28.08.2017

„Kreis-System“: Wie Anleger mit ICOs abgezockt werden

Gastbeitrag. Julian Hosp beschreibt für den Brutkasten eine neue Betrugs-Masche. Nach Schneeball- und Pyramiden-Systemen werden nun Initial Coin Offerings für "Kreis-Systeme" genutzt. Und die sind (noch) nicht illegal.
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(c) fotolia.com - weerapat1003

Wann war das letzte Mal, dass jemand dir geraten hat, in etwas zu investieren? Un du hast dann bald erkannt, dass du eine Provision erhältst, wenn du wiederum andere dazu bringst, zu investieren. In letzter Zeit ist ein neuer Trend entstanden, da immer weniger Menschen an die „Ich stelle es dir vor, damit du es weiteren vorstellst“-Systeme anbeißen. Nachdem ich die größte deutschsprachige Facebook-Gruppe, den größten deutschsprachigen Podcast und den größten YouTube-Kanal über Blockchain und Kryptowährungen habe, konnte ich feststellen, dass diese alarmierende Tendenz zunimmt: Dinge, die ich nicht anders nennen könnte als sogenannte „Kreis-Systeme“.

+++ Julian Hosp von TenX: “Zu viele Fälle, wo Token Sales missbraucht werden” +++

Die alte Masche mit den Investitionsrenditen…

Lug und Trug existieren schon so lange, wie die Menschheit selbst. Anstatt seine Energie dafür zu nutzen, etwas Produktives zu tun, nutzt man seine Kreativität für das Betrügen und das Stehlen von Geld von anderen. Mit der Modernisierung der Finanzsysteme wurden anspruchsvollere Strukturen zum Geldbetrug eingeführt. Charles Ponzi war der erste, der allgemein damit bekannt wurde, Menschen große Investitionsrenditen zu versprechen, doch dann tatsächlich einfach nur Geld von einer Person zur nächsten zu schieben. Er versorgte sich dabei selbst und hinterließ viele Geschädigte.

Betrüger wurden immer kreativer

Viele ähnliche Arrangements wie Kettenbriefe und Pyramidensysteme kamen daraufhin auf, und es dauerte immer eine Weile, bis die Regulierungsbehörden schließlich dazwischen gingen, um die Gründer dieser Systeme zu bestrafen. Die Betrüger wurden immer kreativer, um die illegale Struktur des Unternehmens zu verbergen. Dies taten sie, indem sie andere, scheinbar legale Geschäfte in den Vordergrund stellten. Trotzdem gab es immer noch das Risiko, ertappt zu werden, während man etwas Illegales macht.

… und die neue Masche mit dem ICO

Ihre neue Lösung? Das sogenannte Kreis-System. Statt Provisionen von anderen direkt zu bekommen, erreichen sie eine Gruppe von ahnungslosen Investoren um eine „Autoritätsperson“ herum. Diese Person kann der Betrüger selbst sein oder aber oftmals ein Social Media-Influencer, der eine Meinung über ein bestimmtes Produkt oder eine Investition vertritt. Man kombiniere das mit einem komplett unregulierten Markt wie bei Kryptowährungen und schon hat man ein Eldorado für Betrüger: Sie selbst oder eine vereinbarte Gruppe an Influencern erzeugt einen „Pump“ auf einen Coin oder einen ICO, nachdem sie eine beträchtliche Summe hinein investiert haben. Sie machen einige Marketing-Flusen, die ausreichend „Lemminge“ anziehen, die nicht wissen, dass das Konzept hinter dem Coin in Wirklichkeit Müll ist. An diesem Punkt haben die Betrüger bereits eine große Summe an Gewinn herausgezogen und die ahnungslose Masse verliert. Es ist genau gleich wie bei Pyramiden- oder Schneeballsystem, nur noch besser verschleiert.

