03.05.2022

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

Die Startup-Beauftragte und Female Founders-Gründerin Lisa Fassl im Interview zum Fortschritt bei den politischen Maßnahmen und den Ergebnissen des Austrian Startup Monitor.
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Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl spricht Klartext
Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl | (c) Microsoft

Der vergangene Woche veröffentlichte neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte stieß auf verhaltenes Feedback. Die Zahlen des aktuellen Austrian Startup Monitor zeigen, dass sich ein in der Startup-Szene vielfach erhoffter Corona-Push statistisch nicht belegen lässt und es eine Stagnation im Bereich Female Entrepreneurship gibt. Im großen Interview äußert sich Lisa Fassl, Female Founders Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, spricht im Interview über Hoffnungsschimmer in der Startup-Politik, bereits „100.000 mal“ gesagte Dinge und eine Gründerinnen-Statistik, die „zum Heulen“ ist.


Der lange erwartete neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte ist vergangene Woche gekommen. Das allgemeine Feedback war noch nicht euphorisch. Was sagst du dazu?

Lisa Fassl: Es ist sehr gut, dass es beim Thema Bewegung von der ÖVP-Seite gegeben hat. Die angesprochenen Punkte sind relevant. Die Frage ist aber: Bedeutet das auch eine Erneuerung der Prozesse und dass es tatsächlich schneller geht? Eine Prozess-Erleichterung bedeutet noch nicht automatisch eine Prozessbeschleunigung. Darauf müssen wir ein Auge behalten. Ohne Frage sind die Prozesse überholungsbedürftig, aber es scheitert in vielen Fällen eben am kritischen Faktor Zeit – auf Seite der Unternehmen genau so wie der potenziellen Mitarbeiter:innen. Noch ist es ja nur ein Begutachtungsentwurf. Es kann also noch viel passieren.

Was ich sehr spannend finde ist, wie es der Markt wieder einmal schafft, die Dinge selber zu regeln. Da gibt es die beiden Unternehmen, die das in die Hand genommen haben und auch die Austrian Business Agency ABA macht einen hervorragenden Job, die Situation für die betroffenen Personen und Unternehmen schnell zu lösen und im bürokratischen Wirrwarr zu helfen. Es ist natürlich interessant, dass man solche Institutionen überhaupt braucht, weil es der Staat so komplex macht.

Beim Thema Rot-Weiß-Rot-Karte stehen wir natürlich vor der zusätzlichen Komplexität, dass sie nicht im Entscheidungsbereich von einem oder zwei Ministerien liegt, was schon nicht ganz trivial ist, sondern tatsächlich sehr viele Player:innen mitmischen. Was ich wie gesagt sehr positiv sehe ist, dass die ÖVP als Partei, die sich mit Migration schwer tut, sichtlich bewegt. Es ist ein Thema, das weit über die Startup-Szene hinausgeht und ich bin positiv überrascht, dass die Wichtigkeit erkannt wurde und es tatsächlich viel konstruktive Diskussion gibt.

Der aktuelle Austrian Startup Monitor ist kürzlich veröffentlicht worden. Die Zahlen sind teilweise nicht berauschend. Was ist aus dem Corona-Push geworden?

Die Hoffung, dass es diesen Push gibt und wir die Phase des Umbruchs nutzen, um endlich in die Gänge zu kommen und Österreich in der pan-europäischen Startup-Community besser zu positionieren, war sicher groß. Tatsächlich haben wir das nicht geschafft, wie man an den Zahlen aus dem Startup Monitor sieht. Wir haben den Speed, den andere Ökosysteme bei Wachstum, Finanzierung un Anzahl der Gründungen haben, nicht. Und – das wiederhole ich jetzt gefühlt zum 100.000sten Mal – das hat auch mit einer inkonsequenten Startup-Politik zu tun. Sie ist im Regierungsprogramm verankert, aber man wartet auf Maßnahmen. Das einzige, was in den vergangenen Jahren tatsächlich umgesetzt worden ist, ist der Covid-Startup-Hilfsfond. Und auch dazu gibt es sowohl positive als auch kritische Stimmen.

