14.09.2023

Lotuscrafts: „Wir dachten, die Yoga-Leute werden auf Amazon nichts kaufen“

Yoga-Matten und Meditationskissen: Mit Bootstrapping baute Wolfgang Fuchs seine Marke Lotuscrafts auf. Warum sich für ihn Amazon und Yoga nicht widersprechen
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Yoga ist seit Jahren Trend. Wolfgang Fuchs erkannte ihn früh. Foto: (c) Lotuscrafts
Yoga ist seit Jahren Trend. Wolfgang Fuchs erkannte ihn früh. Foto: (c) Lotuscrafts

Im Büro von Lotuscrafts in der Wiener Josefstadt öffnet Wolfgang Fuchs die Tür. Sonst ist niemand da, denn die Mitarbeiter:innen arbeiten heute remote. Ein paar befinden sich sogar im Ausland. Dabei ist es fast schade – es ist ein schönes Büro mit hellen Räumen und Parkblick. Viel ist nicht öffentlich bekannt über das Wiener Unternehmen, das Yoga-Zubehör verkauft. Aber Yoga-Begeisterte kennen die Produkte von Lotuscrafts meistens. Wer auf Amazon nach „Meditationskissen“ oder „Yogamatte“ sucht, stößt schnell auf die Marke Lotuscrafts, viele Yoga-Studios verwenden die Produkte, auf denen eine große Lotusblüte prangt.

Brainstorming in indischem Yoga-Retreat

Die Lotusblüte stach dem Unternehmensgründer in Indien ins Auge, die er dort überall sah. Sie stehe für Reinheit, Schönheit und Spiritualität, erklärt er im brutkasten-Interview. „Crafts“ stehe wiederum für die Wertschätzung des Handwerks – für Haptik und qualitätsvolle Materialien. Nachhaltigkeit und eine gewissenhafte Produktion spielen bei dem Wiener Unternehmen eine wesentliche Rolle.

Wolfgang Fuchs gründete Lotuscrafts 2011. „Die Geschichte ist nicht ganz geradlinig“, meint er. Seine ersten beruflichen Erfahrungen machte er nach seinem BWL-Studium beim Henkel-Konzern. „Ich bin unfreiwillig gegangen und dachte dann, dass ich was Eigenes machen will“, erklärt Fuchs. Für ein Sabbatical zog er sich nach Indien in einen Yoga-Ashram zum Nachdenken zurück – „am Fluss Ganges, dort, wo er noch ganz kühl und klein ist“, erzählt er. Danach arbeitete er zunächst als Yogalehrer und verkaufte Yoga-Artikel über einen Webshop.

Wohnzimmer-Bastelwerkstatt

In seinem Wiener Wohnzimmer saß Fuchs dann und befüllte sein erstes Produkt – ein Meditationskissen mit Dinkelspelz. Die Hüllen dafür lässt er bis heute in Indien nähen. „Da lagen dann bei mir noch jahrelang irgendwo in den Ecken die Spelzen herum“, erzählt er über diese erste Phase seines Unternehmens.

Ab dem ersten Tag eröffnete er parallel dazu auch einen Onlineshop auf Amazon Marktplatz. „Das war der Kick-Start“, so Fuchs. „Davor habe ich bereits gelernt, dass es aus Österreich fast unmöglich ist, Onlinehandel zu betreiben“, erläutert er. Der Versand nach Deutschland sei zu teuer gewesen. Das Fullfillment-by-Amazon-Programm (FBA) war sein Erfolgsrezept, weil er Lagerung und Versand durch Amazon abwickelte. „Für Österreich war das ein spannendes Geschäftsmodell, weil die Versandkosten sehr günstig waren“, so der Gründer. Geschäftsmodell und Produkt hätten zum Zeitpunkt gepasst, erzählt Fuchs.

Bootstrapping und organisches Wachstum

„Lotuscrafts ist dann organisch Schritt für Schritt gewachsen“, erklärt Fuchs. Aus dem Stoff für die Meditationskissen ließen sie irgendwann auch Yoga-Taschen herstellen, 2013 folgte die erste Yogamatte. Die nächsten Jahre erfolgten Anpassungen. „Es war dann immer ganz klar, was das nächste aufgelegte Ding ist – etwa Yoga-Blöcke aus Kork, die jeder braucht“, erklärt Fuchs.

