16.01.2026
INTERVIEW

Johannes Braith: „Ich habe die letzten zehn Jahre auf extrem viel verzichtet“

Interview. Mit Storebox feiert eines der bekanntesten Scaleups des Landes sein zehnjähriges Jubiläum. Wir sprachen mit Co-Founder und CEO Johannes Braith über Highlights, Rückschläge und den persönlichen Umgang mit den Herausforderungen des Unternehmensaufbaus.
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Johannes Braith, Co-Founder und CEO von Storebox | © brutkasten
Johannes Braith, Co-Founder und CEO von Storebox | © brutkasten

Insgesamt rund 370 Standorte in 170 Städten in sechs Ländern, Marktführer im Segment im DACH-Raum und mit mehr als 300 vergebenen Franchise-Lizenzen eines der am schnellsten wachsenden Franchise-Systeme Europas – das sind ein paar Zahlen, die Storebox-Co-Founder und CEO Johannes Braith auf LinkedIn zu seinem Unternehmen nennt. Anlass für das Posting war der zehnte Geburtstag des Scaleups. Den wiederum nahmen wir zum Anlass, mit Braith im Interview über die Ups & Downs der vergangenen zehn Jahre zu sprechen.


brutkasten: Johannes, ich will zum Start zehn Jahre zurück an den Anfang blicken. Wo hast du damals erwartet, heute mit Storebox zu stehen? Was war deine Vision oder dein Traum?

Johannes Braith: Ehrlicherweise hatte ich das so gar nicht im Kopf. Als ich Storebox – damals noch als Storeme – gegründet habe, habe ich noch nicht so weit gedacht. Ich hatte nicht dieses Big Picture, dass ich in zehn Jahren ein großer Unternehmer sein will. Mir ging es eher darum, relativ schnell eine coole Lösung beziehungsweise ein Unternehmen aufzubauen, wo ich einen direkten Impact sehe. Ein zehnjähriger Planungshorizont wäre mir damals gar nicht denkmöglich gewesen, das hätte ich mir niemals vorstellen können. Mittlerweile ist mein Planungshorizont weiter, aber damals war es schon schwierig zu sagen, was in sechs Monaten sein wird.

Nun sind die zehn Jahre um und ihr habt viel erreicht. Was waren für dich in dieser Zeit die allergrößten Highlights, wenn du dich auf wenige fokussieren müsstest?

Am Anfang war es sicher das Gefühl, den „Product-Market-Fit“ erreicht zu haben – also wirklich eine Dienstleistung gebaut zu haben, die Kunden kaufen, regelmäßig nutzen und mit der man ein echtes Problem löst. Das war einer der größten Momente und das ist eigentlich arg: Wir haben ein Storage-Abteil vermietet und damit 40 Euro Umsatz gemacht. Aber diese 40 Euro waren wahrscheinlich die härtesten, die ich mir je verdient habe. Das war etwa 2017.

Das zweite Highlight sind die Jahrestagungen unseres Franchise-Systems. Da wird ersichtlich, wie umfassend das System geworden ist und wie viele Menschen daran arbeiten. Das sind ja nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern hunderte Franchise-Partner samt ihren Familienverbünden. Wenn ich da in die Gesichter von 300 oder 400 Leuten schaue, denke ich mir: Wow, das ist ein riesiger Erfolg, dass wir es geschafft haben, so viele Menschen dafür zu begeistern.

Drittens: Ich bin ja ursprünglich ein einfacher Speditionskaufmann. In dieser Industrie zu arbeiten und in der „Last Mile“-Logistik Dienstleistungen anzubieten, die eine extreme Vorreiterrolle eingenommen haben – das passierte eigentlich erst acht oder neun Jahre nach der Gründung –, ist besonders. Es gibt nichts Vergleichbares am Markt.

Und natürlich das Team. Als Gründer muss man – sorry for my french – jeden Tag knietief durch die Scheiße waten. Das gehört dazu, da muss man nichts beschönigen. Wenn man das nicht mit Leuten macht, die einen inspirieren, die man cool findet, wäre das gar nicht möglich.

Du hast gerade vom „knietief durch die Scheiße waten“ gesprochen. Was waren für dich die größten Rückschläge?