Ich glaube also, das es tatsächlich ein hausgemachtes Problem ist und dass wir schneller wachsen könnten, wenn es entsprechende Maßnahmen gäbe. Glücklicherweise gibt es unsere zwei Unicorns direkt aus der Startup-Szene und dann noch ein paar weitere, die in anderen Reports aufscheinen, die uns in der internationalen Betrachtung ein wenig herausreißen. Aber insgesamt ist das kein Grund uns darauf auszuruhen, dass wir eh schon super unterwegs sind.

Laut Austrian Startup Monitor stagniert auch die Zahl der Gründerinnen weiterhin. Ist das für dich als Female Founders-Gründerin ernüchternd?

Ehrliche Antwort: Es ist in Wirklichkeit zum Heulen. Das Problem ist erkannt und die Benefits von Geschlechter-Diversität sind erfasst. Dass sich dann trotzdem so wenig ändert, dass so wenige Leute nachkommen und dass der Startup-Sektor noch immer nicht so attraktiv ist, wie er sein könnte, ist öd. Das Potenzial ist ja da. Nüchtern-ökonomisch betrachtet haben wir ein Marktversagen. Denn jede Statistik besagt, dass Diversität essenziell für den Erfolg von Unternehmen ist und diverse Teams besser performen, aber der Markt bekommt es offensichtlich nicht auf die Reihe, etwas dafür zu tun.

Man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen.

Die Konsequenz für so ein Marktversagen müsste staatliche Intervention sein. Ich habe das Gefühl, das kommt jetzt, weil sich Ministerin [Anm. Margarete] Schramböck das Thema Female Entrepreneurship stark auf die Agenda geheftet hat. Eine erste konkrete Maßnahme gibt es schon: Die AplusB-Zentren, die ja ein wichtiger Player in der Szene sind, müssen in der kommenden Förderperiode einen Schwerpunkt auf die Förderung von Female Entrepreneurship setzen. Und dabei haben sie ganz klare KPIs, die sie erfüllen müssen. Die nächste Maßnahme, die es in Wien bereits gibt, sind finanzielle Incventives für diverse Teams, vor allem im Rahmen von Förderungen. Es wird nun auch zwei Reports zum Thema Female Investing geben – einen vom Wirtschaftsministerium und einen vom Klimaschutzministerium. Auch das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ansonsten braucht es, wie bei so vielen Dingen, basisstrukturelle Maßnahmen. Wir diskutieren 2022 noch immer über Themen wie Betreuungsleistungen. In Wien stehen wir halbwegs gut dar, aber außerhalb ist es oft eine Katastrophe und einem zentraleuropäischen, vermögenden Land nicht würdig.

Ich habe übrigens nur mehr 20 Minuten, weil ich die Kinder um zwölf vom Kindergarten holen muss. [Anm. in Niederösterreich]

Das solltest du im Interview drinnen stehen lassen. Das ist ein guter Punkt. Das Thema sollte nämlich nicht nur Frauen betreffen, sondern beide Elternteile. Ich weiß schon, es ist ein wahnsinnig unbeliebtes Thema und wahrscheinlich gerade in der Koalition, wie wir sie jetzt sehen, schwierig umzusetzen, aber man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen. Man könnte ein Statement setzen, dass Betreuung nicht auf einer Person lastet, sondern tatsächlich etwas ist, dass man sich aufteilen kann. Und dass sich viele Paare besser aufteilen wollen würden, es aber aus strukturellen, finanziellen Aspekten nicht sinnvoll wäre, das zu tun.

