07.11.2017

Kammerpflichtmitgliedschaft: So hat die Startup-Community abgestimmt

Der Brutkasten hat seine Leserschaft auf Facebook zur Kammerpflichtmitgliedschaft befragt. Das Ergebnis ist zwar eindeutig, lässt aber Fragen offen.
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Vor etwa einer Woche wurde der amtierende Wirtschaftsminister Harald Mahrer als neuer Wirtschaftsbund-Präsident vorgestellt – die offizielle Wahl erfolgt im Dezember. Damit ist er nach österreichischem Usus auch Christoph Leitls Nachfolger als Wirtschaftskammer-Präsident. Diesen Posten wird er voraussichtlich in der ersten Hälfte des Jahres 2018 einnehmen. Bereits in seiner ersten Pressekonferenz dazu brachte Mahrer ein klares Bekenntnis zur Kammerpflichtmitgliedschaft. Er stellte aber auch in Aussicht, dass es unter seiner Führung darüber eine Abstimmung unter den Wirtschaftskammer-Mitgliedern geben könnte.

+++ Harald Mahrer ist klar für eine Pflichtmitgliedschaft in den Kammern +++

379 Stimmen abgegeben

Grund genug für den Brutkasten, die Startup-Community in einer informellen Umfrage zu dem Thema zu befragen. Drei Antwortmöglichkeiten gaben wir in unserer Abstimmung über Facebook: „Bin dafür!“, „Bin dagegen!“ und „Wir haben bitteschön wichtigere Probleme!“. Die Beteiligung war hervorragend: 379 Personen bzw. Facebook-Seiten stimmten mit (doppelte Stimmvergabe über private Profile und Seiten können wir daher nicht ausschließen).

Das Ergebnis:

Demnach sprachen sich 199 von 379 Befragten gegen die Beibehaltung der Kammerpflichtmitgliedschaft aus. 151 Facebook-Profile stimmten dafür. Bereinigt man das Ergebnis um die 7,7 Prozent (29 Stimmen) in der dritten Antwortkategorie, so ergibt sich ein Verhältnis von 57 Prozent Gegenstimmen zu 43 Prozent Dafür-Stimmen.

Auch Startup-Community in der Frage gespalten

Das Ergebnis innerhalb der Brutkasten-Leserschaft ist damit zwar durchaus eindeutig. Für eine etwaige allgemeine Abstimmung lässt sich daraus jedoch noch keine klare Voraussage treffen. Denn es ist klar: Auch die Startup-Community, die mittlerweile einen relevanten Anteil der österreichischen EPU und KMU darstellt, ist in der Frage gespalten. Und andere Unternehmens-Gruppen, wie etwa die traditionellen KMU gelten allgemein als Wirtschaftskammer-affiner.

Debatte über WK-Leistungen und Gefährdung des Sozialstaats

Die Spaltung drückt sich nicht zuletzt auch in den Facebook-Kommentaren zur Abstimmung aus. So werden von Befürwortern etwa die Vorzüge der Sozialpartnerschaft und die Service-Leistungen der Wirtschaftskammer ins Treffen geführt. Ein Gegner hält dem entgegen, dass die Kammer auch ohne Pflichtmitgliedschaft ihre Arbeit fortsetzen könnte. Generell wird die Pflicht von einigen Kommentatoren als nicht zeitgemäß gesehen. Großen Diskussionsstoff bietet auch die mit der Frage verknüpfte etwaige Abschaffung der Arbeiterkammer-Pflichtmitgliedschaft. Tatsächlich würde es politisch nämlich wenig Sinn ergeben, hier zu trennen und die eine Pflicht abzuschaffen, die andere aber nicht. Hierzu wird die Befürchtung über einen Verlust der Errungenschaften des Sozialstaats geäußert.

