03.05.2022

Lisa Fassl: „Es wäre sehr einfach, wenn es den politischen Willen gäbe“

Die Startup-Beauftragte und Female Founders-Gründerin Lisa Fassl im Interview zum Fortschritt bei den politischen Maßnahmen und den Ergebnissen des Austrian Startup Monitor.
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Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl spricht Klartext
Die Female Founders-Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium Lisa Fassl | (c) Microsoft

Der vergangene Woche veröffentlichte neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte stieß auf verhaltenes Feedback. Die Zahlen des aktuellen Austrian Startup Monitor zeigen, dass sich ein in der Startup-Szene vielfach erhoffter Corona-Push statistisch nicht belegen lässt und es eine Stagnation im Bereich Female Entrepreneurship gibt. Im großen Interview äußert sich Lisa Fassl, Female Founders Gründerin und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, spricht im Interview über Hoffnungsschimmer in der Startup-Politik, bereits „100.000 mal“ gesagte Dinge und eine Gründerinnen-Statistik, die „zum Heulen“ ist.


Der lange erwartete neue Entwurf zur Rot-Weiß-Rot-Karte ist vergangene Woche gekommen. Das allgemeine Feedback war noch nicht euphorisch. Was sagst du dazu?

Lisa Fassl: Es ist sehr gut, dass es beim Thema Bewegung von der ÖVP-Seite gegeben hat. Die angesprochenen Punkte sind relevant. Die Frage ist aber: Bedeutet das auch eine Erneuerung der Prozesse und dass es tatsächlich schneller geht? Eine Prozess-Erleichterung bedeutet noch nicht automatisch eine Prozessbeschleunigung. Darauf müssen wir ein Auge behalten. Ohne Frage sind die Prozesse überholungsbedürftig, aber es scheitert in vielen Fällen eben am kritischen Faktor Zeit – auf Seite der Unternehmen genau so wie der potenziellen Mitarbeiter:innen. Noch ist es ja nur ein Begutachtungsentwurf. Es kann also noch viel passieren.

Was ich sehr spannend finde ist, wie es der Markt wieder einmal schafft, die Dinge selber zu regeln. Da gibt es die beiden Unternehmen, die das in die Hand genommen haben und auch die Austrian Business Agency ABA macht einen hervorragenden Job, die Situation für die betroffenen Personen und Unternehmen schnell zu lösen und im bürokratischen Wirrwarr zu helfen. Es ist natürlich interessant, dass man solche Institutionen überhaupt braucht, weil es der Staat so komplex macht.

Beim Thema Rot-Weiß-Rot-Karte stehen wir natürlich vor der zusätzlichen Komplexität, dass sie nicht im Entscheidungsbereich von einem oder zwei Ministerien liegt, was schon nicht ganz trivial ist, sondern tatsächlich sehr viele Player:innen mitmischen. Was ich wie gesagt sehr positiv sehe ist, dass die ÖVP als Partei, die sich mit Migration schwer tut, sichtlich bewegt. Es ist ein Thema, das weit über die Startup-Szene hinausgeht und ich bin positiv überrascht, dass die Wichtigkeit erkannt wurde und es tatsächlich viel konstruktive Diskussion gibt.

Der aktuelle Austrian Startup Monitor ist kürzlich veröffentlicht worden. Die Zahlen sind teilweise nicht berauschend. Was ist aus dem Corona-Push geworden?

Die Hoffung, dass es diesen Push gibt und wir die Phase des Umbruchs nutzen, um endlich in die Gänge zu kommen und Österreich in der pan-europäischen Startup-Community besser zu positionieren, war sicher groß. Tatsächlich haben wir das nicht geschafft, wie man an den Zahlen aus dem Startup Monitor sieht. Wir haben den Speed, den andere Ökosysteme bei Wachstum, Finanzierung un Anzahl der Gründungen haben, nicht. Und – das wiederhole ich jetzt gefühlt zum 100.000sten Mal – das hat auch mit einer inkonsequenten Startup-Politik zu tun. Sie ist im Regierungsprogramm verankert, aber man wartet auf Maßnahmen. Das einzige, was in den vergangenen Jahren tatsächlich umgesetzt worden ist, ist der Covid-Startup-Hilfsfond. Und auch dazu gibt es sowohl positive als auch kritische Stimmen.

