16.01.2026
INTERVIEW

Johannes Braith: „Ich habe die letzten zehn Jahre auf extrem viel verzichtet“

Interview. Mit Storebox feiert eines der bekanntesten Scaleups des Landes sein zehnjähriges Jubiläum. Wir sprachen mit Co-Founder und CEO Johannes Braith über Highlights, Rückschläge und den persönlichen Umgang mit den Herausforderungen des Unternehmensaufbaus.
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Johannes Braith, Co-Founder und CEO von Storebox | © brutkasten
Johannes Braith, Co-Founder und CEO von Storebox | © brutkasten

Insgesamt rund 370 Standorte in 170 Städten in sechs Ländern, Marktführer im Segment im DACH-Raum und mit mehr als 300 vergebenen Franchise-Lizenzen eines der am schnellsten wachsenden Franchise-Systeme Europas – das sind ein paar Zahlen, die Storebox-Co-Founder und CEO Johannes Braith auf LinkedIn zu seinem Unternehmen nennt. Anlass für das Posting war der zehnte Geburtstag des Scaleups. Den wiederum nahmen wir zum Anlass, mit Braith im Interview über die Ups & Downs der vergangenen zehn Jahre zu sprechen.


brutkasten: Johannes, ich will zum Start zehn Jahre zurück an den Anfang blicken. Wo hast du damals erwartet, heute mit Storebox zu stehen? Was war deine Vision oder dein Traum?

Johannes Braith: Ehrlicherweise hatte ich das so gar nicht im Kopf. Als ich Storebox – damals noch als Storeme – gegründet habe, habe ich noch nicht so weit gedacht. Ich hatte nicht dieses Big Picture, dass ich in zehn Jahren ein großer Unternehmer sein will. Mir ging es eher darum, relativ schnell eine coole Lösung beziehungsweise ein Unternehmen aufzubauen, wo ich einen direkten Impact sehe. Ein zehnjähriger Planungshorizont wäre mir damals gar nicht denkmöglich gewesen, das hätte ich mir niemals vorstellen können. Mittlerweile ist mein Planungshorizont weiter, aber damals war es schon schwierig zu sagen, was in sechs Monaten sein wird.

Nun sind die zehn Jahre um und ihr habt viel erreicht. Was waren für dich in dieser Zeit die allergrößten Highlights, wenn du dich auf wenige fokussieren müsstest?

Am Anfang war es sicher das Gefühl, den „Product-Market-Fit“ erreicht zu haben – also wirklich eine Dienstleistung gebaut zu haben, die Kunden kaufen, regelmäßig nutzen und mit der man ein echtes Problem löst. Das war einer der größten Momente und das ist eigentlich arg: Wir haben ein Storage-Abteil vermietet und damit 40 Euro Umsatz gemacht. Aber diese 40 Euro waren wahrscheinlich die härtesten, die ich mir je verdient habe. Das war etwa 2017.

Das zweite Highlight sind die Jahrestagungen unseres Franchise-Systems. Da wird ersichtlich, wie umfassend das System geworden ist und wie viele Menschen daran arbeiten. Das sind ja nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern hunderte Franchise-Partner samt ihren Familienverbünden. Wenn ich da in die Gesichter von 300 oder 400 Leuten schaue, denke ich mir: Wow, das ist ein riesiger Erfolg, dass wir es geschafft haben, so viele Menschen dafür zu begeistern.

Drittens: Ich bin ja ursprünglich ein einfacher Speditionskaufmann. In dieser Industrie zu arbeiten und in der „Last Mile“-Logistik Dienstleistungen anzubieten, die eine extreme Vorreiterrolle eingenommen haben – das passierte eigentlich erst acht oder neun Jahre nach der Gründung –, ist besonders. Es gibt nichts Vergleichbares am Markt.

Und natürlich das Team. Als Gründer muss man – sorry for my french – jeden Tag knietief durch die Scheiße waten. Das gehört dazu, da muss man nichts beschönigen. Wenn man das nicht mit Leuten macht, die einen inspirieren, die man cool findet, wäre das gar nicht möglich.

Du hast gerade vom „knietief durch die Scheiße waten“ gesprochen. Was waren für dich die größten Rückschläge?

