18.10.2022

Lingooh Amor: Lenas Erotik-Leben als Sprachlernkatalysator in 12 Akten

Das Lostorfer Startup Lingooh hatte die Idee, mit erotischen Geschichten und Übungen das Sprachenlernen zu erleichtern.
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(c) Lingooh - Zwölf erotischen Abenteuern folgen und dabei eine Sprache lernen - das bietet Lingooh-Gründer René Häberli.

„Das stoßweise Keuchen, ihr tiefes Stöhnen beim Ausatmen und das flache, überraschte Luftholen, als sie sich der Auflösung nähert“. Mit diesen Zeilen wird in „Lenas Jahr“ das Ende einer von vielen erotischen Aktivitäten einer jungen Protagonistin eingeläutet. In einer Reihe von zwölf Episoden des schweizerischen Startups Lingooh Amor durchlebt Lena innerhalb eines Jahres diverse sexuelle Abenteuer, die alle nur einem Zweck folgen: Leser:innen durch Erotik Sprache beizubringen.

Lingooh nutzt kollektiven Erotikzugang

Laut dem „Statista Research Department“ und einer 2021-er-Umfrage nach, haben 55 Prozent von 3.000 Befragten mindestens einmal pro Monat Sex oder gehen erotischen Aktivitäten nach. Unter 30-Jährige teilen sich im Schnitt rund 155 Mal pro Jahr einen Partner im Bett.

„Jeder Mensch hat einen Zugang zu Erotik“, sagt Lingooh-Gründer René Häberli in diesem Sinne. Sprachkurse waren Zeit seines Lebens ein wiederkehrender Begleiter für den 76-Jährigen. Ihr Wandel von „in persona“-Kursen, über die Buchform bis hin zur Verlagerung ins Netz als Onlinekurs, ließ auch ihn gedanklich mitgehen.

Sport oder Erotik?

Häberli wusste längst, dass man beim Sprache lernen auf Beobachtung und Interesse angewiesen ist. Eine thematische Zuspitzung auf einen bestimmten Bereich, würde für Lernwillige die Aneignung eines neuen Sprachskills erleichtern, so seine Idee.

Also suchte er für seinen geplanten Onlinekurs nach einem Gebiet, das ein allgemeines Interesse für einen Großteil der Menschen innehaben sollte. „Ich habe mich zuerst gefragt, ob da Sport hineinfällt“, erinnert Häberli sich. „Aber durch die Erotik nimmt man Dinge beim Lernen einfach noch leichter auf. Man hat sofort ein bestimmtes Kopfkino laufen und eigene Vorstellungen von Schönheit.“ So seine damaligen Gedanken.

Lena bei ihren erotischen Abenteuern belgeiten und sich Sprachschatz aneignen

Heute lässt er Lena – als Übung für User:innen – ihre Erotik ausleben. Der Plot ist einfach erklärt: Die Hauptcharakterin ist vergeben, verfügt aber über wenig Erfahrungen. Als Experiment schlägt ihr Freund vor, ihr Zuhause für ein Jahr lang zu verlassen und in die Nächte einer Stadt einzutauchen, um Erfahrung zu sammeln – während er in dieser Zeit vollkommen auf Sex verzichtet. Nach ihrer Rückkehr sollen sie heiraten. Künftig soll neben Lena ein homosexueller Charakter namens Sebastian das Lern-Angebot von Lingooh in neuen Episoden ergänzen.

„Die Geschichten zu den Online-Übungen sind wertneutral geschrieben. Niemand wird wegen seines Gewichts oder Aussehens benachteiligt“, erklärt Häberli. „Es sind beides weltoffene Figuren, die vom Land in die Stadt kommen und das Erwachsenwerden in verschiedenen Stationen erleben.“

Alle Episoden sind von einer deutschen Erotikschreiberin verfasst, die anonym bleiben möchte, aber unter dem Pseudonym Mila Marento für das Startup schreibt.

Mehrheit auf Lingooh sind Frauen

„Die Geschichten sind sehr sinnlich verfasst, nicht pronografisch“, stellt Häberli klar, der bei seinen Sprachkursen auf einen weiblichen Userinnen- bzw. Registrierungs-Anteil von 60 Prozent zurückblicken kann und darauf stolz ist.

Die insgesamt zwölf Kurse, mit 540 Übungen, sind beliebig oft wiederholbar und werden aktuell in französisch, spanisch, italienisch, englisch und portugiesisch angeboten.

Sprachschatz

Übereinstimmenden Quellen nach markieren 2.500 Wörter die Anzahl an Wörtern, mit der es möglich ist, sich zu jedem Thema problemlos zu verständigen. 5.000 Wörter umfassen das aktiv genutzte Vokabular eines Muttersprachlers mit einfacher Bildung. Rund 10.000 Wörter umfasst das Repertoire eines Muttersprachlers mit höherer Bildung.

Auf der Plattform von Häberli finden sich 11.000 registrierte User:innnen wieder, die, ihm nach, ihren Sprachschatz in der jeweiligen Sprache mit seinen Kursen auf über 10.000 Worte steigern könnten. Diese Anzahl an interessierten Personen, die gebucht oder zumindest eine Gratis-Lektion absolviert haben, hat der Founder ohne viel Marketing zusammengebracht, wie er erzählt und dabei herausstreicht, welche Hürden ihn bei der Schaffung von „Awareness“ immer wieder begegnen.

