23.12.2025

„Europa braucht wieder Lust auf Industrie und die Industrie braucht wieder Lust auf Europa“

Interview. Karin Exner-Wöhrer führt die Salzburger Aluminium Group (SAG). Wie steuert man ein Familienunternehmen sicher durch globale Krisen – und bleibt dabei innovativ?
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Karin Exner-Wöhrer in einer Interviewsituation
Karin Exner-Wöhrer | Foto: Studio Koekart

180 Mio. Euro Umsatz, 950 Mitarbeiter:innen an zehn Standorten und Wurzeln, die bis ins Jahr 1898 zurückgehen: Das ist die Salzburger Aluminium Group (SAG). Seit zehn Jahren steht Karin Exner-Wöhrer an der Unternehmensspitze. Die in Zürich geborene Österreicherin ist in Sierra Leone, Salzburg und Innsbruck aufgewachsen. Ihr Vater hatte die SAG 1992 über ein Management-Buy-out übernommen; Exner-Wöhrer selbst rückte im Jahr 2000 als 28-Jährige in den Vorstand auf und übernahm die Finanzagenden. Mit der Finanzkrise 2008 kam die erste massive Bewährungsprobe – seither wurde die Welt nicht einfacher. Wie führt man sicher durch Krisen, wie bleibt man als Familienunternehmen innovativ und was braucht es, damit Europas Wirtschaft wieder in die Gänge kommt?


Dieser Text ist zuerst als Cover-Story im brutkasten-Printmagazin von Dezember 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Langfristig orientiert, kein Schielen auf Quartalszahlen, eine klare Identität – so werden Familienunternehmen häufig wahrgenommen. Aber wie schaffen sie es, innovativ zu bleiben? Eine, die es wissen muss, ist Karin Exner-Wöhrer: Sie ist seit 2015 CEO der Salzburger Aluminium Group (SAG).

Das Unternehmen ist auf Leichtbau spezialisiert, konkret baut es vor allem leichte Aluminium-Kraftstofftanks und weitere Aluminium-Leichtbauteile für Lkw und andere Nutzfahrzeuge; das senkt Gewicht und Verbrauch. Außerdem entwickelt SAG Tanks für extrem kalte flüssige Energieträger wie Flüssigerdgas (LNG) und flüssigen Wasserstoff.

Exner-Wöhrer hat uns im Wiener Büro der SAG empfangen. Im Gespräch blickte sie nicht nur auf die Entwicklung des Unternehmens zurück und gab Einblicke in ihren Führungsstil, sondern richtete auch klare Forderungen an die Politik, wie Österreich wirtschaftlich wieder in die Spur kommt.


brutkasten: Ihr Vater Josef Wöhrer hat 1992 die SAG in einem Management-Buy-out übernommen. War es für Sie schon immer klar, dass Sie in der SAG eine Führungsrolle übernehmen würden?

Karin Exner-Wöhrer: Nein. Als ich studiert habe, war das Thema SAG ja noch keines. Da war mein Vater angestellter Geschäftsführer. Mir war schon immer klar, dass ich in einen Großkonzern einfach vom Naturell her nicht passe. Insofern war das Unternehmerische immer naheliegend, aber die Frage hat sich einfach nicht gestellt – bis von der damaligen Konzernführung die Information kam, dass das Unternehmen nicht mehr in die Konzernstrategie passt und dass es verkauft werden soll.

Da ging es nur um den Standort in Lend, den Rest gab es damals noch nicht. So kam es zum Management-Buy-out. Ich wollte aber noch einmal in die große weite Welt. Ich war dann in London, kam aber doch schnell wieder ins eigene Unternehmen zurück. Ich habe gemerkt, wie viel Freude das macht, wenn man in jungen Jahren Gestaltungsspielraum hat.

Karin Exner-Wöhrer ist CEO der Salzburger Aluminium Group. | Foto: Studio Koekart

Als Sie dann die CEO-Rolle übernommen haben: Kam dabei alles so, wie Sie sich das erwartet haben – zumal Sie ja durch Ihre Laufbahn im Unternehmen sehr gut darauf vorbereitet waren?