Finanziert wurde Lotuscrafts von Anfang an aus den finanziellen Mitteln von Fuchs. „Am Anfang war ich ein bisschen naiv: Ich habe eine große Menge an Kissenbezügen bestellt und sogar Seefracht bezahlt“, erinnert sich Fuchs heute an die Anfangsphase. 10.000 Euro kostete die erste Bestellung in Indien. „Das war unsere größte Investition“, erinnert sich Fuchs. Privat Erspartes und die Teilnahme an einem Gründerprogramm mit Kleinkreditfinanzierung bildeten den Grundstein dafür. „Von da weg hat es eigentlich organisch funktioniert – bis heute“, erzählt Fuchs.

100 Prozent der Unternehmensanteile

Investor:innen wollte sich Fuchs nie in sein Unternehmen holen. Auch, weil er Lotuscrafts nicht als Startup sieht – die Hebel seien im E-Commerce nicht groß genug: „Du brauchst diesen Runway. Bei uns gibts diesen Runway nicht direkt, weil der Cashflow immer da ist“, erklärt er.

In einem speziellen Jahr sei Lotuscraft um 60 bis 70 Prozent gewachsen. „Das geht sich mit Bootstrapping aber organisch gar nicht aus“, erklärt Fuchs. Er musste dann einen Kredit aufnehmen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Im Laufe der Zeit habe es zwar auch Gespräche mit Investor:innen gegeben, aber für Fuchs war ihr Einstieg keine Option. „Eine Vielzahl waren Aggregatoren, die sich die Marke einverleiben wollten“, erklärt Fuchs.

Zeiten von Unsicherheit, Konsolidierung und Umsatzverluste werden noch schwieriger, wenn Investoren oder andere Stakeholder drin sind, die dann vielleicht Druck machen.

Wolfgang Fuchs, CEO von Lotuscrafts

Im Grunde behält er auch gerne auch die Kontrolle – das ist ihm deutlich anzumerken. Bis jetzt gehören 100 Prozent der Unternehmensanteile ihm. „Es ist eine bequeme Position, alle Anteile zu haben“, erklärt Fuchs. „Wir hatten einen Corona-Boom, aber dann auch eine Flaute. Zeiten von Unsicherheit, Konsolidierung und Umsatzverluste werden noch schwieriger, wenn Investoren oder andere Stakeholder drin sind, die dann vielleicht Druck machen“, erklärt Fuchs. Mittlerweile sei es für ihn aber auch „kein Tabu“ mehr, Anteile zu verkaufen.

Vor FBA-Hype auf Amazon

„Gleich am ersten Tag gab es auf Amazon Verkäufe“, erzählt Fuchs. Er sei zur rechten Zeit auf der Plattform aktiv geworden – noch vor dem FBA-Hype in Amerika, ein Geschäftsmodell, das erst später boomte, mit Billigprodukten aus China, ohne eigenes Lager. Aber Lotuscrafts war mit seinen Qualitätsprodukten schon vorher da. „Wir haben von Tag eins den Content und das Angebot auf Amazon optimiert“, erzählt Fuchs. Sie haben den Content von Anfang an für Amazon angepasst. Wenn Amazon neue Programme anbot, z.B. für bestimmte Werbeformen, nahmen sie gleich teil, sie lernten, wie sie den Algorithmus pushen können: Nachfrage und Conversion Rate.

„Die Konkurrenz ist angewachsen, aber wir hatten den First-Mover-Vorteil“, erklärt Fuchs. Aber die Anpassung sei nicht immer einfach gewesen: „Oben sind vielleicht zwei Produkte, die sich sehr gut verkaufen, dann fällt die Kurve stark ab und die unten verkaufen zu wenig. Dort hinaufzukommen, ist immer schwieriger geworden“, meint Fuchs. Denn Lotuscrafts konkurriere mit Billigprodukten aus China. Mittlerweile seien sie bei den Matten nicht mehr so weit vorne, bei den Blöcken und Kissen aber immer noch in führender Platzierung. „Unser ultimatives Ziel ist es ein Massenprodukt zu sein, aber es besser und ökologischer zu machen, gleichzeitig aber oben bei Amazon mitzumischen“, sagt Fuchs.

