20.02.2025
KRYPTO

KuCoin: Kryptobörse kommt nach Wien – mit Stauber und Niedermüller als EU-Chefs

Der ehemalige Chief Legal Officer (CLO) von Bitpanda, Oliver Stauber, wird CEO von KuCoin EU. Der frühere Blocktrade-CEO Christian Niedermüller wiederum nimmt die COO-Rolle ein. brutkasten hat bei den beiden nachgefragt.
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Oliver Stauber und Christian Niedermüller
Oliver Stauber und Christian Niedermüller | Foto: KuCoin

Eine der bekanntesten Kryptobörsen der Welt kommt nach Wien: KuCoin wird in Wien seine EU-Zentrale eröffnen und bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) um eine MiCAR-Lizenz ansuchen. Mit dieser kann die Börse dann ihre Dienstleistungen in den 30 EU- und ERW-Staaten anbieten und bewerben.

Die 2017 in China gegründete Börse hat ihren globalen Sitz auf den Seychellen. Bekannt wurde sie vor allem für ihr Angebot im Altcoin-Bereich. Nach eigenen Angaben hat sie über 39 Millionen Nutzer:innen weltweit.

Für ihren offiziellen Start in der EU holte die Börse nun zwei bekannte Namen der österreichischen Kryptoszene an Bord. Der frühere Chief Legal Officer (CLO) von Bitpanda und Glassnode, Oliver Stauber, wird CEO. Unterstützung in der Geschäftsleitung erhält er von Christian Niedermüller. Der frühere Blocktrade-CEO wird ihm als COO zur Seite stehen. Beide waren nicht nur Gründungsmitglieder der Digital Assets Association Austria (DAAA), Stauber saß auch im Board bei Blocktrade.

Team in Wien soll bis Sommer auf 30 Personen anwachsen

„Wir werden Wien als EU-Hub nutzen, also hier alle Operations für ganz Europa abwickeln“, erläutert Stauber im Gespräch mit brutkasten. Bis zum Sommer soll das Team in Wien auf 30 Personen wachsen. Langfristig könnte es noch deutlich größer werden.

Dass mit Stauber ein Jurist an der Spitze steht, ist kein Zufall. In der Vergangenheit hatte KuCoin durchaus Probleme mit Regulatoren. Erst im Jänner hatte sich die Börse in den USA schuldig bekannt, nach dortigen Gesetzen ein nicht lizenziertes Geldüberweisungsgeschäft betrieben zu haben und sich zu einer Zahlung in Höhe von 300 Mio. Dollar verpflichtet.

Kurz zuvor war es bereits zu einem Wechsel an der Unternehmensspitze gekommen: Der bisherige Chief Legal Officer BC Wong übernahm die CEO-Rolle. Unter ihm sollen Probleme mit den Regulatoren nun der Vergangenheit angehören.

Weitere Lizenzen könnten folgen

Dazu passt nun auch das neue Team in der EU. „Unser Ziel ist es, KuCoin in Europa auf komplett compliantem Weg aufzubauen und als einen der großen Wettbewerber zu etablieren – in einem voll regulierten Umfeld, mit Top-Leuten und vollem Zug zum Tor“, sagt Christian Niedermüller.

Auf die MiCAR-Lizenz könnten noch weitere folgen. KuCoin EU wolle in Österreich ebenfalls eine Investment-Firm-License (MiFID-Lizenz) und eine E-Geld-Institutslizenz beantragen, kündigt Stauber im Gespräch mit brutkasten an.

Stauber zuvor bei Bitpanda und Glassnode tätig

Der gebürtige Kärntner war zwischen 2020 und 2022 Chief Legal Officer (CLO) von Bitpanda. Danach war von 2022 bis 2024 in der gleichen Position bei dem auf die Analyse von Blockchain-Daten spezialisierten Unternehmen Glassnode.

Stauber war aber schon vor seiner Zeit bei Bitpanda mehrere Jahre in der heimischen Krypto-Szene unterwegs. So ist er etwa als Rechtsanwalt bei der unter anderem auf Blockchain und Kryptowährungen spezialisierten Wiener Kanzlei Stadler Völkel Rechtsanwälte tätig gewesen.

Stauber zählte auch zu den Gründungsmitgliedern der Digital Assets Association Austria (DAAA). Er ist auch selbst als Startup-Investor tätig und zuletzt etwa bei der im vergangenen Herbst gestarteter Buch-Plattform savaara investiert (brutkasten berichtete).

