03.05.2022

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

Die Startup-Beauftragte und Female Founders-Gründerin Lisa Fassl im Interview zum Fortschritt bei den politischen Maßnahmen und den Ergebnissen des Austrian Startup Monitor.
/artikel/lisa-fassl-interview-rwr-karte-flexco-beteiligungsfreibetrag
Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl spricht Klartext
Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl | (c) Microsoft

Der vergangene Woche veröffentlichte neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte stieß auf verhaltenes Feedback. Die Zahlen des aktuellen Austrian Startup Monitor zeigen, dass sich ein in der Startup-Szene vielfach erhoffter Corona-Push statistisch nicht belegen lässt und es eine Stagnation im Bereich Female Entrepreneurship gibt. Im großen Interview äußert sich Lisa Fassl, Female Founders Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, spricht im Interview über Hoffnungsschimmer in der Startup-Politik, bereits „100.000 mal“ gesagte Dinge und eine Gründerinnen-Statistik, die „zum Heulen“ ist.


Der lange erwartete neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte ist vergangene Woche gekommen. Das allgemeine Feedback war noch nicht euphorisch. Was sagst du dazu?

Lisa Fassl: Es ist sehr gut, dass es beim Thema Bewegung von der ÖVP-Seite gegeben hat. Die angesprochenen Punkte sind relevant. Die Frage ist aber: Bedeutet das auch eine Erneuerung der Prozesse und dass es tatsächlich schneller geht? Eine Prozess-Erleichterung bedeutet noch nicht automatisch eine Prozessbeschleunigung. Darauf müssen wir ein Auge behalten. Ohne Frage sind die Prozesse überholungsbedürftig, aber es scheitert in vielen Fällen eben am kritischen Faktor Zeit – auf Seite der Unternehmen genau so wie der potenziellen Mitarbeiter:innen. Noch ist es ja nur ein Begutachtungsentwurf. Es kann also noch viel passieren.

Was ich sehr spannend finde ist, wie es der Markt wieder einmal schafft, die Dinge selber zu regeln. Da gibt es die beiden Unternehmen, die das in die Hand genommen haben und auch die Austrian Business Agency ABA macht einen hervorragenden Job, die Situation für die betroffenen Personen und Unternehmen schnell zu lösen und im bürokratischen Wirrwarr zu helfen. Es ist natürlich interessant, dass man solche Institutionen überhaupt braucht, weil es der Staat so komplex macht.

Beim Thema Rot-Weiß-Rot-Karte stehen wir natürlich vor der zusätzlichen Komplexität, dass sie nicht im Entscheidungsbereich von einem oder zwei Ministerien liegt, was schon nicht ganz trivial ist, sondern tatsächlich sehr viele Player:innen mitmischen. Was ich wie gesagt sehr positiv sehe ist, dass die ÖVP als Partei, die sich mit Migration schwer tut, sichtlich bewegt. Es ist ein Thema, das weit über die Startup-Szene hinausgeht und ich bin positiv überrascht, dass die Wichtigkeit erkannt wurde und es tatsächlich viel konstruktive Diskussion gibt.

Der aktuelle Austrian Startup Monitor ist kürzlich veröffentlicht worden. Die Zahlen sind teilweise nicht berauschend. Was ist aus dem Corona-Push geworden?

Die Hoffung, dass es diesen Push gibt und wir die Phase des Umbruchs nutzen, um endlich in die Gänge zu kommen und Österreich in der pan-europäischen Startup-Community besser zu positionieren, war sicher groß. Tatsächlich haben wir das nicht geschafft, wie man an den Zahlen aus dem Startup Monitor sieht. Wir haben den Speed, den andere Ökosysteme bei Wachstum, Finanzierung un Anzahl der Gründungen haben, nicht. Und – das wiederhole ich jetzt gefühlt zum 100.000sten Mal – das hat auch mit einer inkonsequenten Startup-Politik zu tun. Sie ist im Regierungsprogramm verankert, aber man wartet auf Maßnahmen. Das einzige, was in den vergangenen Jahren tatsächlich umgesetzt worden ist, ist der Covid-Startup-Hilfsfond. Und auch dazu gibt es sowohl positive als auch kritische Stimmen.

Ich glaube also, das es tatsächlich ein hausgemachtes Problem ist und dass wir schneller wachsen könnten, wenn es entsprechende Maßnahmen gäbe. Glücklicherweise gibt es unsere zwei Unicorns direkt aus der Startup-Szene und dann noch ein paar weitere, die in anderen Reports aufscheinen, die uns in der internationalen Betrachtung ein wenig herausreißen. Aber insgesamt ist das kein Grund uns darauf auszuruhen, dass wir eh schon super unterwegs sind.

Laut Austrian Startup Monitor stagniert auch die Zahl der Gründerinnen weiterhin. Ist das für dich als Female Founders-Gründerin ernüchternd?

