28.08.2025
KOLUMNE

KI-Agenten und Corporate Venturing: Warum sich das Spielfeld gerade verändert

In ihrer neuen Corporate-Venturing-Kolumne erklärt Viktoria Ilger wie KI-Agenten die Dynamik zwischen Startups und Corporates verändern und Corporate Venturing vor neue Aufgaben stellen.
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Viktoria Ilger
Viktoria Ilger | Foto: Viktoria Ilger/Adobe Stock (Hintergrund)

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance GroupMavie NextVerbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.


Sam Altman, Gründer von OpenAI, hat 2024 den Begriff „One-Person Unicorn“ geprägt. Gemeint sind Unternehmen, die mithilfe von KI-Agenten von einer einzelnen Person aufgebaut und skaliert werden. Was nach Science Fiction klingt, ist längst Realität. KI-Agenten haben das Potenzial, Marketing, Vertrieb, Kundenservice, Produktentwicklung und Recherche zu automatisieren. Damit ermöglichen sie Gründer:innen, Aufgaben zu bewältigen, für die früher ganze Abteilungen nötig waren.

Erste Diskussionen drehen sich darum, wie KI-Agenten und KI-Tools das Unternehmertum demokratisieren. Doch eine spannende Frage, die mich beschäftigt, ist: Was bedeutet diese Demokratisierung für etablierte Unternehmen – und speziell für Corporate Venturing?

Eine unterschätzte Konkurrenz

Ob das von Altman beschriebene ‚One-Person Unicorn‘ Realität wird, mag man bezweifeln oder nicht. Fakt ist jedoch: Schon kleine Startups mit wenigen Personen können heute dank KI-Agenten eine Geschwindigkeit und Professionalität, die früher nur großen Unternehmen vorbehalten war, erreichen. Sie bauen ihre Prozesse von Beginn an KI-ready auf, nutzen Datenanalysen für Markttrends und Preisstrategien und professionalisieren ihre Abläufe mit deutlich kleineren Teams. Genau dadurch könnte ein zentraler Vorteil von Corporates fallen: Der über Jahrzehnte aufgebaute Erfahrungsschatz könnte an Gewicht verlieren, wenn datengetriebene KI-Systeme fundiertere Entscheidungen in kürzerer Zeit ermöglichen.

Natürlich können auch etablierte Unternehmen KI-Agenten einsetzen. Der entscheidende Unterschied liegt aber im Tempo. Während Startups ohne Legacy-Systeme loslegen, kämpfen Corporates häufig noch mit Digitalisierungslücken, gewachsenen Strukturen, Datensilos und komplexen Hierarchien. 

Corporate Venturing: Radar, Frühwarnsystem, Möglichkeitsraum

Corporate Venturing war schon immer ein Weg, Innovation von außen hereinzuholen und agiler nach dem Vorbild von Startups zu handeln. Mit dem Aufkommen von KI-Agenten gewinnt es jedoch eine neue Dimension: als Radar, als Frühwarnsystem und als Zugang zu neuen Möglichkeitsräumen. Entscheidend ist, nicht nur etablierte Wettbewerber im Blick zu haben, sondern gerade auch die kleinen, unscheinbaren Teams, die mit KI plötzlich ganze Märkte bewegen können. Je schneller und unabhängiger Startups agieren, desto wichtiger werden Vertrauen und Partnerschaft. Corporates müssen sich daher frühzeitig als spannende und verlässliche Partner im Ökosystem positionieren. 

Finanzierung im Wandel

Auch die Finanzierungslandschaft verschiebt sich. Jeder Euro in Startups hat heute das Potenzial, mehr Hebelwirkung als früher zu entfalten. Was einst Millionen erforderte, lässt sich oftmals mit KI-Agenten für einen Bruchteil umsetzen. Gründer:innen bleiben dadurch länger unabhängig.

Für CVCs heißt das: Kapital allein reicht nicht mehr. Wer in Zukunft relevant sein will, muss früher Mehrwert liefern – durch Netzwerke, technologische Unterstützung oder strategische Begleitung. Corporate VCs haben hier eine doppelte Chance. Einerseits setzen sie selbst KI ein, um Startups schneller zu finden, Marktbewegungen zu beobachten oder Due-Diligence-Prozesse effizienter zu gestalten. 

Andererseits können sie ihr Rollenverständnis schärfen – nicht nur Kapitalgeber mit strategischem Blick zu sein, sondern Mitgestalter, die aktiv gemeinsam mit Startups neue Potenziale erschließen.

Venture Building neu gedacht

Venture Building verändert sich. Schon immer ging es darum, als Corporate neue Unternehmen so aufzubauen, wie Startups es tun: agil, schnell, experimentierfreudig. Doch wenn sich Startups gerade neu erfinden, muss auch Venture Building nachziehen. Schließlich war es immer schon die Idee, Methoden aus der Startup-Welt in den Corporate-Kontext zu übertragen. 

