23.12.2025

„Europa braucht wieder Lust auf Industrie und die Industrie braucht wieder Lust auf Europa“

Interview. Karin Exner-Wöhrer führt die Salzburger Aluminium Group (SAG). Wie steuert man ein Familienunternehmen sicher durch globale Krisen – und bleibt dabei innovativ?
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Karin Exner-Wöhrer in einer Interviewsituation
Karin Exner-Wöhrer | Foto: Studio Koekart

180 Mio. Euro Umsatz, 950 Mitarbeiter:innen an zehn Standorten und Wurzeln, die bis ins Jahr 1898 zurückgehen: Das ist die Salzburger Aluminium Group (SAG). Seit zehn Jahren steht Karin Exner-Wöhrer an der Unternehmensspitze. Die in Zürich geborene Österreicherin ist in Sierra Leone, Salzburg und Innsbruck aufgewachsen. Ihr Vater hatte die SAG 1992 über ein Management-Buy-out übernommen; Exner-Wöhrer selbst rückte im Jahr 2000 als 28-Jährige in den Vorstand auf und übernahm die Finanzagenden. Mit der Finanzkrise 2008 kam die erste massive Bewährungsprobe – seither wurde die Welt nicht einfacher. Wie führt man sicher durch Krisen, wie bleibt man als Familienunternehmen innovativ und was braucht es, damit Europas Wirtschaft wieder in die Gänge kommt?


Dieser Text ist zuerst als Cover-Story im brutkasten-Printmagazin von Dezember 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Langfristig orientiert, kein Schielen auf Quartalszahlen, eine klare Identität – so werden Familienunternehmen häufig wahrgenommen. Aber wie schaffen sie es, innovativ zu bleiben? Eine, die es wissen muss, ist Karin Exner-Wöhrer: Sie ist seit 2015 CEO der Salzburger Aluminium Group (SAG).

Das Unternehmen ist auf Leichtbau spezialisiert, konkret baut es vor allem leichte Aluminium-Kraftstofftanks und weitere Aluminium-Leichtbauteile für Lkw und andere Nutzfahrzeuge; das senkt Gewicht und Verbrauch. Außerdem entwickelt SAG Tanks für extrem kalte flüssige Energieträger wie Flüssigerdgas (LNG) und flüssigen Wasserstoff.

Exner-Wöhrer hat uns im Wiener Büro der SAG empfangen. Im Gespräch blickte sie nicht nur auf die Entwicklung des Unternehmens zurück und gab Einblicke in ihren Führungsstil, sondern richtete auch klare Forderungen an die Politik, wie Österreich wirtschaftlich wieder in die Spur kommt.


brutkasten: Ihr Vater Josef Wöhrer hat 1992 die SAG in einem Management-Buy-out übernommen. War es für Sie schon immer klar, dass Sie in der SAG eine Führungsrolle übernehmen würden?

Karin Exner-Wöhrer: Nein. Als ich studiert habe, war das Thema SAG ja noch keines. Da war mein Vater angestellter Geschäftsführer. Mir war schon immer klar, dass ich in einen Großkonzern einfach vom Naturell her nicht passe. Insofern war das Unternehmerische immer naheliegend, aber die Frage hat sich einfach nicht gestellt – bis von der damaligen Konzernführung die Information kam, dass das Unternehmen nicht mehr in die Konzernstrategie passt und dass es verkauft werden soll.

Da ging es nur um den Standort in Lend, den Rest gab es damals noch nicht. So kam es zum Management-Buy-out. Ich wollte aber noch einmal in die große weite Welt. Ich war dann in London, kam aber doch schnell wieder ins eigene Unternehmen zurück. Ich habe gemerkt, wie viel Freude das macht, wenn man in jungen Jahren Gestaltungsspielraum hat.

Karin Exner-Wöhrer ist CEO der Salzburger Aluminium Group. | Foto: Studio Koekart

Als Sie dann die CEO-Rolle übernommen haben: Kam dabei alles so, wie Sie sich das erwartet haben – zumal Sie ja durch Ihre Laufbahn im Unternehmen sehr gut darauf vorbereitet waren?

