29.11.2021

Nach WisR-Ende: Klaudia Bachinger über die größten Learnings

Im Interview erzählt Klaudia Bachinger über die wichtigsten Learnings aus vier Jahren Arbeit mit der Zielgruppe 60 plus und erklärt, warum sie für eine Anhebung des Pensionsalters ist.
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WisR-Gründerin Klaudia Bachinger | (c) Oliver Wolf
Klaudia Bachinger | (c) Oliver Wolf

Im Oktober dieses Jahrs gaben Klaudia Bachinger und Carina Roth bekannt, dass sie ihr Startup WisR schließen. Das auf die Arbeit mit Senior Talents in Unternehmen spezialisierte Startup war von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Ein geplantes Investment platzte, eine Neuausrichtung trug nicht schnell genug Früchte. Dabei bleibt das Thema des Startups angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung aktuell, die Bevölkerungsgruppe wird täglich größer. Im Interview haben wir Klaudia Bachinger nach ihren größten Learnings aus vier Jahren Arbeit mit der Zielgruppe Silver Ager gefragt.


Was sind bei der Zielgruppe 60 plus die größten Herausforderungen?

Das Wichtigste ist die Ansprache bzw. die Marke und die Interaktion mit der Marke. Dabei muss man zuerst verstehen, dass die Zielgruppe der ungefähr 60- bis 80-Jährigen eine ganz andere ist, als 80 plus, die oft als „Senioren“ bezeichnet werden. Wir haben nie das Wort „Senior“ benutzt – dafür begriffe wie „senior expert“, „senior talent“ oder „silver ager“ – wir hatten schon alles durch (lacht). Denn niemand sieht sich selbst als „Senior“, wenn er mit Anfang 60 in Pension geht. Das machen viele Leute im Marketing aber immer noch falsch. Sie machen Senioren-Marketing für eine Zielgruppe, die eigentlich noch viel jünger ist und denkt.

Daneben ist es extrem wichtig anzuerkennen, dass die Zielgruppe extrem heterogen ist. Wir hatten auf der Plattform 65-jährige Programmierer:innen, die sich logischerweise mit technischen Dingen extrem gut auskennen. Andere in dem Alter haben sich noch nie irgendwo online registriert und haben keine aktiv genutzte E-Mail-Adresse. Da geht die Schere extrem auf. Das hat gar nicht soviel mit akademischer Bildung zu tun, sondern mehr mit Neugier und Interesse. Es gibt also unterschiedliche Usergruppen, die in ihrer technologischen Kompetenz ganz unterschiedlich weit fortgeschritten sind.

Wie seid ihr auf eurer Page auf dieses unterschiedliche Kompetenz-Level eingegangen?

Das hat sich als laufender Prozess herausgestellt. Wir haben etwa am Anfang versucht, viel offline zu machen, um die Menschen abzuholen. Das ist aber überhaupt nicht gut angekommen. Wir haben uns in unserer Positionierung dann dafür entschieden, dass jene Menschen, die unser Produkt verwenden, grundsätzlich neugierig und interessiert sind. Aber natürlich haben wir auch Anleitungen und Guidelines gemacht, wo zum Beispiel erklärt wurde, wie man sich einloggt, oder wie Zoom funktioniert. Es war immer Teil unserer Content-Strategie, Inhalte für weniger technologieaffine Leute zu machen. Aber ganz gelöst haben wir das Thema nie.

Die Gesellschaft wird immer älter. Wie wirkt sich das auf die Märkte aus?

44 Prozent der Kaufkraft liegen derzeit bei den über 50-Jährigen. Eigentlich müssten Konzerne und auch Startups ihre Produkte so gestalten, dass auch etwas ältere und weniger technologieafine Menschen sie gut verwenden können. Und sie müssten auch eine altersneutrale Marketing-Strategie fahren, wo man nicht immer nur Jüngere sieht. Das gilt auch für Employer Branding.

Es ist eigentlich total absurd, dass wir irgendjemanden wegen seines Alters diskriminieren.

Ich finde es auch immer noch faszinierend, dass wir alle alt werden und dass es eigentlich total absurd ist, dass wir irgendjemanden wegen seines Alters diskriminieren. Es ist ja anders als etwa Rassismus, wo Vorurteile gegen fremde Gruppen bestehen. Beim Alter diskriminiert man sich selber in der Zukunft.

Gehst du davon aus, dass die Leute auf Dauer länger im Beruf bleiben?

Ich gehe natürlich davon aus, dass ältere Mitarbeiter eine Strategie sind, um auch in Zukunft ein Wirtschaftswachstum zu haben. In zehn Jahren werden laut einer Studie beispielsweise in Deutschland mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Es gibt nur drei Strategien, mit denen man darauf reagieren kann. Die erste ist mehr Migration. Die zweite ist, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, indem man Beruf und Familie besser vereinbar macht. Die dritte ist, mehr ältere Menschen länger im Arbeitsmarkt zu halten. In Schweden ist es etwa bereits möglich, locker bis 70 zu arbeiten – nicht unbedingt Vollzeit sondern abgestuft. Natürlich ist auch die Automatisierung ein Faktor, aber unter anderem für soziale Berufe kommt das nicht infrage.

Wird im Laufe der Zeit das Pensionsalter erhöht werden?

Ich würde mir wünschen, dass es schon erhöht wäre. Es geht aber leider nicht nur um die gesetzliche Regelung. Denn auch jetzt ist es so, dass etwa in Österreich das offizielle Pensionsantrittsalter für Männer zwar 65 ist, es tatsächlich im Durchschnitt aber bei 60 liegt. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass es eine gesetzliche Erhöhung geben wird.

Und warum bist du für eine Erhöhung?

