04.06.2021

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

Resilienz ist in der Coronakrise zum Modewort geworden. Was macht sie aus, die Unternehmen, die von den Folgen der Krise hart getroffen wurden, aber trotzdem mit viel Optimismus ihren eigenen Plan durchgezogen haben?
/artikel/krisen-management-magdas-hotel-vollpension-2021
Gabriela Sonnleitner leitet das Social Business magdas Hotel © brutkasten/schauer-burkart
Gabriela Sonnleitner leitet das Social Business magdas Hotel © brutkasten/schauer-burkart

Es ist April 2021 und Wien befindet sich im Lockdown. Seit einem guten Jahr hat das Magdas Hotel am Wiener Prater (mit einer Unterbrechung) geschlossen. Trotzdem tut sich etwas. Ein Kamerateam wartet in der Lobby, wechselt kurz ein paar Worte mit Kollegen, die dann die große Hoteltreppe hinauflaufen. Der erste Stock des Hotels ist jetzt ein Büro. Dort ist die Wiener Agentur We Make Stories eingezogen. „Sie mussten aus ihrem Büro raus und haben mich gefragt, ob sie ein paar Zimmer mieten können“, erzählt Hotelchefin Gabriela Sonnleitner. „Zuerst war ich unsicher, aber dann dachte ich mir: Warum denn nicht?“ Auch in einem geschlossenen Hotel kann man neun Zimmer vermieten. Die Coronapandemie hat viele Betriebe wirt­schaftlich von einem Tag auf den anderen an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gebracht. Und trotzdem haben viele von ihnen den Mut nicht verloren. Ganz im Gegenteil, die Krise hat den Kampfgeist geweckt. 

Nicht die Nerven verlieren

Sonnleitner war schon sehr früh klar, dass 2020 kein normales Jahr wird. „Als die ersten Nachrichten aus China kamen, dass es ein neues Virus gibt, habe ich sofort mit dem Arzt der Caritas geredet“, erzählt die Managerin. Sonnleitner hat viele ­Jahre in der Kommunikation der Caritas in Österreich gearbeitet, bevor sie die Leitung des Magdas Hotels übernahm. Das bedeutete nicht selten Krisenkommunikation. Das Tochterunternehmen der Caritas wurde als wirtschaftlich eigenständiges „Social Business“ infolge der Flüchtlingswelle 2015 gegründet und hat sich als beliebtes Mittelklassehotel im Vintagestil in Wien etabliert. „Die beste Krisenprävention ist es, vorzudenken“, sagt die 54-Jährige – auch in einer weltweiten Pandemie. Sonnleitner: „Diese Dimension haben wir natürlich nicht erahnt. Man darf in Krisen aber trotzdem nicht die Nerven verlieren. Man darf nicht in der passiven Rolle bleiben, muss sich immer fragen: Was kann ich tun und verändern? Ich schaue immer, dass ich einen Schritt schneller bin.“

Und das war sie. Noch bevor ein Verbot des offenen Buffetfrühstücks am Tisch liegen konnte, hatte Magdas einen Plan für genau diese Umstellung. Das war scheinbar nur eine Kleinigkeit, aber eine mit großer Wirkung; ein „Quick Win“, wie man im Managementjargon sagt. Das neue À-la-Carte-Frühstück war keine notwendige Reaktion auf eine neue Verordnung, sondern eine durchdachte Neuerung, die nach der ersten Öffnung im Mai 2020 bei den Gästen sehr gut ankam. „Das war etwas sehr Mutmachendes“, erinnert sich Sonnleitner. „Daraus schöpft man dann wieder Kraft“ – die Kraft, die nötig ist, um in einer schwierigen Situation einen klaren und kreativen Kopf zu bewahren. Um Luft zu holen für Innovation und Veränderung. Wirtschaftlich hat sich die kleine Änderung auch ausgezahlt: Der Gastro-Umsatz lag im Sommer auf Vorjahrs­niveau; dank Gastgarten und À-la-Carte.