„Das ist meine große Chance“

Lass uns hier ein Szenario durchspielen. Vielleicht bist du eines Tages überrascht, wenn ein Freund dir die neuesten und besten „Kryptoinvestitionen“ vorstellt. Vielleicht liest du auch davon in einer Gruppe oder auf einem Blog. Wenn du fragst, ob man irgendwelche Provisionen bekommt, bekommst du als Antwort: „Nein, natürlich nicht, dieses Projekt ist zu 100 Prozent legitim „. Du denkst: „Wow, das sieht ja richtig gut aus.“ Es ist kein Multi Level Marketing-System, das Projekt hat eine interessante Webseite – alles tip top. Der Coin ist noch dazu auf www.coinmarketcap.com gelistet oder den ICO findet man auf verschiedenen Tracking-Sites. Selbst YouTuber reden über das Projekt positiv. „Das ist meine große Chance!“ Also machst du dich bereit und investierst in etwas, das aussieht als wärst du zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

+++ byte heroes: Erster komplett österreichischer ICO noch im September +++

Auf den „Pump“ folgt der „Dump“

Der Preis steigt darauf hin sogar und gerade als du darüber nachdenkst, ein bisschen was auszuzahlen, fällt der Preis leicht. Du fragst deinen Freund und er sagt dir, er hat bereits Gewinne ausgezahlt bekommen, aber du sollst besser warten, denn das steigt sicher wieder. Du wartest und wartest, dass der Preis wieder steigt. Aber das tut er nicht mehr. Auf den „Pump“ folgt der „Dump“. Irgendwann verkaufst du in Panik, nimmst einen großen Verlust in Kauf und denkst dir nur: „Gott sei Dank, diesmal bin ich nicht auf ein Pyramidenspiel hinein gefallen… Dieses Mal war es anders. Das war eine legitime Investition, nur das Timing hat nicht gepasst.“ Richtig?

Absolut falsch! Die Wahrheit? Es geschieht jeden Tag in unterschiedlichsten Arten und Weisen.

Ein paar Beispiele…

  • Ein eigentlich wertloser ICO, der eine öffentlich breit bekannte Person hat, die ihn unterstützt. Die Öffentlichkeit weiß nicht, was die wahren Absichten dieser Person sind und was sie davon hat. Glaubt diese Person wirklich an die Firma oder kümmert sie sich nur um ihren 90 Prozent-Rabatt, der sie innerhalb weniger Wochen zum Millionär macht?
  • YouTuber, Podcaster und Blogger, die ihre Kanäle starten indem sie wirklich wertvolle Inhalte liefern, aber dann aufgrund von „Bestechungsgeldern“ ihren Kanal in einem ganz neuen Licht darstellen – alles zu Gunsten eines Unternehmens oder einer Dienstleistung.
  • Berater werden in ein Projekt aufgenommen, damit sie sehr positiv darüber sprechen.

Betrug, aber legal

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blogartikels im August 2017 ist dieser eigentliche Betrug (noch) nicht illegal. In einer dezentralisierten Welt wie von Blockchain und Kryptowährungen bin ich nicht einmal sicher, wie man solche Aktionen richtig regulieren kann. Deshalb ist es noch wichtiger, Menschen zu zeigen, dass diese Dinge häufiger passieren als eigentlich vermutet.

Unmoralische Angebote

Woher ich das weiß? Ich vermute nicht nur oder nehme an – ich erlebe es tagtäglich am eigenen Leibe. Ich erhalte tatsächlich regelmäßig Angebote dieser Art:

Als wir einen Token-Sale mit TenX gemacht hatten, erhielten wir mehrere Angebote von großen Investoren, die investieren und im Gegenzug einen sehr großen Rabatt erhalten wollten, um dadurch unseren Token zu „pumpen“. Wir haben abgelehnt. Aber wenn diese Angebote an uns gemacht wurden, werden sie auch anderen Firmen, die einen Token-Sale machen, gemacht. Und die werden diese Angebote eventuell akzeptieren. Also, beim nächsten Mal, wenn du einen großen Namen hörst, der eine Firma unterstützt, verstehe den eigentlichen Deal, der vielleicht gerade im Hintergrund abläuft.

Ist die Meinung wirtschaftlich beeinflusst?

Da ich eine der größten Krypto-Communities da draußen habe, werden mir regelmäßig 5- oder sogar 6-stellige Dollarsummen und zweistellige Token-Prozentsätze angeboten, wenn ich einen Service in einem positiven Licht erscheinen lasse bzw. erwähne. Meine Assistentin lehnt diese Angebote ohne zu Zögern sofort ab. Aber ich bin sicher, nur weil ich sie nicht akzeptiere, heißt das nicht, dass es viele andere gleich tun. Also, frage dich immer: Wenn ein YouTuber oder Social Media Influencer positiv oder negativ über ein Produkt oder eine Dienstleistung spricht, verstehe, warum diese Person das tut. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein solcher Influencer dafür bezahlt wird. Doch es ist wichtig zu verstehen, ob eine negative Aussage oder ein positives Feedback legitim und nicht wirtschaftlich beeinflusst ist.

