19.02.2026
INTERVIEW

Jeannette Gorzala zu Steinbergers Gang in die USA: „Ein symbolischer Ritterschlag für Österreichs Tech-Szene“

Interview. Die letzten Tage dominiert ein Thema den heimischen Tech-Diskurs: Peter Steinberger fängt bei OpenAI an. Wir haben mit KI-Expertin Jeannette Gorzala darüber gesprochen, was das für Österreich bedeutet.
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Steinberger, Peter Steinberger, OpenClaw, OpenAI
© zVg - Jeannette Gorzala.

OpenClaw-Entwickler Peter Steinberger geht zu OpenAI, wie deren CEO Sam Altman offiziell bekanntgab – brutkasten berichtete. KI-Expertin Jeannette Gorzala, CEO und Founderin von Act.AI.Now bzw. Vice Chair des AI Board of the Austrian Government, legt im Interview ihre Sicht der Dinge dar und erklärt, welche Bedeutung dies für die KI-Szene in Österreich haben könnte.


Vor kurzem hat Sam Altman persönlich verkündet, dass Peter Steinberger sich OpenAI anschließt. Welche Folgen hat deiner Ansicht nach Steinbergers Wechsel für die heimische KI-Szene?

Dass Sam Altman persönlich verkündet, dass Peter Steinberger zu OpenAI kommt, ist ein symbolischer Ritterschlag für Österreichs Tech-Szene. Es zeigt: Weltklasse-Talent entsteht hier – auch wenn die größten Bühnen noch in den USA stehen. Entscheidend ist, ob wir aus der Story Struktur machen – oder nur Schlagzeilen.

In diesem Sinne, kann das einen KI-Boom auslösen, weil das Thema in Mainstream-Medien groß behandelt wurde?

Wenn KI es in ORF und ZIB2 schafft, wird aus einem Tech-Thema plötzlich ein nationales Gesprächsthema. Das kann einen echten Schub auslösen – mehr Studierende, mehr Gründungen, mehr Kapital. Aber nur, wenn Unis, Startups und Politik die Welle aktiv reiten, sonst bleibt es ein kurzer Hype.

Wie wichtig ist nun Peter Steinberger bzw. der Umstand, dass er plötzlich bei OpenAI anfängt, als Vorbildwirkung?

Steinberger ist der Beweis, dass man aus Österreich mit Laptop und Open Source globale Relevanz erreichen kann. Solche Role-Models verändern Karriereträume schneller als jede Förderstrategie. Vorbilder skalieren Mentalität – und genau das braucht ein KI-Standort.

Manche betrauern den Verlust und nehmen es als Anlass, Kritik an Europa bzw. Österreich zu üben. Heißt für dich „ganz nach oben kommen“ automatisch USA?

Für die absolute Spitze bei Frontier-Modellen sitzen Player wie Anthropic, Google DeepMind oder xAI aktuell vor allem in den USA – wegen Kapital und Compute. Aber „ganz nach oben“ kann auch heißen: globale Wirkung aus Europa, in starken Nischen oder Open Source. Die Frage ist nicht Talent – sondern Ökosystem.

Kurzfristig wirkt es wie Brain Drain. Langfristig kann es ‚Brain Circulation‘ werden – wenn Netzwerke, Kapital und Know-how zurückfließen. Das passiert nicht automatisch, sondern nur mit klugen Andockpunkten hierzulande.

Zum Thema AI Safety und Leaks: Es gibt ja auch Sicherheitsbedenken, nicht bloß bei OpenClaw sondern allgemein. Wie ist deine Ansicht dazu?

Die größten Risiken liegen oft nicht im Modell, sondern im Umgang mit Code, Daten und Zugängen. Wer KI baut, muss Security von Anfang an als Kernfeature denken – nicht als Nachtrag. Genau hier könnte Österreich mit klaren Standards ein Qualitätsmerkmal schaffen.

Abschließend: Siehst du Open Source als Chance oder Risiko?

Open Source macht Innovation schnell und demokratisch – aber große Player können Projekte strategisch ‚einsaugen‘. Entscheidend ist, ob Governance, Community und Offenheit langfristig unabhängig bleiben. Sonst endet ‚Open‘ als Zulieferer für geschlossene Plattformen.