Erster Popup-Store

Mittlerweile liege der Fokus jedoch stärker auf dem eigenen Onlineshop. Jetzt eröffnet Lotuscrafts sogar seinen ersten physischen Popup-Store. Dem B2C-Modell will Fuchs jedoch treu bleiben, da es große Flexibilität ermögliche.

Mittlerweile konzentriert sich Lotuscrafts vor allem auf den DACH-Raum, nachdem sich Expansionsversuche in andere Länder als schwierig erwiesen hatten. Abgesehen davon sei Italien ihr größter Markt, erklärt Fuchs. „Ich sehe, dass im E-Commerce der Trend eher ist, zu konsolidieren und sich eher auf die Heimatmärkte zu spezialisieren. Da hat man auch noch immer genug zu tun und genug zu machen“, glaubt er.

„Was wir jetzt austesten, ist zum ersten Mal ein physisches Geschäft zu machen. Und das ist eher etwas, was fast wieder diesen lokalen Charakter widerspiegelt“, so Fuchs. „Im Sporthandel sind in den letzten Jahren sehr starke Nischen entstanden. Im Fahrradbereich gibt es eigene Geschäfte, die nur Rennräder oder E-Bikes verkaufen. Die Sporthändler schaffen es nicht, diese Breite abzudecken. Es gibt dann 50 Fahrräder, die niemanden interessieren, weil jeder irgendwas ganz Billiges oder Teures oder Spezielles haben will. Im Sporthandel hat sich auch Yoga nie als Ecke etabliert, dafür ist es wieder zu klein“, erklärt er.

Amazon schreckt Yogis moralisch nicht ab

Yoga ist aufgrund seiner Herkunft stärker mit moralischen Fragen verbunden, als andere Sportarten. Amazon steht hingegen moralisch immer massiv unter Kritik – Stichwort Marktdominanz, Ausbeutung von Mitarbeiter:innen.

Fuchs steht dem US-Konzern jedoch bis heute positiv gegenüber. „Amazon hat uns damals die Chance gegeben, als kleine Marke Reichweite zu kriegen“, meint er. „Wir dachten, die Yoga-Leute werden auf Amazon nichts kaufen. Aber der Bedarf ist da. Wir bieten ein schönes Produkt an und nicht irgendeinen Schrott“, erklärt Fuchs.

Wir dachten, die Yoga-Leute werden auf Amazon nichts kaufen. Aber der Bedarf ist da.

Wolfgang Fuchs, CEO von Lotuscrafts

Die Marktdominanz des IT-Konzerns stört ihn persönlich am meisten. Kleinen Marken wie Lotuscrafts hätte die Plattform jedoch erhebliche Reichweite verschafft. Das passt zu seinem Unternehmen: „Unsere Firmenvision ist es, mit Yoga möglichst viele Menschen zu erreichen“.

Amazon ist gut zu Unternehmer:innen

Mit der Präsenz auf Amazon gehe das Unternehmen transparent um, die Sachen würden dort schließlich auch gekauft, meint Fuchs. „Erstaunlicherweise ist der Gegenwind gering. Es ist eine Tatsache, dass die Yoga-Sachen auf Amazon gekauft werden“, so der Gründer. Amazon beherrsche einen großen Marktanteil vom Yoga-Markt. „Ich als Unternehmer habe mich von Amazon immer extrem gut behandelt gefühlt“, fügt Fuchs außerdem hinzu. Denn Amazon nehme seine User:innen im Gegensatz zu anderen Plattformen ernst.

Fuchs ist selbst nach wie vor praktizierender Yogi – angefangen hat er in den 2000er Jahren. „Meine erste Yoga-Stunde war ein AHA-Erlebnis, ich war voll geflasht“, meint er. Das neue Erlebnis und Körpergefühl haben es ihm angetan und er blieb dabei. Auch wenn Fuchs mittlerweile meistens andere Trainingsformen bevorzugt – einmal pro Woche gehört Yoga auch zu seinem Training, genauso wie die Meditation, die er auch noch regelmäßig macht.

