03.05.2022

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

Die Startup-Beauftragte und Female Founders-Gründerin Lisa Fassl im Interview zum Fortschritt bei den politischen Maßnahmen und den Ergebnissen des Austrian Startup Monitor.
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Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl spricht Klartext
Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl | (c) Microsoft

Der vergangene Woche veröffentlichte neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte stieß auf verhaltenes Feedback. Die Zahlen des aktuellen Austrian Startup Monitor zeigen, dass sich ein in der Startup-Szene vielfach erhoffter Corona-Push statistisch nicht belegen lässt und es eine Stagnation im Bereich Female Entrepreneurship gibt. Im großen Interview äußert sich Lisa Fassl, Female Founders Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, spricht im Interview über Hoffnungsschimmer in der Startup-Politik, bereits „100.000 mal“ gesagte Dinge und eine Gründerinnen-Statistik, die „zum Heulen“ ist.


Der lange erwartete neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte ist vergangene Woche gekommen. Das allgemeine Feedback war noch nicht euphorisch. Was sagst du dazu?

Lisa Fassl: Es ist sehr gut, dass es beim Thema Bewegung von der ÖVP-Seite gegeben hat. Die angesprochenen Punkte sind relevant. Die Frage ist aber: Bedeutet das auch eine Erneuerung der Prozesse und dass es tatsächlich schneller geht? Eine Prozess-Erleichterung bedeutet noch nicht automatisch eine Prozessbeschleunigung. Darauf müssen wir ein Auge behalten. Ohne Frage sind die Prozesse überholungsbedürftig, aber es scheitert in vielen Fällen eben am kritischen Faktor Zeit – auf Seite der Unternehmen genau so wie der potenziellen Mitarbeiter:innen. Noch ist es ja nur ein Begutachtungsentwurf. Es kann also noch viel passieren.

Was ich sehr spannend finde ist, wie es der Markt wieder einmal schafft, die Dinge selber zu regeln. Da gibt es die beiden Unternehmen, die das in die Hand genommen haben und auch die Austrian Business Agency ABA macht einen hervorragenden Job, die Situation für die betroffenen Personen und Unternehmen schnell zu lösen und im bürokratischen Wirrwarr zu helfen. Es ist natürlich interessant, dass man solche Institutionen überhaupt braucht, weil es der Staat so komplex macht.

Beim Thema Rot-Weiß-Rot-Karte stehen wir natürlich vor der zusätzlichen Komplexität, dass sie nicht im Entscheidungsbereich von einem oder zwei Ministerien liegt, was schon nicht ganz trivial ist, sondern tatsächlich sehr viele Player:innen mitmischen. Was ich wie gesagt sehr positiv sehe ist, dass die ÖVP als Partei, die sich mit Migration schwer tut, sichtlich bewegt. Es ist ein Thema, das weit über die Startup-Szene hinausgeht und ich bin positiv überrascht, dass die Wichtigkeit erkannt wurde und es tatsächlich viel konstruktive Diskussion gibt.

Der aktuelle Austrian Startup Monitor ist kürzlich veröffentlicht worden. Die Zahlen sind teilweise nicht berauschend. Was ist aus dem Corona-Push geworden?

Die Hoffung, dass es diesen Push gibt und wir die Phase des Umbruchs nutzen, um endlich in die Gänge zu kommen und Österreich in der pan-europäischen Startup-Community besser zu positionieren, war sicher groß. Tatsächlich haben wir das nicht geschafft, wie man an den Zahlen aus dem Startup Monitor sieht. Wir haben den Speed, den andere Ökosysteme bei Wachstum, Finanzierung un Anzahl der Gründungen haben, nicht. Und – das wiederhole ich jetzt gefühlt zum 100.000sten Mal – das hat auch mit einer inkonsequenten Startup-Politik zu tun. Sie ist im Regierungsprogramm verankert, aber man wartet auf Maßnahmen. Das einzige, was in den vergangenen Jahren tatsächlich umgesetzt worden ist, ist der Covid-Startup-Hilfsfond. Und auch dazu gibt es sowohl positive als auch kritische Stimmen.

Ich glaube also, das es tatsächlich ein hausgemachtes Problem ist und dass wir schneller wachsen könnten, wenn es entsprechende Maßnahmen gäbe. Glücklicherweise gibt es unsere zwei Unicorns direkt aus der Startup-Szene und dann noch ein paar weitere, die in anderen Reports aufscheinen, die uns in der internationalen Betrachtung ein wenig herausreißen. Aber insgesamt ist das kein Grund uns darauf auszuruhen, dass wir eh schon super unterwegs sind.

Laut Austrian Startup Monitor stagniert auch die Zahl der Gründerinnen weiterhin. Ist das für dich als Female Founders-Gründerin ernüchternd?