Unser Business bei Storebox ist extrem kapitalintensiv. Im Vergleich zu anderen Startups müssen wir zusätzlich zu Marketing und Personal extrem viel Geld für unsere Standorte und deren Skalierung aufwenden. Wir waren die letzten zehn Jahre eigentlich konstant im Fundraising. Mittlerweile haben sich die Wirtschaft und die VC-Landschaft etwas gewandelt, weg von diesem „Wachstum um jeden Preis“. Im Nachhinein betrachtet haben wir vielleicht auch zu nicht optimalen Zeitpunkten Kapital aufgenommen, um weiter zu pushen. Hätten wir das nicht gemacht, hätten wir heute keine 370 Standorte, aber ein differenzierterer Blick auf Wachstum ist schon gut.

Ansonsten habe ich tausende Fuckups gemacht, würde aber wahrscheinlich jeden nochmal machen. Als Gründer oder Gründerin braucht man diese Naivität und eine gewisse Craziness. Man muss immer über seine Grenzen gehen. Es muss ein bisschen schmerzen; wenn es zu komfortabel wird, ist es nicht mehr das Gleiche.

Bei eurer größten Investmentrunde 2021 habt ihr voll auf das B2B-Geschäft im E-Commerce gesetzt. Das wurde stark durch die Pandemie beflügelt. Gab es danach, wie in vielen anderen Bereichen, einen Backlash?

Ich glaube, der Backlash kam gar nicht so sehr durch Corona selbst. Als die Pandemie ausbrach, herrschte in der Startup-Szene zunächst Panik und viele bauten vorsichtshalber Mitarbeiter ab. Wir haben gesehen, dass das absolut falsch war, denn Fundraising war in dieser Zeit so einfach wie nie zuvor – da wurde Kapital oft auch mit „Bullshit-Ventures“ nur auf Basis von Pitchdecks eingesammelt – völlig gestört.

Aber wir haben tatsächlich auch sehr vorsichtig agiert, haben Mitarbeiter:innen abgebaut, weil wir nicht wussten, wie es weitergeht. Am Ende waren wir dann aber der einzige Self-Storage-Player – wahrscheinlich in ganz Europa -, der die Standorte offen lassen konnte, weil bei uns alles remote läuft. Und wir haben auch davon profitiert, dass die Leute begonnen haben, zu Hause zu renovieren und Dinge zu bestellen.

Natürlich gab es danach eine Art Normalisierung im E-Commerce, aber langfristig gesehen weiterhin Wachstum. Aber wir leben ohnehin nicht in erster Linie davon, dass der E-Commerce wächst, sondern davon, dass der bestehende Markt bisher kaum mit „Click and Collect“-Lösungen arbeitet. Selbst wenn der Markt stagniert, gibt es noch viel Potenzial für uns. Was man jedoch in den letzten ein, zwei Jahren sieht, sind Rezessionsthemen: Händler haben extremen Margendruck, was Logistikunternehmen schmerzt. Weniger Volumen heißt höhere Stückkosten, während Händler eigentlich Margen optimieren wollen. Das sind harte Themen, aber ich habe das Gefühl, dass es sich gerade erholt.

Wie teilt sich eure Strategie heute auf das B2C- und das B2B-Geschäft auf? Überwiegt eines davon?

Das Self-Storage-Business ist die Basis und das Fundament unseres Geschäftsmodells, unterteilt in B2B und B2C. Die Logistik ist daneben sozusagen der „Revenue Amplifier“, der für die richtige Skalierung im Umsatz sorgt. Auf der anderen Seite ist Franchising unser Wachstums- und Expansionsmotor. Alle drei Bereiche funktionieren miteinander und es ist wichtig, sie verschränkt zu haben. Storebox funktioniert nur mit allen drei Modellen. Das macht uns robust: Wenn etwa der Franchise-Markt schlecht läuft, können wir den Fokus verschieben.

Ein schwierigeres Thema: Ihr hattet auch eine Gesellschaft aus dem Signa-Umfeld als Investor an Bord. Hatten die Signa-Pleite und die damit verbundene negative Publicity Auswirkungen auf euch?

Da muss man sehr genau sein: Es war keine Tochtergesellschaft der Signa, sondern eine Gesellschaft der Laura Privatstiftung. Das sind getrennte Dinge, die in der Wahrnehmung oft vermischt werden. Hat es uns geschadet? Ehrlicherweise nicht wirklich. Hat es geholfen? Damals bei der Series A auf jeden Fall, um weiter zu skalieren. Das war aus damaliger Sicht definitiv die richtige Entscheidung. Und ich zähle auch nicht zu den Leuten, die sich früher damit gebrüstet haben, (Anm. René) Benko an Bord zu haben und jetzt nachtreten. Das fände ich schäbig.

