Krypto-Spenden: Dies hat die Ukraine daraus gemacht
Da Millionen von Dollar in Kryptowährungen in die Ukraine geflossen sind, hat das Land diese Spenden in Tausende von kugelsicheren Westen, Lunchpaketen, Medikamenten und anderen Hilfsgütern für die Streitkräfte umgewandelt.
Es ist ein Novum in diesem Krieg. Wie der brutkasten berichtete, hat es die Ukraine nach dem Angriff Russlands ermöglicht, das Land per Krypto-Spenden zu unterstützen. Nun hat sich der stellvertretende ukrainische Minister für digitale Transformation, Alex Bornyakov, gemeldet und eine Liste der Vorräte veröffentlicht, die seit dem 1. März mit Geldern aus diesen Krypto-Spenden gekauft wurden. Darunter sind 5.550 kugelsichere Westen, 410.000 Lunchpakete und 500 Helme, wie die Plattform „The Block“ berichtet.
„Krypto-Vermögenswerte haben sich als äußerst hilfreich bei der Erleichterung der Finanzierungsströme für die ukrainischen Streitkräfte erwiesen“, sagte Bornyakov, der an der Spitze der Bemühungen des Landes zur Sicherung von Kryptowährungen steht.
Über 100 Millionen US-Dollar an die Ukraine
Seit dem ersten Spendenaufruf der Ukraine wurden bereits Kryptowährungen im Wert von rund 120 Millionen US-Dollar gespendet. Neben verschiedenen Arten von digitalen Münzen hat die Regierung auch nicht-fungible Token (NFTs) erhalten, insbesondere CryptoPunk #5364, das letztes Jahr für Zehntausende von Dollar verkauft wurde.
15 Millionen davon bereits eingesetzt
Mindestens 15 Millionen Dollar dieser Spenden seien bis letzten Freitag ausgegeben worden, erklärte Bornyakov gegenüber Bloomberg. Der Minister teilte zudem CoinDesk mit, dass einige Waffenlieferanten tatsächlich Zahlungen direkt in Kryptowährungen akzeptierten.
„Wir können natürlich keine Atombomben oder Raketen kaufen“, sagte Michael Chobanian, der Geschäftsführer der ukrainischen Börse Kuna.io, die der Regierung bei der Verwaltung von Krypto-Spenden geholfen hat, gegenüber der Washington Post. „Aber, ‚die meisten nicht-tödlichen Dinge‘ kann man mit Krypto kaufen.“
Potential von Krypto
Allgemein seien Kryptowährungen für die Ukrainer der beste Weg, um zu spenden, seit die Regierung am 24. Februar das Kriegsrecht verhängte und damit die Möglichkeit eingeschränkt hat, Geld zu senden oder zu empfangen, erklärte Sergey Vasylchuk, Geschäftsführer des Kiewer Krypto-Unternehmens Everstake.
Und Tomicah Tillemann, die als Mitarbeiterin von US-Präsident Joe Biden im Senat tätig war und jetzt als „Chief Policy Officer“ für eine Krypto-Venture-Capital-Firma arbeitet, bezeichnete die große Hilfsbereitschaft für die Ukraine als „anschauliches Beispiel“ für das Potential der Technologie, offene Gesellschaften zu stärken und demokratische Werte zu schützen.“
Wenn der Verbündete den Stecker zieht: Europas digitale Souveränität
Die VivaTech in Paris ist Europas größte Startup- und Technologiekonferenz. Bei der zehnten Ausgabe war digitale Souveränität das bestimmende Thema. brutkasten war vier Tage vor Ort. Eine Einordnung.
Wenn der Verbündete den Stecker zieht: Europas digitale Souveränität
Die VivaTech in Paris ist Europas größte Startup- und Technologiekonferenz. Bei der zehnten Ausgabe war digitale Souveränität das bestimmende Thema. brutkasten war vier Tage vor Ort. Eine Einordnung.
Schulterschluss in Paris: Macron und Modi warben auf der VivaTech 2026 gemeinsam für eine „verantwortungsvolle KI" als Wertegemeinschaft. | (c) VivaTech
Am 12. Juni erreicht Anthropic ein Brief des US-Handelsministeriums. Drei Tage zuvor war Claude Fable 5 erschienen, das leistungsfähigste allgemein verfügbare Modell des Hauses. Nun ist es für jede Person ohne US-Staatsbürgerschaft zu sperren, im In- wie im Ausland. Weil sich Staatsangehörigkeit nicht in Echtzeit prüfen lässt, schaltet Anthropic beide Modelle weltweit ab, auch für die eigenen US-Kund:innen. Betroffen sind nicht nur einzelne Nutzer:innen: Anwendungen, die das Modell direkt einbinden, stehen über Nacht still, und der Fall führt vor Augen, wie viele Produkte und ganze Geschäftsmodelle auf einem einzigen, von außen abschaltbaren Modell ruhen. Der „kill switch“, über den Europa seit Jahren theoretisch debattiert, ist plötzlich real, und er trifft die fortgeschrittenste KI ihrer Generation. Anthropic kündigte an, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen, zum Redaktionsschluss war die Sperre weiter in Kraft.