Der Lockvogel

Ich werde zu unzähligen Events eingeladen, teilweise alles bezahlt – nur um dann herauszufinden, dass die Teilnehmer mit einem Angebot oder Produkt betrogen werden sollen und ich als „Lockvogel“ hingestellt werde. Wir machen viele Checks, um genau solche Szenarien zu vermeiden, aber ich nehme an, dass viele andere das nicht tun.

Mir wird kostenloses Geld angeboten, nur um auf der Website einer Firma zu erscheinen. Anstrengung? 0 Minuten. Freies Geld, richtig? Nein, denn es gibt immer Kosten zu zahlen – während ich nicht bereit bin, diese potenziellen Kosten für den Verlust meines Ansehens & meines Rufes zu bezahlen, tun das andere eventuell schon.

Es gibt immer wieder Leute, die mich bitten, ihnen Insider-Informationen über TenX zu geben, wann es Sinn macht zu kaufen, wann zu verkaufen. Ich verneine das immer. Jeder in unserem Team weiß, dass wir NICHT „Insider Trading“ betreiben. Ob das jedes andere Unternehmen auch so macht, weiß ich nicht.

„Kreis-System“: Je näher am Zentrum, desto höher der Gewinn

All dies sind Beispiele für Kreis-Systeme. Will ich mich oder unsere Firma als Helden und Retter zu zeigen? Nein, aber ich möchte das Bewusstsein für das Geschehen aufzeigen:

Statt Top-down-Gewinne wie in Ponzi- oder Pyramidensystemen sehen wir ein Innen-Außen-Muster: Je näher man am Mittelpunkt des „Pumpers“ ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man vor dem „Dump“ rauskommt. Die Gewinne werden nicht in einer Pyramidenform gemacht, sondern in einer Kreisform – je näher, desto mehr Gewinne. Daher Kreis-System. Genau wie in Pyramidensystemen werden Menschen dazu gebracht, zu glauben, dass sie an der Spitze sind, die Menschen im Kreis sind in der Illusion, sie wären in der Nähe des Zentrums des Kreises. Zum Beispiel werden sie zu Telegrammgruppen eingeladen, in denen Coins „gepumpt“ werden. Schlussendlich passiert immer dasselbe: Die Masse verliert, während einige wenige gewinnen. Die Leute glauben, dass sie die ersten sind, die davon wissen, aber wenn sie das erfahren, ist es eigentlich schon zu spät. Die Betrüger sind schon dabei zu „dumpen“.

Die Gier macht Leute irrational

Ist diese Information der Öffentlichkeit absolut unbekannt? Definitiv nicht! Die meisten Leute sind sich dessen bewusst, aber genau wie in Ponzi- oder Pyramidensystemen haben die Leute Hoffnungen, reich zu werden ohne viel dafür tun zu müssen. Gier nimmt die Oberhand und macht Leute irrational. Ich habe es schon oft genug selbst miterlebt – und ich bin mir sicher, du auch. Doch für manche gibt es kein anderes Heilmittel, als dass sie Geld verlieren bis sie erkennen, dass sie keine Chance haben, einen wahren Gewinn in Kreis-System zu machen.

Es heißt Aufpassen!

Für diejenigen, die sich dessen nicht wirklich bewusst waren, sollte dieser Beitrag ein Weckruf sein, was leider oft (nicht immer) hinter den Kulissen geschieht. Also, achte darauf, wenn Investoren oder Berater einen Coin stark „pumpen“. Werde vorsichtig, wenn ein YouTuber oder Blogger sehr positiv über ein Unternehmen spricht. Achte immer auf „Pump- und Dump-Gruppen“, wo dir glaubhaft gemacht wird, dass du in der Mitte des Kreis-Systems bist. In einigen Fällen kann alles passen und korrekt ablaufen, in vielen anderen aber nicht.