Unser Business bei Storebox ist extrem kapitalintensiv. Im Vergleich zu anderen Startups müssen wir zusätzlich zu Marketing und Personal extrem viel Geld für unsere Standorte und deren Skalierung aufwenden. Wir waren die letzten zehn Jahre eigentlich konstant im Fundraising. Mittlerweile haben sich die Wirtschaft und die VC-Landschaft etwas gewandelt, weg von diesem „Wachstum um jeden Preis“. Im Nachhinein betrachtet haben wir vielleicht auch zu nicht optimalen Zeitpunkten Kapital aufgenommen, um weiter zu pushen. Hätten wir das nicht gemacht, hätten wir heute keine 370 Standorte, aber ein differenzierterer Blick auf Wachstum ist schon gut.

Ansonsten habe ich tausende Fuckups gemacht, würde aber wahrscheinlich jeden nochmal machen. Als Gründer oder Gründerin braucht man diese Naivität und eine gewisse Craziness. Man muss immer über seine Grenzen gehen. Es muss ein bisschen schmerzen; wenn es zu komfortabel wird, ist es nicht mehr das Gleiche.

Bei eurer größten Investmentrunde 2021 habt ihr voll auf das B2B-Geschäft im E-Commerce gesetzt. Das wurde stark durch die Pandemie beflügelt. Gab es danach, wie in vielen anderen Bereichen, einen Backlash?

Ich glaube, der Backlash kam gar nicht so sehr durch Corona selbst. Als die Pandemie ausbrach, herrschte in der Startup-Szene zunächst Panik und viele bauten vorsichtshalber Mitarbeiter ab. Wir haben gesehen, dass das absolut falsch war, denn Fundraising war in dieser Zeit so einfach wie nie zuvor – da wurde Kapital oft auch mit „Bullshit-Ventures“ nur auf Basis von Pitchdecks eingesammelt – völlig gestört.

Aber wir haben tatsächlich auch sehr vorsichtig agiert, haben Mitarbeiter:innen abgebaut, weil wir nicht wussten, wie es weitergeht. Am Ende waren wir dann aber der einzige Self-Storage-Player – wahrscheinlich in ganz Europa -, der die Standorte offen lassen konnte, weil bei uns alles remote läuft. Und wir haben auch davon profitiert, dass die Leute begonnen haben, zu Hause zu renovieren und Dinge zu bestellen.

Natürlich gab es danach eine Art Normalisierung im E-Commerce, aber langfristig gesehen weiterhin Wachstum. Aber wir leben ohnehin nicht in erster Linie davon, dass der E-Commerce wächst, sondern davon, dass der bestehende Markt bisher kaum mit „Click and Collect“-Lösungen arbeitet. Selbst wenn der Markt stagniert, gibt es noch viel Potenzial für uns. Was man jedoch in den letzten ein, zwei Jahren sieht, sind Rezessionsthemen: Händler haben extremen Margendruck, was Logistikunternehmen schmerzt. Weniger Volumen heißt höhere Stückkosten, während Händler eigentlich Margen optimieren wollen. Das sind harte Themen, aber ich habe das Gefühl, dass es sich gerade erholt.

Wie teilt sich eure Strategie heute auf das B2C- und das B2B-Geschäft auf? Überwiegt eines davon?

Das Self-Storage-Business ist die Basis und das Fundament unseres Geschäftsmodells, unterteilt in B2B und B2C. Die Logistik ist daneben sozusagen der „Revenue Amplifier“, der für die richtige Skalierung im Umsatz sorgt. Auf der anderen Seite ist Franchising unser Wachstums- und Expansionsmotor. Alle drei Bereiche funktionieren miteinander und es ist wichtig, sie verschränkt zu haben. Storebox funktioniert nur mit allen drei Modellen. Das macht uns robust: Wenn etwa der Franchise-Markt schlecht läuft, können wir den Fokus verschieben.

Ein schwierigeres Thema: Ihr hattet auch eine Gesellschaft aus dem Signa-Umfeld als Investor an Bord. Hatten die Signa-Pleite und die damit verbundene negative Publicity Auswirkungen auf euch?

Da muss man sehr genau sein: Es war keine Tochtergesellschaft der Signa, sondern eine Gesellschaft der Laura Privatstiftung. Das sind getrennte Dinge, die in der Wahrnehmung oft vermischt werden. Hat es uns geschadet? Ehrlicherweise nicht wirklich. Hat es geholfen? Damals bei der Series A auf jeden Fall, um weiter zu skalieren. Das war aus damaliger Sicht definitiv die richtige Entscheidung. Und ich zähle auch nicht zu den Leuten, die sich früher damit gebrüstet haben, (Anm. René) Benko an Bord zu haben und jetzt nachtreten. Das fände ich schäbig.