Niedermüller 2024 bei Blocktrade ausgeschieden

Christian Niedermüller wiederum hat von Februar 2022 bis Juni 2024 die Kryptobörse Blocktrade mit Sitz in Luxemburg geleitet. Dann wurde sie an eine auf den Fintech-Bereich spezialisierte estnische Investorengruppe rund um Fred Kaasik verkauft, Niedermüller schied aus (brutkasten berichtete). Neben seiner CEO-Rolle ist er auch selbst an Blocktrade beteiligt gewesen und hatte über ein Viertel der Anteile gehalten.

Niedermüller war vor seinem Blocktrade-Engagement in der heimischen Blockchain-Szene unter anderem auch als Co-Founder der Investmentfirma SMAPE Capital sowie des Blockchain-Infrastrukturunternehmens DAIC bekannt. Wie Stauber war auch er ein Co-Founder der DAAA.

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Ed Prinz | Foto: Ed Prinz / Hintergrund Canva

Wer in den vergangenen Jahren auf Wiener Blockchain-Events unterwegs war, ist an Ed Prinz kaum vorbeigekommen. Seit fast acht Jahren gestaltet er die Blockchain- und Web3-Landschaft als Berater, Projektleiter und Organisator. Neben der Umsetzung zahlreicher Education-Events, Workshops und Meetups verantwortete er unter anderem die Vienna Blockchain Week und unterstützte Unternehmen bei der Entwicklung von Blockchain-Projekten. „Nur wenn man darüber spricht, nimmt man den Menschen die Ängste“, sagt Prinz über seine Motivation, Wissen zu vermitteln und die Community zusammenzubringen. Mit seinem Unternehmen neob hat der Wiener Gründer nun allerdings ein Thema in den Mittelpunkt gerückt, das mit Token und Settlement Layern nur noch die technologische DNA teilt: Agentic AI.

Der Umweg über das Weinviertel

Der Einstieg in das Thema erfolgte über den Kryptomarkt. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte Prinz zunächst moonlytics.ai, ein KI-basiertes Portfolio-Management-System für Crypto Asset Manager. Daraus entstand später moonboard.ai, eine Analyseplattform für Krypto-Investoren, die mithilfe mehrerer KI-Agenten Social Media, Markt- und Liquiditätsdaten sowie Nachrichten auswertet und daraus verschiedene Scoring-Modelle für die Identifikation aussichtsreicher Krypto-Assets berechnet.

Die eigentliche Wendung brachte dann eine Anfrage aus dem Freundeskreis: Ein befreundeter Winzer aus dem Weinviertel wollte einen Webshop. Das neob-Team baute den Shop und setzte obendrauf, was es ohnehin schon konnte: einen KI-Agenten. So entstand der „AI Sommelier“ von stich.wine, ein Assistent, der Kund:innen im Webshop berät, Weine empfiehlt und bis zum Kaufabschluss begleitet. Mit dem Projekt wollte man auch international sichtbar werden, etwa auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf und beim Meininger Award.

Der Zeitpunkt war günstig, wie Prinz einräumt: Die Weinbranche steckt angesichts sinkenden Konsums in den USA und Europa in einer Krise. Eine innovative Lösung, die neue Kaufanreize schafft, sei entsprechend gut angekommen.

In wenigen Minuten zum eigenen KI-Agenten

Aus dem Proof of Concept ist eine Plattform geworden: bitpull.ai. Unternehmen erstellen dort laut Prinz in wenigen Minuten einen eigenen KI-Agenten und passen ihn auf ihren Use Case an, ganz ohne Programmierkenntnisse. Danach ist der Agent überall dort im Einsatz, wo Kunden anklopfen: auf der Website, am Telefon mit eigener Rufnummer, auf WhatsApp und Telegram bis hin zur E-Mail. Er beantwortet wiederkehrende Anfragen, bucht Termine oder leitet an die richtige Stelle weiter: rund um die Uhr, in über 90 Sprachen und, wie Prinz betont, „immer freundlich und geduldig“.

Die Zielgruppe sind vor allem KMU: der Friseursalon, die Kfz-Werkstatt, die Tierarztpraxis, das Hotel. Beim Vertrieb setzt Prinz auf den denkbar direktesten Weg: Er spricht Unternehmer:innen an, denen er ohnehin begegnet, und zeigt ihnen eine Live-Demo. „Die meisten verstehen sofort, worum es geht, und haben selbst gleich wieder hundert neue Ideen“, erzählt der Gründer. Ergänzt wird der persönliche Verkauf durch Vertriebspartner, die mit Provisionen zwischen 15 und 30 Prozent beteiligt sind, sowie Affiliate-Programme. In einem nächsten Schritt sollen Kaltakquise und Meta Ads dazukommen.