Wolfgang Fuchs gründete Lotuscrafts 2011. Foto: (c) Lotuscrafts

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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) brutkasten / Dervisevic
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Nach mehreren Karrierestationen bei großen Tech-Unternehmen kehrte der Österreicher Andreas Klinger während der Coronakrise aus dem Silicon Valley nach Europa zurück. Mittlerweile zählt er mit seinem Fonds Prototype zu den einflussreichsten Deeptech-Investoren des Kontinents und kämpft mit der Initiative „EU Inc.“ für einen geeinten europäischen Markt. Im Interview spricht er darüber, worauf er bei Investments schaut, über Robotics als Europas Chance, die Schwächen des EU-Inc.-Entwurfs – und darüber, warum die EU für ihn nur ein „Debattierklub“ ist.


brutkasten: Dein Fonds Prototype wurde kürzlich von 20VC als zweitbester Microfund Europas genannt. Du selbst wurdest von Dealroom unter die Top 30 der „Most Influential People in Deeptech in Europe“ gelistet. Was ist dein Erfolgsrezept?

Andreas Klinger: Glück. Glück in der Karriere zu haben würde ich auch jedem empfehlen.

Du sprichst deine Karriere an: Du warst beispielsweise CTO von Product Hunt. Wie hilft dir das, was du zuvor gemacht hast, jetzt als Investor?

Fast alle Stationen in meiner Karriere – egal ob als Founder, bei Product Hunt, AngelList oder On Deck – haben mir eine sehr gute Metaperspektive auf Startups gegeben. Also nicht nur auf eine spezifische Branche, sondern auf Startups als eigene Gesamtmechanik, oder wie man in der Ökonomie sagen würde: wie man Hochrisiko-Investments in der Innovation Economy macht. Diese Metaperspektive gibt mir einen gewissen Vorteil, den der typische Investor nicht hat. Wobei ich der starken Überzeugung bin, dass der typische Investor keine Benchmark sein sollte. VC folgt dem Power Law, genauso wie Startups. Du konkurrierst nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den oberen zehn, fünf oder einem Prozent und das auf globaler Ebene.

Du bist mittlerweile zu einer sehr starken Stimme für Europa geworden. Bevor wir über dein Engagement für die „EU Inc.“ sprechen: Wie ist der Beschluss gefallen, es in Europa mit einem eigenen Micro-VC zu versuchen?

Ich bin aktiv geworden, weil ich mitbekommen habe, wie immer mehr meiner amerikanischen Kollegen und Freunde sehr abfällig über Tech in Europa und generell über Europa geredet haben. Das Problem dabei war: Die Hälfte der Dinge, die sie gesagt haben, schwankte irgendwo zwischen Propaganda, Misinformation oder absolut schwachsinniger Simplifizierung. Die andere Hälfte hat aber leider ziemlich gestimmt. In Europa hast du durch den kleineren Markt echte Nachteile. Viele denken, Europa sei ein Riesenmarkt, aber das stimmt nicht, weil alles in Silos fragmentiert ist. Du agierst nicht auf europäischer Ebene, sondern auf österreichischer oder slowenischer Ebene. Die einzelnen Märkte können nicht mit Amerika oder vor allem mit China konkurrieren.

Skalierung ist hier ein reales Problem. Wenn du in deinem eigenen Land viele große Kunden hast, ist es leichter, groß zu werden. Ob wir das in Europa mit den verschiedenen Sprachen jemals lösen können, ist eine Frage, aber das Problem besteht eben auch auf Investorenseite. Wenn du als Startup von Tag eins an mit China und Amerika konkurrierst, summiert sich jeder kleine lokale Nachteil.

Aus der Grundidee heraus, dass wir paneuropäische Lösungen für paneuropäische Probleme brauchen, ist mein Engagement entstanden. Bei EU Inc. geht es zum Beispiel darum, wie man Corporate Investments und Stock Options auf paneuropäischer Ebene in einen Standard gießen kann, der groß genug ist, sodass jeder Investor auf der Welt mit drei Klicks mitmachen kann, ohne erst herausfinden zu müssen, wie das Rechtssystem in Slowenien funktioniert und ob der lokale Anwalt überhaupt Ahnung von Startups hat. In der Praxis macht das sonst niemand, weniger als 18 Prozent der Frühphasen-Investments sind paneuropäisch.

