24.09.2025
WIRTSCHAFTSSTANDORT

Julia Reilinger: „Was Europa fehlt, ist nicht Erkenntnis, sondern Umsetzung“

Interview. Europa hat das Know-how, aber oft fehlt es an der Umsetzung. Genau hier will die B&C-Gruppe ansetzen und mit gezielten Investments in Scaleups die technologische Souveränität stärken. Julia Reilinger, Geschäftsführerin der B&C Innovation Investments GmbH, erklärt, warum Österreichs Ökosystem mehr Mut, weniger Bürokratie und echte Aufträge braucht.
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Julia Reilinger, Geschäftsführerin der B&C Innovation Investments GmbH | Alexander Müller

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Alarmierende Zahlen dämpfen die Stimmung am heimischen Innovationsstandort: Während Deutschland im ersten Halbjahr 2025 ein kräftiges Comeback verzeichnete, herrscht in Österreich Ernüchterung. Im Nachbarland flossen laut EY-Startup-Barometer knapp 4,6 Mrd. Euro in Startups – ein Plus von rund 34 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Hierzulande sackte das Finanzierungsvolumen dagegen auf gerade einmal 110 Mio. Euro ab – ein Einbruch um 64 Prozent und der niedrigste Halbjahreswert seit 2019. Vor allem Scaleups kämpfen damit, ihre nächsten Wachstumsschritte zu finanzieren.

Mitten in dieser Flaute gab es nun ein kräftiges Lebenszeichen eines heimischen Investors: Die B&C-Gruppe kündigte Anfang Juli an, innerhalb der nächsten fünf Jahre 300 Mio. Euro investieren zu wollen. Etwa die Hälfte des Pakets ist für Tech-Scaleups vorgesehen – gesucht werden Industrialtech-Lösungen von Quantencomputing über Edge-AI bis Cleantech (brutkasten berichtete).

Hinter dem Engagement steht die B&C Privatstiftung. Mit ihren Holdinggesellschaften hält die B&C-Gruppe substanzielle Anteile an österreichischen Leitbetrieben wie Lenzing, AMAG Austria Metall sowie Semperit und ergänzt diese Säule um Beteiligungen an wachstumsstarken Technologieunternehmen. Die Tech-Investments bündelt die Gruppe in der B&C Innovation Investments GmbH (BCII). Als Minderheitsinvestor finanziert BCII laut eigener Definition „Industrialtech-Scaleups“, deren Technologien künftig für die Industrie und somit die „Old Economy“ relevant sind. Zum Portfolio zählen beispielsweise das Tiroler Quantencomputing-Scaleup ParityQC oder das oberösterreichische Energy-Scaleup neoom.

Hinsichtlich der eingetrübten Finanzierungslage für heimische Startups spricht BCII-Chefin Julia Reilinger über staatliche Anreize, Investoren-Zurückhaltung und Europas Deeptech-Potenzial. Und sie erklärt, warum es Europa im Wettbewerb mit China und den USA nicht an Erkenntnissen, sondern an Umsetzung mangelt.


brutkasten: Wie erleben Sie in der österreichischen Scaleup-Landschaft die derzeitige Zurückhaltung internationaler Investoren bei größeren Series-A- und Series-B-Runden – und welche Rahmenbedingungen müssten geschaffen werden, damit Tech-Scaleups hierzulande trotzdem ausreichend Kapital bekommen?

Julia Reilinger: Derzeit herrscht eine spürbare Zurückhaltung, insbesondere in der Skalierungsphase. Sobald größere Finanzierungsvolumina erforderlich sind, gilt es vor allem, das Ökosystem so attraktiv zu gestalten, dass es auch für Investoren interessant bleibt. Dafür müssen sämtliche Hygienefaktoren – von der Talentverfügbarkeit bis zu Förderprogrammen – gegeben sein.

Auf diesen Faktoren allein baut jedoch kein Investment-Case auf; im Mittelpunkt stehen stets das Unternehmen selbst, seine Skalierungsfähigkeit, seine Technologie und sein Markt. Entscheidend ist daher ein Umfeld, in dem sich Unternehmerinnen und Unternehmer ganz auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können.