Auch da gibt es offensichtlich ein Marktversagen. Meine Empfehlung wäre anpacken. Dahinter steht natürlich, dass es viele tendenziell weibliche Berufe, etwa in der Kinderbetreuung oder im Gesundheitsbereich gibt, die massiv unterbezahlt sind. Das ist absurd, weil das gesellschaftlich so relevante Berufe sind, die mehr Impact haben, als manche Management-Positionen.

Zurück zur allgemeinen Startup-Politik: Was ist jetzt, wo die Corona-Maßnahmen scheinbar wirklich vorbei sind, aus deiner Sicht die wichtigste Startup-Maßnahme?

Ich muss mich schon wieder wiederholen. Es hat sich, seit wir das letzte mal geredet haben, nichts geändert. Es wäre wohl auch sehr überraschend, wenn mir seitdem zehn neue Maßnehmen eingefallen wären, die die Startup-Szene unbedingt braucht. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis sich etwas tut – auch wenn es das letzte ist, was ich tu: Wir brauchen eine Veränderung im Gesellschaftsrecht. Wir brauchen eine gute Regelung für die Mitarbeiter:innenbeteiligung. Und wir brauchen einen Beteiligungsfreibetrag.

Letzteres ist besonders wichtig, denn wir brauchen eine Möglichkeit, abseits von staatlichen Mitteln, Innovation zu finanzieren. Weil das Geld ist in Österreich ja da. Aber wir haben ein Riesen-Problem, wenn es um dessen Verteilung geht – und am Ende des Tages generell um unseren Zugang zu diesen Themen. Es wäre extrem naheliegend und letztlich auch sehr einfach, etwas davon einzuführen, wenn es den politischen Willen gäbe. Ich habe Hoffnung auf das angekündigte Gründungspaket, im Rahmen dessen es angeblich Maßnahmen in genau diesen Bereichen geben soll – eigentlich heißt es Gründerpaket, aber ich erlaube mir, einen genderneutralen Begriff zu nutzen.

Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann.

Es geht für mich um die großen Fragen: Wie soll es in der Zukunft langfristig aussehen? Wie schaffen wir es als Gesellschaft, gut und friedlich zusammenzuleben, was in diesen Zeiten nochmal besonders relevant scheint? Und wie schaffen wir es, Innovation und damit Arbeitsplätze am Standort zu halten, und somit das soziale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten? Ich glaube, dass Startups hier eine riesige Rolle spielen können – sonst würde ich das alles nicht machen. In der Umfrage zum Austrian Startup Monitor wurden 10.000 neue Jobs von Startups für dieses Jahr angekündigt. Das könnte nochmal um einen ordentlichen Faktor mehr sein, wenn es das Commitment dazu gäbe.

Meine Quintessenz ist also: Machen wir etwas für die wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Zukunft des Landes, oder machen wir nichts? Manchmal habe ich das Gefühl, wir machen nichts und warten ab, weil „wir sind eh nicht so schlecht, wie der Rest“. Aber die goldenen Zeiten sind wahrscheinlich vorbei. Diese Ausrede gilt in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr.

In letzter Zeit wurden, wie du gesagt hast, mehrere Maßnahmen angekündigt und Entwürfe geliefert, aber noch nichts wirklich realisiert. Was ist das Feedback, dass du aus der Szene wahrnimmst?

Es wundert mich, dass man immer mehr enttäuscht und ernüchtert sein kann, aber bei der Startup-Community ist das tatsächlich der Fall. Es geht schon zu lange gar nichts weiter und in den vorgelegten Entwürfen werden die Kern-Forderungen nicht erfüllt. Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann und es geht vielfach um Kompromisse. Aber in der Szene fragt man sich: Warum werden politische Entscheidungen – und da spreche ich explizit nicht nur über die FlexCo – ständig auf Kosten von Zukunft, Innovation und jungen Menschen getroffen, um Strukturen weiterzufinanzieren, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das Unverständnis wird immer größer. Und ich sehe Leute, die aus diesem Grund mit ihrem Business das Land verlassen. Sie glauben nicht mehr daran, dass wir das bewältigen können.