Wie kannst du so gut es geht vermeiden, auf einen Betrug hineinzufallen? Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt ein paar Dinge, die du tun kannst:

  • Überprüfe die Grundlagen eines Coins oder eines Tokens
  • Frage dich, ob es tatsächlich eine tolle Idee hinter dem Unternehmen gibt
  • Wer sind die Gründer / Schöpfer? Wer ist das Team dahinter?
  • Sind die Leute, die einen Coin gerade hypen, dafür bekannt, dass sie in der Vergangenheit gepumpt haben?
  • Ist ein Preisanstieg gerechtfertigt?
  • Was sind die Anreize für jemanden, der positiv über etwas spricht?

Bottom-up statt Top-Down

Ich versuche immer, für mich und die Leute um mich herum den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Nicht weil ich es muss, sondern weil ich niemals der Person, die ich hätte sein können, begegnen möchte. Ich bin nicht im Wettbewerb mit anderen außer mit mir selbst. Das gilt für uns alle und wir sollten uns jeden Tag daran erinnern. Andere, die das nicht machen, sollten nicht die Ausrede sein, warum wir unser eigenes Niveau sinken lassen können. Die Regulatoren werden nur langsam vorankommen, doch wir als Community können zusammenarbeiten und anstelle eines Top-down-Ansatzes in diesem Fall eine Bottom-up-Lösung haben.

Also, lasst uns dieses Wissen verbreiten und gemeinsam die Welt #cryptofit machen! Das ist es, was unser Krypto-Ökosystem wachsen und positiv herausstechen lassen wird.

+++ Event: “The Rise of ICO” – Zukunft der Startup-Finanzierung? +++


Der Autor

Dr. Julian Hosp ist Co-Founder und Präsident von TenX. Davor war er einer der weltbesten Kitesurfer und später Chirurg. TenX (www.tenx.tech) ist eine in Singapur ansässige FinTech-Firma, die Kryptowährungen jederzeit und überall ausgebbar machen will. Dazu bietet das Unternehmen ein Debitkarten-Zahlungssystem für seine Benutzer auf dem Frontend an und ein Backend, wo Blockchains durch das COMIT-Protokoll miteinander verbunden werden. COMIT ist ein Open Source Project, das jegliche Blockchains miteinander verknüpft, ohne einen eigenen Token zu kreieren. Hosp hat das Whitepaper (www.comit.network) dazu verfasst. TenX brachte mit seinem eigenen ICO im Juni 2017 rund 80 Millionen US-Dollar in Kryptogeld herein. Hosp ist momentan einer der begehrtesten Speaker auf einschlägigen Events.

Homepage: www.julianhosp.com

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Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren | (c) Sabine Klimpt

Im Hochsommer, vor genau 15 Jahren, reiste ich zum ersten Mal nach China. In dieser schicksalshaften Woche lernte ich nicht nur meine Frau kennen, sondern auch einen nahezu perfekt anmutenden europäischen Exportmarkt mit einer Milliarde Menschen, stark steigenden Einkommen und niedriger Marktsättigung.

Das Straßenbild der 25-Millionen-Metropole Schanghai war unübersehbar von europäischen Autos geprägt. Volkswagen stand damals mit rund einem Fünftel Marktanteil am Zenit seiner Dominanz im wichtigsten Automarkt der Welt. Wer sich einen Audi, BMW oder Mercedes leisten konnte, hatte es im Reich der Mitte geschafft und stellte das zur Schau.

Heute ist die Welt eine andere. Meine damalige Freundin ist längst meine Ehefrau mit österreichischer Staatsbürgerschaft. China hat uns technologisch vielfach überholt und seine Importabhängigkeit radikal reduziert. Die Handelsströme sprechen eine deutliche Sprache, denn das EU-Defizit im Warenhandel mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, plus 18 Prozent binnen eines Jahres.

Die Zahl neuer chinesischer Marken und Modelle ist überwältigend – heimische Hersteller halten inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes. Volkswagen, jahrelang Marktführer in China, liegt heute mit knapp elf Prozent hinter BYD und Geely. Credit: Thomas Reiter 

Im Vergleich zu Europa punktet China heute mit moderner Infrastruktur, seiner Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien und sichtbarem Wohlstandszuwachs. Auch das leistungsorientierte Bildungssystem rückt an die Weltspitze. Jährlich schließen 3,5 Millionen Menschen ein MINT-Studium ab, fast die Hälfte aller Patentanmeldungen weltweit kommt aus China.