Fünf Tage später öffnet in Paris die VivaTech, Europas größte Tech-Messe, zum zehnten Mal. 15.000 Startups, Jeff Bezos als Stargast, und doch reibt sich die KI-Euphorie an der Angst vor der eigenen technologischen Abhängigkeit. Schon auf der Eröffnungsbühne nimmt Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure direkt Bezug auf die Anthropic-Sperre: Es gehe nicht länger um eine Zugangsdebatte, Regeln könnten sich über Nacht ändern, und Souveränität heiße, dann noch handlungsfähig zu sein. Tags zuvor hatte Premier Lecornu verkündet, der französische Inlandsgeheimdienst trenne sich vom US-Konzern Palantir zugunsten des heimischen Anbieters ChapsVision. Die Kulisse ist gesetzt.
Souveränität, messbar gemacht
Ausnahmsweise lässt sich Souveränität hier auch messen. Nvidia hatte auf der VivaTech 2025 mehr als 20 KI-Fabriken für Europa versprochen und Mistral zum souveränen Compute-Champion erklärt. Und anders als im Vorjahr liefert die Messe Konkretes: Mistral Compute geht als europäische GPU-Cloud teilweise in Betrieb, Foxconn und Bull kündigen eine Serverfertigung im französischen Angers an. Aus Ankündigung wird Auslieferung. Nur ist selbst das Souveräne es nur halb: Mistral Compute läuft auf 18.000 Nvidia-Chips. Die ganze europäische KI ruht auf einem nicht-europäischen Silizium-Sockel. Doch genau hier liegt Europas einziger echter Trumpf: Ohne die EUV-Lithografie des niederländischen Konzerns ASML, dessen Chef Christophe Fouquet ebenfalls in Paris war und der inzwischen Europas wertvollstes Unternehmen ist, kann weltweit niemand Spitzenchips fertigen. Abhängig auf der einen Ebene, unverzichtbar auf der anderen. Souveränität als Baustelle, nicht als Zustand.
„Tech for humanity“: Narendra Modi positionierte Indien auf der VivaTech 2026 als KI-Länderpartner Frankreichs. (c) VivaTech
Und Österreich?
Und Österreich? Steht in dieser Debatte überraschend weit vorn. Die „Declaration on European Digital Sovereignty“, die inzwischen alle 27 EU-Staaten mittragen, geht auf eine österreichische Initiative rund um Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll zurück. Wien als Anstoßgeber dessen, worüber Paris nun diskutiert. Und das Bundesheer hat seine 2020 begonnene Migration von rund 16.000 Arbeitsplätzen auf LibreOffice 2025 abgeschlossen, bewusst ohne Cloud, also ohne fremden Schalter. Die unbequeme Frage für die heimische Szene lautet, ob aus solchen Verwaltungsentscheidungen auch ein Markt für österreichische Anbieter wird, oder ob Souveränität Behördensache bleibt.
Verhandeln aus der Schwäche
Den wahren Lackmustest liefert nicht die Bühne, sondern eine Frage am Rande. Auf die Fable-5-Sperre angesprochen, fordert Emmanuel Macron keine Unabhängigkeit. Er appelliert an die USA, ihre Spitzentechnologie zu teilen, und kündigt zugleich mehr Geld für die französische KI-Industrie an. Zuerst die Bitte um Zugang, dann, hilfsweise, die eigene Souveränität. Das kann man als Schwäche lesen. Man kann es auch als nüchterne Arbeitsteilung verstehen: das Beste nutzen, das es gibt, und parallel absichern, falls es wegbricht. Dass Macron sich die politische Bühne mit Indiens Premier Narendra Modi teilte, der für eine menschenzentrierte KI jenseits von Washington und Peking wirbt, unterstreicht denselben Reflex: Souveränität wird als Wertegemeinschaft inszeniert, die offene Frage nach Compute, Kapital und Chips bleibt.
Joe Tsai Chairman at Alibaba Group bei der VivaTech | (c) brutkasten / Martin Pacher
„Souveränität ist keine Isolation, sie ist Offenheit aus einer Position der Stärke“, sagt Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger. Schön gesagt, nur verhandelte Europa diese Woche aus Abhängigkeit, nicht aus Stärke. Alibabas Joe Tsai formulierte es zynisch ehrlicher: Europa solle seine Eier in zwei Körbe legen. Ein zweiter Lieferant ist keine Unabhängigkeit. Und doch, hier wird es unbequem, ist Diversifizierung für eine Region, die den ganzen Stack realistisch nie allein bauen wird, womöglich nicht die feige, sondern die rationale Antwort. Die ehrliche Variante von Souveränität wäre dann nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, den Lieferanten zu wechseln, wenn einer den Schalter umlegt, ohne dass das eigene Geschäft mit ihm stillsteht.
Der Preis der Autonomie
Bleibt die Frage, die diese Ausgabe aufwirft. Dass Europa Souveränität will, bestreitet niemand. Die eigentliche Frage ist der Preis: höhere Kosten, langsamere Verfügbarkeit, weniger Zugriff auf das jeweils beste Modell. Und ob das Geld dafür da ist. Auf die USA entfallen rund 50 Prozent des globalen Risikokapitals, auf China 40, auf Europa fünf. Solange sich daran nichts ändert, bleibt Souveränität das würdevollere Wort für eine gut gemanagte Abhängigkeit. Die Fable-5-Woche hat Europa beides gegeben, den Schreck und die Ausrede. Welche Lehre hängen bleibt, entscheidet sich nicht in den Hallen von Porte de Versailles, sondern in den Beschaffungsabteilungen, die nächsten Monat wieder eine Lizenz verlängern müssen.
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