Ich glaube also, das es tatsächlich ein hausgemachtes Problem ist und dass wir schneller wachsen könnten, wenn es entsprechende Maßnahmen gäbe. Glücklicherweise gibt es unsere zwei Unicorns direkt aus der Startup-Szene und dann noch ein paar weitere, die in anderen Reports aufscheinen, die uns in der internationalen Betrachtung ein wenig herausreißen. Aber insgesamt ist das kein Grund uns darauf auszuruhen, dass wir eh schon super unterwegs sind.

Laut Austrian Startup Monitor stagniert auch die Zahl der Gründerinnen weiterhin. Ist das für dich als Female Founders-Gründerin ernüchternd?

Ehrliche Antwort: Es ist in Wirklichkeit zum Heulen. Das Problem ist erkannt und die Benefits von Geschlechter-Diversität sind erfasst. Dass sich dann trotzdem so wenig ändert, dass so wenige Leute nachkommen und dass der Startup-Sektor noch immer nicht so attraktiv ist, wie er sein könnte, ist öd. Das Potenzial ist ja da. Nüchtern-ökonomisch betrachtet haben wir ein Marktversagen. Denn jede Statistik besagt, dass Diversität essenziell für den Erfolg von Unternehmen ist und diverse Teams besser performen, aber der Markt bekommt es offensichtlich nicht auf die Reihe, etwas dafür zu tun.

Man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen.

Die Konsequenz für so ein Marktversagen müsste staatliche Intervention sein. Ich habe das Gefühl, das kommt jetzt, weil sich Ministerin [Anm. Margarete] Schramböck das Thema Female Entrepreneurship stark auf die Agenda geheftet hat. Eine erste konkrete Maßnahme gibt es schon: Die AplusB-Zentren, die ja ein wichtiger Player in der Szene sind, müssen in der kommenden Förderperiode einen Schwerpunkt auf die Förderung von Female Entrepreneurship setzen. Und dabei haben sie ganz klare KPIs, die sie erfüllen müssen. Die nächste Maßnahme, die es in Wien bereits gibt, sind finanzielle Incventives für diverse Teams, vor allem im Rahmen von Förderungen. Es wird nun auch zwei Reports zum Thema Female Investing geben – einen vom Wirtschaftsministerium und einen vom Klimaschutzministerium. Auch das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ansonsten braucht es, wie bei so vielen Dingen, basisstrukturelle Maßnahmen. Wir diskutieren 2022 noch immer über Themen wie Betreuungsleistungen. In Wien stehen wir halbwegs gut dar, aber außerhalb ist es oft eine Katastrophe und einem zentraleuropäischen, vermögenden Land nicht würdig.

Ich habe übrigens nur mehr 20 Minuten, weil ich die Kinder um zwölf vom Kindergarten holen muss. [Anm. in Niederösterreich]

Das solltest du im Interview drinnen stehen lassen. Das ist ein guter Punkt. Das Thema sollte nämlich nicht nur Frauen betreffen, sondern beide Elternteile. Ich weiß schon, es ist ein wahnsinnig unbeliebtes Thema und wahrscheinlich gerade in der Koalition, wie wir sie jetzt sehen, schwierig umzusetzen, aber man könnte schon einmal die Karenz modernisieren und ins 21. Jahrhundert bringen. Man könnte ein Statement setzen, dass Betreuung nicht auf einer Person lastet, sondern tatsächlich etwas ist, dass man sich aufteilen kann. Und dass sich viele Paare besser aufteilen wollen würden, es aber aus strukturellen, finanziellen Aspekten nicht sinnvoll wäre, das zu tun.

Auch da gibt es offensichtlich ein Marktversagen. Meine Empfehlung wäre anpacken. Dahinter steht natürlich, dass es viele tendenziell weibliche Berufe, etwa in der Kinderbetreuung oder im Gesundheitsbereich gibt, die massiv unterbezahlt sind. Das ist absurd, weil das gesellschaftlich so relevante Berufe sind, die mehr Impact haben, als manche Management-Positionen.

Zurück zur allgemeinen Startup-Politik: Was ist jetzt, wo die Corona-Maßnahmen scheinbar wirklich vorbei sind, aus deiner Sicht die wichtigste Startup-Maßnahme?