Gabriela Sonnleitner leitet das Social Business magdas Hotel © brutkasten/schauer-burkart
Gabriela Sonnleitner leitet das Social Business magdas Hotel © brutkasten/schauer-burkart

Crowdfunding-Kampagnen als ­erste Rettungsanker

Das Magdas Hotel ist ein Social Business – noch vor dem wirtschaftlichen Erfolg stehen also Sinn und Wirkung des Unternehmens im Fokus. Im Fall von Magdas ist das die Integration ehemaliger Flüchtlinge in die Arbeitswelt in Österreich. Alle Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter gut durch die Krise zu bringen hatte für Sonnleitner also höchste Priorität. „Rein wirtschaftlich betrachtet hätte man wahrscheinlich Leute kündigen müssen. Das verstehe ich auch. Uns war es aber wichtig, das nicht zu tun“, so die 54-Jährige. Eines der ersten Projekte, das Magdas nach dem ersten Lockdown sofort anging, war also den Mitarbeiterinnen und Mit­arbeitern gewidmet. Ganz konkret: den Lehr­lingen, also jenen jungen Menschen, die im Magdas lernen, in Gastronomie und Hotellerie in Österreich zu arbeiten – übrigens auch genau der Bereich, in dem seit Jahren ein Fachkräfte­mangel beklagt wird. Kurzarbeit kam nicht infrage, zu groß der Verlust an wertvoller Ausbildungszeit. Schließlich war es ein Crowdfunding, das die Situation gerettet hat: 15.000 Euro konnten über die Kampagne eingesammelt werden, um einen Lehrlingsplatz zu finanzieren. Mitten in der Krise entschied sich Magdas, zusätzlich noch einen Lehrling aufzunehmen.  

Ganz ähnlich startete die „Voll­pension“ in die Krisenbewältigung. Das Kaffeehaus ist mit 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Krise gestartet. Etwa die Hälfte davon fällt aufgrund des Alters in die Hochrisikogruppe der Coronapandemie, denn in der Vollpension kochen und backen „Omas“ und „Opas“. Gleichzeitig ist für diese Gruppe keine Kurzarbeit möglich. „Gerade die Seniorinnen und Senioren sind aber auf den Zuverdienst angewiesen“, sagt Moriz Piffl, einer der Gründer. Auch hier war ein Crowdfunding der „Quick Fix“, wie Piffl es nennt. Schon am 10. April, also noch mitten im ersten Lockdown, startete die Vollpension die Kam­pagne. Die „Krautfunding“ getaufte Aktion sollte 40.000 Euro bringen und lockte mit Goodies wie Espresso auf Lebenszeit um 1.000 Euro. 140.000 Euro kamen am Ende zusammen – Geld, das dringend notwendig war: „Ohne das Crowd­funding hätten wir die Auszahlung der Kurzarbeitsgelder nicht mehr erlebt“, sagt der Co-Founder der Vollpension. Als Social Business, bei dem eben der Impact im Vordergrund steht, reichten die Bilanzkennzahlen nicht für einen staatlich besicherten Kredit. 

Ein ganz klarer Auftrag

Wie bei Magdas hat auch in der Vollpension die Schockstarre nur sehr kurz gedauert. Der ­stärkste Faktor, um schnell wieder ins Tun zu kommen? „Unsere Orga­nisation hat einen ganz klaren Auftrag“, sagt Julia Krenmayr, die die Voll­pension gemeinsam mit Piffl und Hannah Lux gegründet hat. „Bei uns geht es darum, Arbeitsplätze für Seniorinnen und Senioren zu schaffen, sie aus der Isola­tion heraus­zuholen und Generationen zu verbinden.“ 2020 stand für sie nicht im Vordergrund, um jeden Preis ein Minus zu verhindern. Es ging darum, bei der Wirkung möglichst keine Abstriche zu machen. „Bei der Weihnachtsfeier sind den Omas die Tränen herunter­­geronnen, weil sie so dankbar waren, dass wir nicht aufgegeben haben“, erzählt Krenmayr. Ähnlich geht es Gabriela Sonnleitner: „Unser sozialer Auftrag ist es ja, junge Menschen auszubilden und in den Arbeitsprozess zu bekommen.“ In einer Krise zuerst an die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu denken macht Unternehmen widerstandsfähiger. Das gilt nicht nur für Social Businesses, wie eine PwC-Studie zeigt, die vor der Corona­krise und noch einmal ein Jahr nach Ausbruch durchgeführt wurde: Der größte Teil der befragten Führungs­kräfte gab an, dass die wichtigsten Maßnahmen in der Krise jene für den Schutz und das Wohlbefinden der eigenen Teams waren. 

