17.03.2022

Kryptowährungen: Diese Faktoren bewegen diese Woche die Märkte

21shares-Analystin Leena ElDeeb analysiert aktuelle Entwicklungen am Krypto-Markt. Bitcoin ist im Wert gestiegen, liegt jedoch immer noch unter seinem Hoch der letzten Woche.
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Leena ElDeeb ist Research Associate bei 21shares © privat/Unsplash/Montage
Leena ElDeeb ist Research Associate bei 21shares © privat/Unsplash/Montage

Im Laufe der vergangenen Woche hat sich der gesamte Kryptomarkt bei einem Gesamtwert von rund 1,9 Billionen Dollar eingependelt, die überwiegende Mehrzahl der Large-Cap-Kryptos hat sich dabei innerhalb einer Spanne von 5-10 Prozent bewegt. Darunter waren jedoch einige positive Ausreißer zu beobachten: Bitcoin performte um rund ein Prozent, Ethereum um 1,3 Prozent und XRP und Terra sogar um 3,6 und 17,3 Prozent besser als der Durchschnitt. Darüber hinaus war die Woche auch von den Entwicklungen der US-Wirtschaft, darunter vor allem die Möglichkeit einer Rezession durch eine umgekehrte Ertragskurve und die Entscheidung der Fed, den Leitzins zu erhöhen, geprägt.

Quelle: TradingView, CoinDesk
Quelle: TradingView, CoinDesk

Der Bitcoin entkam am Montag nur knapp einem Bärenmarkt. Wie in der obenstehenden Grafik – einer sogenannten Ichimoku-Cloud – ersichtlich, stabilisierte sich Bitcoin nach einigen Taumelbewegungen bei der 40.000 Dollar-Schwelle. Damit ist das größte Kryptoasset im Wert gestiegen, liegt jedoch immer noch unter seinem Hoch der letzten Woche von 42.600 Dollar. Die Ichimoku-Cloud ist eine Ansammlung technischer Indikatoren, die Unterstützungs- und Widerstandsniveaus sowie Momentum und Trendrichtung anzeigen und stellt eine datengestützte Prognose dar.

CBDC-Einführung in den USA nimmt erste Formen an

US-Präsident Biden unterzeichnete am 9. März ein Dekret mit dem Titel „Ensuring Responsible Development of Digital Assets”, die Regierungsbehörden in den Vereinigten Staaten einige neue Aufgaben auferlegte und letztendlich zur Einführung einer digitalen Zentralbankwährung führen könnten. Hierzu einige Details:

Der Justizminister hat – in Absprache mit dem Finanzminister und dem Vorsitzenden der Federal Reserve – 180 Tage Zeit, um eine Einschätzung darüber abzugeben, ob für die Ausgabe einer digitalen US-Zentralbankwährung (CBDC) Gesetzesänderungen erforderlich sind. Ein entsprechender Gesetzesvorschlag wird innerhalb von 210 Tagen folgen.

Im Hinblick auf den globalen Wettbewerb wird das US-Handelsministerium (Department of Commerce) gebeten, einen Rahmen für ein behördenübergreifendes internationales Engagement mit ausländischen Partnern zu entwickeln, um ein internationales Forum zu schaffen, das die Einführung digitaler Vermögenswerte und standardisierter Regeln fördert.

Die nationalen Sicherheitsbehörden wiederum haben 90 Tage Zeit, um Vorarbeit zur Maximierung der Cybersicherheit in Zusammenhang mit der Einführung einer CBDC erstellen. In der Anordnung werden die Behörden aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die US-Gesetze für Kryptowährungen mit denen der Verbündeten der USA übereinstimmen, um sicherzustellen, dass die internationalen Rahmenwerke und Partnerschaften optimal auf mögliche Risiken reagieren zu können.

Das Finanzministerium, die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), die Securities and Exchange Commission (SEC), das Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) und andere wurden damit beauftragt, Empfehlungen für die Entwicklung einer einheitlichen Policy für den Sektor der digitalen Vermögenswerte zu sammeln.

Der Finanzminister schlussendlich wurde beauftragt, einen Bericht über die Zukunft des Geldes und der Zahlungssysteme zu erstellen. Der Bericht soll sich mit den Auswirkungen digitaler Vermögenswerte auf das Wirtschaftswachstum, das Finanzwachstum und die Integration, die nationale Sicherheit und das Ausmaß, in dem technologische Innovationen diese Zukunft beeinflussen können, befassen.