Ehrliche Antwort: Es ist in Wirklichkeit zum Heulen. Das Problem ist erkannt und die Benefits von Geschlechter-Diversität sind erfasst. Dass sich dann trotzdem so wenig ändert, dass so wenige Leute nachkommen und dass der Startup-Sektor noch immer nicht so attraktiv ist, wie er sein könnte, ist öd. Das Potenzial ist ja da. Nüchtern-ökonomisch betrachtet haben wir ein Marktversagen. Denn jede Statistik besagt, dass Diversität essenziell für den Erfolg von Unternehmen ist und diverse Teams besser performen, aber der Markt bekommt es offensichtlich nicht auf die Reihe, etwas dafür zu tun.

Man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen.

Die Konsequenz für so ein Marktversagen müsste staatliche Intervention sein. Ich habe das Gefühl, das kommt jetzt, weil sich Ministerin [Anm. Margarete] Schramböck das Thema Female Entrepreneurship stark auf die Agenda geheftet hat. Eine erste konkrete Maßnahme gibt es schon: Die AplusB-Zentren, die ja ein wichtiger Player in der Szene sind, müssen in der kommenden Förderperiode einen Schwerpunkt auf die Förderung von Female Entrepreneurship setzen. Und dabei haben sie ganz klare KPIs, die sie erfüllen müssen. Die nächste Maßnahme, die es in Wien bereits gibt, sind finanzielle Incventives für diverse Teams, vor allem im Rahmen von Förderungen. Es wird nun auch zwei Reports zum Thema Female Investing geben – einen vom Wirtschaftsministerium und einen vom Klimaschutzministerium. Auch das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ansonsten braucht es, wie bei so vielen Dingen, basisstrukturelle Maßnahmen. Wir diskutieren 2022 noch immer über Themen wie Betreuungsleistungen. In Wien stehen wir halbwegs gut dar, aber außerhalb ist es oft eine Katastrophe und einem zentraleuropäischen, vermögenden Land nicht würdig.

Ich habe übrigens nur mehr 20 Minuten, weil ich die Kinder um zwölf vom Kindergarten holen muss. [Anm. in Niederösterreich]

Das solltest du im Interview drinnen stehen lassen. Das ist ein guter Punkt. Das Thema sollte nämlich nicht nur Frauen betreffen, sondern beide Elternteile. Ich weiß schon, es ist ein wahnsinnig unbeliebtes Thema und wahrscheinlich gerade in der Koalition, wie wir sie jetzt sehen, schwierig umzusetzen, aber man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen. Man könnte ein Statement setzen, dass Betreuung nicht auf einer Person lastet, sondern tatsächlich etwas ist, dass man sich aufteilen kann. Und dass sich viele Paare besser aufteilen wollen würden, es aber aus strukturellen, finanziellen Aspekten nicht sinnvoll wäre, das zu tun.

Auch da gibt es offensichtlich ein Marktversagen. Meine Empfehlung wäre anpacken. Dahinter steht natürlich, dass es viele tendenziell weibliche Berufe, etwa in der Kinderbetreuung oder im Gesundheitsbereich gibt, die massiv unterbezahlt sind. Das ist absurd, weil das gesellschaftlich so relevante Berufe sind, die mehr Impact haben, als manche Management-Positionen.

Zurück zur allgemeinen Startup-Politik: Was ist jetzt, wo die Corona-Maßnahmen scheinbar wirklich vorbei sind, aus deiner Sicht die wichtigste Startup-Maßnahme?

Ich muss mich schon wieder wiederholen. Es hat sich, seit wir das letzte mal geredet haben, nichts geändert. Es wäre wohl auch sehr überraschend, wenn mir seitdem zehn neue Maßnehmen eingefallen wären, die die Startup-Szene unbedingt braucht. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis sich etwas tut – auch wenn es das letzte ist, was ich tu: Wir brauchen eine Veränderung im Gesellschaftsrecht. Wir brauchen eine gute Regelung für die Mitarbeiter:innenbeteiligung. Und wir brauchen einen Beteiligungsfreibetrag.

Letzteres ist besonders wichtig, denn wir brauchen eine Möglichkeit, abseits von staatlichen Mitteln, Innovation zu finanzieren. Weil das Geld ist in Österreich ja da. Aber wir haben ein Riesen-Problem, wenn es um dessen Verteilung geht – und am Ende des Tages generell um unseren Zugang zu diesen Themen. Es wäre extrem naheliegend und letztlich auch sehr einfach, etwas davon einzuführen, wenn es den politischen Willen gäbe. Ich habe Hoffnung auf das angekündigte Gründungspaket, im Rahmen dessen es angeblich Maßnahmen in genau diesen Bereichen geben soll – eigentlich heißt es Gründerpaket, aber ich erlaube mir, einen genderneutralen Begriff zu nutzen.

Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann.

Es geht für mich um die großen Fragen: Wie soll es in der Zukunft langfristig aussehen? Wie schaffen wir es als Gesellschaft, gut und friedlich zusammenzuleben, was in diesen Zeiten nochmal besonders relevant scheint? Und wie schaffen wir es, Innovation und damit Arbeitsplätze am Standort zu halten, und somit das soziale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten? Ich glaube, dass Startups hier eine riesige Rolle spielen können – sonst würde ich das alles nicht machen. In der Umfrage zum Austrian Startup Monitor wurden 10.000 neue Jobs von Startups für dieses Jahr angekündigt. Das könnte nochmal um einen ordentlichen Faktor mehr sein, wenn es das Commitment dazu gäbe.