Erotik und Marketing

„Die Kurse sind schwer zu bewerben“, sagt er. „Der Algorithmus auf manchen essentiellen Seiten siedelt ‚Erotik‘ nicht weit vorne an.“

So sucht das eigenfinanzierte Startup aktuell nach Kooperationspartnern und hat dabei bereits den US-Markt im Visier. Künftig möchte Häberli auch den chinesischen Markt erreichen und plant Mandarin auf Lingooh anzubieten. Um, wie er sagt, Interessierten „Sprache in amüsanter und haftender Form beizubringen.“

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Michael Dobersberger ist der "Startup-Wingman" im Silicon Valley. | © brutkasten

Das Silicon Valley ist nach wie vor das unangefochtene Epizentrum der globalen Tech-Welt. Ein Großteil des weltweiten Risikokapitals ist in der Region rund um San Francisco gebündelt. Für europäische Startups birgt der Markteintritt in den US-amerikanischen Raum jedoch erhebliche kulturelle wie strukturelle Hürden. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Arbeit von Michael Dobersberger an. Brutkasten hat ihm einen Tag lang in San Francisco über die Schulter geschaut.

Michael Dobersberger im Gespräch mit brutkasten-Redakteurin Ann-Kathrin Salmen vor der Bay Bridge in San Francisco. © brutkasten

Ein Ökosystem für den Aufstieg

Als Co-Direktor der Initiative Open Austria, einem Joint Venture der Wirtschaftskammer Österreich und des Außenministeriums, fungiert Dobersberger als strategischer Sparring-Partner vor Ort. Während die WKÖ-AußenwirtschaftsCenter in New York und Los Angeles das operative Tagesgeschäft im Exportgeschäft abwickeln, konzentriert sich das AußenwirtschaftsCenter in San Francisco unter seiner Leitung auf spezialisierte Formate.

„Ich sehe meine Aufgabe darin, Startups ready für das Silicon Valley zu machen, damit sie einen gewissen Startvorteil gegenüber anderen europäischen Startups haben“, erklärt Dobersberger im Gespräch. Sein Aufgabengebiet umfasst gezieltes Startup-Coaching für den US-Markteintritt sowie Innovation Scouting für etablierte Großunternehmen. Die Nachfrage ist hoch: „Allein heuer habe ich schon über 260 Unternehmen in einem meiner Programme gehabt.“

Die Teilnehmer:innen des GOUSA Kickoffs im Silicon Valley. © Michael Dobersberger

Das Mindset: Ja, wenn … statt Nein, weil …

Die kulturellen Gräben zwischen europäischen und US-amerikanischen Entrepreneurship-Zugängen erlebt Dobersberger täglich. Während hierzulande Risiken oft im Vordergrund stehen, herrscht in Kalifornien eine ausgeprägte Optimierungskultur.

Den zentralen Unterschied im Denkansatz bringt Dobersberger pragmatisch auf den Punkt: „In den USA heißt es: ‚Es kann funktionieren, wenn …‘, während in Europa oft gesagt wird: ‚Das funktioniert nicht, weil …‘“. Es gehe keineswegs darum, kritische Einwände zu ignorieren, sondern Geschäftsideen konstruktiv zu bewerten und Chancen in den Mittelpunkt zu rücken.

Schnelligkeit und ein realistischer Blick auf Fehler

Ein entscheidender Erfolgsfaktor am US-Markt sei die Umsetzungsgeschwindigkeit. „Du musst nicht besser sein, du musst schneller sein“, betont Dobersberger. Wer rasch am Markt testet, gewinnt wertvolles Feedback und kann Mitbewerber überholen.

Ergänzt wird dieses Tempo durch den vielzitierten Umgang mit dem Scheitern, der jedoch häufig missverstanden werde. Fehler seien zwar Teil der Lernkurve, dürften das Unternehmen jedoch nicht ruinieren. „Fail fast, fail often – and keep the price to a minimum“, bringt es Dobersberger auf den Punkt. Das bedeutet übersetzt so viel wie: „Scheitere schnell, oft und halte die Kosten dabei auf einem Minimum.“

Präzision fordert der Experte auch beim Markenauftritt und Produktstart. Zu langes Perfektionieren im Stillen sei gefährlich: „Wenn du nicht irgendwann sagst: ‚Mein erstes Produkt war so peinlich‘, dann bist du zu spät an den Markt gegangen“, veranschaulicht er eindrücklich.

Ein Großteil von Dobersbergers Arbeit besteht darin, Menschen miteinander zu vernetzen. © brutkasten

Die Matrjoschka-Logik beim Pitchen

Auch in der Kommunikation rät Dobersberger zu einer radikalen Vereinfachung. Statt technischer Details müsse in den ersten Sekunden das zugrundeliegende Problem im Fokus stehen. Dobersberger nutzt dafür das Bild einer umgekehrten Matrjoschka-Puppe.

„Die erste Matrjoschka ist die wichtigste – das ist dein Why“, erklärt er. Ziel der ersten 40 Sekunden sei es nicht, das gesamte Produkt zu erklären, sondern Neugier zu wecken und Folgetermine zu sichern. Wer zu tief ins Technische abgleite, verliere das Gegenüber rasch.

Menschen investieren in Menschen

Zudem entscheide die Persönlichkeit des Gründerteams oft mehr als die Technologie selbst. Das Feedback internationaler Investor:innen zeichne hier ein klares Bild: „Die Investoren investieren zu 90 Prozent ins Team und zu zehn Prozent in die Technologie.“ Starken Gründerpersönlichkeiten traue man eher zu, Märkte zu erschließen und Geschäftsmodelle bei Bedarf anzupassen.

Mit diesem ganzheitlichen Ansatz, von der Schärfung der Story bis hin zur Vernetzung vor Ort, unterstützt Dobersberger heimische Gründer:innen dabei, im Silicon Valley nachhaltig Fuß zu fassen.

Dobersberger mit seinem ehemaligen indonesischen Diplomaten-Kennzeichen. Vor seiner Zeit in Amerika war er in Indonesien, Serbien und England tätig. © brutkasten
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