Ich glaube, man ist nie auf alles vorbereitet. Wer hätte mit der Finanzkrise gerechnet? Wer hätte mit Corona gerechnet? Wer hätte damit gerechnet, dass wir dann sofort in eine Supply-Chain-Krise kommen? Das sind ja alles Dinge, die man normalerweise nicht am Radar hat. Ich denke, ich war insofern gut vorbereitet, als ich im Unternehmen viele verschiedene Rollen und Abteilungen gesehen hatte. Ich habe das Handwerk von der Pike auf gelernt. Daher habe ich einen sehr tiefen Einblick gehabt – von der Kostenrechnung über Qualitätssicherung bis ins Labor, ich wusste, wie man Schweißproben macht. Das hilft einem schon, weil man weiß, was hinter der Zahl in einer Excel-Tabelle steckt.

Bevor Sie CEO wurden, hatten Sie die CFO-Rolle inne. Wie wichtig war das für Sie später?

Mein Einstieg in diese Führungsrolle kam mit der Finanzkrise. Bei solchen Krisen gibt es die Tendenz, dass der Chief Financial Officer (CFO), der normalerweise eine Nebenrolle spielt, ins Zentrum des Geschehens rückt. Wir hatten damals kein Top-Line-Thema, denn die Top-Line existierte ja nicht.

Wir mussten die Liquidität planen und uns überlegen, wie wir Bankenpakete schnüren können. Der CFO bekommt in so einer Krise einfach eine andere Rolle und ist viel präsenter als andere Funktionen. Das war auch der Trigger, dann den nächsten Schritt zu machen. Es war ja so nicht geplant oder gar determiniert. Aber es hat vom Alter her auch gepasst, und irgendwann ist man selbst auch bereit.

Wie führt man ein Unternehmen durch wirtschaftlich anspruchsvolle Zeiten? Hat ein Familienunternehmen dabei einen Vorteil?

Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen. Entscheidend ist weniger die Eigentümerstruktur als die Kultur. Bei uns heißt das Transparenz. In Krisen rücken wir zusammen und kommunizieren intensiver. Zu Beginn von Corona hatten wir tägliche standortübergreifende Abstimmungen, um Entwicklungen und Kundenreaktionen früh zu erkennen. Probleme sprechen wir sofort an, auch ohne fertige Lösung, Vertuschen macht sie nur größer. Also: Transparenz, Transparenz, Transparenz. Miteinander reden. Anrufen, wenn es drängt – nicht eine Nachricht schreiben.

Und unabhängig von dieser Thematik: Welche Vorteile hat man Ihrer Meinung nach als Familienunternehmen?

Wir pflegen zwei Dinge besonders: einen langen Horizont und kurze Entscheidungswege. Quartalsergebnisse leiten uns nicht, wir orientieren uns an der längeren Linie. Weil wir kleiner sind, müssen wir schneller sein. Dieser längere Atem kann ein Vorteil sein – nicht immer, aber oft.

Karin Exner-Wöhrer führt die SAG seit 2015. | Foto: Studio Koekart

Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Führungsrolle: Gelegentlich kursiert ja auch die Annahme, dass CFOs gut für die „Defensive“ seien, dass es für die „Offensive“ dann aber andere Persönlichkeiten braucht – CEOs mit der großen Vision. Ich nehme an, dass Sie dem nicht zustimmen.

Ich glaube nicht, dass das so wichtig ist. Es hängt vieles auch von der Persönlichkeit und den anderen Faktoren ab. Ich hadere aber auch ein bisschen damit, in dem Kontext von CEOs und CFOs zu sprechen; denn ich habe mich eigentlich immer primär als Unternehmerin gesehen – natürlich mit einem Schwerpunkt, der aufgrund meiner Ausbildung finanzlastiger ist. Mein Vater ist ein Vollblut-Techniker, und das war auch die Grundlage für das gute Zusammenspiel zwischen uns beiden.

Auf der Visitenkarte stand die Position natürlich geschrieben, aber für mich war sie nie so wichtig. Ich bin grundsätzlich Unternehmerin, und das heißt, man hat als Kernaufgabe, ganz oben in der Job Description, das Vorausschauende: Was treibt uns an, was zahlt unsere Gehälter in fünf oder zehn Jahren? Wo soll die Reise hingehen? Wo soll sie auch nicht hingehen? Denn auch das ist wichtig.

Was war beispielhaft so eine Entscheidung, bei der Sie gesagt haben: „In diesen Bereich wollen wir bewusst nicht“?