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Die Aitiologic-Gründer (vlnr.): Andreas Posch, Stephan Beisken und Achim Plum | (c) Aitiologic
Die Aitiologic-Gründer (v.l.n.r.): Andreas Posch, Stephan Beisken und Achim Plum | (c) Aitiologic

Im Oktober 2024 verließ das Wiener Startup Aitiologic den „Stealth Mode“. Damals hatte es 2,5 Millionen Euro an Investments und Förderungen eingesammelt. Jetzt folgt eine Seed-Finanzierung über 6,4 Millionen Euro, wie das Unternehmen am Dienstag bekannt gab.

Angeführt wird die Runde von den Healthcare-Investoren Heal Capital und Ananda Impact Ventures. Die bisherigen Investoren Push VC und Lana Ventures sind wieder dabei. Dazu kommen laut Startup mehrere Biotech-Gründer, die bereits Börsengänge und Exits hinter sich haben.

Ein Bluttest, der zeigt, was im Gewebe passiert

Aitiologic entwickelt die Plattform „Aitios“. Sie untersucht zellfreie DNA im Blut und wertet die Daten mit KI aus. Das Ziel: Aus einer normalen Blutprobe soll sich ablesen lassen, aus welchem Gewebe die DNA stammt und was dort gerade passiert. Die Technologie geht auf Forschung von Gründer und CEO Andreas Posch bei Siemens Healthineers zurück. Aitiologic hat sie exklusiv lizenziert.

2024 sprach das Startup noch allgemein von Krebs- und Pränataldiagnostik. Nun ist die erste Anwendung klar: die Risikoabschätzung für Präeklampsie im ersten Schwangerschaftsdrittel. Die Bluthochdruck-Erkrankung betrifft laut Aussendung geschätzt drei bis acht Prozent aller Schwangerschaften. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen für Todesfälle von Müttern und Föten weltweit. Aitiologic will dafür dieselbe Blutprobe nutzen, die ohnehin für den nicht-invasiven Pränataltest (NIPT) abgenommen wird. Eine zusätzliche Blutabnahme wäre also nicht nötig.

Eine erste Studie mit Kypros Nicolaides und dem Fetal Medicine Research Institute habe gezeigt, dass sich damit das Präeklampsie-Risiko einschätzen lässt, so das Startup. Jetzt läuft eine größere Studie mit der Fetal Medicine Foundation, an der mehr als 1.000 Schwangere teilnehmen. „Wir sind von einer Technologie-Hypothese zu publizierten klinischen Daten gekommen“, sagt Posch. Das frische Kapital soll in diese Studie und in die Produktentwicklung fließen.

Oxford-Nanopore-Mitgründer im Beirat, neue Chief Medical Officer

Mit der Finanzierung holt Aitiologic zwei bekannte Namen an Bord. Gordon Sanghera hat Oxford Nanopore Technologies mitgegründet, ein britisches Unternehmen für DNA-Sequenzierung. Er führte es 21 Jahre lang als CEO, vom Spinoff der Universität Oxford bis zum Börsengang in London. In der Aussendung wird er als „Pionier der Molekulardiagnostik“ bezeichnet. Für Aitiologic ist das relevant, weil die eigene Plattform auf der Sequenzierung von DNA aus dem Blut aufbaut: Sanghera bringt also Erfahrung mit dem Aufbau, der Finanzierung und der Skalierung genau dieser Art von Technologie mit. Er investiert in die Runde und wird Mitglied des Beirats. Die ersten klinischen Daten von Aitiologic seien „sehr ermutigend“, sagt Sanghera.

Neue Chief Medical Officer ist Rebecca Ertl. Sie ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und hat ein nach eigenen Angaben führendes Zentrum für Pränataldiagnostik in Österreich gegründet. Bei Aitiologic verantwortet sie die medizinische Strategie, zunächst für das Präeklampsie-Programm. Ertl nennt bereits ein mögliches nächstes Thema: Man prüfe, ob der Bluttest auch bei Schwangerschaftsdiabetes früher Hinweise liefern könne.

Neben dem Risikokapital erhält Aitiologic Förderungen von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der Wirtschaftsagentur Wien. Dazu kommt Unterstützung über den Europäischen Investitionsfonds (EIF) im Rahmen von InvestEU. Zugelassen ist die Plattform noch nicht, sie befindet sich weiterhin in der Entwicklung.

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