Ehrliche Antwort: Es ist in Wirklichkeit zum Heulen. Das Problem ist erkannt und die Benefits von Geschlechter-Diversität sind erfasst. Dass sich dann trotzdem so wenig ändert, dass so wenige Leute nachkommen und dass der Startup-Sektor noch immer nicht so attraktiv ist, wie er sein könnte, ist öd. Das Potenzial ist ja da. Nüchtern-ökonomisch betrachtet haben wir ein Marktversagen. Denn jede Statistik besagt, dass Diversität essenziell für den Erfolg von Unternehmen ist und diverse Teams besser performen, aber der Markt bekommt es offensichtlich nicht auf die Reihe, etwas dafür zu tun.

Man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen.

Die Konsequenz für so ein Marktversagen müsste staatliche Intervention sein. Ich habe das Gefühl, das kommt jetzt, weil sich Ministerin [Anm. Margarete] Schramböck das Thema Female Entrepreneurship stark auf die Agenda geheftet hat. Eine erste konkrete Maßnahme gibt es schon: Die AplusB-Zentren, die ja ein wichtiger Player in der Szene sind, müssen in der kommenden Förderperiode einen Schwerpunkt auf die Förderung von Female Entrepreneurship setzen. Und dabei haben sie ganz klare KPIs, die sie erfüllen müssen. Die nächste Maßnahme, die es in Wien bereits gibt, sind finanzielle Incventives für diverse Teams, vor allem im Rahmen von Förderungen. Es wird nun auch zwei Reports zum Thema Female Investing geben – einen vom Wirtschaftsministerium und einen vom Klimaschutzministerium. Auch das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ansonsten braucht es, wie bei so vielen Dingen, basisstrukturelle Maßnahmen. Wir diskutieren 2022 noch immer über Themen wie Betreuungsleistungen. In Wien stehen wir halbwegs gut dar, aber außerhalb ist es oft eine Katastrophe und einem zentraleuropäischen, vermögenden Land nicht würdig.

Ich habe übrigens nur mehr 20 Minuten, weil ich die Kinder um zwölf vom Kindergarten holen muss. [Anm. in Niederösterreich]

Das solltest du im Interview drinnen stehen lassen. Das ist ein guter Punkt. Das Thema sollte nämlich nicht nur Frauen betreffen, sondern beide Elternteile. Ich weiß schon, es ist ein wahnsinnig unbeliebtes Thema und wahrscheinlich gerade in der Koalition, wie wir sie jetzt sehen, schwierig umzusetzen, aber man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen. Man könnte ein Statement setzen, dass Betreuung nicht auf einer Person lastet, sondern tatsächlich etwas ist, dass man sich aufteilen kann. Und dass sich viele Paare besser aufteilen wollen würden, es aber aus strukturellen, finanziellen Aspekten nicht sinnvoll wäre, das zu tun.

Auch da gibt es offensichtlich ein Marktversagen. Meine Empfehlung wäre anpacken. Dahinter steht natürlich, dass es viele tendenziell weibliche Berufe, etwa in der Kinderbetreuung oder im Gesundheitsbereich gibt, die massiv unterbezahlt sind. Das ist absurd, weil das gesellschaftlich so relevante Berufe sind, die mehr Impact haben, als manche Management-Positionen.

Zurück zur allgemeinen Startup-Politik: Was ist jetzt, wo die Corona-Maßnahmen scheinbar wirklich vorbei sind, aus deiner Sicht die wichtigste Startup-Maßnahme?

Ich muss mich schon wieder wiederholen. Es hat sich, seit wir das letzte mal geredet haben, nichts geändert. Es wäre wohl auch sehr überraschend, wenn mir seitdem zehn neue Maßnehmen eingefallen wären, die die Startup-Szene unbedingt braucht. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis sich etwas tut – auch wenn es das letzte ist, was ich tu: Wir brauchen eine Veränderung im Gesellschaftsrecht. Wir brauchen eine gute Regelung für die Mitarbeiter:innenbeteiligung. Und wir brauchen einen Beteiligungsfreibetrag.

Letzteres ist besonders wichtig, denn wir brauchen eine Möglichkeit, abseits von staatlichen Mitteln, Innovation zu finanzieren. Weil das Geld ist in Österreich ja da. Aber wir haben ein Riesen-Problem, wenn es um dessen Verteilung geht – und am Ende des Tages generell um unseren Zugang zu diesen Themen. Es wäre extrem naheliegend und letztlich auch sehr einfach, etwas davon einzuführen, wenn es den politischen Willen gäbe. Ich habe Hoffnung auf das angekündigte Gründungspaket, im Rahmen dessen es angeblich Maßnahmen in genau diesen Bereichen geben soll – eigentlich heißt es Gründerpaket, aber ich erlaube mir, einen genderneutralen Begriff zu nutzen.

Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann.

Es geht für mich um die großen Fragen: Wie soll es in der Zukunft langfristig aussehen? Wie schaffen wir es als Gesellschaft, gut und friedlich zusammenzuleben, was in diesen Zeiten nochmal besonders relevant scheint? Und wie schaffen wir es, Innovation und damit Arbeitsplätze am Standort zu halten, und somit das soziale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten? Ich glaube, dass Startups hier eine riesige Rolle spielen können – sonst würde ich das alles nicht machen. In der Umfrage zum Austrian Startup Monitor wurden 10.000 neue Jobs von Startups für dieses Jahr angekündigt. Das könnte nochmal um einen ordentlichen Faktor mehr sein, wenn es das Commitment dazu gäbe.