Krieg in der Ukraine: Chainalysis bezieht Stellung, Tether signalisiert Neutralität

Erst gestern wurde berichtet, dass Saudi-Arabien erwägt, sein Öl im Angesicht steigender Ölpreise auch im chinesischen Yuan zu verkaufen. Diese Entwicklung ist ein Vorbote eines Szenarios, das wir bei 21Shares schon lange erwartet haben: ein Versuch, sich gegen die Hegemonie des Dollars mit dem Aufstieg der digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs) abzusichern. Bereits im Jahr 2020 wies unser Director of Research, Eliezer Ndinga, darauf hin, dass führende Politiker aus dem Iran, Malaysia, der Türkei und Katar Kryptowährungen als Ersatz für den US-Dollar in bilateralen Handelsabkommen ins Auge fassen, wie in einem Artikel des Economist zu lesen ist.

Und heute, am 17. März, wird der US-Senatsausschuss für Bankwesen, Wohnungswesen und städtische Angelegenheiten eine gemischte Sitzung mit dem Titel „Understanding the Role of Digital Assets in Illicit Finance“ einberufen. Die Anhörung wird sich auf die mögliche Nutzung von Kryptowährungen zur Umgehung von Sanktionen im Ukraine-Russland-Konflikt konzentrieren. An dieser Anhörung nimmt Jonathan Levin, Mitbegründer und Chief Strategy Officer von Chainalysis, als Zeuge teil. Wie Chainalysis vor kurzem mitteilte, war der Anteil illegaler Transaktionen mit Kryptowährungen im vergangenen Jahr praktisch auf null gefallen. Erst vor kurzem veröffentlichte Chainalysis außerdem eine neue Funktion mit dem Namen „Chainalysis oracle for sanctions screening“. Sie soll Adressen identifizieren, die Handel mit Smart Contracts treiben und von Organisationen stammen, die von der EU, USA oder den Vereinten Nationen mit Sanktionen belegt wurden.

In einem ähnlichen Zusammenhang wiesen japanische Behörden am Montag Kryptobörsen an, keine Transaktionen mit Krypto-Vermögenswerten abzuwickeln, die den Sanktionen gegen Russland und Weißrussland unterliegen, und nach den Bestimmungen dieser Sanktionen eingefroren werden sollen. Das Unternehmen Tether, Betreiber der gleichnamigen Stablecoin, lehnte jedoch mit einer Erklärung indirekt die Bitte der Ukraine ab, Transaktionen mit russischen Nutzern zu stoppen und schloss sich damit den Krypto-Plattformen Kraken und Coinbase Global an. „Tether führt eine ständige Marktüberwachung durch, um sicherzustellen, dass es keine unregelmäßigen Bewegungen oder Maßnahmen gibt, die gegen internationale Sanktionen verstoßen könnten“, ließ das Unternehmen in einer Erklärung verlautbaren.

NFTs im Abschwung

Das Gesamtvolumen des NFT-Marktes erreichte unterdessen den niedrigsten Stand seit Juli letzten Jahres. Wie die Grafik unten zeigt, ist allein das Handelsvolumen von OpenSea um 70 Prozent gesunken. Darüber hinaus verzeichnete Ethereum laut den von DappRadar aggregierten Daten einen Rückgang des Handelsvolumens um 33 Prozent auf dem gesamten NFT-Markt, sowie einen Rückgang von fast 61 Prozent bei Solana und 38 Prozent bei der Ronin-Chain, einer sogenannten Sidechain des NFT-Spiels Axie Infinity.

Quelle: Delphi Digital

Es gab noch weitere Entwicklungen in der NFT-Welt: CryptoPunks und Meebits wurden von Yuga Labs, dem Unternehmen hinter Bored Apes, übernommen. Zuvor wurde Kritik an Larva Labs, dem Schöpfer der NFTs laut. Larva Labs wurde mangelnde Beratung in Bezug auf geistige Eigentumsrechte und Engagement mit der Community vorgeworfen. Anlässlich des Deals kommentierte Larva Labs, dass sie nicht in der Lage seien, das Projekt zu unterstützen. Die Umsätze von CryptoPunks stiegen4 nach der Übernahme auf 1.200 %.

Wir bei 21Shares sind der Ansicht, dass der NFT-Markt nicht lange an seiner jetzigen Position bleiben wird. Diese Theorie wird durch die zunehmende institutionelle Nutzung von NFTs und Web 3-Tools gestützt – das haben wir im Februar bereits gesehen und in unserem letzten Monatsbericht erwähnt.

Stripe geht Partnerschaft mit FTX ein und führt Krypto-Funktionen ein – NFTs inbegriffen

Was ist passiert?

Der digitale Zahlungsriese Stripe kündigte an , dass er mit einem Paket an neuen Angeboten, die Kunden Zugang zu Zahungs-instrumenten und Programmierschnittstellen (APIs) geben, wieder in die Kryptoindustrie einsteigt. Stripe ist Anbieter von Zahlungslösungen für Unternehmen und erleichtert mit seinen neuen Produkten den Kauf und die Speicherung von Krypto-Token, Auszahlungen und sogar den Handel mit NFTs. Stripe stellt Kryptounternehmen auch Compliance-Instrumente zur Verfügung, um Betrug und illegale Aktivitäten zu verhindern.