Vor einiger Zeit wurde der EU-Inc.-Verordnungsentwurf der EU-Kommission veröffentlicht. Du warst nicht ganz zufrieden damit. Was ist gut gelungen und wo muss man nachbessern?

Sehr spannend ist, dass die Kommission den Ansatz nach unserem Projekt benannt hat. Das Proposal selbst ist aber nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung. Das Hauptproblem: Weil die EU Angst vor einem einstimmigen Votum hat – das leider für alle großen Dinge in Europa nötig ist –, haben sie eine Art Workaround entwickelt. Sie sagen: Es bleibt alles national, aber es wird alles genau gleich aufgebaut. In der Praxis heißt das: Du hast zwar dieselbe rechtliche Entität in jedem Land, aber die Gerichtshöfe und Firmenbücher bleiben lokal. Es ist zwar toll als administrative Harmonisierung, aber wenn ich wirklich schnell 100 Millionen in eine Company investieren will, brauche ich absolute rechtliche Klarheit.

Der Gesetzgebungsprozess passiert erst jetzt. Was ist in den nächsten Schritten noch möglich, um Verbesserungen zu erzielen, und was ist der Plan B?

Grundsätzlich gibt es zwei Pfade. Der eine: Man repariert den jetzigen Vorschlag, indem man ein zentralisiertes Firmenbuch und einen zentralisierten Gerichtshof einführt. Das könnte man theoretisch sogar komplett optional gestalten, ähnlich wie beim Patentrecht. Plan zwei ist ein Neustart: Man versucht es noch einmal als echtes 28th Regime mit den korrekten EU-Artikeln, aber nicht über ein einstimmiges Votum, sondern über die sogenannte Enhanced Cooperation – ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird. Mindestens neun Länder müssen dafür an Bord sein.

Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht? Die Spieltheorie macht das für die einzelnen Staaten sehr schwierig, weil zwar alle sagen, sie wollen mehr Europa, in Wahrheit aber niemand Kompetenzen abgeben möchte. Das ist die Grundfrage unserer Generation: Werden wir ein starker, vereinter Block wie die USA oder bleiben wir einzelne Länder mit ein paar Handelsbeziehungen wie in Lateinamerika? Letzteres wird von größeren Akteuren wie China und den USA sehr stark gegeneinander ausgespielt.

Du hast nun auch Erfahrungen als eine Art Insider in der EU-Politik gesammelt. Wie war das für dich persönlich?

Ich nehme daraus vier Learnings mit. Das erste: Die Kommission wird von den Mitgliedsstaaten gerne als „Shadow Government“ dargestellt – „die Bösen in Brüssel, die uns Dinge aufzwingen“. In Wahrheit liegt die gesamte Entscheidungsmacht bei den Mitgliedsstaaten. Alle Erfolge werden gerne national verbucht, alles Furchtbare ist europäisch.

Das zweite Learning: Der Job eines Politikers ist nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Man denkt oft, man müsse nur die richtige Information zur richtigen Entscheidungsperson bringen und dann wird das Problem gelöst. Aber das Problem ist nicht, dass Politiker nicht zuhören. Sie hören Tausende Dinge, die sich widersprechen, von Leuten mit völlig verschiedenen Incentives. Der Job in der Policy-Arbeit besteht nicht darin, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, sondern Signal versus Noise zu filtern und komplexe Probleme zu simplifizieren. Drittens besteht die Aufgabe von Politikern darin, Momentum wahrzunehmen und abzugleichen, wo wirklich Bewegung herrscht.

Und mein letztes Learning: Wenn du aus einem Meeting mit einem Politiker gehst und das Gefühl hast, du wurdest gehört, war es oft ein schlechtes Meeting. Ein guter Politiker gibt dir nämlich immer das Gefühl, gehört worden zu sein. Produktiv war das Meeting erst, wenn du wirklich die internen Probleme der anderen Seite verstanden hast. Wenn man in einem Startup arbeitet und überlegt, in die Politik zu gehen, ist mein Haupttipp ohnehin: Lass es. Du hast wahrscheinlich mehr politischen Einfluss, wenn du eine Company baust, die Millionen oder Milliarden an Umsatz macht.