Das Justizministerium ist extrem konstruktiv.

Da mache ich mir schon Sorgen und frage mich, ob in der Politik die Komplexität dieser Probleme erkannt wird. Man sieht Maßnahmen wie FlexCo, Beteiligungsfreibetrag und Mitarbeiter:innenbeteiligung als seperate Dinge und glaubt, wenn man eines davon umsetzt, ist die Welt gerettet und die Startup-Szene wird blühen und wir werden Millionen von Startups haben, die alle zum Unicorn werden. Das stimmt einfach nicht. Es gibt ja komplexe Zusammenhänge zwischen den Themen. Die Forderungskataloge aus der Startup-Szene kommen nicht von ungefähr.

Wenn in der Szene nun die Frage gestellt wird, warum wir so auf die Umsetzung der Forderungen für die FlexCo pochen, sage ich: Weil die Politik es bislang nicht geschafft hat eine einzige der Maßnahmen umzusetzen, die wir vorgeschlagen haben. Tatsächlich keine einzige. Daher wäre es jetzt einfach wichtig, mit einem guten Beispiel voranzupreschen und tatsächlich etwas in die Umsetzung zu bringen. Ich setze auch große Hoffnungen in das Justizministerium – natürlich in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium – dass man da in die Umsetzung kommt. Es wäre nach so vielen Monaten Verhandlungen einmal an der Zeit, einen Entwurf zu haben, der international mithalten kann. Wir können mit unseren Gesetzen nicht die internationalen VCs „erziehen“. Die sagen den Startups, dass sie für ein Funding umziehen müssen, wenn die Regelung für sie nicht passt. Aber diese Denke muss sich hier erst etablieren.

Siehst du also tatsächlich noch die Chance, dass der Entwurf so abgeändert wird, dass es die FlexCo wird, die sich die Startup-Szene gewünscht hat?

Ich bin eine grenzenlose Optimistin und glaube, dass Dinge erst vorbei sind, wenn sie wirklich abgeschlossen werden – so wie bei einem Investment oder einem Kundenauftrag. Noch sind wir in der Diskussionsphase. Und da kann ich schon explizit sagen: Das Justizministerium ist extrem konstruktiv. Sie hören sich unsere Vorschläge und unser Feedback an und versuchen, das zu implementieren. Solange wir noch in dieser Diskussionsphase sind, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun. Man muss schon sagen, der Konsens über die involvierten Ministerien hinweg ist, etwas zu schaffen, das einen Mehrwert für die Anwender:innen hat. Es geht ihnen nicht nur um eine nette Pressemeldung.

Es sind gute Intentionen dahinter. Deswegen sind die Gespräche wahrscheinlich so intensiv. Die Frage ist: Wie schafft man es, manche Interessen präsenter zu halten und stärker zu vertreten und andere, die nicht mehr zeitgemäß sind, vielleicht weniger. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schauen wir, worüber wir nächstes mal reden.

Letzte Frage: Wenn du eine Maßnahme auf magische Weise sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Es wäre der Beteiligungsfreibetrag. Es gibt so viele spannende Unternehmen, auch im Social- und Impact-Bereich, die Finanzierung brauchen. Wenn wir den Beteiligungsfreibetrag umsetzen würden, hätten wir viel mehr Kapital für gute Ideen. Und das werden wir brauchen, weil wir werden das langfristig nicht finanzieren können. Und das wäre verhältnismäßig einfach umzusetzen, weil es nur ein Ministerium betrifft, und zwar das Finanzministerium.