Ich glaube, man ist nie auf alles vorbereitet. Wer hätte mit der Finanzkrise gerechnet? Wer hätte mit Corona gerechnet? Wer hätte damit gerechnet, dass wir dann sofort in eine Supply-Chain-Krise kommen? Das sind ja alles Dinge, die man normalerweise nicht am Radar hat. Ich denke, ich war insofern gut vorbereitet, als ich im Unternehmen viele verschiedene Rollen und Abteilungen gesehen hatte. Ich habe das Handwerk von der Pike auf gelernt. Daher habe ich einen sehr tiefen Einblick gehabt – von der Kostenrechnung über Qualitätssicherung bis ins Labor, ich wusste, wie man Schweißproben macht. Das hilft einem schon, weil man weiß, was hinter der Zahl in einer Excel-Tabelle steckt.

Bevor Sie CEO wurden, hatten Sie die CFO-Rolle inne. Wie wichtig war das für Sie später?

Mein Einstieg in diese Führungsrolle kam mit der Finanzkrise. Bei solchen Krisen gibt es die Tendenz, dass der Chief Financial Officer (CFO), der normalerweise eine Nebenrolle spielt, ins Zentrum des Geschehens rückt. Wir hatten damals kein Top-Line-Thema, denn die Top-Line existierte ja nicht.

Wir mussten die Liquidität planen und uns überlegen, wie wir Bankenpakete schnüren können. Der CFO bekommt in so einer Krise einfach eine andere Rolle und ist viel präsenter als andere Funktionen. Das war auch der Trigger, dann den nächsten Schritt zu machen. Es war ja so nicht geplant oder gar determiniert. Aber es hat vom Alter her auch gepasst, und irgendwann ist man selbst auch bereit.

Wie führt man ein Unternehmen durch wirtschaftlich anspruchsvolle Zeiten? Hat ein Familienunternehmen dabei einen Vorteil?

Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen. Entscheidend ist weniger die Eigentümerstruktur als die Kultur. Bei uns heißt das Transparenz. In Krisen rücken wir zusammen und kommunizieren intensiver. Zu Beginn von Corona hatten wir tägliche standortübergreifende Abstimmungen, um Entwicklungen und Kundenreaktionen früh zu erkennen. Probleme sprechen wir sofort an, auch ohne fertige Lösung, Vertuschen macht sie nur größer. Also: Transparenz, Transparenz, Transparenz. Miteinander reden. Anrufen, wenn es drängt – nicht eine Nachricht schreiben.

Und unabhängig von dieser Thematik: Welche Vorteile hat man Ihrer Meinung nach als Familienunternehmen?

Wir pflegen zwei Dinge besonders: einen langen Horizont und kurze Entscheidungswege. Quartalsergebnisse leiten uns nicht, wir orientieren uns an der längeren Linie. Weil wir kleiner sind, müssen wir schneller sein. Dieser längere Atem kann ein Vorteil sein – nicht immer, aber oft.

Karin Exner-Wöhrer führt die SAG seit 2015. | Foto: Studio Koekart

Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Führungsrolle: Gelegentlich kursiert ja auch die Annahme, dass CFOs gut für die „Defensive“ seien, dass es für die „Offensive“ dann aber andere Persönlichkeiten braucht – CEOs mit der großen Vision. Ich nehme an, dass Sie dem nicht zustimmen.

Ich glaube nicht, dass das so wichtig ist. Es hängt vieles auch von der Persönlichkeit und den anderen Faktoren ab. Ich hadere aber auch ein bisschen damit, in dem Kontext von CEOs und CFOs zu sprechen; denn ich habe mich eigentlich immer primär als Unternehmerin gesehen – natürlich mit einem Schwerpunkt, der aufgrund meiner Ausbildung finanzlastiger ist. Mein Vater ist ein Vollblut-Techniker, und das war auch die Grundlage für das gute Zusammenspiel zwischen uns beiden.

