19.01.2026
HEALTH

Lica: Wie ein Startup aus OÖ die Pflege zu Hause digital vernetzen will

Pflege findet in Österreich überwiegend im häuslichen Umfeld statt. Digitale Lösungen sind dort bislang jedoch nur punktuell im Einsatz. Angehörige, 24-Stunden-Betreuungskräfte, mobile Pflegedienste, Ärzt:innen und Apotheken arbeiten oft parallel, Informationen werden mehrfach oder gar nicht dokumentiert. Genau dieses strukturelle Problem adressiert das oberösterreichische Startup Lica Life Care GmbH.
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Michael Schiemer ist Geschäftsführer und Gesellschafter der Lica Life Care GmbH (c) Lica

Lica steht für „Life Care“ und ist eine Web-App, die alle an der Betreuung eines Menschen beteiligten Personen digital miteinander vernetzen will. Im Mittelpunkt steht dabei ein gemeinsamer Datensatz pro betreuter Person, der als Schnittstelle zwischen Angehörigen, professionellen Pflegekräften und weiteren Akteur:innen im Gesundheitsbereich dienen soll.

Geschäftsführer Michael Schiemer erklärt: „Lica ist die erste App, die alle handelnden Personen rund um einen zu betreuenden Menschen im häuslichen Umfeld digital vernetzen kann. Wir bauen den Datensatz auf einen zu betreuenden Menschen auf und dieser vernetzt sich dann mit den jeweiligen Betreuungsdiensten“. Ziel sei es, Betreuung und Pflege zu Hause übersichtlicher, strukturierter und nachvollziehbarer zu gestalten.

Ein Datensatz als verbindendes Element

Die Grundidee von Lica ist, Informationen nicht länger isoliert zu erfassen, sondern zentral und rollenbasiert verfügbar zu machen. Ärzt:innen können medizinische Dokumente einsehen oder Vitalparameter prüfen, Apotheken Rezepte digital erhalten, etwa um Medikamente für die häusliche Betreuung vorzubereiten. Angehörige dokumentieren ihre Tätigkeiten im Alltag, wodurch ein gemeinsamer Überblick über den Pflegeverlauf entsteht. „Die Pflege-Datendrehscheibe beginnt bei Laien und Angehörigen, hier setzen wir an“, sagt Geschäftsführer Michael Schiemer im Gespräch mit brutkasten.

Aus diesen dokumentierten Tätigkeiten wird automatisch der Pflegeaufwand berechnet. Dieser soll sich an den geltenden Pflegestufen orientieren und laufend aktualisiert werden. Lica versteht diese Funktion als Unterstützung bei der Einschätzung von Pflegeleistungen und deren Nachvollziehbarkeit.

Auch freiberufliche Pflegepersonen können ihre Leistungen in der App erfassen, etwa Wunddokumentationen inklusive Fotodokumentation. Diese werden entlang desselben Dokumentationspfades gespeichert, sodass medizinische, pflegerische und organisatorische Informationen zusammengeführt werden.

So sieht die Lica App aus. (c) Lica

Drei Versionen für unterschiedliche Anforderungen

Lica ist modular aufgebaut und richtet sich an verschiedene Zielgruppen. Die kostenlose Version „Lica Home“ adressiert pflegende Angehörige und bietet eine strukturierte tägliche Erfassung, Verlaufsübersichten sowie alltagsnahe Tipps.

Mit „Lica Pro“ erweitert sich der Funktionsumfang um Aufgabenpläne, Pflegegeldberechnung und die Vernetzung mehrerer Betreuender. Diese Version kostet 14,99 Euro pro Monat. Für professionelle Pflege- und Betreuungsdienste gibt es mit „Lica Agentur“ eine eigene Lösung. Diese ist auf mobile Pflege und 24-Stunden-Betreuung zugeschnitten und ermöglicht unter anderem die Verwaltung von Klient:innen, Pflegekräften und Dienstplänen sowie eine durchgängige digitale Pflegedokumentation.