Am Markt ist neob damit freilich nicht allein: Voice- und Agenten-Lösungen für KMU sind derzeit eines der am dichtesten besetzten Felder im AI-Bereich. Prinz reklamiert für bitpull.ai dennoch ein Alleinstellungsmerkmal: Man sei aktuell einer der wenigen Anbieter, der Agenten-Erstellung samt Knowledge Base über mehrere Kanäle in wenigen Minuten ermögliche, bei einer Marge von 90 Prozent, so seine Darstellung.

Bootstrapped, mit Mentor an der Seite

Finanziert ist das alles bislang aus eigener Tasche. „Ich war schon lange in der Berufswelt tätig und hab mir ein kleines Pölsterchen zur Seite gelegt“, sagt Prinz. Externe Investoren gibt es keine, und aktuell auch keinen akuten Bedarf: Das nächste Etappenziel für 2026 sind 100 zahlende Kunden, danach soll die Marke von 1.000 Kunden fallen.

Begleitet wird Prinz dabei von einem prominenten Mentor: Peter Augustin, einer der Internet-Pioniere des Landes. Augustin gründete 1996 gemeinsam mit Michael Gredenberg den Internetprovider Inode, der aus kleinsten Anfängen zum größten privaten Provider Österreichs heranwuchs und Ende 2005 für einen kolportierten dreistelligen Millionenbetrag an UPC verkauft wurde. Zuletzt war Augustin vor allem als Web3-Investor aktiv, unter anderem gemeinsam mit dem von David Teufel aufgesetzten Fonds Tigris Web3.

Die ersten vier Jahre führten Gredenberg und Augustin Inode komplett zu zweit, ohne Mitarbeiter. „Da kriegst du einfach die besten Learnings“, erinnert sich Augustin: „Du hast deine Technik, du hast dein Produkt und du verkaufst.“ Das Projekt von Prinz erinnere ihn stark an die eigene Anfangszeit im Internet-Boom: „Du hast kein Branchenlimit. Du kannst es einem Anwalt verkaufen, einem Arzt, einer Autowerkstatt, einem Architekten.“ Der Bedarf sei damals wie heute praktisch zu hundert Prozent vorhanden gewesen, man habe nur den Markt einfangen müssen: „Genau in der Phase sind wir jetzt.“

Investiert ist Augustin bei neob übrigens nicht, wie beide betonen. Die Beziehung sei freundschaftlich, Augustin coacht. Perspektivisch sieht er sich aber durchaus auf der Investorenseite, „wenn es eines Tages dazu kommen sollte“. Momentan sei das schlicht nicht notwendig: „Das Produkt verkauft sich von selber.“

Die wichtigste Lektion aus dem Mentoring? Für Prinz ist es der Fokus auf den Vertrieb: Wer Product-Market-Fit finden wolle, müsse in erster Linie lernen, das eigene Produkt selbst zu verkaufen, und über das direkte Kundenfeedback prüfen, ob es überhaupt ein konkretes Problem löst.

AI Act als Pflichtprogramm, Krypto als Geduldsspiel

Beim Thema Regulierung gibt sich Prinz gelassen: Dieses sei von Anfang an mitgedacht worden. Die Transparenzpflichten des EU AI Acts (Art. 50) setze die Plattform standardmäßig um: Anrufer wie Website-Besucher werden zu Beginn jeder Interaktion darauf hingewiesen, dass sie mit einem KI-System sprechen, im Gespräch selbst ebenso wie in schriftlicher Form. Auch beim Datenschutz orientiert sich bitpull.ai an europäischen Standards: Die Verarbeitung erfolgt DSGVO-konform auf Servern in der EU, Auftragsverarbeitungsverträge stellt das Unternehmen seinen Kunden standardmäßig bereit. Eine Übergabe an einen menschlichen Mitarbeiter bleibt (je nach Konfiguration) jederzeit möglich.

Und die alte Heimat Krypto? Dort sieht Prinz ein gespaltenes Bild: Auf institutioneller Seite gebe es dank Regulierung immer mehr Adoption, auf der Retail-Seite komme davon derzeit wenig an. Es fehle schlicht an sinnvollen Produkten mit guter Usability, und „es hat ziemlich oft verbrannte Erde gegeben, weil viele sehr viel Geld verloren haben“.

Vorerst gehört die Aufmerksamkeit des Gründers also den Agenten. Aktuell ist neob bewusst breit aufgestellt, um herauszufinden, welche Branche und welche Nische am besten funktioniert. Danach, so der Plan, geht es spitz hinein.

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