Auf der Visitenkarte stand die Position natürlich geschrieben, aber für mich war sie nie so wichtig. Ich bin grundsätzlich Unternehmerin, und das heißt, man hat als Kernaufgabe, ganz oben in der Job Description, das Vorausschauende: Was treibt uns an, was zahlt unsere Gehälter in fünf oder zehn Jahren? Wo soll die Reise hingehen? Wo soll sie auch nicht hingehen? Denn auch das ist wichtig.

Was war beispielhaft so eine Entscheidung, bei der Sie gesagt haben: „In diesen Bereich wollen wir bewusst nicht“?

Ich hatte mich – und das ist auch ein gutes Beispiel für unsere Fehlerkultur – vor dem zweiten russischen Angriff auf die Ukraine für den gleitenden Ausstieg aus dem Bereich Defense entschieden. Das geschah sehr bewusst. Ich komme aus einer Generation, in der wir Krieg nur aus Erzählungen kennen. Mit dem zweiten Angriff 2022 habe ich hier ganz konkret umgedacht. Denn das Thema Defense spielte plötzlich eine ganz andere Rolle. Es geht nicht um Angriff – es geht um Verteidigungsfähigkeit. Wir haben hier einen strategischen Schwenk gemacht; wir bauen auf diesem Know-how, das wir weiterhin im Haus hatten, jetzt wieder sehr bewusst und sehr proaktiv auf – weil sich die Zeiten geändert haben.

Was genau bieten Sie in diesem Bereich an?

Unser Thema ist ja immer der Leichtbau – und es geht um Fahrzeuge. Jetzt könnte man denken: Im Defense-Bereich stehen die Fahrzeuge im Feld, es ist feucht und es klebt vielleicht Erde dran – was könnte der Leichtbau hier für eine Rolle spielen? Aber beim Transport dieser Fahrzeuge ins Feld gibt es ein Gewichtsproblem. Dann kommt der Treibstoffverbrauch vor Ort dazu, durch die gesamte Logistik. Unser konkretes Thema sind Behälter. Wir kommen eigentlich aus dem Bereich des Dieseltanks, aber ein Tank kann ebenso Luft enthalten, kann Öl enthalten, Verbandszeug, Schneeketten… Es braucht jedenfalls Tanks und Behälter jeder Art auf verschiedenen Versorgungsfahrzeugen.

Die SAG hat einen sehr hohen Exportanteil. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Europa und Nordamerika über die Jahre verändert?

Unsere Kunden sind überwiegend die großen Lkw-Hersteller in Europa und in Nordamerika. Ursprünglich waren wir zu 100 Prozent in Europa. Dann kam Mexiko dazu und wir waren lange im Bereich von 90:10 oder 80:20. Mittlerweile sind wir bei halbe-halbe angekommen. Was uns auch krisenfest gemacht hat, ist, dass für uns zwei Konjunkturzyklen wichtig sind.

Das eine ist der Unterschied zwischen Pkw und Lkw: Der Lkw hat einen ganz anderen Konjunkturzyklus als der Pkw. Wir sind Lkw-Zulieferer – weshalb uns die Herausforderungen, die es im Pkw-Bereich in Europa wirklich umfangreich gibt, nur wenig treffen.

Und das Zweite sind eben die beiden geografischen Standbeine Europa und Nordamerika – die sich von der Konjunktur her auch oft anders entwickeln. Das war schon 2009 nach der Finanzkrise so, und später auch nach der Coronapandemie.

Wie beurteilen Sie derzeit die Aussichten für die SAG?

Europa und die USA sind aktuell nicht gerade in einer Boomphase. Aktuell ist unser Grundgeschäft stabilisiert. Wir erwarten für die nächsten sechs Monate aber keine große Erholung. Allerdings: Das Thema Leichtbau ist grundsätzlich durch die Notwendigkeit getrieben, dass Fahrzeuge leichter werden, weil größere Reichweiten erzielt werden müssen. Wenn es etwa um batteriebetriebene Fahrzeuge geht, ist Leichtbau immer ein Thema. Da geht es nicht nur um den Pkw, denn der Batterie-Antrieb drängt auch sehr stark in den Lkw-Bereich hinein.