Steve Blank, der „Godfather“ der Lean-Startup-Bewegung, betont bereits, dass seine Methodik an die neue Realität angepasst werden muss. Das Lean-Startup-Prinzip besagt im Kern: nicht lange planen, sondern Produkte möglichst schnell am Markt testen, Feedback einholen und iterativ verbessern. Genau diesen Zyklus rät Blank nun mit KI-Tools und -Agenten zu beschleunigen – von Kundentests und Produktvalidierung bis hin zu Marketing und Skalierung.

Gerade für Venture Building ist das spannend. In Zeiten angespannter Budgets können Corporates so neue Geschäftsideen schneller, schlanker und datengetriebener testen. Vielleicht entsteht das erste „One-Person Unicorn“ gar nicht in einer Garage, sondern in einem Corporate Venture Builder, der KI-Agenten systematisch einsetzt?

Genau darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance: Venture Building kann zum strategischen Testfeld werden, um die Potenziale von KI-Agenten konsequent auszuprobieren – abseits bestehender Strukturen, mit der Freiheit, Neues radikal anders zu denken.

Einladung zur Diskussion

Natürlich sind KI-Agenten nicht fehlerfrei. Wir wissen, sie halluzinieren, sie sind bias-behaftet, sie funktionieren nicht in allen Kontexten – und sie werfen Fragen zur Datensicherheit auf. Aber die Richtung ist eindeutig – und sie verändert die Spielregeln im Entrepreneurship aus meiner Sicht grundlegend.

Für Corporate Venturing heißt das: Wir müssen das Thema ernst nehmen. Wir dürfen es weder glorifizieren noch kleinreden, aber wir müssen uns aktiv damit und mit den Auswirkungen auseinandersetzen. 

Die frühe Zusammenarbeit mit Startups wird noch wichtiger, die Positionierung im Ökosystem noch relevanter. Es reicht nicht mehr, auf etablierte Wettbewerber zu schauen. Ich bin der Meinung, es kommt eine spannende Dynamik im Startup-Ökosystem auf uns zu, die auch Corporate Venturing und Corporates betreffen wird.

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Erster Österreichischer humanoider Roboter © Iono Robotics

Der Plan ist aufgegangen: Im vergangenen Jahr kommunizierte das oberösterreichische Unternehmen Iono Robotics das Ziel, Mitte 2026 einen humanoiden Roboter herauszubringen – brutkasten berichtete. Das ist mit der aktuellen Live-Demonstration vor Industriepartnern und Investoren jetzt gelungen. Gründer und CEO Ümit Bas erklärte bei der Präsentation, dass das System für reale Arbeitsumgebungen und eine gesteigerte Produktivität entwickelt wurde, anstatt als bloßes Show-Modell für Laborumgebungen zu dienen.

Iono Robotics Gründer und CEO Ümit Bas mit „Workmate“ © Iono Robotics

Fokus auf Industrie und integrierte Drohnentechnik

Der Roboter soll zukünftig einfache und körperlich schwere Aufgaben in den Bereichen Industrie, Logistik, Handel und Service übernehmen, um Unternehmen beim Bewältigen des Fachkräftemangels zu unterstützen. Technisch setzt Iono Robotics auf ein modulares „Multi-Head“-Konzept: Im Kopf des Roboters befindet sich eine integrierte Drohne. Diese kann direkt aus dem System heraus starten, um die Umgebung aus der Luft zu erfassen, Fabrikhallen zu inspizieren oder das Sichtfeld über zusätzliche Sensorik zu erweitern.

Die Steuerung des Gesamtsystems erfolgt über die hauseigene Software-Plattform „Ionosphere“. Dieses geschlossene System aus Robotik-KI und Serverinfrastruktur soll eine sichere Datenverarbeitung im industriellen Umfeld garantieren und ist gezielt auf europäische Datensouveränität ausgelegt, wie es laut Unternehmen heißt.

Fahrplan zur Serienproduktion

Das Projekt befindet sich bereits in der praktischen Erprobungsphase. Auf Nachfrage verrät Gründer und CEO Ümit Bas, dass Iono Robotics bereits mit mehreren Pilotkund:innen zusammen arbeitet, darunter sowohl kleine und mittlere Unternehmen als auch namhafte Großunternehmen. Durch das direkte Feedback aus der operativen Praxis soll die Technologie in den kommenden Monaten gezielt weiterentwickelt werden.

Der wirtschaftliche Fahrplan des Startups steht ebenfalls fest: In zwei Jahren soll „Workmate“ in die Serienproduktion gehen. Der Anschaffungspreis wird sich dann im fünfstelligen Bereich bewegen. Laut Unternehmensangaben soll sich der Einsatz für Betriebe bereits innerhalb eines Jahres rentieren, da sich Unternehmen durch den Roboter-Einsatz laufende Kosten rund um Mitarbeitende einsparen können.

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