die optimalen Bedingungen.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienkooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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