Mit Rheocasting haben wir eine Gießtechnologie, die wir als Einzige weltweit auf industrialisiertem Niveau anbieten können. Wir haben drei Bauteile identifiziert, deren Umstellung so viel Gewicht spart, dass rund 120 Kilogramm pro Lkw wegfallen. Wenn man zehn Tonnen Batterie in einen Lkw reinpacken muss, um eine gewisse Reichweite zu erzielen, dann hat so ein Effekt bei wenigen Teilen Zukunft. Das sind die Themen, die uns derzeit stark antreiben. Wir haben ein paar Samen ausgesät, die wir jetzt gießen und die dann hoffentlich auch aus dem Boden sprießen werden.

Wenn Sie 50 Prozent Ihres Umsatzes in Nordamerika machen – inwiefern betrifft Sie die Zollpolitik von US-Präsident Trump?

Karin Exner-Wöhrer: In Nordamerika wissen wir ziemlich genau, welchen Teil des Marktes wir ansprechen wollen. Wir suchen seit einer Weile eine Möglichkeit, in ein anderes Unternehmen zu investieren, das dort schon Gießereierfahrung hat, auf das wir dann unsere Technologie ausrollen können. Ähnliches denken wir übrigens auch in Indien an.

Meine Strategie war immer, möglichst nah beim Kunden zu produzieren. Trumps Politik trifft uns deshalb nicht direkt. Sie trifft uns über ihre Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft, aber nicht über Zollaufschläge. Mein Zugang war immer ein lokaler, wir sind „glocal“, wie man heute sagt: Ein globales Unternehmen, das lokal produziert.

Die Gießprodukte für den nordamerikanischen Markt wollen wir in Nordamerika produzieren, und nicht in Österreich und sie dann in die USA oder nach Mexiko exportieren. Das ist nicht unsere Philosophie und entspricht nicht unserem Nachhaltigkeitsanspruch.

Karin Exner-Wöhrer ist seit 2000 im Vorstand der SAG. | Foto: Studio Koekart

Welche Rolle spielt das Thema Wasserstoff-Antrieb für die SAG?

Unser Kernmarkt ist der Lkw auf der Straße, der lange Distanzen zurücklegt. Mit dem Thema Wasserstoff werden wir hier sehr gerne und richtigerweise assoziiert. Wir reden hier nicht von einem Produkt, das es in Zukunft einmal geben wird: Das Produkt ist da, es funktioniert. Wir warten nur noch darauf, dass in den verschiedenen Kontinenten die Infrastruktur bereitgestellt wird, damit flüssiger Wasserstoff dorthin kommt, wo er gebraucht wird.

Die Politik hat vorgegeben, dass wir mit Batterie fahren sollen. Jetzt hat sich herausgestellt, dass das nicht ausschließlich funktionieren wird. Aber es werden auch keine Rahmenbedingungen gesetzt, dass außer fossilen Treibstoffen Alternativen in ausreichendem Maß bereitgestellt werden. Dieses Problem ist zu lösen – möglichst schnell.

Was ist Ihr Ansatz, um als Unternehmen innovativ zu bleiben? Wie gehen Sie an Innovationen heran?

Wir sind ein Nischenplayer mit einem sehr investitionsintensiven Produkt und müssen uns immer überlegen, wo wir den größten Kundennutzen erzielen. Das passiert im Zusammenspiel mit dem Kunden. Wir sprechen miteinander und sehen uns an, wo der Schuh drückt. Dann versuchen wir, daraus eine Lösung zu kreieren. Dann laufen unsere Ingenieure los und beginnen zu überlegen, wie das funktionieren könnte.

Wir hatten beispielsweise die Aufgabenstellung, dass vorgegeben ist, wie viel Platz wir am Lkw haben, und innerhalb dieses Platzes müssen wir 1.000 Kilometer Reichweite reinpacken. Da entsteht schnell ein eigenes Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen in der Fertigung, die das ja in weiterer Folge umsetzen müssen. Es bringt nichts, wenn etwas am Computer oder in einem Digital Twin gut aussieht, ich es aber nachher nicht wirtschaftlich produzieren kann. Unser Vorteil ist, dass wir die Fertigung vor Ort haben.