Als es so endete, wie es geendet hat, bekamen wir viele mediale Anfragen und es gab Unsicherheiten im Team. Da war es mir unglaublich wichtig, transparent mit allen zu kommunizieren und zu erklären, was das für uns bedeutet.

Was ich zunächst extrem schade gefunden habe: Unsere Strategie wäre gewesen, mit der Signa im Immobilienbereich zu kooperieren. Die Enttäuschung kam für mich da schon viel früher, als klar wurde, dass diese strategischen Synergien nie stattfinden würden. Im Nachhinein gesehen war es natürlich gut so.

Wir haben jetzt viel über das Unternehmen gesprochen. Wie waren die zehn Jahre für dich persönlich? Andere Scaleup-Gründer berichten von Burnout-Phasen. Wie bist du mit dieser anstrengenden Phase zurechtgekommen?

Um ehrlich zu sein: Ein Unternehmen zu gründen und zu skalieren ist absolut brutal, nichts anderes. Ich habe persönlich vielleicht das Glück, ein ziemlicher Hardliner zu sein, mir liegt das. Aber es ist sicher nicht spurlos an mir vorübergegangen. Ich habe die letzten zehn Jahre auf extrem viel verzichtet. Ich glaube, jeder Mensch hat ein Pouvoir von 100 Prozent im Leben, das man unterschiedlich aufteilen kann. Wenn man ein Unternehmen so skalieren will, fließen unweigerlich 90 Prozent in den Job. Da gehen andere Dinge kaputt – ich habe Freunde aus den Augen verloren oder die Familie nur einmal im Jahr zu Weihnachten gesehen. Auch Beziehungen können zu Bruch gehen. Das ist die Realität.

Ich hatte glücklicherweise nie das Gefühl eines Burnouts, arbeite aber auch stark daran – durch Coachings und Psychotherapie –, resilient zu bleiben. Diese „Founder Resilience“ ist wie ein Muskel, den man trainieren muss, sonst schafft man den Marathon nicht.

Es gab in der heimischen Szene zuletzt Rückzüge von Gründern aus der CEO-Position. Ist es für dich ein Thema, die Führung von Storebox irgendwann abzugeben?

Es gibt immer unterschiedliche Gründe für solche Wechsel. Ich bin wahrscheinlich eher ein größenwahnsinniger Typ: Solange ich involviert bin, habe ich den Anspruch, das als CEO zu machen. Das heißt nicht, dass das in zwei Jahren nicht anders sein kann. Am Ende geht es mir um das Ergebnis. Ich will, dass Storebox tausende Filialen in Europa hat und der mit Abstand größte Player wird. Wenn jemand plausibel darlegen kann, dass er das besser, schneller und effizienter kann als ich, wäre ich offen dafür. Aber persönlich habe ich noch Bock. Es fühlt sich für mich an, als hätten wir erst vorgestern gegründet. Ich bin noch nicht am Ende.

Es gab zwischendurch Exit-Gerüchte. Ist das für dich ein Thema? Oder eher ein Börsengang?

Das Wort „Exit“ ist für mich irreführend, denn ich suche keinen Ausgang. Ich suche nach Optionen, Storebox weiter zu skalieren und noch erfolgreicher zu machen. Sollte das mit neuen Partnern oder Investoren gelingen, verschließe ich mich dem nicht. Aber ein Exit im Sinne eines „Clean Cuts“, bei dem ich morgen die Schlüssel abgebe und in den Urlaub fahre, strebe ich nicht an. Ein IPO ist für uns aktuell absolut kein Thema, was aber nicht heißt, dass es nicht irgendwann eines werden könnte.

Zum Abschluss: Du meintes vorhin, die Gründung vor zehn Jahren fühlt sich an wie Vorgestern. Wo siehst du dich und Storebox übermorgen, also in zehn Jahren?

Mein Leben hat sich verändert, ich bin in der Zwischenzeit Vater von zwei wundervollen Söhnen geworden. In zehn Jahren sehe ich mich durchaus in einer Rolle, in der ich operativ vielleicht etwas weniger in der Geschäftsführung tätig bin und mehr Zeit für andere Dinge habe, also mein Pouvoir breiter aufteile. Ich bin mir sicher, dass Storebox bis dahin unglaublich gewachsen sein wird. Es ist wichtig, aus Österreich heraus internationale „Key Player“ zu bauen, auf die wir stolz sein können und die vielleicht als Vorbild dienen. Dort sehe ich Storebox in zehn Jahren – und auch mich, egal in welcher Rolle. Und wenn das gelingt, dann freue ich mich drauf.