„Besonders im Deeptech-Bereich sollten Staaten häufiger als ‚First-Pay-Customer‘ auftreten – also nicht nur Zuschüsse vergeben, sondern echte Aufträge erteilen und damit selbst ein gewisses Risiko tragen.“

Gleichzeitig braucht es ein Ökosystem, das Ausgründungen aus Universitäten ebenso fördert wie eine breite Gründungslandschaft insgesamt. Für Scaleups sind darüber hinaus gezielte Förderinstrumente nötig. Besonders im Deeptech-Bereich sollten Staaten häufiger als „First-Pay-Customer“ auftreten – also nicht nur Zuschüsse vergeben, sondern echte Aufträge erteilen und damit selbst ein gewisses Risiko tragen.

Ein solcher Schritt erhöht die Attraktivität für weitere Investoren, weil bereits zahlende Kunden vorhanden sind und das Geschäftsmodell nicht allein auf Fördermitteln basiert. Denn jedes Unternehmen muss mittelfristig profitabel arbeiten – auf Basis realer Aufträge. Schließlich muss die Bürokratie so weit vereinfacht werden, dass sich Gründer:innen auf ihr Geschäft konzentrieren können, während zugleich positive Anreize für Investitionen und Wachstum geschaffen werden.

Europa steht im Technologiewettbewerb mit den USA und China. In welchen Bereichen sehen Sie derzeit die größten Chancen für europäische Anbieter?

Europa hat in einigen Technologiefeldern an Boden verloren. Worauf es jetzt ankommt, ist eine klare Fokussierung auf eigene Stärken.

Im Quantencomputing verfügt Europa bereits über exzellente Forschung, die systematisch ausgebaut werden sollte. Gleiches gilt für die industrielle Basis: Im Maschinenbau liegt enormes Know-how, das sich für neue Technologiefelder nutzen lässt. Beim Thema Edge-AI ist Europa beispielsweise besser positioniert als im Segment der Rechenzentrums-Chips, in dem Nvidia eindeutig führt. Die Verlagerung künstlicher Intelligenz direkt auf Maschinen – statt ausschließlich in die Cloud – eröffnet hier besondere Chancen.

„Statt neuer Forderungskataloge braucht es jetzt konsequentes Handeln.“

Auch die Halbleiterindustrie ist in Europa stark, profitiert jedoch von globalen Lieferketten und Skaleneffekten. Internationale Kooperationen bleiben daher unverzichtbar. In strategischen Bereichen wie der Raumfahrt, die traditionell eng mit Defence-Themen verknüpft ist, sollte Europa allerdings seine Souveränität gezielt ausbauen, um die aktuell hohe Abhängigkeit – insbesondere von den USA – zu reduzieren.

Kurzum: Europa muss seine bewährten Kompetenzfelder stärken, in Schlüsseltechnologien investieren und zugleich dort auf internationale Partnerschaften setzen, wo sie Skalierung und Marktzugang ermöglichen.

Die österreichische Bundesregierung will die Zahl universitärer Spin-offs bis 2030 verdoppeln. Welche Hürden sehen Sie für erfolgreiche Ausgründungen?

Wir haben in Österreich eine sehr gute Forschungslandschaft, aber eine relativ schlechte Übersetzung in die Kommerzialisierung. Wenn man sich unser Portfolio anschaut, stammen mehr als 50 Prozent aus dem Universitätsumfeld. Ausgründungen sind für uns daher essenziell. Zwar investieren wir nicht in der allerfrühesten Phase, sondern etwas später, dennoch müssen die Unternehmen bis dahin investierbar bleiben.

Der Grundstein wird bereits an den Universitäten gelegt – durch eine fundierte Ausbildung in Unternehmertum und gelebtes Entrepreneurship. Die TU München ist hier ein vorbildliches Beispiel. Zentral ist zudem, dass das geistige Eigentum von Beginn an im Unternehmen beziehungsweise beim Gründungsteam verbleibt. Entscheidend ist, dass die aktiven Gründer:innen angemessen beteiligt sind. „Dead Equity“ – also Anteile ehemaliger Mitgründer:innen, die keinen Beitrag mehr leisten – ist ein Problem. Wir legen Wert darauf, dass die IP bei unseren Portfoliounternehmen liegt – genau dieses Modell halten wir für erfolgsentscheidend.