Als es so endete, wie es geendet hat, bekamen wir viele mediale Anfragen und es gab Unsicherheiten im Team. Da war es mir unglaublich wichtig, transparent mit allen zu kommunizieren und zu erklären, was das für uns bedeutet.

Was ich zunächst extrem schade gefunden habe: Unsere Strategie wäre gewesen, mit der Signa im Immobilienbereich zu kooperieren. Die Enttäuschung kam für mich da schon viel früher, als klar wurde, dass diese strategischen Synergien nie stattfinden würden. Im Nachhinein gesehen war es natürlich gut so.

Wir haben jetzt viel über das Unternehmen gesprochen. Wie waren die zehn Jahre für dich persönlich? Andere Scaleup-Gründer berichten von Burnout-Phasen. Wie bist du mit dieser anstrengenden Phase zurechtgekommen?

Um ehrlich zu sein: Ein Unternehmen zu gründen und zu skalieren ist absolut brutal, nichts anderes. Ich habe persönlich vielleicht das Glück, ein ziemlicher Hardliner zu sein, mir liegt das. Aber es ist sicher nicht spurlos an mir vorübergegangen. Ich habe die letzten zehn Jahre auf extrem viel verzichtet. Ich glaube, jeder Mensch hat ein Pouvoir von 100 Prozent im Leben, das man unterschiedlich aufteilen kann. Wenn man ein Unternehmen so skalieren will, fließen unweigerlich 90 Prozent in den Job. Da gehen andere Dinge kaputt – ich habe Freunde aus den Augen verloren oder die Familie nur einmal im Jahr zu Weihnachten gesehen. Auch Beziehungen können zu Bruch gehen. Das ist die Realität.

Ich hatte glücklicherweise nie das Gefühl eines Burnouts, arbeite aber auch stark daran – durch Coachings und Psychotherapie –, resilient zu bleiben. Diese „Founder Resilience“ ist wie ein Muskel, den man trainieren muss, sonst schafft man den Marathon nicht.

Es gab in der heimischen Szene zuletzt Rückzüge von Gründern aus der CEO-Position. Ist es für dich ein Thema, die Führung von Storebox irgendwann abzugeben?

Es gibt immer unterschiedliche Gründe für solche Wechsel. Ich bin wahrscheinlich eher ein größenwahnsinniger Typ: Solange ich involviert bin, habe ich den Anspruch, das als CEO zu machen. Das heißt nicht, dass das in zwei Jahren nicht anders sein kann. Am Ende geht es mir um das Ergebnis. Ich will, dass Storebox tausende Filialen in Europa hat und der mit Abstand größte Player wird. Wenn jemand plausibel darlegen kann, dass er das besser, schneller und effizienter kann als ich, wäre ich offen dafür. Aber persönlich habe ich noch Bock. Es fühlt sich für mich an, als hätten wir erst vorgestern gegründet. Ich bin noch nicht am Ende.

Es gab zwischendurch Exit-Gerüchte. Ist das für dich ein Thema? Oder eher ein Börsengang?

Das Wort „Exit“ ist für mich irreführend, denn ich suche keinen Ausgang. Ich suche nach Optionen, Storebox weiter zu skalieren und noch erfolgreicher zu machen. Sollte das mit neuen Partnern oder Investoren gelingen, verschließe ich mich dem nicht. Aber ein Exit im Sinne eines „Clean Cuts“, bei dem ich morgen die Schlüssel abgebe und in den Urlaub fahre, strebe ich nicht an. Ein IPO ist für uns aktuell absolut kein Thema, was aber nicht heißt, dass es nicht irgendwann eines werden könnte.

Zum Abschluss: Du meintes vorhin, die Gründung vor zehn Jahren fühlt sich an wie Vorgestern. Wo siehst du dich und Storebox übermorgen, also in zehn Jahren?

Mein Leben hat sich verändert, ich bin in der Zwischenzeit Vater von zwei wundervollen Söhnen geworden. In zehn Jahren sehe ich mich durchaus in einer Rolle, in der ich operativ vielleicht etwas weniger in der Geschäftsführung tätig bin und mehr Zeit für andere Dinge habe, also mein Pouvoir breiter aufteile. Ich bin mir sicher, dass Storebox bis dahin unglaublich gewachsen sein wird. Es ist wichtig, aus Österreich heraus internationale „Key Player“ zu bauen, auf die wir stolz sein können und die vielleicht als Vorbild dienen. Dort sehe ich Storebox in zehn Jahren – und auch mich, egal in welcher Rolle. Und wenn das gelingt, dann freue ich mich drauf.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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