Nicht zufällig heißt die erste chinesische Hochgeschwindigkeitsbaureihe auf eigenen Schutzrechten „Fuxing“ – Verjüngung, Wiedererstarken. Ihre Vorgängerin „Hexie“, Harmonie, fuhr noch mit Lizenztechnologie von Siemens, Alstom und Kawasaki.

Rushhour in Schanghais U-Bahn: rund zehn Millionen Fahrgäste täglich – und kaum eine Hand ohne Smartphone. Credit: Thomas Reiter

Auf den Trikots chinesischer Spitzensportler steht „Glory of China“, und BYD, mittlerweile weltgrößter Hersteller reiner Elektroautos, trägt „Build Your Dreams“ im Namen. Dieses Mindset verrät viel über ein Land.

China ist nicht perfekt. Aber es steht heute eher für den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Milliardär als Donald Trumps „Make America Great Again“.

Tencent East China Headquarters in Schanghai: Der Konzern hinter der Super-App WeChat zählt 1,42 Milliarden aktive Nutzer im Monat – mehr, als die EU und die USA zusammen Einwohner:innen haben. Credit: Thomas Reiter 

Ich schreibe diese Zeilen am Rückflug von China nach Österreich. Das Europäische Forum Alpbach steht heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ und benennt die neue Realität. In einer Welt, in der alle anderen schneller und entschlossener handeln, ist offen, ob Europa in den entscheidenden Fragen noch gewinnen kann. Die Antwort steckt bereits in der Diagnose. Europa muss schneller und entschlossener werden.

Entschieden wird das nicht auf Konferenzen. Europa braucht nicht die nächste Arbeitsgruppe, sondern konkrete Vorhaben mit Datum, Budget und Verantwortlichen, die dafür geradestehen. Ein Plan ist immer nur so gut wie seine Ausführung. Umsetzungsgeschwindigkeit muss das Maß aller Dinge sein.

Zwei Beispiele. Die beschlossene Senkung der Lohnnebenkosten – der Dienstgeberbeitrag sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent, rund zwei Milliarden Euro Entlastung – wirkt erst ab 2028. Die von der Kommissionspräsidentin persönlich unterstützte „EU Inc.“ liegt seit März als Vorschlag am Tisch, anwendbar frühestens 2028. Der Kontinent scheint viel Zeit zu haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wucht der Veränderung

BYD hat seinen Absatz in fünf Jahren verzehnfacht, auf 4,6 Millionen Fahrzeuge. Und China ist längst der größte Autoproduzent der Welt. 34,5 Millionen gebaute, acht Millionen exportierte Fahrzeuge allein 2025. Bei Photovoltaikmodulen hält es 85 Prozent Weltmarktanteil, bei Batteriezellen rund 70 Prozent. Veränderung war nie schneller, mit einem hohen Preis für Sieger:innen und Verlierer:innen – die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz noch gar nicht eingerechnet.

Botengänge im Hotel erledigt längst der Roboter: 2024 wurden 54 Prozent aller Industrieroboter weltweit in China installiert. Credit: Thomas Reiter 

Wir leben in Österreich weit über unseren Verhältnissen, ohne dafür eine Sensorik zu haben. Zwei Rezessionsjahre, zwölf Prozent Minus bei der abgesetzten Industrieproduktion seit 2021, 25.000 verlorene Industriejobs in zwei Jahren, 6.810 Firmenpleiten im Vorjahr, eine Schuldenquote, die 2027 auf 85 Prozent zusteuert, ein offenes EU-Defizitverfahren. Wer sagt, unser Pensionssystem sei gesichert, rechnet mit Annahmen von gestern. Gut ein Viertel des Bundesbudgets fließt in Pensionen, und 2040 kommen auf einen Menschen im Pensionsalter nur noch zwei im Erwerbsalter – 1950 waren es sechs.

Es mangelt nicht an Lösungen und Wissen, sondern an Bereitschaft – genauer gesagt an den Möglichkeiten einer Dreierkoalition und an den Abläufen zwischen Wien und Brüssel. Was die Politik nicht richten wird, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer leisten. Und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ihres Beitrags bewusst sind.