Moriz Piffl und Julia Krenmayr von der Vollpension © brutkasten/schauer-burkart
Moriz Piffl und Julia Krenmayr von der Vollpension © brutkasten/schauer-burkart

Oma Innovation Lab

Der nächste Schritt waren bei beiden Social Busi­nesses neue und innovative Projekte. Die Vollpension berief das „Oma Innovation Lab“ ein. „Wir haben Leute aus unserem Umfeld eingeladen, die interessante Perspektiven haben“, erklärt Piffl. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Omas und Opas, Freunde und Bekannte aus den unterschiedlichsten Branchen und Berufsgruppen steckten in Zoom-Calls die Köpfe zusammen und suchten nach Ideen für die Vollpension. Das erste Ergebnis war das Crowdfunding. Im Sommer durfte die Gastronomie wieder aufsperren – das tat auch die Vollpension, allerdings mit einem neuen Geschäftsmodell, um möglichst viel aus der vermutlich kurzen Zeit der offenen Kaffeehäuser herauszuholen. 

„In der Schleifmühlgasse ist nicht so viel Platz und wir durften ihn nur halb besetzen. Außerdem waren früher 70 Prozent unserer Gäste Touristen“, sagt Krenmayr. „Wir mussten uns also überlegen, wie wir das wirtschaftlich schaffen können.“ Im Sommer sollten die Gäste also nicht mehr pro Getränk, Kuchen oder Speise bezahlen, sondern eine Flatrate für die Zeit, die sie im Kaffeehaus verbringen: „Halbpension“. In den Sommermonaten konnte mit nur etwa einem Drittel der Gäste des Vor­jahrs fast die Hälfte des Vorjahresumsatzes hereingeholt werden – ein Konzept, das wirtschaftlich erfolgreich war, das Team aber vor eine Zerreißprobe stellt. „Die Zahlen sprechen dafür; dass man Erwartungshaltungen enttäuscht, steht dagegen“, sagt Piffl und wägt ab: „Durch ein neues Geschäftsmodell ändern sich auch die Kunden.“ Ob die Vollpension wieder mit „Halbpension“ öffnen wird, entscheidet sich erst in letzter Sekunde vor der Öffnung. 

Das nächste Ergebnis des „Oma Innovation Labs“ war die „Backademie“. Denn selbst ein Kaffeehaus, in dem Seniorinnen und Senioren Kuchen backen, kann man digitalisieren. Die Voll­pension zog eine eigene Showküche im Retro-Stil mit TV-Studio-Ausrüstung hoch und stellte Omas vor die Kamera. Im Ok­to­ber starteten Online-Backkurse, die in der Weihnachtsbacksaison gut gebucht waren. Mehr als 1.000 Kurse wurden gekauft. Und: „Die nächste Backsaison kommt bestimmt“, zeigt sich Krenmayr zuversichtlich.

Endlich Zeit für Innovation

„Für die Resilienz ist es gut, mehrere Pro­dukte zu haben und breiter aufgestellt zu sein“, sagt Piffl, der bis zum Beginn der Krise operativ kaum in der Vollpension involviert war. Die Coronazeit hat in vielerlei Hinsicht Veränderung gebracht, nicht nur im negativen Sinn, ganz im Gegenteil: „Im laufenden Betrieb ist Veränderung oft eine potenzielle Be­drohung. Wenn Stillstand allerdings Untergang bedeutet, dann ist die Angst vor dem Scheitern weg.“ Wer keine Angst davor hat, zu scheitern, ist mutiger. „Über viele Dinge haben wir jahrelang nachgedacht. Und jetzt haben wir sie auf einmal umgesetzt“, so Piffl, der sich sicher ist, dass sich im normalen Betrieb kaum jemand aus dem Team vor die Kamera gestellt hätte, um einen Backkurs aufzu­zeichnen. 

Die Chancen des unfreiwilligen Stillstands sieht auch die Leiterin des Magdas Hotels: Manche Projekte wurden sogar vorgezogen, „um die Zeit zu nutzen“, wie Sonnleitner sagt. In einem ehemaligen Priesterwohnheim richtet Magdas einen zweiten Standort in Wien ein und hat sich mitten in der Krise an die Konzeption gemacht und den Umbau begonnen. Währenddessen durfte im Sommer 2020 ein Schülerprojekt das Haus in der Ungargasse für ein Pop-up nutzen: „Die Boys und Marie“ war ein Take-away für kleinere Speisen, das jetzt als Franchise-Konzept durchstarten will. Die Idee: Junge Menschen, die keinen Praktikumsplatz finden, sollen ihren eigenen schaffen. Ein halbes Jahr später wurde „Die Boys und Marie“ sogar in der TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ vor Investoren präsentiert. In dem ehemaligen Priesterwohnheim ist es vorerst wieder ruhig geworden – das zweite Magdas Hotel wird wohl erst 2022 eröffnen. „Wir beobachten zuerst, wie sich der Tourismus in dem Jahr nach Corona entwickelt“, sagt Sonnleitner. 