Ich muss mich schon wieder wiederholen. Es hat sich, seit wir das letzte mal geredet haben, nichts geändert. Es wäre wohl auch sehr überraschend, wenn mir seitdem zehn neue Maßnehmen eingefallen wären, die die Startup-Szene unbedingt braucht. Aber ich werde mich so lange wiederholen, bis sich etwas tut – auch wenn es das letzte ist, was ich tu: Wir brauchen eine Veränderung im Gesellschaftsrecht. Wir brauchen eine gute Regelung für die Mitarbeiter:innenbeteiligung. Und wir brauchen einen Beteiligungsfreibetrag.

Letzteres ist besonders wichtig, denn wir brauchen eine Möglichkeit, abseits von staatlichen Mitteln, Innovation zu finanzieren. Weil das Geld ist in Österreich ja da. Aber wir haben ein Riesen-Problem, wenn es um dessen Verteilung geht – und am Ende des Tages generell um unseren Zugang zu diesen Themen. Es wäre extrem naheliegend und letztlich auch sehr einfach, etwas davon einzuführen, wenn es den politischen Willen gäbe. Ich habe Hoffnung auf das angekündigte Gründungspaket, im Rahmen dessen es angeblich Maßnahmen in genau diesen Bereichen geben soll – eigentlich heißt es Gründerpaket, aber ich erlaube mir, einen genderneutralen Begriff zu nutzen.

Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann.

Es geht für mich um die großen Fragen: Wie soll es in der Zukunft langfristig aussehen? Wie schaffen wir es als Gesellschaft, gut und friedlich zusammenzuleben, was in diesen Zeiten nochmal besonders relevant scheint? Und wie schaffen wir es, Innovation und damit Arbeitsplätze am Standort zu halten, und somit das soziale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten? Ich glaube, dass Startups hier eine riesige Rolle spielen können – sonst würde ich das alles nicht machen. In der Umfrage zum Austrian Startup Monitor wurden 10.000 neue Jobs von Startups für dieses Jahr angekündigt. Das könnte nochmal um einen ordentlichen Faktor mehr sein, wenn es das Commitment dazu gäbe.

Meine Quintessenz ist also: Machen wir etwas für die wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Zukunft des Landes, oder machen wir nichts? Manchmal habe ich das Gefühl, wir machen nichts und warten ab, weil „wir sind eh nicht so schlecht, wie der Rest“. Aber die goldenen Zeiten sind wahrscheinlich vorbei. Diese Ausrede gilt in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr.

In letzter Zeit wurden, wie du gesagt hast, mehrere Maßnahmen angekündigt und Entwürfe geliefert, aber noch nichts wirklich realisiert. Was ist das Feedback, dass du aus der Szene wahrnimmst?

Es wundert mich, dass man immer mehr enttäuscht und ernüchtert sein kann, aber bei der Startup-Community ist das tatsächlich der Fall. Es geht schon zu lange gar nichts weiter und in den vorgelegten Entwürfen werden die Kern-Forderungen nicht erfüllt. Natürlich sind wir nicht im Träumeland, wo man sich alles wünschen kann und es geht vielfach um Kompromisse. Aber in der Szene fragt man sich: Warum werden politische Entscheidungen – und da spreche ich explizit nicht nur über die FlexCo – ständig auf Kosten von Zukunft, Innovation und jungen Menschen getroffen, um Strukturen weiterzufinanzieren, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das Unverständnis wird immer größer. Und ich sehe Leute, die aus diesem Grund mit ihrem Business das Land verlassen. Sie glauben nicht mehr daran, dass wir das bewältigen können.

Das Justizministerium ist extrem konstruktiv.

Da mache ich mir schon Sorgen und frage mich, ob in der Politik die Komplexität dieser Probleme erkannt wird. Man sieht Maßnahmen wie FlexCo, Beteiligungsfreibetrag und Mitarbeiter:innenbeteiligung als seperate Dinge und glaubt, wenn man eines davon umsetzt, ist die Welt gerettet und die Startup-Szene wird blühen und wir werden Millionen von Startups haben, die alle zum Unicorn werden. Das stimmt einfach nicht. Es gibt ja komplexe Zusammenhänge zwischen den Themen. Die Forderungskataloge aus der Startup-Szene kommen nicht von ungefähr.