Ich glaube, ein erhöhtes Pensionsantrittsalter würde dazu führen, dass die Unternehmen Arbeiten im Alter auch besser ermöglichen und auch an der Wahrnehmung etwas ändern. Wir würden als Gesellschaft vielleicht erkennen, dass ein über 60-jähriger Mensch noch voll produktiv sein kann, wenn man das ermöglicht.

Das Schlagwort „lebenslanges Lernen“ ist bekannt. Geht es dir um „lebenslanges Arbeiten“?

So wie ich Arbeit verstehe, ist sie ständige Interaktion und Weiterentwicklung und damit lebenslanges Lernen. Deshalb hängt das für mich ganz stark zusammen. Ich weiß aber natürlich auch, dass es andere Formen von Arbeit gibt, die dieses Ideal vielleicht nicht erfüllen. Für mich persönlich gilt jedenfalls: Lebenslanges Arbeiten und lebenslanges Lernen ist ein und dasselbe.

Warum musstet ihr WisR letztlich zusperren?

Es waren eine Reihe an Challenges, die uns seit der Covid-Krise getroffen haben. Begonnen mit einer Absage eines deutschen, strategischen Investors, kombiniert mit der ausbleibenden Nachfrage nach älteren Mitarbeiter:innen – einerseits verursacht durch die Vereinheitlichung der Zielgruppe 60 plus als Risikogruppe, andererseits durch die vielen Umstrukturierungen in den einzelnen Branchen. Und letztlich war auch der Runway, um unser neues Produkt, auf das wir in der Krise umgesattelt haben, an Konzerne zu verkaufen, zu kurz. Die Sales-Cycles sind ja unter normalen Umständen schon zwischen acht und 18 Monaten lang für eine SaaS-Enterprise Lösung. Das was wir gut verkaufen konnten waren Beratungsaufträge rund um das Thema Offboarding, Ruhestands- und Generationenmanagement, aber das wollten wir als Gründerinnen nicht weiter verfolgen und hätte außerdem ein ganz anderes Team gebraucht.


Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form im brutkasten-Magazin #13 „Generations“.

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Das Gründungs-Trio von AYB: Dominik Jöbstl, Robert Haidl und Fabio Steiner (v.l.) © AYB

„Ausgewaschene Baumwollunterhosen fühlen sich mit der Zeit an wie so ein 40er Schleifpapier“, zumindest, wenn es nach Fabio Steiner, Dominik Jöbstl und Robert Haidl geht. Die drei Grazer wollten sich mit diesem Problem nicht länger abfinden und begannen so an der „perfekten Boxershorts“ zu tüfteln. Daraus geworden ist im November 2025 die AYB Underwear GmbH. AYB steht hier für „About Your Balls“. Seit Mitte Juli 2026 kann man sich vom Website-Claim „kein Zwicken. kein Kratzen.“ nun selbst überzeugen.

Zwei Jahre Materialsuche

Rund zwei Jahre arbeiteten die Gründer mit der Grazer Schneiderin Sarah Kohlendorfer zusammen, testeten laut eigenen Angaben mehr als 30 Stoffe und zwölf Prototypen, ehe die Wahl auf Tencel Modal Micro der oberösterreichischen Lenzing AG fiel.

Auch der Schnitt wurde mehrfach überarbeitet: An der Hüfte, „dort ist der Punkt, wo die Unterhose am meisten spannt“, wie Steiner im Interview erklärt, verzichtet AYB auf eine Naht. Stattdessen verlaufen die Nähte vorne und hinten. Daraus ergeben sich zwei zusätzliche Nähte, dafür aber ohne Druckstellen an der empfindlichsten Zone, wie die Gründer ausführen.

Made in China

Produziert wird in einer Partnerfirma im chinesischen Guangdong. Dort würden laut Steiner „90 Prozent aller Unterhosen der Welt produziert“, die Lieferketten seien entsprechend eingespielt. Eine Produktion in Europa hätte man laut Steiner deutlich teurer kalkulieren müssen: „Wir hätten das Dreifache verlangen müssen.“

Preislich positioniert sich AYB zwischen Billiganbietern und Premiummarken, ein Dreierset kostet 44,90 Euro. Über die genaue Marge wollten die Gründer keine Angaben machen, sie sei aber „für das Textilgeschäft üblich“, erwähnt man im Interview.

Verkaufszahlen übertreffen die eigenen Erwartungen

Die ersten Pre-Sale Bestellungen von AYB wurden selbst ausgeliefert. © AYB

Mitte Juli 2026 ging AYB mit einer ersten Bestellung von 1.000 3er-Sets in den regulären Verkauf. Ursprünglich hatten die Gründer mit 50 verkauften Sets pro Monat kalkuliert „und jetzt haben wir halt einfach mehr als das Zehnfache verkauft“, sagt Steiner.

Rund 600 Dreiersets wurden bislang abgesetzt, eine zweite Bestellung über 2.000 weitere Sets ist bereits unterwegs. Finanziert wird sie aus dem laufenden Cashflow: „Es läuft aktuell in einem positiven Cashflow, was uns sehr happy stimmt“, bestätigt Steiner gegenüber brutkasten. Auf Investor:innen verzichten die drei laut eigenen Angaben bewusst. Man wolle es soweit wie möglich bootstrappen.

Vom Marketingbüro zum Boxershort-Business

Steiner und Jöbstl betreiben parallel eine eigene Marketingagentur, aus deren Einnahmen unter anderem die GmbH-Gründung über 12.000 Euro von AYB mitfinanziert wurde. Aktuell laufen beide Geschäfte parallel. „Um auch zu schauen, was funktioniert am Ende des Tages einfach besser“, meint Steiner. Bis man sich bei AYB etwas auszahlen könne „dauert sicher noch zwei, drei Jahre“, fügt er hinzu.

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