Um auf deinen Fonds Prototype zurückzukommen: Bei all den Herausforderungen investierst du dennoch in europäische Startups…

Wir investieren aus zwei Gründen in Europa. Erstens, weil Europa die nächsten großen BIP-treibenden Unternehmen hervorbringen muss, sonst sind wir weg vom Fenster. Zweitens, weil der Markt extrem unterschätzt wird. Wir sind in Europa Weltmeister in Hardware, Maschinenbau und Robotics, verkaufen uns aber ständig unter Wert. Wenn du den besten Roboter für eine Industrie baust, is es dem Kunden völlig egal, ob er aus China, den USA oder Europa kommt – solange es wirklich der beste Roboter der Welt ist.

Wir investieren daher sehr aggressiv in Themen, in denen Europa stark ist und die wir auch strategisch behalten müssen. Robotics erlebt gerade eine unglaubliche Entwicklung, eine Art „ChatGPT-Moment“, wo auf einmal Dinge möglich werden, die vorher unvorstenbar waren. Gerade in der CEE-Region, von Slowenien über Österreich bis in die Schweiz und nach Süddeutschland, haben wir wahrscheinlich eines der besten Machinery- und Manufacturing-Netzwerke der Welt.

Was sind die Schlüsselmerkmale, auf die du bei Gründer:innen schaust, wenn du dich für ein Investment entscheidest?

Da ich sehr früh investiere, ist die Entscheidung stark auf die Founder fokussiert. Es gibt für mich zwei zwingende Dinge, die überraschend selten vorkommen. Das erste ist Obsession. Ich empfehle technischen Foundern oft, anfangs gar nicht so sehr über das Business-Modell nachzudenken, sondern sich wirklich obsessiv in ein Thema reinzutigern und darin zu den besten zwei Prozent in einer Region zu gehören.

Das zweite ist „Bias to Action“, also ein starker Drang zur Umsetzung. Wir haben leider eine Gründerkultur, die extrem auf Pitch-Decks, Competitions, Acceleratoren und Startup-Programme fokussiert ist. Das ist alles Bullshit. Was du als Gründer brauchst, ist die Fähigkeit, in kürzester Zeit möglichst weit voranzukommen. Wir neigen zu einer Intellektualisierung des Ganzen – man sucht nach der perfekten Idee, anstatt einfach Traction aufzubauen. Es bringt nichts, ein Pitch-Deck zu schreiben, bevor man mit Kunden geredet hat. Sprich mit 50 Kunden, hol dir die Aufträge: und wenn du nicht mehr nachkommst, such dir das Investment für diese große Opportunity.

Eine klassische Abschlussfrage: Wie optimistisch blickst du in die Zukunft – als Investor, aber auch bezogen auf Europa?

Ich glaube, Europa steht jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen uns in einer Welt von Giganten entscheiden: Sind wir ein Gigant oder nur ein Netzwerk von guten Ländern? In Industrien, die dem Power Law folgen, bedeutet Marktdominanz alles – der Unterschied zwischen gut und großartig kann ein Faktor von eins zu hundert sein.

Es ist erschreckend, wie viele Zukunftsindustrien in Europa aktuell schon abgeschrieben werden. Wenn man in Brüssel redet, sagen viele, bei KI könnten wir ohnehin nicht mehr mithalten. Meiner Meinung nach ist das Blödsinn. Aber im aktuellen Setup, wenn wir als Europa nicht geeint auftreten, können wir tatsächlich nicht mithalten. Das Problem ist, dass diese Industrien die Zukunft sind. Aus Software wurde Cloud, aus Cloud wurde AI, aus AI wird nun Physical AI beziehungsweise Robotics. Mittlerweile zahlt jede Firma eine Art „ChatGPT-Steuer“. Wir können aber nicht ewig nur reine Kunden bleiben. Früher oder später müssen wir selbst Premium-Unternehmen haben, die Marktrelevanz besitzen, sonst sind wir geostrategisch einfach weg vom Fenster. Tech-Strategie und Geopolitik wachsen heute sehr stark zusammen.

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