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Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten
Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten

Mit Anfang 20 führte er die Poker-Weltrangliste an und erspielte insgesamt Preisgelder im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Doch nach nur wenigen Jahren widmete sich Fedor Holz anderen Herausforderungen. Seine zwei Startups gründete der deutsche Wahl-Wiener in der österreichischen Hauptstadt. Als Investor stieg er bei rund 30 Startups und 20 Fonds ein. Die daraus gewonnene Expertise setzt er nun gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Christoph Zöller im Fund of Funds „Drafted Ventures“ mit Sitz im deutschen Heidelberg um. Im Interview erzählte uns Holz mehr über seine Beweggründe und seine Strategie.


brutkasten: Du hast als Poker-Spieler internationale Bekanntheit erlangt . Vor zehn Jahren hast du dann zum ersten Mal ein Unternehmen gegründet. Wie war das damals?

Fedor Holz: Genau, da war ich sehr unerfahren. Ich war Anfang 20 und wir hatten eine ganz typische Startup-Reise. Ich habe mit dem Pokern aufgehört und meine erste Firma gegründet: Primed Mind. Das war sehr ähnlich zu Headspace [Anm. bekannte Meditations-App], die eine starke Konkurrenz waren. Wir hatten eine sehr gute Anfangs-Traction. Dann haben wir die Series A nicht bekommen, das Blatt aber noch gedreht und die Firma profitabel gemacht, bevor ich den Großteil meiner Anteile verkauft habe.

Die zweite Gründung, Pokercode, folgte 2019. Das war ein ganz anderer Hintergrund und rund um meine eigene Brand aufgebaut. Aus dem anfänglichen Masterclass-Kurs wurde ein breiteres Produkt und schließlich eine Mitgliedschaft. Kurzfristig hat uns das Umsatz gekostet, langfristig hat es das Produkt deutlich besser gemacht. Das Team führt das heute komplett eigenständig und ich bin seit zwei Jahren operativ nicht mehr involviert.

Du hast in dieser Zeit aber auch Einzel-Business-Angel-Investments in Startups gemacht, oder?

Ich habe mittlerweile wirklich viele Investments gemacht. Ich schätze es sind etwa 30 Direktinvestments und 20 Fondsinvestments über die letzten zehn Jahre.

Und nun gründest du selbst einen VC-Fonds, genauer gesagt einen Fund of Funds. Was kannst du uns dazu erzählen?

Das ist aus meiner eigenen Investmentstrategie heraus gewachsen. Als ich mit Anfang 20 sehr viel Geld beim Pokern verdiente, verspürte ich einen großen Druck, dieses Vermögen sinnvoll anzulegen. Aktien und Private Equity wirkten auf mich etwas altbacken, Venture Capital schien mir dagegen viel näher an den Gründern zu sein – in deren Rolle ich mich potenziell auch selbst sah.

Über die letzten zehn Jahre habe ich als Investor und Gründer viel gelernt. Beim Pokern ist es sehr wichtig, Vergleichswerte zu kalibrieren: Was ist gut, was ist herausragend? Genau diese Vergleichswerte fehlten mir anfangs. Erst mit der Zeit habe ich besser einschätzen können, wie ein wirklich guter Founder oder Investor aussieht. Heute liegt meine Messlatte hoch. Ich möchte viele gute potenzielle Investments sehen und nur die besten daraus auswählen.

Dabei habe ich gemerkt, dass für mich Fondsinvestments sinnvoller sind. Mit einzelnen Direktinvestments bin ich weit weg von einer statistisch relevanten Strategie. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinem guten Freund Christoph Zöller unseren Dach-Fonds Drafted Ventures gestartet. Wir haben gerade unser First Closing mit 15 Millionen gezeichnet; das Hardcap liegt bei 25 Millionen. Wir werden jeweils rund eine Million Euro in etwa 20 der besten frühphasigen Venture-Capital-Fonds investieren. Wenn diese wiederum in je 20 Companies investieren, haben wir ein Portfolio von 400 Startups. Das bringt eine hervorragende Streuung und ermöglicht es, eine deutlich diversifiziertere VC-Allokation zu haben.