Ich hatte mich – und das ist auch ein gutes Beispiel für unsere Fehlerkultur – vor dem zweiten russischen Angriff auf die Ukraine für den gleitenden Ausstieg aus dem Bereich Defense entschieden. Das geschah sehr bewusst. Ich komme aus einer Generation, in der wir Krieg nur aus Erzählungen kennen. Mit dem zweiten Angriff 2022 habe ich hier ganz konkret umgedacht. Denn das Thema Defense spielte plötzlich eine ganz andere Rolle. Es geht nicht um Angriff – es geht um Verteidigungsfähigkeit. Wir haben hier einen strategischen Schwenk gemacht; wir bauen auf diesem Know-how, das wir weiterhin im Haus hatten, jetzt wieder sehr bewusst und sehr proaktiv auf – weil sich die Zeiten geändert haben.

Was genau bieten Sie in diesem Bereich an?

Unser Thema ist ja immer der Leichtbau – und es geht um Fahrzeuge. Jetzt könnte man denken: Im Defense-Bereich stehen die Fahrzeuge im Feld, es ist feucht und es klebt vielleicht Erde dran – was könnte der Leichtbau hier für eine Rolle spielen? Aber beim Transport dieser Fahrzeuge ins Feld gibt es ein Gewichtsproblem. Dann kommt der Treibstoffverbrauch vor Ort dazu, durch die gesamte Logistik. Unser konkretes Thema sind Behälter. Wir kommen eigentlich aus dem Bereich des Dieseltanks, aber ein Tank kann ebenso Luft enthalten, kann Öl enthalten, Verbandszeug, Schneeketten… Es braucht jedenfalls Tanks und Behälter jeder Art auf verschiedenen Versorgungsfahrzeugen.

Die SAG hat einen sehr hohen Exportanteil. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Europa und Nordamerika über die Jahre verändert?

Unsere Kunden sind überwiegend die großen Lkw-Hersteller in Europa und in Nordamerika. Ursprünglich waren wir zu 100 Prozent in Europa. Dann kam Mexiko dazu und wir waren lange im Bereich von 90:10 oder 80:20. Mittlerweile sind wir bei halbe-halbe angekommen. Was uns auch krisenfest gemacht hat, ist, dass für uns zwei Konjunkturzyklen wichtig sind.

Das eine ist der Unterschied zwischen Pkw und Lkw: Der Lkw hat einen ganz anderen Konjunkturzyklus als der Pkw. Wir sind Lkw-Zulieferer – weshalb uns die Herausforderungen, die es im Pkw-Bereich in Europa wirklich umfangreich gibt, nur wenig treffen.

Und das Zweite sind eben die beiden geografischen Standbeine Europa und Nordamerika – die sich von der Konjunktur her auch oft anders entwickeln. Das war schon 2009 nach der Finanzkrise so, und später auch nach der Coronapandemie.

Wie beurteilen Sie derzeit die Aussichten für die SAG?

Europa und die USA sind aktuell nicht gerade in einer Boomphase. Aktuell ist unser Grundgeschäft stabilisiert. Wir erwarten für die nächsten sechs Monate aber keine große Erholung. Allerdings: Das Thema Leichtbau ist grundsätzlich durch die Notwendigkeit getrieben, dass Fahrzeuge leichter werden, weil größere Reichweiten erzielt werden müssen. Wenn es etwa um batteriebetriebene Fahrzeuge geht, ist Leichtbau immer ein Thema. Da geht es nicht nur um den Pkw, denn der Batterie-Antrieb drängt auch sehr stark in den Lkw-Bereich hinein.

Mit Rheocasting haben wir eine Gießtechnologie, die wir als Einzige weltweit auf industrialisiertem Niveau anbieten können. Wir haben drei Bauteile identifiziert, deren Umstellung so viel Gewicht spart, dass rund 120 Kilogramm pro Lkw wegfallen. Wenn man zehn Tonnen Batterie in einen Lkw reinpacken muss, um eine gewisse Reichweite zu erzielen, dann hat so ein Effekt bei wenigen Teilen Zukunft. Das sind die Themen, die uns derzeit stark antreiben. Wir haben ein paar Samen ausgesät, die wir jetzt gießen und die dann hoffentlich auch aus dem Boden sprießen werden.

Wenn Sie 50 Prozent Ihres Umsatzes in Nordamerika machen – inwiefern betrifft Sie die Zollpolitik von US-Präsident Trump?