Wenn in der Szene nun die Frage gestellt wird, warum wir so auf die Umsetzung der Forderungen für die FlexCo pochen, sage ich: Weil die Politik es bislang nicht geschafft hat eine einzige der Maßnahmen umzusetzen, die wir vorgeschlagen haben. Tatsächlich keine einzige. Daher wäre es jetzt einfach wichtig, mit einem guten Beispiel voranzupreschen und tatsächlich etwas in die Umsetzung zu bringen. Ich setze auch große Hoffnungen in das Justizministerium – natürlich in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium – dass man da in die Umsetzung kommt. Es wäre nach so vielen Monaten Verhandlungen einmal an der Zeit, einen Entwurf zu haben, der international mithalten kann. Wir können mit unseren Gesetzen nicht die internationalen VCs „erziehen“. Die sagen den Startups, dass sie für ein Funding umziehen müssen, wenn die Regelung für sie nicht passt. Aber diese Denke muss sich hier erst etablieren.

Siehst du also tatsächlich noch die Chance, dass der Entwurf so abgeändert wird, dass es die FlexCo wird, die sich die Startup-Szene gewünscht hat?

Ich bin eine grenzenlose Optimistin und glaube, dass Dinge erst vorbei sind, wenn sie wirklich abgeschlossen werden – so wie bei einem Investment oder einem Kundenauftrag. Noch sind wir in der Diskussionsphase. Und da kann ich schon explizit sagen: Das Justizministerium ist extrem konstruktiv. Sie hören sich unsere Vorschläge und unser Feedback an und versuchen, das zu implementieren. Solange wir noch in dieser Diskussionsphase sind, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun. Man muss schon sagen, der Konsens über die involvierten Ministerien hinweg ist, etwas zu schaffen, das einen Mehrwert für die Anwender:innen hat. Es geht ihnen nicht nur um eine nette Pressemeldung.

Es sind gute Intentionen dahinter. Deswegen sind die Gespräche wahrscheinlich so intensiv. Die Frage ist: Wie schafft man es, manche Interessen präsenter zu halten und stärker zu vertreten und andere, die nicht mehr zeitgemäß sind, vielleicht weniger. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schauen wir, worüber wir nächstes mal reden.

Letzte Frage: Wenn du eine Maßnahme auf magische Weise sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Es wäre der Beteiligungsfreibetrag. Es gibt so viele spannende Unternehmen, auch im Social- und Impact-Bereich, die Finanzierung brauchen. Wenn wir den Beteiligungsfreibetrag umsetzen würden, hätten wir viel mehr Kapital für gute Ideen. Und das werden wir brauchen, weil wir werden das langfristig nicht finanzieren können. Und das wäre verhältnismäßig einfach umzusetzen, weil es nur ein Ministerium betrifft, und zwar das Finanzministerium.

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Jonas Jünger (Managing Director, Cyclops Europe) und Alex Wilson | (c) Martin Pacher

Es ist eine Art Homecoming: Alex Wilson, Co-Founder und Co-CEO des US-Stablecoin-Startups Cyclops, wuchs in den USA mit zwei Sprachen und zwei Kulturen auf. Mit seinem Vater sprach er nur Englisch, mit seiner Mutter – einer Tirolerin aus Innsbruck – ausschließlich Deutsch. Die Sommerferien verbrachte er bei den Großeltern in Österreich, Weihnachten ging es zum Skifahren nach Kitzbühel. „Ich hatte das Glück, sozusagen mit zwei Heimatländern aufzuwachsen“, erzählt Wilson im brutkasten-Gespräch.

Jetzt kehrt der Austro-Amerikaner mit seinem aktuellen Unternehmen nach Wien zurück. Vergangene Woche eröffnete Cyclops.io seinen neuen Standort in der Bundeshauptstadt – das EU-Headquarter und gleichzeitig die einzige weitere Niederlassung neben dem Hauptsitz in Miami.