Mehrsprachigkeit und europäische Perspektive

Ein zentrales Merkmal von Lica sei die Mehrsprachigkeit. Die App ist eigenen Angaben nach in bis zu 22 Sprachen nutzbar und trägt damit der Realität in der häuslichen Pflege Rechnung, insbesondere im Bereich der 24-Stunden-Betreuung. Betreuungskräfte können in ihrer jeweiligen Sprache dokumentieren, Inhalte werden automatisch übersetzt.

Lica ist ursprünglich als Forschungsprojekt mit Unterstützung der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG entstanden und wird nun kommerziell vermarktet. Aufgrund der sprachlichen Ausrichtung sieht sich das Unternehmen auch für den europäischen Markt gut positioniert.

Ein Markt im Wandel

Der Bedarf an digitalen Lösungen in der häuslichen Pflege wächst. Der Fachkräftemangel in der Pflege führt dazu, dass Angehörige und Laienbetreuer künftig eine noch größere Rolle spielen werden. Der häusliche Pflegemarkt sei bislang kaum digital erschlossen. Lica will hier eine verbindende Infrastruktur schaffen, die unterschiedliche Akteur:innen zusammenführt.

Hinter Lica steht die im Dezember 2020 gegründete Lica Life Care GmbH mit vier Personen im Kernteam, wobei im Zuge von Projekten bis zu 50 Personen involviert waren. Finanziell ist das Startup bislang bewusst zurückhaltend vorgegangen. Die beiden Gründer halten jeweils 50 Prozent über ihre bestehenden Firmen und setzen auf einen sparsamen Wachstumspfad. Gerade darin sieht das Unternehmen einen Ansatz, gesellschaftlich relevante Digitalisierung auch ohne kurzfristige Skalierungslogik voranzutreiben.

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Beim S&B Award 2026 wurden vielversprechende Spinoffs prämiert | (c) Hannes Winkler
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„Nächstes Jahr haben wir die 100 voll“, sagt Elisabeth Mayerhofer. Sie moderierte auch dieses Jahr die Vergabe des S&B Awards des Rudolf Sallinger Fonds – gemeinsam mit Philipp Horvath. Mit 100 meint Mayerhofer Finalisten-Spinoffs, die beim Award gegeneinander antreten. Stand 2026 gab es bislang nämlich 99 davon – der Award wurde nun zum zehnten Mal vergeben.

Prominente Alumni

Welchen Impact der S&B Award hat, erläuterte nicht nur die frühere Casinos-Generaldirektorin Bettina Glatz-Kremsner, die als langjährige Vorsitzende des Kuratoriums des Rudolf Sallinger Fonds im vorigen Jahrzehnt den entscheidenden Anstoß zu dessen Schaffung gegeben hatte. Auch prominente Alumni kamen bei der Award Ceremony zu Wort.

Bettina Glatz-Kremsner (m.) erzählte Moderatorin Elisabeth Mayerhofer (r.), wie alles begann | (c) Hannes Winkler

„Das Preisgeld hat uns damals die Finanzierung eines entscheidenden Patents ermöglicht und die Aufmerksamkeit, die wir bekommen haben, war gerade in der Anfangsphase enorm wichtig“, erzählt Cubicure-Gründer Robert Gmeiner, der mit seinem Spinoff im 3D-Druck-Bereich die erste Ausgabe des Awards gewonnen hat und mittlerweile auf einen 79 Millionen Euro schweren Exit zurückblickt.

Das auf Lieferketten-Monitoring spezialisierte KI-Unternehmen Prewave, das mittlerweile zu den größten Scaleups des Landes zählt, holte sich beim Antritt 2018 zwar nicht den Sieg. Profitiert habe man aber dennoch sehr – sowohl von der Sichtbarkeit als auch von der Nachschärfung des eigenen Modells und Pitchs im Rahmen der Bewerbung, erzählt Co-Founder und CEO Harald Nitschinger. Sein Tipp an die aktuellen Finalist:innen: „Think big!“

Die Alumni Harald Nitschinger (l.) und Robert Gmeiner (m.) gaben den Finalist:innen Tipps aus ihrer Erfahrung | (c) Hannes Winkler

Es ist ein Ratschlag, den sich die Forscher:innen hinter den zehn diesjährigen Finalisten-Projekten – brutkasten berichtete im Vorfeld – gewiss zu Herzen nehmen. Denn zwar sind sie mit ihren Spinoffs mitunter noch in einer sehr frühen Phase, doch die forschungsbasierten Produkte haben denkbar großes Potenzial.