Diese sind mit Know Your Customer (KYC)-Prüfungen vergleichbar. Die Handelsplattform FTX ist eine Partnerschaft mit Stripe eingegangen, um ihre KYC-Protokolle zu verbessern und auch Zahlungsdienste für die Börse anzubieten. Nutzer von FTX und FTX US können Kryptowährungen mit Debitkarten und Direktüberweisungen über Automated Clearing House-Transaktionen kaufen.

Stripe bietet Kryptounternehmen auch eine Programmierschnittstellen (API)-Integration für Fiat-Zahlungen an, um Zahlungen von Kryptowährung zu Fiat-Währung zu verarbeiten. Laut einem Kommentar des Mitbegründer John Collison auf Twitter wird das Feature sowohl Fiat-Einzahlungen als auch -Abhebungen für Krypto-Börsen ermöglichen. Die brandneuen Krypto-Tools von Stripe werden für Nutzer in bis zu 180 Ländern verfügbar sein und ihnen die Zahlung in über 135 Kryptowährungen mittels Fiat-Währungen bieten.

Warum ist das so wichtig?

Wir haben gesehen, wie viele Vordenker und Marktführer – darunter etwa David Heinemeier Hansson und Warren Buffet – ihre Meinung zu Kryptowährungen geändert haben. Auch Stripe gehört zu jenen, die ihren Standpunkt änderten. 2018 beschloss das Unternehmen, Bitcoin-Zahlungen nicht mehr zu unterstützen, da diese „weniger nützlich“ seien. Am 10. März dieses Jahres revidierten sie diese Entscheidung mit einer neuen Bekanntmachung, bei der sie ihren Sinneswandel und die Partnerschaft mit FTX ankündigten. Bei 21Shares haben wir immer betont, dass eine verstärkte institutionelle Akzeptanz einer der effektivsten Wege für eine umfassende Adoption von Krypto-Assets ist, aber im Fall von Stripe lief die Geschichte andersherum.

Angesichts des Marktanteils von Stripe könnte dies eine schlechte Nachricht für kleinere Krypto-Projekte sein, die daran gearbeitet haben, L1-Blockchains und dezentrale Anwendungen anzusprechen, um ihre Zahlungsinfrastruktur sowie ihre KYC- und KYB-Arbeitsabläufe zu optimieren. Tatsächlich legt Stripe die Messlatte nur höher, was bedeutet, dass die Konkurrenz noch viel härter werden wird.

Disclaimer: Das in diesem Gastbeitrag enthaltene Material dient ausschließlich Informationszwecken. Die 21Shares AG und ihre verbundenen Unternehmen empfehlen keine Maßnahmen auf der Grundlage dieser Informationen. Das Material ist weder als Angebot oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers noch als Anlageberatung auszulegen. Darüber hinaus stellen diese Informationen keine Zusicherung dar, dass die hier beschriebenen Anlagen für eine Person geeignet oder sinnvoll sind. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für künftige Kursentwicklungen.

Über die Autorin

Leena ElDeeb ist als Research Associate Mitglied des Research-Teams von 21Shares und ursprünglich Wirtschaftsjournalistin. Für 21Shares untersucht und erklärt sie den Kryptomarkt mit einem besonderen Fokus auf regulatorische und ökologische Auswirkungen.

21Shares verfügt über die weltweit größte Palette an börsengehandelten Kryptowährungsprodukten (ETPs). Mit der Notierung des ersten Kryptowährungsindices an der SIX Swiss Exchange im Jahr 2018 leistete 21Shares Pionierarbeit und erweitert sein Produktportfolio seitdem konsequent mit innovativer Forschung und zukunftsweisenden Ansätzen. 21Shares möchte allen Anlegern eine einfache, sichere und regulierte Möglichkeit für den Kauf, Verkauf und Leerverkauf von Kryptowährungen über bestehende Bank- und Maklerkonten bieten. Onyx, die Emissionsplattform von 21Shares wird sowohl von 21Shares als auch von Drittpartnern für die Emission und das operative Geschäft mit Kryptowährungs-ETPs weltweit genutzt.

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Vom Editor zur KI: Wie Neuron Automation aus St. Pölten durch vier Jahrzehnte Tech-Wandel navigierte

Aus einer kleinen Softwareschmiede ist in den vergangenen vier Jahrzehnten ein international tätiges Unternehmen für Industrieautomatisierung entstanden. Mit Fokus auf funktionale Sicherheit, KI und wiederkehrende Softwareerlöse will Neuron Automation nun die nächste Wachstumsphase einläuten. Die drei Gründer erzählen von diversen Wandlungsphasen der vier Dekaden, Krisen und hybrid-basierten Plänen zur weiteren Steigerung der Profitabilität.
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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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