In Österreich dient die TU München im Bereich universitärer Spin-offs häufig als Referenzmodell. Was lässt sich daraus lernen?

Die TU München hat nicht nur viel bewegt, sondern pflegt auch einen ausgeprägten Gründergeist. Unternehmertum ist dort von Beginn an positiv konnotiert: Bereits im Aufnahmegespräch werden Studierende nach ihrer Einstellung zu Entrepreneurship gefragt.

Im Curriculum sind Technik und Wirtschaft eng verzahnt. So erwerben Studierende nicht nur fachliche Tiefe, sondern auch die nötigen Business-Skills und ein Marktverständnis, um ihre Forschung in Produkte zu überführen. Finanzielle Unterstützung – etwa durch die Förderung von Susanne Klatten (BMW-Erbin) – sowie die enge Zusammenarbeit mit der Stadt München ergänzen diesen Ansatz. Startups erhalten Arbeitsräume auf dem Campus und profitieren vom Netzwerk der Institute, inklusive direkter Kontakte zur Industrie.

Erste erfolgreiche Gründungen haben zudem für sichtbare Role Models gesorgt. Dieser Erfolgskreislauf ermutigt weitere Studierende, selbst den Schritt in die Gründung zu wagen – ein selbstverstärkender, positiver Zyklus.

Welche Zukunftstechnologien sind für B&C Innovation Investments derzeit besonders spannend?

Im Grunde genommen immer Industrialtech. Als Sub-Bereiche sind für uns Quanten­technologien relevant – einerseits wegen guter Forschung in Europa, andererseits wegen der Marktrelevanz. Wir sind überzeugt, dass der Quantum Advantage kommen wird und dann die passenden Technologien bereitstehen müssen.

Dann das ganze Thema Luft- und Raumfahrt, Spacetech – hier gibt es Forschung und Initiativen, aber die technologische Souveränität ist noch nicht stark genug ausgeprägt. Und drittens bleibt Greentech. Europa hat hier Potenzial, auf bestehendes Wissen aufzubauen.

Die Stärkung der Kapitalmarktunion wird breit diskutiert – unter anderem die Idee einer digitalen gesamteuropäischen Börse. Was braucht es, damit sich der Zugang zu Wachstumskapital verbessert?

Was Europa fehlt, ist nicht Erkenntnis, sondern Umsetzung. Gerade im Startup- und Scaleup-Sektor sind die Herausforderungen und Chancen längst klar benannt, ebenso die Hebel einer funktionierenden Kapitalmarktunion. Es gibt überzeugende Konzepte – doch sie werden nicht realisiert.

Statt neuer Forderungskataloge braucht es jetzt konsequentes Handeln: Investitionen müssen fließen, bestehende Vorschläge gehört, diskutiert und umgesetzt werden. Nationale Interessen müssen einer europäischen Perspektive weichen.


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Rebel Music Distribution
© Rebel Music Distribution - Marko Celesty, Gründer Rebel Music Distribution.

Bei der italienischen Stadt Triest werden alte österreichische Gefühle wach. Von 1382 bis 1918 war sie der Haupt- und Seehafen der Habsburgermonarchie. Zudem verstärkt der Hafen, der 1719 unter dem österreichischen Kaiser Karl VI. zum Freihafen erhoben wurde, die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Österreich durch zahlreiche Logistikverbindungen. Zusammen mit dem Zollkorridor Triest–Villach/Fürnitz gilt er heute als Logistikdrehkreuz zwischen Asien und Mitteleuropa. In dieser geschichtsträchtigen Stadt entstand 2021 Rebel Music Distribution, ein von Marko Celesty gegründetes Musik-Tech-Startup, das bereits über 25.000 Artists als User:innen vorweisen kann.

Rebel Music Distribution als Schnittstelle

Dem Founder nach ist die Musikindustrie längst auch eine Softwareindustrie. Hinter jeder digitalen Veröffentlichung stünden Metadaten, Plattformregeln, Rechteverwaltung, Abrechnungen und technische Prozesse. Genau an dieser Schnittstelle arbeitet Rebel Music Distribution, das unabhängigen Artists und Labels den Zugang zur globalen digitalen Distribution vereinfachen will.

