25.03.2026
STIMMUNGS-BAROMETER

Zwischen wirtschaftlichem Winter und KI-Hype: Wie Österreichs CEOs darüber denken

Während die Politik von zaghaftem Wachstum spricht, herrscht in den Betrieben Eiszeit. Der neue Leaders of Transformation Barometer 2026 zeigt die Stimmungslage in Österreichs Chefetagen.
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Das Barometer liefert auch Daten zur KI-Nutzung | (c) Erstellt mit KI (Google/Gemini)

Die wirtschaftliche Lage in Österreich ist stark angespannt. Das untermauert der neue Leaders of Transformation Barometer, der von der Unternehmensberatung Business Gladiators in Kooperation mit Leitbetriebe Austria durchgeführt wurde. Für die Studie wurden zwischen dem 26. Jänner und dem 5. März 2026 genau 215 C-Level-Führungskräfte, darunter über 100 CEOs und mehr als 60 Eigentümer:innen, befragt. „Die wirtschaftliche Stimmung ist extrem angespannt und der Transformationsdruck steigt rasant“, fasst Alexander Zauner, Managing Partner bei Business Gladiators, die Ausgangslage zusammen.

Hälfte der Führungskräfte rechnet mit Stagnation

Der Blick der heimischen Top-Manager:innen auf die aktuelle Situation fällt äußerst kritisch aus. Obwohl auf politischer Ebene nach leichten BIP-Anstiegen wieder ein Wachstumskurs proklamiert wird, vergeben 91 Prozent der Befragten für die wirtschaftliche Lage lediglich die Noten „neutral“ oder „schlecht“. Kein einziger Studienteilnehmer bzw. keine einzige Studienteilnehmerin bewertet die Lage mit „sehr gut“ und nur neun Prozent sehen die Situation positiv. Auch für die kommenden zwölf Monate rechnet fast die Hälfte der Führungskräfte bestenfalls mit einer Stagnation. Ein Indikator für diese Entwicklung sind die Insolvenzen, die laut KSV im Jahr 2025 bereits das fünfte Jahr in Folge gestiegen sind.

Paradigmenwechsel: KI treibt den Wandel, Ökologie verliert an Priorität

Viele Unternehmen sehen sich derzeit an einem Wendepunkt, da bestehende Geschäftsmodelle für einen Großteil nicht mehr als zukunftssicher gelten. Mehr als die Hälfte der Befragten, konkret 56 Prozent, ortet einen hohen bis sehr hohen Veränderungsbedarf im eigenen Betrieb. Ein zentraler Hebel für diese Transformation ist Künstliche Intelligenz.

81 Prozent der Führungskräfte stehen dem Einsatz von KI in zentralen Unternehmensprozessen überwiegend bis sehr offen gegenüber. Gleichzeitig offenbart die Erhebung eine bemerkenswerte Verschiebung der strategischen Prioritäten. Während ökologische Verantwortung in den vergangenen Jahren stark im öffentlichen Fokus stand, geben aktuell 96 Prozent der befragten Führungskräfte an, dem Thema Nachhaltigkeit keine Priorität beizumessen.

Gefangen im Hamsterrad: Woran die Transformation scheitert

Trotz des erkannten Veränderungsbedarfs hapert es in der Praxis oft an der Umsetzung. Angesichts wirtschaftlicher Unsicherheiten und technologischer Umbrüche scheitert der Wandel laut den Führungskräften weniger an fehlenden Strategien. Die primären Hürden sind vielmehr die starke Dominanz des Tagesgeschäftes mit 28,7 Prozent sowie die Unternehmenskultur, starke Silo-Strukturen und fehlendes Alignment im Management mit 25,7 Prozent.

Der Unternehmer und Keynote-Speaker Philipp Maderthaner ordnet dies wie folgt ein: „Die Fähigkeit zur Anpassung entscheidet über Erfolg oder Scheitern und den wirtschaftlichen Fortbestand. Viele Unternehmen wissen zwar, dass sie sich verändern müssen – der Wandel scheitert aber oft an Führung, Kultur und dem Druck des Tagesgeschäfts.“ Dass technologische Aufrüstung allein nicht zielführend ist, betont auch Alexander Zauner: „KI und Digitalisierung nützen wenig, wenn die Kultur nicht mitzieht. Den Top-Manager:innen ist bewusst: Wer bei der technologischen Aufrüstung den Faktor Mensch ignoriert, fährt auch die beste Strategie unweigerlich an die Wand.“

Der Faktor Mensch als Schlüssel zum Erfolg

Monica Rintersbacher, Geschäftsführerin von Leitbetriebe Austria, bestätigt diese Sichtweise. „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen die heimischen Unternehmen zu Recht auf Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Doch der Leaders of Transformation Barometer zeigt klar: Technologie allein reicht nicht“, so Rintersbacher. Sie ergänzt: „Er bestätigt die Erkenntnisse unserer Initiative ‚Neue Welt der Arbeit‘ – Produktivität entsteht nur, wenn alle Verantwortung übernehmen. Ohne aktive Einbindung der Menschen bleibt Transformation wirkungslos.“

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Münchens Startup-Ökosystem spielt in einer anderen Liga | (c) Anastasiya Dalenka via Unsplash
Münchens Startup-Ökosystem spielt in einer anderen Liga | (c) Anastasiya Dalenka via Unsplash

Die gute Nachricht für das österreichische Startup-Ökosystem: Im ersten Halbjahr 2026 gab es beim Finanzierungsvolumen ein ordentliches Plus im Vergleich zum Vorjahr, wie brutkasten berichtete. 472 Millionen Euro wurden laut EY-Barometer in heimische Startups und Scaleups investiert – nur die ersten Halbjahre 2021 und 2022 waren stärker. Bei der Anzahl der erfassten Finanzierungsrunden wurde sogar ein neuer Rekord erreicht.