Karin Exner-Wöhrer: In Nordamerika wissen wir ziemlich genau, welchen Teil des Marktes wir ansprechen wollen. Wir suchen seit einer Weile eine Möglichkeit, in ein anderes Unternehmen zu investieren, das dort schon Gießereierfahrung hat, auf das wir dann unsere Technologie ausrollen können. Ähnliches denken wir übrigens auch in Indien an.

Meine Strategie war immer, möglichst nah beim Kunden zu produzieren. Trumps Politik trifft uns deshalb nicht direkt. Sie trifft uns über ihre Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft, aber nicht über Zollaufschläge. Mein Zugang war immer ein lokaler, wir sind „glocal“, wie man heute sagt: Ein globales Unternehmen, das lokal produziert.

Die Gießprodukte für den nordamerikanischen Markt wollen wir in Nordamerika produzieren, und nicht in Österreich und sie dann in die USA oder nach Mexiko exportieren. Das ist nicht unsere Philosophie und entspricht nicht unserem Nachhaltigkeitsanspruch.

Karin Exner-Wöhrer ist seit 2000 im Vorstand der SAG. | Foto: Studio Koekart

Welche Rolle spielt das Thema Wasserstoff-Antrieb für die SAG?

Unser Kernmarkt ist der Lkw auf der Straße, der lange Distanzen zurücklegt. Mit dem Thema Wasserstoff werden wir hier sehr gerne und richtigerweise assoziiert. Wir reden hier nicht von einem Produkt, das es in Zukunft einmal geben wird: Das Produkt ist da, es funktioniert. Wir warten nur noch darauf, dass in den verschiedenen Kontinenten die Infrastruktur bereitgestellt wird, damit flüssiger Wasserstoff dorthin kommt, wo er gebraucht wird.

Die Politik hat vorgegeben, dass wir mit Batterie fahren sollen. Jetzt hat sich herausgestellt, dass das nicht ausschließlich funktionieren wird. Aber es werden auch keine Rahmenbedingungen gesetzt, dass außer fossilen Treibstoffen Alternativen in ausreichendem Maß bereitgestellt werden. Dieses Problem ist zu lösen – möglichst schnell.

Was ist Ihr Ansatz, um als Unternehmen innovativ zu bleiben? Wie gehen Sie an Innovationen heran?

Wir sind ein Nischenplayer mit einem sehr investitionsintensiven Produkt und müssen uns immer überlegen, wo wir den größten Kundennutzen erzielen. Das passiert im Zusammenspiel mit dem Kunden. Wir sprechen miteinander und sehen uns an, wo der Schuh drückt. Dann versuchen wir, daraus eine Lösung zu kreieren. Dann laufen unsere Ingenieure los und beginnen zu überlegen, wie das funktionieren könnte.

Wir hatten beispielsweise die Aufgabenstellung, dass vorgegeben ist, wie viel Platz wir am Lkw haben, und innerhalb dieses Platzes müssen wir 1.000 Kilometer Reichweite reinpacken. Da entsteht schnell ein eigenes Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen in der Fertigung, die das ja in weiterer Folge umsetzen müssen. Es bringt nichts, wenn etwas am Computer oder in einem Digital Twin gut aussieht, ich es aber nachher nicht wirtschaftlich produzieren kann. Unser Vorteil ist, dass wir die Fertigung vor Ort haben.

Und zu diesem engen Zusammenspiel möchte ich auch der Politik etwas mitgeben: In Österreich gehen aktuell in ganz starkem Ausmaß Industriearbeitsplätze verloren. Der Grund dafür sind die Kostenentwicklungen bei Personal und Energie in den vergangenen Jahren. Wenn wir aber nicht mehr hier fertigen, werden wir wahrscheinlich auch das Engineering und die Entwicklungsleistung nicht mehr hier haben.

Das heißt, das Risiko einer Deindustrialisierung Österreichs oder Europas, vor der ja häufig gewarnt wird, sehen Sie auch sehr stark?

Das ist bereits Realität und ist zum Teil auch gar nicht mehr rückgängig zu machen. Vielleicht können wir es aber verlangsamen oder teilweise stoppen. Europa braucht wieder Lust auf Industrie und die Industrie braucht wieder Lust auf Europa.

Und als Hauptgründe sehen Sie die Entwicklung bei Personalkosten und Energiepreisen?