+++ Analyse: Wer in Zukunft den Sozialstaat finanziert +++

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Die Aitiologic-Gründer (v.l.n.r.): Andreas Posch, Stephan Beisken und Achim Plum | (c) Aitiologic

Im Oktober 2024 verließ das Wiener Startup Aitiologic den „Stealth Mode“. Damals hatte es 2,5 Millionen Euro an Investments und Förderungen eingesammelt. Jetzt folgt eine Seed-Finanzierung über 6,4 Millionen Euro, wie das Unternehmen am Dienstag bekannt gab.

Angeführt wird die Runde von den Healthcare-Investoren Heal Capital und Ananda Impact Ventures. Die bisherigen Investoren Push VC und Lana Ventures sind wieder dabei. Dazu kommen laut Startup mehrere Biotech-Gründer, die bereits Börsengänge und Exits hinter sich haben.

Ein Bluttest, der zeigt, was im Gewebe passiert

Aitiologic entwickelt die Plattform „Aitios“. Sie untersucht zellfreie DNA im Blut und wertet die Daten mit KI aus. Das Ziel: Aus einer normalen Blutprobe soll sich ablesen lassen, aus welchem Gewebe die DNA stammt und was dort gerade passiert. Die Technologie geht auf Forschung von Gründer und CEO Andreas Posch bei Siemens Healthineers zurück. Aitiologic hat sie exklusiv lizenziert.

2024 sprach das Startup noch allgemein von Krebs- und Pränataldiagnostik. Nun ist die erste Anwendung klar: die Risikoabschätzung für Präeklampsie im ersten Schwangerschaftsdrittel. Die Bluthochdruck-Erkrankung betrifft laut Aussendung geschätzt drei bis acht Prozent aller Schwangerschaften. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen für Todesfälle von Müttern und Föten weltweit. Aitiologic will dafür dieselbe Blutprobe nutzen, die ohnehin für den nicht-invasiven Pränataltest (NIPT) abgenommen wird. Eine zusätzliche Blutabnahme wäre also nicht nötig.

Eine erste Studie mit Kypros Nicolaides und dem Fetal Medicine Research Institute habe gezeigt, dass sich damit das Präeklampsie-Risiko einschätzen lässt, so das Startup. Jetzt läuft eine größere Studie mit der Fetal Medicine Foundation, an der mehr als 1.000 Schwangere teilnehmen. „Wir sind von einer Technologie-Hypothese zu publizierten klinischen Daten gekommen“, sagt Posch. Das frische Kapital soll in diese Studie und in die Produktentwicklung fließen.

Oxford-Nanopore-Mitgründer im Beirat, neue Chief Medical Officer

Mit der Finanzierung holt Aitiologic zwei bekannte Namen an Bord. Gordon Sanghera hat Oxford Nanopore Technologies mitgegründet, ein britisches Unternehmen für DNA-Sequenzierung. Er führte es 21 Jahre lang als CEO, vom Spinoff der Universität Oxford bis zum Börsengang in London. In der Aussendung wird er als „Pionier der Molekulardiagnostik“ bezeichnet. Für Aitiologic ist das relevant, weil die eigene Plattform auf der Sequenzierung von DNA aus dem Blut aufbaut: Sanghera bringt also Erfahrung mit dem Aufbau, der Finanzierung und der Skalierung genau dieser Art von Technologie mit. Er investiert in die Runde und wird Mitglied des Beirats. Die ersten klinischen Daten von Aitiologic seien „sehr ermutigend“, sagt Sanghera.

Neue Chief Medical Officer ist Rebecca Ertl. Sie ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und hat ein nach eigenen Angaben führendes Zentrum für Pränataldiagnostik in Österreich gegründet. Bei Aitiologic verantwortet sie die medizinische Strategie, zunächst für das Präeklampsie-Programm. Ertl nennt bereits ein mögliches nächstes Thema: Man prüfe, ob der Bluttest auch bei Schwangerschaftsdiabetes früher Hinweise liefern könne.

Neben dem Risikokapital erhält Aitiologic Förderungen von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der Wirtschaftsagentur Wien. Dazu kommt Unterstützung über den Europäischen Investitionsfonds (EIF) im Rahmen von InvestEU. Zugelassen ist die Plattform noch nicht, sie befindet sich weiterhin in der Entwicklung.

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