Seine Perspektive als Musiker prägte die Produktidee von Beginn an: „Distribution sollte nicht nur technisch funktionieren, sondern für Artists möglichst verständlich, flexibel und ohne unnötige Einstiegshürden nutzbar sein“, beschreibt Celesty sein Mindset.

Aus diesem Ansatz entstand die Plattform, über die Künstler:innen ihre Releases verwalten, Metadaten organisieren und Musik an große Streaming- und Download-Dienste ausliefern können. Auch Labels und Nutzer mit mehreren Projekten können verschiedene Artists und Releases über einen zentralen Account verwalten.

Mehrere 10-Millionen-Streams im Monat

Der über die Plattform verwaltete Katalog erzielt nach Unternehmensangaben jeden Monat mehrere zehn Millionen Streams. Gleichzeitig bleibt die operative Struktur bewusst schlank: Das Kernteam besteht aus vier Personen.

Möglich wird diese Skalierung vor allem durch Automatisierung und eigene technische Prozesse. Statt jede Veröffentlichung manuell zu bearbeiten, werden große Teile des Workflows softwaregestützt abgewickelt.

Rebel Music Distribution versteht sich in diesem Sinne nicht nur als Vermittler zwischen Artist und Streaming-Plattform. Ein wesentlicher Teil des Unternehmens ist ebenjene eigene Software-Infrastruktur, die laufend weiterentwickelt wird. Sie bildet den technischen Kern für Release-Management, Datenverarbeitung und die Verwaltung wachsender Kataloge.

Gerade im digitalen Musikvertrieb sei diese technische Ebene entscheidend. Unterschiedliche Anforderungen der Plattformen, große Mengen an Metadaten und eine steigende Zahl von Releases würden vor allem skalierbare Systeme zu einem zentralen Wettbewerbsvorteil machen, so der Gründer.

Rebel Music Distribution: Revenue-Share-Modell

Ein weiterer Bestandteil des Modells von Rebel Music Distribution ist der kostenlose Einstieg in die Musikdistribution. Artists können ihre Musik veröffentlichen, ohne für die reine Distribution zunächst eine klassische jährliche Abo-Gebühr zahlen zu müssen. Ergänzt wird das Angebot durch ein kostenloses Online-Mastering-Studio, monatliche Royalty-Auszahlungen und direkten Support.

„Das Angebot richtet sich damit besonders an Independent Artists, Produzenten, Songwriter und kleinere Labels, die professionelle digitale Infrastruktur nutzen möchten, ohne schon vor dem ersten Release hohe Fixkosten einzugehen“, heißt es per Aussendung.

Das Geschäftsmodell von Rebel Music Distribution basiert konkret auf einem Revenue-Share-Modell: Die Musikdistribution ist – wie erwähnt – für Artists grundsätzlich kostenlos, im Gegenzug behält Rebel Music laut eigenen AGB standardmäßig zehn Prozent der über die Plattform generierten Royalties, 90 Prozent bleiben bei den Künstler:innen. Zusätzlich monetarisiert das Unternehmen optionale Services wie YouTube Content ID, für das 25 Euro pro Track sowie 20 Prozent der daraus erzielten Einnahmen verrechnet werden, sowie die „QC Fast Track Validation“ (Fast-Track-Qualitätskontrolle) für 15 Euro pro Release.

Ohne Investoren

Das Startup wurde ohne externe Investoren aufgebaut. Nach Angaben des Unternehmens liegt die heutige Bewertung im Bereich von mehreren Millionen Euro. Die Kombination aus eigener Technologie, internationaler Nutzerbasis und einem stark wachsenden Markt mache das Unternehmen „zu einem Beispiel dafür, wie sich spezialisierte Softwareprodukte auch mit kleinen Teams global skalieren lassen“, so der Claim.

Für Celesty bleibt dabei der Musikerblick zentral, wie er sagt: „Die Technologie soll nicht Selbstzweck sein, sondern Probleme lösen, die unabhängige Künstler:innen im Alltag tatsächlich haben. Genau darin sieht Rebel Music Distribution die Grundlage für weiteres Wachstum.“

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