„Furchtbare“ Auswahl aufgrund durchwegs hoher Qualität

Entsprechend schwer war die Auswahl für die Jury, bei der Ceremony vertreten durch Rudolf Dömötör (WU Wien), Gertraud Leimüller (winnovation) und Josef Glössl (BOKU). Juryvorsitzender Dömötör verriet mit einem Augenzwinkern: „Es war furchtbar! Also nicht die Projekte, sondern bei dieser enormen Qualität einen Sieger zu ermitteln,“ und doch habe es, wie immer, nur einen geben können.

Rudolf Dömötör fungierte als Juryvorsitzender | (c) Hannes Winkler

Hauptpreis für Diamens

Den Hauptsieg und damit ein Preisgeld von 20.000 Euro holte sich schließlich das JKU-Linz-Spinoff Diamens (brutkasten berichtete bereits mehrmals). Das HealthTech-Startup entwickelt eine neue, nicht-invasive Diagnose-Methode für Endometriose, an der weltweit rund 190 Millionen Frauen leiden. Der Weg zum Award-Sieg sei ein spannender Prozess gewesen, sagt Co-Founderin und CEO Marlene Rezk-Füreder gegenüber brutkasten: „Die Jury war sehr kompetent und hat nicht die Fragen gestellt, die man sonst immer bekommt.“ Mit dem Preisgeld habe man bereits einen konkreten Plan: „Wir werden damit unser zweites Patent einreichen, um unsere Technologie weiter schützen zu können.“

Das Gründerinnen-Team von Diamens (v.l.n.r.): Clara Ganhör, Angelika Lackner, Marlene Rezk-Füreder und Eva Scharnagl | (c) Hannes Winkler

brutkasten-Sonderpreis für Duramea

Auch dieses Jahr vergab brutkasten einen Sonderpreis über 5.000 Euro Medienvolumen, dessen Sieger per Online-Voting ermittelt wurde. Diesen holte sich das TU-Graz-Spinoff Duramea, das eine Membran-Technologie für die effiziente Erzeugung von grünem Wasserstoff entwickelt. „Wir wollen damit grünen Wasserstoff günstiger machen, als Wasserstoff, der aus Erdöl produziert wird“, erklärt Gründer Sebastian Rohde. Vom S&B Award habe man sich vor allem Sichtbarkeit versprochen. Auch wie man die zusätzliche Sichtbarkeit über das brutkasten-Medienvolumen einsetzen wolle, verrät Rohde bereits: „Wir sind aktuell noch sehr gut durch Förderungen finanziert. Aber mit der weiteren Entwicklung werden wir früher oder später auch auf Investorensuche gehen.“

Duramea vertreten durch Jean Claude Koffi (2.v.l.) und Sebastian Rohde (2.v.r.) holte sich den brutkasten-Sonderpreis | (c) Hannes Winkler

Sonderpreis von Onsight Ventures für Cairos

Und noch ein weiterer Sonderpreis wurde dieses Jahr vergeben – von Onsight Ventures rund um Tech-Pionier und Investor Hermann Hauser. Das Siegerteam erhält ein Ticket für das Hermann Hauser Frontier Lab im Oktober in Graz. Den Preis holte sich das Montanuniversität-Leoben-Spinoff Cairos, das ein Verfahren zur Herstellung von erneuerbarem synthetischen Erdgas entwickelt. „Unser nächstes großes strategisches Ziel ist die erste kommerzielle Anlage und dafür werden wir Kapital brauchen. Da wird uns die Teilnahme am Hermann Hauser Frontier Lab definitiv weiterhelfen“, kommentiert Co-Founder Martin Peham gegenüber brutkasten.

Cairos von Andreas Krammer (2.v.l.) und Martin Peham (2.v.r.) sicherte sich den Sonderpreis von Onsight Ventures | (c) Hannes Winkler
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