Was man selbst in der Hand hat

Sich in der Krise einen genauen Plan zurecht­zulegen, das halten auch die Autoren der besagten PwC-Studie für einen wesent­lichen Faktor „in der Vorbereitung auf das Unvermeidbare“. Sowohl die Lei­terin des Magdas Hotels als auch die Gründer der Vollpension würden ergänzen: Konzen­triere dich dabei auf die Dinge, die du in der Hand hast. Und in dieser Krise gab es vieles, das Unternehmerinnen und Unternehmer nicht in der Hand hatten. Die meiste Zeit war unklar, wann Hotels und Gastronomie wieder aufsperren dürfen. Und auch mit staatlicher Unterstützung konnten Magdas und Vollpension zunächst nicht planen. „Nach einiger Zeit haben wir ausgeblendet, was in Pressekonferenzen gesagt wurde“, erinnert sich Piffl. „Wir haben im November für uns festgelegt, dass wir vor März nicht aufsperren, egal ob der Lockdown dann schon vorbei ist. Damit haben wir uns befreit“ – davon befreit, mit den eigenen Plänen warten zu müssen. Piffl: „Dann kann man sich auf eigene Ideen konzentrieren, und auf die ­eigenen Möglichkeiten. Den eigenen Betrieb nicht von anderen ab­hängig zu machen gibt einem mehr Kraft.“ 

We Make Stories hat zum Einzug im Magdas Hotel eigenen Bademäntel entworfen © We Make Stories
We Make Stories hat zum Einzug im Magdas Hotel eigenen Bademäntel entworfen © We Make Stories

Für die Agentur We Make Stories ist die Zeit, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Gängen des Magdas Hotels alleine war, nun zu Ende. Die Agentur bleibt noch über den Sommer, schließlich wurden sogar eigene Bademäntel für alle Mitarbeiter angefertigt. Der besondere Reiz, sein Büro in ein Hotel zu verlegen, ist auch die neue Perspektive. Der Moment, wenn man sich beim Lunch mit internationalen Hotelgästen austauscht, wird wohl trotzdem noch etwas auf sich warten lassen. Gabriela Sonnleitner hatte aber nie Zweifel daran, dass er wieder kommt: „Wien ist eine spannende Stadt und ich glaube einfach daran, dass die Leute wieder hierherkommen werden.“ Und: „Wenn wir aufsperren, dann werden wir wieder erfolgreich sein.“

Dieser Artikel erschien zuerst in dem brutkasten-Magazin #12 (05/21) unter dem Titel „Dann ist die Angst vorm Scheitern weg“.

Deine ungelesenen Artikel:
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
Die Gründer Wieland Moser, Gerald Stangl und Florian Hackl-Kohlweiß sowie Co-CEO Katharina Steppan und CEO Hüseyin Özcelik (v. l.). Foto: Nicky Webb

Es ist eine Wette darauf, dass sich die Wärmeversorgung europäischer Städte in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Den Beweis, dass der Markt dafür bereit ist, hat Roots Energy nach eigener Darstellung bereits erbracht. „Wir haben bewiesen, dass Menschen dafür bezahlen“, sagt Gründer Gerald Stangl. Das Wiener Unternehmen hat eine vorgefertigte Nahwärme-Plattform aus Hardware und Software entwickelt, die die heute übliche Einzelplanung jedes Heizraums durch ein industriell gefertigtes System ersetzen soll – und damit europäische Städte unabhängig von fossilen Energie-Importen machen will. Die Investitionskosten sinken laut Unternehmen gegenüber konventionell geplanten Anlagen um bis zu 50 Prozent.

Die erste Anlage – das mehrfach ausgezeichnete Wiener Pilotprojekt SmartBlock Geblergasse, technisch geplant von Roots-Mitgründer Wieland Moser, unter anderem Träger des Österreichischen Staatspreises 2021 – läuft seit 2017. Mehr als 20 weitere Standorte in der DACH-Region befinden sich im aktiven Rollout. Seit dem zweiten Quartal 2026 fertigt Roots Energy die zentralen Komponenten gemeinsam mit einem österreichischen Industriepartner in Serie. Womit das Unternehmen die jahrelange Pilotphase hinter sich lässt – und in die Skalierung eintritt.