Heißt das, du wirst keine Direct Investments in Startups mehr machen?

Teilweise ja, wir schließen es nicht komplett aus. Wir machen über unseren Fonds gezielte Co-Investments in Portfolio-Companies unserer Fondsmanager. Ein Beispiel ist unsere Beteiligung an Conduct AI, die für alte SAP-Systeme einen „Explainable Layer“ mit KI bauen. Da ein uns sehr naher Fonds dort der erste Investor war, hatten wir früh tiefe Einblicke und Vertrauen auf beiden Seiten. Wir investieren hier nicht in der Pre-Seed-Phase, sondern in wachstumsstarke Firmen mit Millionenumsätzen.

Private Ausnahmen, die nicht in dieses Profil passen, mache ich weiterhin über eigene Vehikel. Das ist aber nur noch ein kleiner Teil, da mein Fokus auf dem Fonds liegt.

Wie bist du als Privatinvestor? 30 Portfolio-Companies können ja extrem viel Arbeit sein. Wie aktiv bist du da involviert?

Man muss bedenken, dass sich das über einen langen Zeitraum aufgebaut hat und manches auch schon abgeschrieben ist. Ich pflege zu zwei oder drei Gründern eine sehr enge Beziehung mit regelmäßigem Austausch. Bei den restlichen bin ich eher passiv und bringe mich nur ein, wenn konkrete Themen oder Probleme aufkommen.

Wird euer Fund of Funds in Europa oder global investieren?

Wir zielen auf 50 Prozent Europa und 50 Prozent USA ab, mit einer kleinen Allokation für spannende Märkte wie Lateinamerika, Israel oder Indien. Da wir extrem return-getrieben sind, suchen wir weltweit nach den absolut besten Early-Stage-Investoren.

Ein wichtiges Kriterium: Wir investieren nur in Fonds unter 100 Millionen Dollar Volumen. Außerdem schließen wir Fonds mit einem Investmentkomitee (IC) aus. Unsere These basiert auf der herausragenden Qualität einzelner Manager. In Komitees entsteht oft Bias; häufig setzt sich einfach die lauteste Person durch oder es werden nur „sichere“, konsensfähige Deals durchgewunken. Bridgewater analysiert nicht umsonst seine Meetings mit KI, um diesen Bias zu vermeiden. Deshalb fokussieren wir uns auf Solo-GPs oder Zweier-Teams, wo die finale Entscheidung direkt bei den Managern liegt. Strukturell bedeutet das, dass diese Fonds meistens zwischen 10 und 50 Millionen groß sind, mit wenigen größeren Ausnahmen.

Sind da viele First-Time Fund Manager dabei?

Ja, von unseren bisherigen neun Commitments sind drei First-Time Manager. Wir investieren grundsätzlich in keine Fonds, die älter als die dritte Generation sind. Über 10 bis 15 Jahre einen absoluten Top-Dealflow aufrechtzuerhalten, ist ein ziemlicher Grind. Zudem ist Venture Capital auch eine Altersfrage: Der Zugang zur jeweils nächsten Founder-Generation ist ein eigener Skill, den nicht jeder über 15 Jahre hält. 

Was ist dabei euer eigener Wettbewerbsvorteil, eure Edge?

Unsere Edge ist, dass wir einen starken Dealflow haben und oft den Aufwand betreiben, den andere scheuen. Ich kenne nicht viele europäische Investoren mit exzellenten US-Connections, weil das ständige Präsenz vor Ort erfordert. In Amerika sind die Intensität und die „Capital Velocity“ – die Geschwindigkeit, mit der sich Geld bewegt – viel höher. 

Wenn beispielsweise ein 24-Jähriger aus dem OpenAI-Umfeld einen 10-Millionen-Fonds auflegt und Top-Leute investieren, wollen wegen des Signaling-Effekts plötzlich viele andere rein. In solchen stark umkämpften Situationen geht es nur über echte Beziehungen und Schnelligkeit. Diesen extremen Wettbewerb auf der LP-Seite gibt es in Europa selten.