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Margit Kendler, CFO von Greiner Packaging | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Kaum ein Thema beschäftigt die heimische Industrie derzeit so stark wie die Adaption von Künstlicher Intelligenz. Während vielfach die These vertreten wird, dass Europa das Rennen um generative KI verloren hat, werden der Industrie bei der KI-Adaption gute Chancen eingeräumt. Die Industriellenvereinigung hat dazu eine eigene KI-Taskforce eingerichtet, die mittlerweile bei ihrer Halbzeit angelangt ist. Mit deren Vorsitzendem, Keba-CEO Christoph Knogler, haben wir im aktuellen brutkasten-Printmagazin ein ausführliches Cover-Interview über industrielle KI als Europas Chance geführt.

Wie das Thema in der Verpackungsindustrie ankommt, zeigt der Blick zu Greiner Packaging: Die Sparte der Greiner Gruppe mit Hauptsitz im oberösterreichischen Sattledt erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 902 Millionen Euro, steht damit für mehr als 45 Prozent des Gruppenumsatzes und beschäftigt fast 4.900 Mitarbeiter:innen an 30 Standorten in 15 Ländern. Im Interview am European Forum Alpbach spricht CFO Margit Kendler über drei KI-Fokusfelder von der Kundeninteraktion bis zur Verwaltung, die Folgen der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und darüber, warum sie die Einführung von KI an die SAP-Projekte ihrer frühen Berufsjahre erinnert.


brutkasten: Greiner Packaging wächst trotz eines schwierigen Marktumfelds. Was sind die Gründe?

Margit Kendler: Unsere Stärke ist, dass wir sehr gute Produkte haben und diese kontinuierlich weiterentwickeln, auch in Richtung Nachhaltigkeit und der rechtlichen Anforderungen, etwa der PPWR. Dazu kommen langjährige Partnerschaften mit unseren Kunden, die wir gemeinsam weiterentwickeln können. Dadurch schaffen wir es auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, über den Markt hinaus zu wachsen.

Herausfordernde Zeiten in Bezug auf den Markt?

Im Sinne von Zeiten, in denen die gesamte geopolitische Lage instabiler wird. Beim Rohmaterial-Sourcing ist etwa die Straße von Hormus immer wieder ein Thema. Trotz widriger Umstände schaffen wir es aufgrund der langjährigen Erfahrung unserer Teams und der verlässlichen externen Kontakte, gute Lösungen für unsere Kunden zu finden. Das zeichnet Greiner Packaging aus.

Künstliche Intelligenz war bei der Jahrespressekonferenz der Greiner Gruppe ein Thema. Welche Hebel sehen Sie in der Verpackungsindustrie, um die Produktivität zu steigern?

Wir sehen im Moment bei Greiner Packaging drei Fokusbereiche. Der erste ist Richtung Kunden: Wie interagieren wir in Zukunft mit Kunden, wo wünschen sie sich automatisiertere Prozesse, weil sie auf ihrer Seite ebenfalls Prozesse anstoßen? Und wo bleibt der persönliche Kontakt weiter wichtig? Gerade bei Produktentwicklungen wird der persönliche Kontakt wichtig bleiben.

Die zweite Stoßrichtung ist die Produktion. Da geht es um Datenauswertung, die man mit KI effizienter machen kann. Viele Daten sind vorhanden, aber wie nutzen wir sie am besten? Dazu kommt alles, was weiterentwickelte Robotics in Richtung Humanoid ist. Der dritte Teil ist die Verwaltung: alles, was an Berichtsanforderungen im Sinne von Nachhaltigkeit und Ähnlichem anfällt. Wo kann man Datensammlung und Dokumentation sinnvoll in eine KI überführen?

Es gibt die These, dass Europa bei generativer KI das Rennen verloren hat, bei der KI-Adaption in der Industrie aber gute Chancen hat. Auf welche Modelle setzen Sie?

In der Produktion haben wir erste Erfahrungen gesammelt. Im Moment nutzen wir die vorhandenen Modelle und screenen, was am Markt aufkommt. Es ist so schnelllebig, dass immer die Frage ist: Kommt man überhaupt zur Anwendung oder gibt es schon wieder die nächste Entwicklungsstufe? Wichtig ist uns aber, dass die europäische Datensouveränität gestärkt wird und dass Unternehmen unterstützt werden, die diesen europäischen Fokus haben, um den Standort und Europa zu stärken.