Vom Co-Living-Projekt zum Wärme-Standard

Die Geschichte beginnt nicht mit Energie, sondern mit Wohnen. Hinter Roots steht mit Gerald Stangl ein Gründer, der bereits eine der bekanntesten österreichischen Health-Tech-Erfolgsgeschichten mitgebaut hat: Das von ihm mitgegründete Unternehmen mySugr, eine App zum Diabetes-Management, wurde 2017 an den Pharmakonzern Roche verkauft. Die Parallele zieht Stangl selbst – mySugr sei erfolgreich gewesen, weil das Team sein eigenes Problem gelöst habe. Bei Roots ist es dasselbe Muster: Die Wärmelösung entstand aus dem konkreten Bedarf eines eigenen Bauprojekts. 2021 gründete er gemeinsam mit Dr. Hüseyin Özcelik und Florian Hackl-Kohlweiß die Roots Urban Villages GmbH, ein Co-Living-Konzept für die Stadt. Bei der Suche nach einer Wärmelösung für ein rund 20.000 Quadratmeter großes Areal stieß das Team auf ein grundsätzliches Problem: „Wir haben gemerkt, es gibt nichts. Entweder man geht auf Fossil oder auf Fernwärme, wo man extreme Preisabhängigkeit hat“, erinnert sich Stangl. 

(c) Nicky Webb

Den Ausschlag gab schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine 2022. Die Energiepreise schossen nach oben, die Immobilienpreise nach unten – und damit verschob sich die Logik des gesamten Vorhabens. Erst in diesem Moment, so Stangl, sei dem Team das eigentliche Marktversagen aufgefallen – und damit der Moment gekommen, „all in“ zu gehen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das Team ließ das große Immobilienprojekt fallen, holte Energietechnik-Pionier Wieland Moser ins Gründer-Team, kaufte ein Gebäude als Forschungszentrum und entschied sich bewusst gegen frühes Investorenkapital: Ausschlaggebend war für Stangl der Zeitpunkt: Mit Kriegsbeginn sei die Stimmung unter Investoren schlecht gewesen, ein schneller Start mit hohem Tempo damals kaum finanzierbar. „Da haben wir gesagt, wir bootstrappen das.” 2023 wurde aus Roots Urban Villages die Roots Energy GmbH.

(c) Nicky Webb

Das Marktversagen: zwischen Fernwärme und Sackgasse

Warum es für dichte Städte bisher keine industrielle Wärmelösung gibt, lässt sich an drei Optionen festmachen, die alle nicht skalieren. Klassische Fernwärme erreicht nur profitable Kernzonen; bestehende Hochtemperatur-Netze (80 bis 135 Grad Vorlauf) sind faktisch nicht erweiterbar und verlieren über 30 Prozent ihrer Energie auf dem Transportweg. Wer dennoch ausbaut, riskiert hohe tote Investitionen, wenn die Anschlussquoten zu gering bleiben. Luftwärmepumpen und Heizcontainer wiederum scheitern im dichten Bestand an Platz, Schallschutz und Genehmigungen. Und individuell von Ingenieurbüros geplante Erdwärme-Anlagen funktionieren zwar technisch, bleiben aber teure Einzelstücke.

(c) Nicky Webb

Genau hier setzt die zentrale These vom „CapEx at Risk“ an. Das klassische Modell baut ein großes, zentrales Werk und steckt vorab viel Kapital hinein – in der Hoffnung, damit Tausende Haushalte zu versorgen. Bleiben die Anschlüsse aus, ist das Geld verloren. „Bei uns gibt’s dieses CapEx at Risk nicht“, sagt Stangl. „Die Energiequelle entsteht in diesen Netzen Schritt für Schritt.“ Statt eines Großkraftwerks liegen viele kleine Module vor; das System wächst mit der Nachfrage, nicht auf Verdacht.

Als Vorbild dient ausgerechnet Wien selbst. Nach den Ölpreisschocks Ende der 1970er-Jahre stellte die Stadt die dezentrale Ölheizung auf Gas um – und zwar, indem man günstig nur die Gasleitungen bis vor die Wohnungen legte. Ab da konnte jeder Haushalt frei entscheiden, wann er von Öl auf die überlegene Gastherme wechselt. „In weniger als einer Generation war das abgeschlossen“, erzählt Stangl. „Und wir machen genau das Gleiche.“ Roots verlegt schlanke, kostengünstige Soleleitungen – im Kern eine kalte Wasserleitung mit Alkohol-Wasser-Gemisch –, und jede Wohnung tauscht ihre Gastherme nach Bereitschaft gegen eine Soletherme.