Und zu diesem engen Zusammenspiel möchte ich auch der Politik etwas mitgeben: In Österreich gehen aktuell in ganz starkem Ausmaß Industriearbeitsplätze verloren. Der Grund dafür sind die Kostenentwicklungen bei Personal und Energie in den vergangenen Jahren. Wenn wir aber nicht mehr hier fertigen, werden wir wahrscheinlich auch das Engineering und die Entwicklungsleistung nicht mehr hier haben.

Das heißt, das Risiko einer Deindustrialisierung Österreichs oder Europas, vor der ja häufig gewarnt wird, sehen Sie auch sehr stark?

Das ist bereits Realität und ist zum Teil auch gar nicht mehr rückgängig zu machen. Vielleicht können wir es aber verlangsamen oder teilweise stoppen. Europa braucht wieder Lust auf Industrie und die Industrie braucht wieder Lust auf Europa.

Und als Hauptgründe sehen Sie die Entwicklung bei Personalkosten und Energiepreisen?

Ja. Das wurde in unterschiedlichen Ländern Europas auch unterschiedlich gehandhabt. Frankreich hat beispielsweise eine ganz andere Energiepolitik verfolgt; in Italien wurde eine andere Lohnpolitik umgesetzt, man hat Gehaltserhöhungen für ein Jahr ausgesetzt. In Österreich haben wir die Gehälter um zehn Prozent oder mehr pro Jahr erhöht.

Wir haben in Österreich auch vorher schon immer etwas stärker erhöht als beispielsweise Deutschland. Damit konnte man umgehen, auch aufgrund von Produktivitätssteigerungen. Aber die Schere ist mittlerweile viel zu massiv aufgegangen. Hier ist eine Schere aufgegangen. Wir zahlen das Dreifache des Gehalts einer vergleichbaren Rolle in Norditalien – eine starke Industrieregion drei Stunden von uns entfernt.

Was wäre aus Ihrer Sicht hier die Lösung – moderate Lohnabschlüsse über mehrere Jahre hinweg?

Karin Exner-Wöhrer: Wenn wir ein, zwei Jahre mal sehr, sehr moderate Abschlüsse haben – Nulllohnrunde will man ja gar nicht sagen –, dann kriegen wir das schnell wieder hin. Das gilt für die Pensionserhöhungen genauso. Und ich bin es niemandem neidig: ganz im Gegenteil. Aber wenn wir uns um den Wirtschaftsstandort bemühen wollen, dann braucht es andere Signale.

Natürlich müssen wir Rücksicht nehmen auf Geringverdiener, Lehrlinge, auf die alleinerziehende Mutter zu Schulanfang. Das sind alles schwierige Themen, die gelöst gehören. Aber wir sollten nicht mit der Gießkanne verteilen.

Wenn ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Standort spreche, dann wissen alle, wo das hinführt. Die verdienen lieber heute ein paar Prozentpunkte weniger und haben dafür in zehn Jahren noch einen Job.

Was wäre im Energiebereich notwendig?

Karin Exner-Wöhrer: Ein wesentlicher Teil der Energiekosten sind Steuern; ein wesentlicher Teil der Energiekosten sind in Zukunft die Kosten für den Green Grid. Auch das geht anders. Da wird von uns sehr früh sehr viel verlangt, was sehr teuer ist. Wenn man das ein bisschen strecken würde, könnte man diese Kosten auf eine längere Zeit verteilen. Das würde zu einer Entlastung führen.

Aber setzt sich die Politik dann nicht möglicherweise dem Vorwurf aus, den Kampf gegen den Klimawandel nicht ernsthaft zu betreiben?

Karin Exner-Wöhrer: Der Klimawandel ist unbestritten. Als Familienunternehmen tragen wir Verantwortung über Generationen und nehmen das sehr ernst. Was wir aber völlig absurd finden, ist die ausufernde Bürokratie: Wir wollen genau wissen, wie viel CO₂ unsere Produkte über den gesamten Lebenszyklus verursachen, aber wir müssen nicht jeden einzelnen Schritt mit Formularen belegen, wie es etwa das Lieferkettengesetz verlangt.