Meine Quintessenz ist also: Machen wir etwas für die wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Zukunft des Landes, oder machen wir nichts? Manchmal habe ich das Gefühl, wir machen nichts und warten ab, weil „wir sind eh nicht so schlecht, wie der Rest“. Aber die goldenen Zeiten sind wahrscheinlich vorbei. Diese Ausrede gilt in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr.

In letzter Zeit wurden, wie du gesagt hast, mehrere Maßnahmen angekündigt und Entwürfe geliefert, aber noch nichts wirklich realisiert. Was ist das Feedback, dass du aus der Szene wahrnimmst?

Es wundert mich, dass man immer mehr enttäuscht und ernüchtert sein kann, aber bei der Startup-Community ist das tatsächlich der Fall. Es geht schon zu lange gar nichts weiter und in den vorgelegten Entwürfen werden die Kern-Forderungen nicht erfüllt. Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann und es geht vielfach um Kompromisse. Aber in der Szene fragt man sich: Warum werden politische Entscheidungen – und da spreche ich explizit nicht nur über die FlexCo – ständig auf Kosten von Zukunft, Innovation und jungen Menschen getroffen, um Strukturen weiterzufinanzieren, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das Unverständnis wird immer größer. Und ich sehe Leute, die aus diesem Grund mit ihrem Business das Land verlassen. Sie glauben nicht mehr daran, dass wir das bewältigen können.

Das Justizministerium ist extrem konstruktiv.

Da mache ich mir schon Sorgen und frage mich, ob in der Politik die Komplexität dieser Probleme erkannt wird. Man sieht Maßnahmen wie FlexCo, Beteiligungsfreibetrag und Mitarbeiter:innenbeteiligung als seperate Dinge und glaubt, wenn man eines davon umsetzt, ist die Welt gerettet und die Startup-Szene wird blühen und wir werden Millionen von Startups haben, die alle zum Unicorn werden. Das stimmt einfach nicht. Es gibt ja komplexe Zusammenhänge zwischen den Themen. Die Forderungskataloge aus der Startup-Szene kommen nicht von ungefähr.

Wenn in der Szene nun die Frage gestellt wird, warum wir so auf die Umsetzung der Forderungen für die FlexCo pochen, sage ich: Weil die Politik es bislang nicht geschafft hat eine einzige der Maßnahmen umzusetzen, die wir vorgeschlagen haben. Tatsächlich keine einzige. Daher wäre es jetzt einfach wichtig, mit einem guten Beispiel voranzupreschen und tatsächlich etwas in die Umsetzung zu bringen. Ich setze auch große Hoffnungen in das Justizministerium – natürlich in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium – dass man da in die Umsetzung kommt. Es wäre nach so vielen Monaten Verhandlungen einmal an der Zeit, einen Entwurf zu haben, der international mithalten kann. Wir können mit unseren Gesetzen nicht die internationalen VCs „erziehen“. Die sagen den Startups, dass sie für ein Funding umziehen müssen, wenn die Regelung für sie nicht passt. Aber diese Denke muss sich hier erst etablieren.

Siehst du also tatsächlich noch die Chance, dass der Entwurf so abgeändert wird, dass es die FlexCo wird, die sich die Startup-Szene gewünscht hat?

Ich bin eine grenzenlose Optimistin und glaube, dass Dinge erst vorbei sind, wenn sie wirklich abgeschlossen werden – so wie bei einem Investment oder einem Kundenauftrag. Noch sind wir in der Diskussionsphase. Und da kann ich schon explizit sagen: Das Justizministerium ist extrem konstruktiv. Sie hören sich unsere Vorschläge und unser Feedback an und versuchen, das zu implementieren. Solange wir noch in dieser Diskussionsphase sind, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun. Man muss schon sagen, der Konsens über die involvierten Ministerien hinweg ist, etwas zu schaffen, das einen Mehrwert für die Anwender:innen hat. Es geht ihnen nicht nur um eine nette Pressemeldung.

Es sind gute Intentionen dahinter. Deswegen sind die Gespräche wahrscheinlich so intensiv. Die Frage ist: Wie schafft man es, manche Interessen präsenter zu halten und stärker zu vertreten und andere, die nicht mehr zeitgemäß sind, vielleicht weniger. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schauen wir, worüber wir nächstes mal reden.

Letzte Frage: Wenn du eine Maßnahme auf magische Weise sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Es wäre der Beteiligungsfreibetrag. Es gibt so viele spannende Unternehmen, auch im Social- und Impact-Bereich, die Finanzierung brauchen. Wenn wir den Beteiligungsfreibetrag umsetzen würden, hätten wir viel mehr Kapital für gute Ideen. Und das werden wir brauchen, weil wir werden das langfristig nicht finanzieren können. Und das wäre verhältnismäßig einfach umzusetzen, weil es nur ein Ministerium betrifft, und zwar das Finanzministerium.

Deine ungelesenen Artikel:
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“