Gehen andere LPs das Ganze vielleicht manchmal zu unprofessionell an?

Viele Investoren machen Investments nicht in Vollzeit und investieren in vereinzelte Startups oder Fonds aus ihrem nahen Umfeld. Dementsprechend fehlt es oft an Dealqualität und Diversifikation. Wenn dann nicht ein glücklicher Treffer dabei ist, dann geht die Motivation weiter zu investieren leider oft verloren. Das ist völlig verständlich, niemand macht das nebenbei gut – genau die Lücke wollen wir schließen.

In dieser Größenordnung, wo wirklich alles am GP liegt, kann man das wahrscheinlich mit der Seed-Phase eines Startups vergleichen…

Der Vergleich passt sehr gut. Das Durchschnittsalter unserer Manager liegt zwischen 28 und 35 Jahren. Sie brauchen den Biss eines Gründers, aber eben auch schon echte Erfahrung und Kompetenz. Wir mögen Ex-Founder, die zehn Jahre operativ gearbeitet haben und jetzt zum Beispiel Biotech-Startups in Boston scouten. Aber auch ehemalige Investoren von Top-Fonds wie Sequoia, die sich selbstständig machen, passen in unser Profil.

Sind auch Leute mit Domänenexpertise, zum Beispiel ein ehemaliger Top-Manager in der Pharmaindustrie, gute Fund Manager?

Ein bestimmtes Profil garantiert noch keinen Erfolg. Das Wichtigste ist, dass der Manager einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat, mit den Foundern connecten kann und ihre Sprache spricht. Ein Investor, der frische MIT-Absolventen sucht, braucht einen anderen Zugang als jemand, der in etablierte „Second Time Founder“ Mitte 30 investiert.

Das zeigt, dass es ein extremes „People Business“ ist…

Absolut, aber Soft Skills sind am Ende nur Multiplikatoren. Die Basis ist opportunistisches Denken und die Fähigkeit, Qualität schnell zu erkennen. Die Qualitäten eines guten Investors unterscheiden sich von denen eines guten Gründers.

Hummingbird Ventures, die über mehrere Fondsgenerationen fantastische Returns erzielen, suchen zum Beispiel ganz gezielt nach „unbequemen“, edgy Gründern, mit denen man vielleicht nicht unbedingt ein Bier trinken gehen möchte, die aber sofort zur Sache kommen. Als Investor musst du nicht unbedingt 70 Stunden arbeiten, sondern kannst in 40 fokussierten Stunden viel Wert für dein Portfolio liefern. Die einzelnen Investmententscheidungen sind ausschlaggebend. Außerdem ist es ein hartes Signaling- und Reputations-Spiel, bei dem du im Wettbewerb mit anderen Investoren die besten Deals gewinnen musst.

Beurteilst du die Fondsinvestments ausschließlich nach dem potenziellen Return, oder gibt es technologische Spezifikationen, etwa dass ihr nur in KI oder Quantencomputer investiert?

Wir investieren hauptsächlich in Frontier-Technologie-Fonds und achten dabei primär auf zwei Säulen: die Investmentfähigkeit des Managers und strukturelle Vorteile.

Erstens brauchen wir Manager, die dank eines großen Erfahrungsschatzes Qualität sofort erkennen, sich aber nicht blind in Startups verlieben, sondern gleichzeitig das Pricing im Blick behalten. Wenn du 500 Optionen siehst, macht es einen enormen Unterschied, ob du auf einer Bewertung von 15 oder 30 Millionen investierst. Zudem müssen die Manager in der Lage sein, mit wenig Zeiteinsatz großen Wert zu stiften, etwa durch hochkarätige Introductions für neue Mitarbeiter oder zu guten Funds für Follow-on-Runden.