Ja. Das wurde in unterschiedlichen Ländern Europas auch unterschiedlich gehandhabt. Frankreich hat beispielsweise eine ganz andere Energiepolitik verfolgt; in Italien wurde eine andere Lohnpolitik umgesetzt, man hat Gehaltserhöhungen für ein Jahr ausgesetzt. In Österreich haben wir die Gehälter um zehn Prozent oder mehr pro Jahr erhöht.

Wir haben in Österreich auch vorher schon immer etwas stärker erhöht als beispielsweise Deutschland. Damit konnte man umgehen, auch aufgrund von Produktivitätssteigerungen. Aber die Schere ist mittlerweile viel zu massiv aufgegangen. Hier ist eine Schere aufgegangen. Wir zahlen das Dreifache des Gehalts einer vergleichbaren Rolle in Norditalien – eine starke Industrieregion drei Stunden von uns entfernt.

Was wäre aus Ihrer Sicht hier die Lösung – moderate Lohnabschlüsse über mehrere Jahre hinweg?

Karin Exner-Wöhrer: Wenn wir ein, zwei Jahre mal sehr, sehr moderate Abschlüsse haben – Nulllohnrunde will man ja gar nicht sagen –, dann kriegen wir das schnell wieder hin. Das gilt für die Pensionserhöhungen genauso. Und ich bin es niemandem neidig: ganz im Gegenteil. Aber wenn wir uns um den Wirtschaftsstandort bemühen wollen, dann braucht es andere Signale.

Natürlich müssen wir Rücksicht nehmen auf Geringverdiener, Lehrlinge, auf die alleinerziehende Mutter zu Schulanfang. Das sind alles schwierige Themen, die gelöst gehören. Aber wir sollten nicht mit der Gießkanne verteilen.

Wenn ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Standort spreche, dann wissen alle, wo das hinführt. Die verdienen lieber heute ein paar Prozentpunkte weniger und haben dafür in zehn Jahren noch einen Job.

Was wäre im Energiebereich notwendig?

Karin Exner-Wöhrer: Ein wesentlicher Teil der Energiekosten sind Steuern; ein wesentlicher Teil der Energiekosten sind in Zukunft die Kosten für den Green Grid. Auch das geht anders. Da wird von uns sehr früh sehr viel verlangt, was sehr teuer ist. Wenn man das ein bisschen strecken würde, könnte man diese Kosten auf eine längere Zeit verteilen. Das würde zu einer Entlastung führen.

Aber setzt sich die Politik dann nicht möglicherweise dem Vorwurf aus, den Kampf gegen den Klimawandel nicht ernsthaft zu betreiben?

Karin Exner-Wöhrer: Der Klimawandel ist unbestritten. Als Familienunternehmen tragen wir Verantwortung über Generationen und nehmen das sehr ernst. Was wir aber völlig absurd finden, ist die ausufernde Bürokratie: Wir wollen genau wissen, wie viel CO₂ unsere Produkte über den gesamten Lebenszyklus verursachen, aber wir müssen nicht jeden einzelnen Schritt mit Formularen belegen, wie es etwa das Lieferkettengesetz verlangt.

Statt alle mit Aufwand zu überziehen, sollte man gezielt jene hart sanktionieren, die Regeln missachten. Die anderen wollen ja regelkonform arbeiten, die Vorgaben müssen aber praktikabel sein; und die Bürokratie muss auf ein Minimum reduziert werden, wenn sie keinen Mehrwert schafft.

Verfolgen Sie für die SAG eher eine langfristige Vision oder handeln Sie Schritt für Schritt und pragmatisch?

Wir haben eine klare, langfristige Zielrichtung – wir wissen, auf welchen Berg wir wollen. Die Route dorthin bleibt flexibel. Dafür haben wir Leitplanken definiert; in welchen Bereichen wir tätig sein wollen und in welchen nicht. Unser Spektrum ist breiter geworden: Lkw, Defence, Railway, auch Luftfahrt schließen wir nicht aus.

Innerhalb dieser Leitplanken steuern wir auf das Ziel zu und passen den Weg an, wenn Unvorhergesehenes eintritt – wie etwa die Zoll-Thematik, Corona oder auch künftige geopolitische Veränderungen. Da müssen wir flexibel bleiben und vorbereitet sein. Das ist Alltag geworden.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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