Die dritte Liga

Nun die schlechte Nachricht: Im internationalen Vergleich sind das Peanuts. Ohne Zweifel sollte man die Finanzierungsrunden als individuelle Erfolge einzelner Startups nicht kleinreden. Als gesamtes Ökosystem spielt Österreich international aber bestenfalls in der dritten Liga.

In der ersten Liga bleiben US-Ökosysteme weiterhin unter sich – mit dem Silicon Valley als ewigem Champion. In den Vereinigten Staaten landeten laut Daten des Portals Crunchbase zuletzt wieder mehr als 80 Prozent des globalen Risikokapitals. Finanzierungsrunden für die KI-Riesen im zwei- bis sogar dreistelligen Milliardenbereich sind hier die Spitze des Eisbergs eines Systems, gegen das alle anderen alt aussehen.

In der zweiten Liga wird es spannender: Dort findet sich nicht nur der gewiss ernsthafteste USA-Herausforderer China, sondern auch große europäische Länder wie das traditionell starke Vereinigte Königreich, Deutschland und Frankreich, kleinere wie die Schweiz sowie Schweden und starke internationale Ökosysteme wie Israel, Singapur und Kanada.

Und irgendwo, nicht in der Spitzengruppe, sondern im Mittelfeld der dritten Liga kommt dann auch Österreich.

Warum eigentlich?

Warum? Mit dieser Frage beschäftigt sich das heimische Startup-Ökosystem in Dauerschleife. Denn wir sind ja ein reiches Land – das Kapital wäre eigentlich da. Wir sind ja ein kluges Land – viele unserer Forschungseinrichtungen sind im internationalen Vergleich hervorragend. Wir sind ja ein effizientes Land – Österreich zählt zur globalen Spitzengruppe bei der Arbeitsproduktivität.

Also woran liegt’s? Vielleicht am Mindset? An der Kultur? Wenn es um den Vergleich zum Silicon Valley geht, wird man hier definitiv fündig. Ein völlig anderes Level an Risikobereitschaft sei hier nur als herausstechender Unterschied genannt. Auch beim Match mit dem ähnlich bevölkerungsreichen, aber extrem Startup-starken Schweden kommt man mit dem Argument durchaus weiter. Die skandinavische Mentalität ist anderes und die tief verankerte Kapitalmarktkultur macht einen entscheidenden Unterschied.

Déjà-vu

Und dann ist da Bayern südlich des sogenannten „Weißwurstäquators“ – das Land der Lederhosen, der Bierzelte, des Leberkäses und der hübschen alpinen Landschaften, dessen Bewohner:innen diesen (aus Sicht des Rests von Deutschland) lustigen Dialekt sprechen. Das kommt einem doch bekannt vor.

Gut, man kann Ähnlichkeit natürlich nicht nur an solchen stereotypischen Faktoren festmachen. Aber es lässt sich schwer bestreiten, dass man bei einem Vergleich zwischen Österreich und Bayern mit den Argumenten „andere Kultur“ und „anders Mindset“ nicht weit kommt. Zudem sind die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und Österreich bekanntermaßen sehr ähnlich und auch gesamtwirtschaftlich spielen Deutschlands südöstliches Bundesland und die Alpenrepublik in einer Liga – wiewohl Bayern hier die Nase etwa beim BIP pro Kopf etwas vorne hat.

Und doch: Österreich kam im ersten Halbjahr auf die besagten 472 Millionen Euro Gesamt-Investmentvolumen mit zwei Finanzierungsrunden zu je 100 Millionen Euro als größte Einzelinvestments. Währenddessen: Allein in der bayerischen Hauptstadt München gab es dieses Jahr mit Quantum Systems und Helsing bereits zwei Investments über mehr als eine Milliarde Euro, mit Proxima Fusion (411 Millionen Euro) noch ein weiteres, das schon alleine am österreichischen Gesamthalbjahresvolumen kratzt. Hinzu kommt mit Isar Aerospace (270 Millionen Euro) sogar eine Mega-Runde für ein Startup mit österreichischem Co-Founder und CEO.

Man findet freilich auch hier Gründe, warum der Vergleich nicht zulässig ist, wenn man danach sucht. Etwa dass die beiden Milliardenrunden an DefenseTech-Startups gingen – eine Hype-Branche, die im neutralen Österreich weniger Tradition hat und schwerer zu beackern ist. Aber damit sind gerade einmal die beiden auffälligsten Ausreißer erklärt.

Sucht man weiter, findet man gewiss noch einige Gründe mehr, die sich nicht von heute auf morgen ändern lassen, etwa die traditionell herausragende Stärke von Bayerns Industrie.

Genauer Blick an die Isar

Aber man kommt auch zu einigen Gründen, die mit gezielten politischen Maßnahmen zu erklären sind. Und mit starken universitären Initiativen, allen voran UnternehmerTUM an der TU München. Und ja, hier steht die reichste Frau Deutschlands, Susanne Klatten, als Mäzenin dahinter. Aber: Das Geld wurde richtig gut genutzt. Geld gäbe es schließlich auch hierzulande prinzipiell genug.

Ein genauer Blick an die Isar ist also nicht nur für die heimische Politik lohnend. Mit Offenheit statt Ausreden. Dann könnte es doch auch mit dem Aufstieg aus der dritten in die zweite Liga der Startup-Ökosysteme klappen. Das muss das Ziel sein. Denn wenn Leute mit Lederhosen, Bierzelten, Leberkäse, hübschen alpinen Landschaften und lustigem Dialekt das können, dann können wir das eben.

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