Zweitens suchen wir immer nach strukturellen Marktvorteilen. Das kann ein geografischer Vorteil sein, wie etwa in Boston: Dort gibt es Top-Talente, aber einige der großen Tier-1-VCs haben ihren Fokus auf San Francisco gelegt, wodurch die Bewertungen im direkten Vergleich niedriger sind. Ähnliches gilt für Indien, wo exzellent ausgebildete Tech-Talente günstig zu finden sind. Bringst du so einen Founder in die USA, hast du sofort einen potenziellen Bewertungs-Uplift. Solche strukturellen asymmetrischen Vorteile wollen wir sehen – so wie Y Combinator extrem günstig an gute Assets kommt, weil ihre Finanzierungsstruktur ihnen einen riesigen Wettbewerbsvorteil bietet.

Wie macht ihr bei kleineren Fonds, die kaum Marketingbudgets haben, überhaupt das Sourcing? Wie findet ihr die global?

Marketing spielt bei uns keine relevante Rolle. Zu 70 Prozent läuft das über direkte Relationships. Die Incentives sind perfekt aligned: Wenn unsere GPs einen anderen brillanten Fondsmanager treffen, stellen sie ihn uns vor. Auf der LP-Ebene sind sie ja keine Konkurrenten. Wir bekommen durch unser Netzwerk von mehreren Dutzend Leuten so viele gute Intros, dass wir unsere Pipeline straff managen und den Großteil absagen müssen.

Ist das eine aktuelle Dynamik, dass es mehr spezialisierte kleine Fonds geben wird und nicht mehr so große Strukturen?

Zum Teil schon, aber kleine Fonds haben es aktuell auch sehr schwer beim Fundraising, weil die Qualität heute viel härter hinterfragt wird. Wer heute in Deutschland einen 100- bis 200-Millionen-Fonds für Series-A-Runden auflegt, konkurriert bei Top-Startups direkt mit amerikanischem Geld.

Da stellt sich schnell die Frage nach der echten Edge. Generalistische Fonds haben oft kein starkes Signal mehr im Markt und Investoren werden skeptisch, wenn nach zehn Jahren die Rendite ausbleibt. Venture Capital verzeiht Mittelmäßigkeit nicht: Ein durchschnittlicher Fonds liefert am Ende nur die Rendite des Aktienmarkts oder weniger, allerdings mit deutlich höherem Risiko. Nur die echten Outlier bringen die Performance, für die sich das Risiko lohnt. Genau deshalb ist Selektion alles und genau das ist unser Fokus.

Wer sind die LPs bei euch?

Ohne Namen zu nennen: Es ist ein Mix aus erfahrenen Unternehmern – Leuten, die selbst Firmen aufgebaut und verkauft haben –, Family Offices und Menschen aus unserem langjährigen Umfeld, die unsere Entwicklung von Anfang an verfolgt haben. 

Zum Abschluss: Was hast du als Ziele definiert?

Mein Ziel ist es, mittelfristig einen zweiten größeren Fonds aufzulegen. Ich möchte das aber nicht künstlich aufblähen; wir wollen die Entscheidungen so lange wie möglich zu zweit oder maximal zu dritt treffen und dafür einfach größere Tickets schreiben und uns stetig weiterentwickeln.

Für unsere Investoren wollen wir das Maximum herausholen. Wir als GPs haben 1,5 Millionen Euro eigenes Geld investiert und haben eine Hurdle Rate von 8 Prozent eingebaut. Das heißt, erst wenn unsere Investoren mehr als 8 Prozent jährliche Rendite machen, greift unsere Gewinnbeteiligung überhaupt. Mich würde selbst kein Vehikel interessieren, bei dem den Leuten nur Gebühren aus der Tasche gezogen werden. Es ist absolut leistungsorientiert: Wenn wir einen guten Fonds bauen, haben alle Spaß – wenn nicht, dann eben nicht.

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