Greift man da spezifisch auf europäische Modelle wie Mistral zurück?

Natürlich sehen wir uns europäische Lösungen an und wollen diese einsetzen, wenn sie uns den entsprechenden Nutzen bringen. Wir freuen uns über technologische Initiativen, die Europa gesamthaft als Standort stärken.

Margit Kendler im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher beim European Forum Alpbach | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Welche Aufgaben übernimmt KI aktuell bei Greiner Packaging?

Eher am Ende der Produktion, im Verpackungsbereich und Richtung Lager. Im Durchfluss der Produktion ist schon sehr viel automatisiert. Man muss differenzieren: Wo brauche ich tatsächlich KI und was geht bereits über klassische Automatisierung, also Roboterarme oder Verpackungsstraßen. Es geht wirklich nur noch um die Lücken, die etwa im Bereich Qualitätskontrolle bestehen. Und man muss genau schauen, bei welchen Stückzahlen sich Robotik auszahlt. Gerade beim händischen Assembly ist die Frage, ob die Roboter mit ihren Achsen schon gut genug sind.

Die Entwicklung ist enorm rasant. Wie bleibt man da als CFO up to date und wie fließt das in die Strategie ein?

Es beginnt mit einem tiefen Grundinteresse. Und dann nutze ich eine Mischung aus Workshops, Schulungen und Foren wie dem European Forum Alpbach, wo ich KI-Termine wahrnehme, dazu Newsletter und vieles mehr. Intern gibt es auf Gruppenebene eine Taskforce zu KI, die selektiert, welche Anwendungsfälle es für uns als Sparte oder übergreifend für die gesamte Gruppe gibt.

Wo ist die Schnittstelle zwischen Innovation und Ihrer Arbeit?

Als erfolgreiches Unternehmen muss man darauf achten, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Nur weil es jetzt gut ist, braucht man trotzdem den Blick in die Zukunft. Bei uns ist Innovation sehr produktgetrieben: Welche Barriereeigenschaften gibt es, wie ist die Haltbarkeit eines Joghurts in dem Becher? Das wird stark durch die Verpackungsverordnung getrieben, wo es um Rezyklierfähigkeit und den Einsatz recycelter Materialien geht. Andererseits geht es um die Frage, wie wir in 15 Jahren erfolgreich sind. Dafür haben wir Stage-Gate-Prozesse. Ein großes Thema ist auch Reuse, also Mehrfachnutzung versus Einmalnutzung.

Und Innovation umfasst nicht nur die Produkte selbst, sondern auch das, was um das Produkt herum ist: Serviceleistungen, Lieferung, wie wir unsere Kunden servicieren. Bei Reuse stellt sich die Frage, ob man nur das Produkt macht oder auch Services rund um den Reuse anbietet. Im Endeffekt geht es immer darum, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Schaut man sich dafür auch neue Geschäftsfelder an?

Wir haben uns das gerade angeschaut. Wir haben etwa die Becher für den Song Contest gemacht. Einer meiner früheren Arbeitgeber war Ifco, die die Obst- und Gemüsekisten an die Supermarktketten vermieten. Das war ein klassischer Reuse-Anbieter, bei dem das Waschen, Ausbringen und Einsammeln Teil des Geschäftsmodells war. Und auch bei Greiner Packaging evaluieren wir, welche Alternativen und neuen Geschäftsmodelle spannend sein könnten.

Die Verpackungsverordnung gilt seit 12. August. Der Handelsverband fordert ein Moratorium, weil es noch viele Unsicherheiten gibt. Wie nimmt man das bei Greiner Packaging wahr?

Es führt kein Weg an Verordnungen vorbei. Wir haben eine Welt, und wenn sie verbraucht ist, ist sie verbraucht. Diese strengeren Regelungen machen Sinn. Die Schwierigkeit ist, dass wir uns als großes Unternehmen deutlich leichter tun, weil wir die Ressourcen haben. Und selbst für uns ist es ein sehr hoher Aufwand, alle Dokumentationen zu liefern und die Lieferkette ordentlich zu dokumentieren. Ich verstehe daher die kleineren Unternehmen, für die das ein umso höherer Aufwand ist. Ob ein Moratorium die Lösung ist, weiß ich nicht. Man sieht es bei der Diskussion Verbrenner versus Elektroauto: Diese langfristige Unsicherheit – wird es A oder B – ist schwierig, weil man bis zur Entscheidung alle Wege parallel verfolgen muss.