Statt alle mit Aufwand zu überziehen, sollte man gezielt jene hart sanktionieren, die Regeln missachten. Die anderen wollen ja regelkonform arbeiten, die Vorgaben müssen aber praktikabel sein; und die Bürokratie muss auf ein Minimum reduziert werden, wenn sie keinen Mehrwert schafft.

Verfolgen Sie für die SAG eher eine langfristige Vision oder handeln Sie Schritt für Schritt und pragmatisch?

Wir haben eine klare, langfristige Zielrichtung – wir wissen, auf welchen Berg wir wollen. Die Route dorthin bleibt flexibel. Dafür haben wir Leitplanken definiert; in welchen Bereichen wir tätig sein wollen und in welchen nicht. Unser Spektrum ist breiter geworden: Lkw, Defence, Railway, auch Luftfahrt schließen wir nicht aus.

Innerhalb dieser Leitplanken steuern wir auf das Ziel zu und passen den Weg an, wenn Unvorhergesehenes eintritt – wie etwa die Zoll-Thematik, Corona oder auch künftige geopolitische Veränderungen. Da müssen wir flexibel bleiben und vorbereitet sein. Das ist Alltag geworden.

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Innox-Gründer Hans Sailer. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer Innovationsmanagement hört, denkt an Methoden, an Design Thinking, Scouting, Stage Gates. Hans Sailer nennt etwas anderes zuerst: Empathie. Ohne Draht in die Fachabteilungen und in den Vorstand komme man nicht weit, weil dort das Wissen liege. Sailer hat mit Innox ein Netzwerk aufgebaut, in dem sich Innovationsmanager:innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz austauschen, und dabei beobachtet, wie sich ihre Rolle laufend verändert hat: von Ideenmanagement über Open Innovation bis zum Corporate Venturing.


brutkasten: Was war der ausschlaggebende Grund, Innox zu gründen? Gab es eine Vision oder hat sich das organisch entwickelt?

Hans Sailer: Es hat keine Vision gegeben. Am Anfang war einfach ein Treffen von fünf Firmen, die sich austauschen wollten. Dabei waren A1, Magna, Siemens, Erste Bank und der ÖAMTC. Wir sind von einer Firma zur anderen gefahren und haben uns zum Beispiel angehört: Wie macht Siemens Innovation, welche weltweiten Ideen-Wettbewerbe gab es, was waren die Learnings? Mich hat das persönlich immer interessiert, ich hatte damals kein Geschäftsinteresse. Aus diesen fünf Firmen hat dann jeder gesagt: „Du, ich kenne da noch einen, kann die oder der mitgehen?“ So ist das über die Jahre gewachsen. Ich habe das fast zehn Jahre ohne Geschäftshintergrund gemacht, das war privates Vergnügen. Wir haben sogar eine Reise nach Hamburg gemacht und das Airbus Innovation Lab besucht.

Wann kam der Schritt in die Selbstständigkeit?

Irgendwann hat Casinos Austria gesagt: „Warum machst du dich nicht selbstständig?“ Da habe ich mir gedacht: Jetzt bin ich fünfzig. Wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie. Also habe ich gekündigt und mich selbstständig gemacht. Und dann ist es richtig losgegangen, weil ich gesehen habe, was passiert, wenn du deine ganze Energie konzentriert in eine Sache legst. Gleichzeitig kam die Pandemie. Ich habe geschaut: Was kann ich einem Innovationsmanager jetzt liefern, was er gut brauchen kann? Wir haben digitale Austausch-Treffen organisiert, bei denen Firmen erzählt haben, welche Plattformen sie verwenden. Und ich habe gesehen: Online erreichst du viel mehr Leute. Da ist es auch in Deutschland losgegangen. Die deutschen Firmen tauschen sich genauso gerne aus wie die Österreicher und die Schweizer.