Der Weg zu neuem Wachstum ist machbar

Vorziehen statt ankündigen. Der Dienstgeberbeitrag, den Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an den Familienlastenausgleichsfonds zahlen, sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent. Das entlastet die Betriebe brutto um rund zwei Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt weniger Lohnnebenkosten bringt laut EcoAustria 10.000 bis 12.000 Jobs. Wirksam wird die Senkung aber erst 2028. Wer heuer um Aufträge und Fachkräfte kämpft, hat davon nichts. Also vorziehen auf Mitte 2027, gegenfinanziert aus der Föderalismusreform.

Schnellere Genehmigungen. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauerte im Zehnjahresschnitt 22,6 Monate. Fast zwei Jahre bereitliegendes Kapital ohne Baustart, während andere Standorte in Monaten entscheiden.

Deshalb sollte nach zwölf Monaten ohne Bescheid die Bewilligung automatisch gelten. Nötig ist der Druck, denn Bürokratie kostet die Unternehmen laut KMU Forschung Austria 21,1 Milliarden Euro und 320 Millionen Arbeitsstunden jährlich, die Leistung von fast 200.000 Vollzeitkräften – ohne Mehrwert für Kund:innen.

Kapital statt Sparbuch. Österreichs Risikokapital brach 2025 um 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein, während europaweit zehn Billionen Euro niedrig verzinst auf Konten liegen. Es braucht eine KESt-Befreiung nach Behaltefrist und Pensionskassen, die heimische Innovation finanzieren dürfen.

Arbeit muss sich lohnen. Mit 47,1 Prozent Abgabenbelastung liegt Österreich laut OECD auf Rang vier. Dazu ein faktisches Antrittsalter unter 62 Jahren bei steigender Lebenserwartung. Dänemark und die Niederlande koppeln ihr Pensionsalter an sie, das schafft Planbarkeit und hält das Thema aus dem Wahlkampf.

Verwertung statt Förderung. Österreich investiert 3,34 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung, EU-weit Platz drei, im Innovation Scoreboard nur Rang acht. Wir finanzieren Forschung erstklassig und übersetzen sie zweitklassig in Produkte. Förderungen sollten daher an Marktergebnisse gekoppelt werden, nicht an gut geschriebene Anträge.

Mehr denn je zählen Leistung und Einsatz statt Hoffnung auf einen Staat, der selbst eine Verschlankung braucht.

Europäischer Exportschlager: Das größte Legoland der Welt steht seit 2025 nicht in Dänemark, sondern in Schanghai. Credit: Thomas Reiter

Das ist kein Grund für Pessimismus. Europa hat schon große Träume verwirklicht, und keiner davon war einfach oder unumstritten. CERN entstand 1954, neun Jahre nach dem Krieg, als zwölf Staaten ein gemeinsames Labor bauten, in dem Jahrzehnte später das World Wide Web erfunden wurde. Airbus startete 1970 als Konsortium gegen eine amerikanische Dominanz, die als unangreifbar galt, und lieferte 2025 mit 793 Maschinen mehr Verkehrsflugzeuge aus als Boeing mit 600.

Erasmus wurde 1987 erst nach langem Streit über Rechtsgrundlage und Finanzierung beschlossen, begann mit rund 3.000 Studierenden und hat seither mehr als zehn Millionen Menschen in einem anderen EU-Mitgliedstaat ausgebildet. Binnenmarkt und Währungsunion galten als zu groß zum Funktionieren, heute zahlen rund 360 Millionen Menschen in 21 Ländern mit derselben Währung, seit Jänner auch die Bulgaren.

Nicht die Aufgaben sind größer geworden, sondern unsere Bereitschaft kleiner, den Status quo zu verändern, uns festzulegen und unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Jacques Delors legte 1985 ein Weißbuch mit 282 Einzelmaßnahmen vor und schrieb einen Stichtag hinein, den 31. Dezember 1992. Jede Maßnahme hatte einen Termin, und die Einheitliche Europäische Akte ersetzte für den Binnenmarkt die Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen. Der Stichtag wurde bis auf wenige Ausnahmen gehalten.

Träume verwirklichen sich nicht durch Absichtserklärungen und Diskussionen, sondern durch Menschen, die täglich daran arbeiten und dafür geradestehen. Wir müssen es unseren Eltern und Großeltern nur gleichtun.


Über den Autor:

Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren. www.reiterpr.com

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