Repeat Founder: Von Giving Block zu Shift4 zu Cyclops

Wilson ist kein Newcomer. Gemeinsam mit seinen Mitgründern Pat Duffy und David Johnson startete er bereits 2018 das Krypto-Startup The Giving Block, eine Plattform, über die Non-Profit-Organisationen Krypto-Spenden entgegennehmen können. „2018 hat man uns angeschaut, als wären wir verrückt“, erinnert sich Wilson. „Aber wir sind dabeigeblieben.“ Das Unternehmen wurde 2022 an den börsennotierten US-Zahlungsdienstleister Shift4 verkauft. Wilson übernahm dort die Verantwortung als Head of Crypto und Head of Stablecoin – und sammelte über drei Jahre lang Erfahrung an der Schnittstelle von Krypto und traditionellem Payments-Business.

Genau diese Jahre wurden zum Ausgangspunkt für Cyclops. „Wir haben bei Shift4 Produkte für Pay-with-Crypto, Stablecoin-Settlement und Stablecoin-Payouts gebaut – mit einem Flickenteppich an bestehenden Lösungen. Es war viel schwieriger, als es hätte sein müssen“, so Wilson. Auf dem Markt habe es zwar viele Krypto-Infrastruktur-Anbieter gegeben, aber keiner sei wirklich auf die Payments-Branche spezialisiert gewesen: „Auf den Websites stand vielleicht: ‚Wir bedienen zehn Industrien, eine davon ist Payments.‘ Aber wenn man unter die Haube schaut, war das Produkt für eine Bank, einen Broker oder einen Payments-Anbieter identisch.“

Cyclops will diese Lücke schließen und fokussiert sich ausschließlich auf Zahlungsdienstleister (PSPs) – ein Hyperfokus, den die Gründer bereits bei The Giving Block (nur Non-Profits) verfolgt hatten. „Wir sind sehr B2B“, betont Wilson. Cyclops ist also keine Kryptobörse für Endkund:innen, sondern eine Infrastruktur-Plattform für Payments-Unternehmen, die ihren Händler-Kund:innen Krypto- und Stablecoin-Funktionalitäten anbieten wollen – ohne selbst zum Krypto-Unternehmen werden zu müssen.

Alex Wilson im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur | brutkasten

Warum Wien? FMA, Bitpanda – und der Talent-Pool

Bei der Standortwahl in Europa habe man einen umfassenden Prozess durchlaufen, betont Wilson: „Wir haben uns Deutschland, Irland, Malta und andere Länder angesehen.“ Ausschlaggebend für Österreich sei am Ende der MiCA-Pfad der Finanzmarktaufsicht (FMA) gewesen: „Die FMA hat einen der klarsten Wege zur Lizenz aufgezeigt. Es gibt viele Länder, die zwar ein MiCA-Framework haben, aber bisher kaum Lizenzen vergeben haben.“

Wilson nennt explizit auch Bitpanda als wichtigen Faktor: „Bitpanda hat hier großartige Vorarbeit geleistet. Danach sind KuCoin, Bybit, Bitget und viele andere gekommen. Das hat eine Community aufgebaut und uns die Tür geöffnet.“

Hinzu komme der Talent-Pool: „Wien ist ein Hub für große Finanzdienstleister. Das ist genau das Profil, das wir für Compliance-, Legal- und Regulatory-Rollen brauchen.“ Die meisten lokalen Hires sollen aus diesen Bereichen kommen, während Vertrieb und Marketing eher remote organisiert werden.

Der persönliche Bezug habe geholfen, sei aber nicht der Hauptgrund gewesen: „Wir hätten Österreich nicht gewählt, wenn die Rahmenbedingungen nicht gepasst hätten.“

Zehn Mitarbeiter:innen bis Jahresende, MiCA-Lizenz erwartet

Aktuell beschäftigt Cyclops weltweit rund 30 Mitarbeiter:innen, das lokale Team in Wien startet in kleiner Besetzung. Bis Ende 2026 soll der Wiener Standort auf rund zehn Mitarbeiter:innen wachsen. Geleitet wird das Büro von Managing Director Jonas Jünger, dazu wurden bereits ein MLRO und ein Deputy MLRO eingestellt – beides regulatorisch verpflichtende Compliance-Funktionen. Die MiCA-Lizenz selbst erwartet Wilson „hoffentlich bis Ende des Jahres“.