Was braucht ein guter Innovationsmanager, eine gute Innovationsmanagerin?

Das Wichtigste ist Empathie. Weil er oder sie Zugänge ins ganze Unternehmen braucht, ob zum Vorstand oder in eine Fachabteilung. Wenn man diesen Draht nicht aufbauen kann, wird es ganz schwierig, denn das Know-how liegt in den Fachabteilungen. Eine große Unterscheidung, die man machen muss: Bin ich Innovator:in oder bin ich Innovation Facilitator:in? Das war am Anfang oft stark verschwommen. Die Rolle der Innovationsmanager:innen hat sich seither laufend geändert und ändert sich gerade wieder extrem stark.

Inwiefern?

Als ich angefangen habe, gab es die ganzen Venturing-Bestrebungen noch gar nicht. Venturing ist in großen Firmen in der M&A-Abteilung passiert. Damals ging es in Corporates eher um Ideenmanagement-Plattformen und das Nutzen der internen Intelligenz, bald kam Open Innovation mit allen externen Stakeholdern, dann ist Design Thinking aufgekommen und ein verbessertes Trend- und Foresight-Management. Ab etwa 2015 kam das Venturing dazu, und plötzlich musstest du wissen: Wie kooperiere ich mit einem Startup? Wie bewerte ich ein Startup? Dieses Know-how hat ein Innovationsmanager vorher nie gebraucht. Das war auch für Corporates keine leichte Aufgabe, da ist viel Geld für diese Learnings ausgegeben worden.

Hans und Karin Sailer von Innox im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

In dem Zusammenhang fällt oft der Begriff „Innovationstheater“.

Da muss man vorsichtig sein. Natürlich kann man Sichtbarkeit überbetonen, dann ist es Theater. Aber wenn ich nicht sichtbar mache, was meine Innovationsabteilung leistet, werde ich nicht wahrgenommen, und dann arbeiten die Abteilungen auch nicht gerne mit mir. Das ist ein feiner Grat. Wir haben oft erlebt, dass die Sichtbarkeit über externe Medien größer war als intern: Ohne Artikel in einer Zeitung bist du in der eigenen Firma gar nicht aufgefallen. Bei denen, die nie etwas auf die Straße gebracht haben, bin ich beim Vorwurf des Innovationstheaters dabei. Aber das wollte auch nie jemand bewusst.

Wie ordnest du Corporate Venturing in Österreich im Vergleich zu Deutschland ein?

Die Deutschen sind ein bisschen mutiger, haben vielleicht auch mehr Geld und nehmen Dinge als Erste in die Hand. Projekte, die wir bei der Innovationsagentur Hyve in Deutschland gemacht haben, haben wir zwei Jahre später in Österreich umgesetzt. Das Venturing ist dort schneller losgegangen, aber auch bei uns wurde es in einigen Corporates ordentlich aufgezogen. Dass Venturing auch ein Hype war, ist unbestritten, und wie bei jedem Hype gibt es Gewinner und Verlierer. Aber man kann aus heutiger Sicht nicht sagen: Das bringt nichts, das muss zurückgefahren werden. Man muss fragen: Wie gut ist es gemacht worden? Wenn du etwas komplett Neues herausbringst, brauchst du mindestens sieben Jahre, bis du damit etwas verdienst. Diesen langen Atem haben wenige Firmen. Jede Firma muss für sich draufkommen, ob das Vehikel zu ihr passt. Nur weil es bei einer anderen funktioniert hat oder nicht, heißt das nichts für die eigene.

Welchen Stellenwert hat Innovation in der aktuellen Wirtschaftskrise?

Dass Innovation näher ans Kerngeschäft geführt wird, ist sichtbar. In Krisen wird üblicherweise viel zusammengefahren, das hat man in der Pandemie ganz stark gesehen. Aber es kommt der Punkt, an dem alle Firmen sagen: „Ohne Innovation werden wir das nicht schaffen.“ Dann werden Innovationsabteilungen wieder größer aufgestellt, und diese Schwankungen tun mir oft weh. Ganz schlimm ist es, wenn eine Abteilung komplett aufgelöst wird. Dann verlierst du oft die Personen, die die kurzen Wege in die Firma hatten. Bis sich das jemand Neuer wieder erarbeitet hat, vergehen zwei Jahre. Das wird oft übersehen, wenn man zusammenspart. Vorteile durch Innovation erhalte ich dann nicht schnell auf Knopfdruck.