Meine Quintessenz ist also: Machen wir etwas für die wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Zukunft des Landes, oder machen wir nichts? Manchmal habe ich das Gefühl, wir machen nichts und warten ab, weil „wir sind eh nicht so schlecht, wie der Rest“. Aber die goldenen Zeiten sind wahrscheinlich vorbei. Diese Ausrede gilt in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr.

In letzter Zeit wurden, wie du gesagt hast, mehrere Maßnahmen angekündigt und Entwürfe geliefert, aber noch nichts wirklich realisiert. Was ist das Feedback, dass du aus der Szene wahrnimmst?

Es wundert mich, dass man immer mehr enttäuscht und ernüchtert sein kann, aber bei der Startup-Community ist das tatsächlich der Fall. Es geht schon zu lange gar nichts weiter und in den vorgelegten Entwürfen werden die Kern-Forderungen nicht erfüllt. Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann und es geht vielfach um Kompromisse. Aber in der Szene fragt man sich: Warum werden politische Entscheidungen – und da spreche ich explizit nicht nur über die FlexCo – ständig auf Kosten von Zukunft, Innovation und jungen Menschen getroffen, um Strukturen weiterzufinanzieren, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das Unverständnis wird immer größer. Und ich sehe Leute, die aus diesem Grund mit ihrem Business das Land verlassen. Sie glauben nicht mehr daran, dass wir das bewältigen können.

Das Justizministerium ist extrem konstruktiv.

Da mache ich mir schon Sorgen und frage mich, ob in der Politik die Komplexität dieser Probleme erkannt wird. Man sieht Maßnahmen wie FlexCo, Beteiligungsfreibetrag und Mitarbeiter:innenbeteiligung als seperate Dinge und glaubt, wenn man eines davon umsetzt, ist die Welt gerettet und die Startup-Szene wird blühen und wir werden Millionen von Startups haben, die alle zum Unicorn werden. Das stimmt einfach nicht. Es gibt ja komplexe Zusammenhänge zwischen den Themen. Die Forderungskataloge aus der Startup-Szene kommen nicht von ungefähr.

Wenn in der Szene nun die Frage gestellt wird, warum wir so auf die Umsetzung der Forderungen für die FlexCo pochen, sage ich: Weil die Politik es bislang nicht geschafft hat eine einzige der Maßnahmen umzusetzen, die wir vorgeschlagen haben. Tatsächlich keine einzige. Daher wäre es jetzt einfach wichtig, mit einem guten Beispiel voranzupreschen und tatsächlich etwas in die Umsetzung zu bringen. Ich setze auch große Hoffnungen in das Justizministerium – natürlich in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium – dass man da in die Umsetzung kommt. Es wäre nach so vielen Monaten Verhandlungen einmal an der Zeit, einen Entwurf zu haben, der international mithalten kann. Wir können mit unseren Gesetzen nicht die internationalen VCs „erziehen“. Die sagen den Startups, dass sie für ein Funding umziehen müssen, wenn die Regelung für sie nicht passt. Aber diese Denke muss sich hier erst etablieren.

Siehst du also tatsächlich noch die Chance, dass der Entwurf so abgeändert wird, dass es die FlexCo wird, die sich die Startup-Szene gewünscht hat?

Ich bin eine grenzenlose Optimistin und glaube, dass Dinge erst vorbei sind, wenn sie wirklich abgeschlossen werden – so wie bei einem Investment oder einem Kundenauftrag. Noch sind wir in der Diskussionsphase. Und da kann ich schon explizit sagen: Das Justizministerium ist extrem konstruktiv. Sie hören sich unsere Vorschläge und unser Feedback an und versuchen, das zu implementieren. Solange wir noch in dieser Diskussionsphase sind, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun. Man muss schon sagen, der Konsens über die involvierten Ministerien hinweg ist, etwas zu schaffen, das einen Mehrwert für die Anwender:innen hat. Es geht ihnen nicht nur um eine nette Pressemeldung.

Es sind gute Intentionen dahinter. Deswegen sind die Gespräche wahrscheinlich so intensiv. Die Frage ist: Wie schafft man es, manche Interessen präsenter zu halten und stärker zu vertreten und andere, die nicht mehr zeitgemäß sind, vielleicht weniger. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schauen wir, worüber wir nächstes mal reden.

Letzte Frage: Wenn du eine Maßnahme auf magische Weise sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Es wäre der Beteiligungsfreibetrag. Es gibt so viele spannende Unternehmen, auch im Social- und Impact-Bereich, die Finanzierung brauchen. Wenn wir den Beteiligungsfreibetrag umsetzen würden, hätten wir viel mehr Kapital für gute Ideen. Und das werden wir brauchen, weil wir werden das langfristig nicht finanzieren können. Und das wäre verhältnismäßig einfach umzusetzen, weil es nur ein Ministerium betrifft, und zwar das Finanzministerium.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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