Der K3-Becher ist eines Ihrer Premium-Produkte und seit vielen Jahren auf dem Markt. Jetzt gibt es mit r100 eine neue Generation. Was treibt solche Innovationen: Regulatorik oder Eigenantrieb?

Eine Mischung. Der K3 entstand aus dem Wunsch, ein nachhaltigeres Produkt zu schaffen. Es ist eine Kombination aus Kundenanforderungen, rechtlichen Vorgaben und dem Eigenantrieb, es noch besser zu machen, mit Leichtgewicht, Banderolen und Rezyklierfähigkeit. Die nächste Generation ist gerade in Entwicklung. Ein weiterer Trend ist Monomaterial: Oft hat man beim Joghurt den klassischen Aluminium-Topper. Wenn die Leute den nicht abreißen, kann nicht sortiert werden und der Becher geht in der Wiederverwertung verloren. Ist alles das gleiche Material, ist es deutlich leichter.

Arbeitet man dafür auch mit externen Partnern zusammen, etwa Startups?

Im Moment nicht, aber es ist immer am Radar, um zu schauen, was sich am Markt entwickelt und ob sich Kooperationen anbieten.

Die IV-KI-Taskforce ist bei Halbzeit. Wie schätzen Sie die Verpackungsbranche bei der KI-Adaption ein?

Generell ist mein Eindruck, dass Österreich mehr die Risiken als die Chancen sieht. Die Amerikaner denken mehr in Möglichkeiten, deshalb sitzen dort viele der KI-Unternehmen. Wir Österreicher sehen oft zuerst die Risiken, und solange diese nicht gemeistert sind, fängt man nicht an, über die Möglichkeiten nachzudenken. Um den Anschluss zu halten, brauchen wir mehr Offenheit und eine gute Balance zwischen Risiko und Chance.

Ein reiner Tool-Rollout geht oft nach hinten los, wenn die Organisationsentwicklung nicht mitgedacht wird. Wie gehen Sie vor?

Am Berufsanfang war ich SAP-Beraterin und habe SAP eingeführt. Ich finde es nicht so anders. Egal welche Technologie man einführt, man muss die Menschen mitnehmen. Viel zu oft wird der Mensch nicht mitgedacht. Ob ich von R/2 auf R/3 oder von R/3 auf Hana umsteige oder eine KI dazubaue: Es ist immer die gleiche Frage. (Anm. d. Red.: R/2, R/3 und Hana bezeichnen aufeinanderfolgende Generationen der SAP-Unternehmenssoftware, deren Umstellung jeweils große Migrationsprojekte in Unternehmen auslöste) Wie arbeiten wir dann anders, welche Kompetenzen werden gebraucht und wie muss ich diese rechtzeitig schulen? Ich sehe das in unserer Verantwortung als Arbeitgeber, dass unsere Mitarbeiter:innen mitwachsen.

Gibt es Ängste, dass Jobs wegrationalisiert werden?

Jobs ändern sich einfach. Was ich bei uns erlebe: Wir haben viele Early Adopter. Es gibt seit Langem das Angebot, KI zu nutzen, plus wöchentliche Online-Kaffeerunden für Best-Practice-Sharing. Wir haben Kolleg:innen, die schon viel mit Agenten arbeiten. Viele sehen die Arbeitserleichterung im Täglichen, weil die KI Routinetätigkeiten übernimmt. Sorgen, wegrationalisiert zu werden, erlebe ich im Moment nicht.

Was ich auch stark merke: Kolleg:innen, die spezifische Skills nicht haben, können plötzlich Themen lösen. Ein Kollege, der nicht im Controlling ist und kein Excel- oder PowerPoint-Meister, konnte über die KI alles so darstellen, wie es gebraucht wurde. Das hat ihn einen halben Tag gekostet. KI erlaubt, gewisse Ausbildungsschritte zu überspringen. Dafür sind andere Ausbildungen nötig.

Greiner Packaging ist auch außerhalb Europas vertreten. Wie nehmen Sie die KI-Regulierung in Europa wahr?

Der EU AI Act erhöht die Anforderungen an Unternehmen, schafft aber gleichzeitig Vertrauen in die Technologie. Für uns ist entscheidend, KI innovativ, aber auch verantwortungsvoll einzusetzen. Wer beides beherrscht, wird langfristig erfolgreicher sein.

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