Und welche Rolle spielt KI?

So ein gutes Hilfsmittel hatten wir noch nie. Ich glaube, dass das Innovationsmanagement dadurch gerade wieder eine spannende Rolle bekommt. Die IT ist der technologische Enabler, aber nicht die Abteilung, die für die Transformation sorgt. Innovationsmanager:innen werden in Zukunft Orchestratoren von mehreren KI-Agenten sein: ein Agent für Foresight, einer für Patentprüfungen, einer für Potenzialanalysen. Wofür du früher zwei Wochen oder einen Monat gearbeitet hast, das bekommst du plötzlich in ein paar Minuten. Dann wird die Entscheidungsgeschwindigkeit zum KPI: Wie schnell kann ich mich auf ein Thema festlegen? Innovationsmanager:innen brauchen künftig eine Ahnung von Vibe Coding und davon, wie man KI-Agenten bestmöglich verwendet. Aber genauso muss man wissen, wie die eigene Firma tickt. Nur weil eine neue Technologie kommt, ist sie nicht sofort erfolgreich. Es geht immer mit dem Tempo, in dem du die Transformation machst. KI alleine wird dabei aber auch nicht die eierlegende Wollmilchsau sein. Entscheidend wird das Thema Ownership: Wer schnallt sich Ideen um und läuft die notwendigen Extrameilen, und wie realisiert man sie dann gemeinsam? Da wird es weiter Menschen brauchen, die ihre Firmen gut kennen, Know-how und ein Feingefühl für People-Management haben.

Ihr habt Ende August wieder euer Summercamp veranstaltet, diesmal bei der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der FFG. Was ist die Idee hinter dem Format, und was waren heuer die wichtigsten Erkenntnisse?

Das Summercamp dient dem Zweck, sich mit möglichst vielen Innovationsmanager:innen aus anderen Unternehmen und anderen Branchen zu vernetzen, auf die man sonst nicht zugehen würde. Genau dieser Cross-Industry-Austausch ist wichtig, um neue Impulse zu bekommen und Partner für gemeinsame Projekte zu finden. Wir machen das mit interaktiven Übungen zu aktuellen Innovationsthemen, das ist ein bisschen wie zwei Tage intensives Speed-Dating mit ganz viel positiver Energie. Heuer waren wieder knapp 100 Personen dabei, die ihr Wissen teilen und offen über ihre Erfahrungen sprechen. In den Sessions ging es an den Beispielen AVL Creators Co-Lab und Wiener Stadtwerke um erfolgreiche Cross-Industry-Kooperationen, mit dem Lufthansa Innovation Hub um AI Augmented Leadership und mit Miele um Intrapreneurship versus Venture Building. aws und FFG stellten gemeinsam mit Infineon, Bionic Surface und XBC erfolgreiche Förderprojekte vor.

Unsere wichtigste Erkenntnis: Die Zusammenarbeit in Ökosystemen bringt Unternehmen viele Vorteile, dafür braucht es aber das Commitment aller Beteiligten, vor allem des oberen Managements, sowie eine gute Orchestrierung und moderierte Begleitung. Wir haben außerdem gesehen, dass Förderorganisationen Firmen mit ganz unterschiedlichen Services unterstützen, nicht nur mit Finanzierungen. Und KI bringt sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen ins Unternehmen: Was sich das Management vorstellt und was in den Abteilungen tatsächlich möglich ist, liegt in der Praxis oft weit auseinander. Eine wesentliche Aufgabe der Innovationsabteilungen ist es, voranzugehen, gesichertes Wissen aufzubauen, mit der schnellen Entwicklung Schritt zu halten und eine vorteilhafte KI-Nutzung breit in der Firma zu etablieren.

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