Damit reiht sich Cyclops in eine wachsende Liste internationaler Krypto-Unternehmen ein, die Österreich als Tor zum europäischen Markt wählen. Nach Bitpanda, Bybit, KuCoin, Cryptonow und 21bitcoin geht das nächste Unternehmen den MiCA-Lizenzweg über die FMA – mit dem Unterschied, dass es sich bei Cyclops nicht um eine Kryptobörse handelt.

Funding: Acht Millionen im Rücken – und mehr in Vorbereitung

Bereits im Oktober 2025 schloss Cyclops eine Finanzierungsrunde über acht Millionen US-Dollar ab, öffentlich kommuniziert wurde sie aber erst Anfang März 2026 – zeitgleich mit dem Stealth-Launch. Investoren waren Castle Island Ventures, F-Prime sowie strategisch Shift4 Payments selbst – also der ehemalige Arbeitgeber, der nun gleichzeitig Anchor-Kunde des Startups ist.

Im brutkasten-Interview bestätigt Wilson, dass aktuell eine weitere strategische Runde über zehn Millionen US-Dollar von Payments-Unternehmen geschlossen wird – noch vor einer formellen Series A, die im kommenden Jahr angepeilt wird. „Wir hatten gar nicht geplant, jetzt zu fundraisen“, so Wilson. „Aber nach dem Stealth-Launch im März waren wir überwältigt vom Inbound – von Kunden, Partnern, aber auch Investoren. Das hat unseren Zeitplan nach vorne gezogen.“

Zu den ersten Kunden zählen unter anderem Blue Origin – wer ein Ticket für einen Weltraumflug des Jeff-Bezos-Unternehmens kaufen möchte, kann die Zahlung über Cyclops in Krypto abwickeln – sowie der New Yorker Helikopter-Service Blade.

EU einfacher als USA – aber Mindset-Frage in Österreich

Wilson, der den US-Lizenzprozess parallel durchläuft, sieht in der EU-weiten MiCA-Regulierung einen klaren Vorteil gegenüber dem US-System: „In den USA brauchen wir Money-Transmitter-Lizenzen in rund 50 Bundesstaaten. In Europa ist es eine hohe Mauer statt 50 kleinen – aber dafür ein einheitlicher Ansatz.“

Kritischer äußert sich der Co-Founder zum unternehmerischen Klima in Österreich und der EU: „Man denkt bei Österreich nicht automatisch an Entrepreneurship. In den USA verbindet man Startup mit Hustle, Silicon Valley. Hier gibt es viele bürokratische Hürden – beim Firmen-Setup, beim Office-Lease, bei den Papier-Anforderungen.“ Es brauche aber nicht nur Vereinfachung der Prozesse, sondern auch einen kulturellen Wandel: „Wenn du wirklich ein Startup-Hub sein willst, musst du in der Schule anfangen, Unternehmertum zu vermitteln. Du musst Risikobereitschaft fördern.“

Gleichzeitig sieht Wilson Chancen in der europäischen Souveränitäts-Debatte: „Wenn man Innovation wie Stablecoins und Blockchain richtig nutzt, kann man digitale Souveränität tatsächlich neu denken – Wallets, Private Keys, alles lässt sich anders organisieren als im traditionellen System.“

Ausblick: B2B-Stablecoins und Agentic Payments

Für 2026 und 2027 erwartet Wilson, dass sich der Stablecoin-Markt primär im B2B-Segment entwickelt – konkret bei der Abwicklung von Merchant-Settlements: „Statt Wire Transfer oder SEPA werden Payments-Unternehmen zunehmend in USDC oder EURC abrechnen. Sieben Tage die Woche, auch an Wochenenden und Feiertagen. Das modernisiert Treasury-Prozesse, gerade für global agierende Unternehmen.“

Zum Hype-Thema Agentic Payments – also KI-gestützte, automatisierte Zahlungen – äußert sich Wilson zurückhaltend, aber überzeugt: „Das ist das Buzzword des Jahres, aber es steckt etwas Echtes dahinter. Wir bauen AI-first, weil wir glauben, dass die Welt dort hingeht. Ob das in einem, zwei, fünf oder zehn Jahren wirklich skaliert – wir müssen bereit sein.“

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