(c) Nicky Webb

Komplexität von der Baustelle ins Werk

Technisch baut Roots auf sogenannter kalter Nahwärme – im Fachjargon 5th Generation District Heating and Cooling. Über die Soleleitungen wird Umgebungswärme aus Erdwärme, Grundwasser, Außenluft oder Abwasser vor Ort gewonnen und nahezu verlustfrei an die Gebäude geliefert. Die Plattform besteht aus drei Bausteinen: dem vorgefertigten Hydraulik- und Steuerungsmodul Roots·Hub, dem Betriebssystem Roots·OS, das das thermische Netz steuert, sowie standardisierten Kompressoren, die Wärme oder Kälte beim Endabnehmer erzeugen – inklusive der Option, im Sommer zu kühlen.

(c) Martin Holzner

Der Kerngedanke: Roots verlagert die Komplexität von der Baustelle ins Werk. Aus aufwändigen Sonderprojekten werden standardisierte, einfach einzusetzende Systemlösungen – und damit eine skalierbare Infrastruktur. Wichtig ist Stangl dabei die Abgrenzung – ein Punkt, mit dem das Unternehmen lange gerungen hat: „Wir liefern die Anlagensysteme, damit Firmen ihren Job machen können. Wir sind in keiner Konkurrenz.“ Roots sei weder Wärmepumpenfirma noch Projektierer, sondern Systemtechnik-Lieferant für Energieversorger, institutionelle Eigentümer und Contractors.

Markt mit hohem regulatorischem Druck

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Drei EU-Rechtsakte definieren bis 2040 das Ende fossiler Wärme im Gebäudebestand: Der EPBD-Recast schreibt den Ausstieg aus fossilen Heizkesseln bis 2040 vor, der EED-Recast verpflichtet jede Kommune ab 45.000 Einwohnern zu einem Wärmeplan, und ab 2028 greift mit ETS 2 eine CO₂-Bepreisung auf Gebäudewärme. Rund die Hälfte des EU-Endenergieverbrauchs entfällt auf Heizen und Kühlen – größtenteils noch fossil.

(c) Nicky Webb

Als Zielkunden hat Roots Energy Europas größte institutionelle Wohnungsanbieter im Blick. Allein die 30 größten kontrollieren nach eigener Auswertung ein Wärme-Dekarbonisierungs-Volumen von rund 65 Milliarden Euro – darunter die größten Bestandshalter aus Österreich und Deutschland. Gespräche zu ersten gemeinsamen Piloten sind in Vorbereitung.

Fünf Jahre bootstrapped, jetzt die erste Runde

Seit 2021 hat Roots Energy rund zehn Millionen Euro aus Eigen- ,Fördermitteln und geförderten Darlehen eingesetzt – je etwa fünf Millionen in Forschung und Produktentwicklung sowie in das 900 Quadratmeter große Forschungszentrum „Roots·House“ in Wien-Penzing, das der Klimafonds als „Leuchtturm der Wärmewende“ auszeichnete. Die Forschungsförderungsgesellschaft FFG steuerte 2,4 Millionen Euro bei. Das Patent ist erteilt.

Nun geht das Unternehmen erstmals an externes Kapital: Eine erste Finanzierungsrunde soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Gespräche laufen mit europäischen Fonds aus den Bereichen Klima-, Resilienz- und Industrietechnologie. Das Kapital fließt in technische Kundenbetreuung, den Ausbau des Vertriebs und die Serienproduktion. Operativ geführt wird Roots Energy von Hüseyin Özcelik und Katharina Steppan; Stangl verantwortet als Gründer das Fundraising.

Das erklärte Ziel: Die Wärmeversorgung europäischer Städte soll künftig industriell organisiert sein – so wie Strom oder Telekommunikation heute. Den Hebel dorthin sieht Stangl weniger im Klimaargument als in handfesten Vorteilen für die Bewohner. „Wir müssen das Narrativ ändern“, sagt er. „Klima zieht in der aktuellen politischen Lage bei den Menschen wenig – dafür stehen Resilienz, Unabhängigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.“


Mehr über Roots Energy könnt ihr auch hier erfahren.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Krisen-Kreativität: Was man von magdas Hotel und Vollpension lernen kann