22.04.2022

Leftshift One: Grazer KI-Startup verbessert Qualitätskontrolle bei einem Pharmariesen

Leftshift One hat ein KI-Betriebssystem entwickelt, das nun in der Qualitätskontrolle von Fresenius Kabi zum Einsatz kommt.
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Leftshift One-Vice President Stefan Schmidhofer, Leftshift One-CEO Patrick Ratheiser, Fresenius Kabi-Innovationsleiter Christoph Köth und Leftshift One-CTO Christian Weber © David Wiestner
Leftshift One-Vice President Stefan Schmidhofer, Leftshift One-CEO Patrick Ratheiser, Fresenius Kabi-Innovationsleiter Christoph Köth und Leftshift One-CTO Christian Weber © David Wiestner

Das Grazer KI-Startup Leftshift One hat einen großen Deal mit dem internationalen Pharmariesen Fresenius Kabi gelandet. Eine KI-Lösung des Startups kommt in der Qualitätskontrolle in der Arzneimittelproduktion zum Einsatz. Zunächst wird der neue Ansatz in einem Pilotprojekt im Grazer Werk des Pharmakonzerns eingesetzt – dort werden jährlich 100 Millionen Arzneimittel wie Anästhetika, Analgetika und Antibiotika produziert. In der Pharmaproduktion darf es zu keinen Abweichungen in geplanten Abläufen kommen und sollte es doch passieren, muss genau geprüft und fallweise eine ganze Charge vernichtet werden. Dafür ist eine gute Dokumentation wichtig, die in dem Werk bisher ausschließlich von Mitarbeiter:innen übernommen wird – in dem Pilotprojekt kommt ihnen nun eine Künstliche Intelligenz zur Hilfe.

Leftshift One ermöglicht Zusammenarbeit KI-Mensch

„Mit Hilfe der KI wollen wir sicherstellen, dass die Informationen zur Analyse einer Abweichung ausreichend und vollständig sind – unabhängig von Parametern wie dem dokumentierenden Mitarbeiter oder der Tageszeit“, erklärt Fresenius Kabi Austria-Innovationsleiter Christoph Köth. Die KI baut dabei auf der Dokumentation der Mitarbeiter:innen auf: „Unsere Technologie ist in der Lage, die textliche Beschreibung des Mitarbeiters zu analysieren und einzuordnen. Dadurch werden aus bislang unstrukturierten Texten vergleichbare Datensätze“, erklärt Patrick Ratheiser, Geschäftsführer von Leftshift One. Daraus ergeben sich Empfehlungen, die den Qualitätsexpert:innen die Entscheidung erleichtern sollen, wie mit den Planabweichungen umzugehen ist.

Leftshift One rund um CEO Patrick Ratheiser wurde 2017 gegründet und hat seither einen steilen Erfolgsweg geschafft. 2019 holte sich das Grazer KI-Startup ein zwei Millionen Euro-Investment von eQventure, Hermann Hauser, FFG und aws. 2020 folgte eine aws-Förderung und der Start der Entwicklung eines AI-Betriebssystems. Das AIOS getaufte System kommt auch im Fall Fresenius Kabi zum Einsatz und ermöglicht die rasche Umsetzung von KI-Anwendungen. „Mit Hilfe unserer Technologie können wir branchenübergreifend Unternehmen innerhalb weniger Wochen erste Lösungen anbieten. Wichtig ist, dass das jeweilige Domänen-Know-how mit unserer Datenexpertise verknüpft werden muss – und der Mensch im Mittelpunkt bleibt. Das gilt ganz besonders in diesem Projekt, da die Vorab-Klassifizierung der KI für den jeweiligen Anwender nachvollziehbar, transparent und erklärbar sein müssen“, betont Ratheiser. Denn erst die Symbiose aus Mensch und Maschine würde die Anwendung von KI sinnvoll machen.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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