27.09.2022

Jean Todt: „Für mehr Verkehrssicherheit können wir nicht auf autonomes Fahren warten“

Im Interview erläutert die Motorsport-Ikone Jean Todt, welchen Beitrag moderne Technologien für die Verkehrssicherheit leisten können und wie bis 2030 die Anzahl der weltweiten Verkehrstoten halbiert werden soll.
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Jean Todt
(c) Viktoria Waba / der brutkasten

Jährlich sterben mehr als 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr. 90 Prozent der tödlichen Unfälle ereignen sich in Entwicklungsländern. Um dies zu ändern, haben die Vereinten Nationen gemeinsam mit der WHO 2021 ein sogenanntes Decade of Action for Road Safety ausgerufen und verfolgen damit ein ambitioniertes Ziel. Bis 2030 sollen die tödlichen Unfälle halbiert werden.

Im Brutkasten-Interview spricht Jean Todt als UN-Sondergesandter für Straßenverkehrssicherheit, wie das Ziel bis 2030 erreicht werden soll. Unter anderem nimmt der ehemalige Präsident des internationalen Welt-Automobilverbands FIA Bezug auf technologische Innovationen wie autonomes Fahren und Car-Sharing. Zudem war Todt auch ehemaliger Formel 1 Team Chef von Ferrari und zählt somit weltweit zu den bekanntesten Experten für Motorsport. Dahingehend erläutert Todt, welchen Beitrag Entwicklungen im Motorsport für eine sichere und nachhaltige Mobilität leisten können.

Jean Todt war im Zuge des Green Peak Festivals in Wien zu Gast.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich als UN-Sondergesandter für Straßenverkehrssicherheit einzusetzen?

Jean Todt: Wenn wir uns die Zahlen in Industrieländern ansehen, können wir feststellen, dass in den letzten 40 Jahren die Anzahl der Verkehrstoten um das Fünffache gesunken ist, während die Anzahl der Fahrzeuge um Dreifache gestiegen ist. Leider nehmen wir in Entwicklungsländern einen gegenläufigen Trend wahr. Hier steigt die Zahl der Verkehrstoten. Dabei zeigt sich, dass 40 Prozent der Opfer Fußgänger:innen sind. Dieser Umstand ist frustrierend, da wir schon länger wissen, was wir dagegen tun müssen. Dazu zählen beispielsweise Aufklärung & Ausbildung im Bereich der Straßenverkehrssicherheit, ein funktionierender Gesetzesvollzug aber auch Maßnahmen im Bereich der Unfallvorsorge. Zudem können auch einfache Maßnahmen wie der flächendeckende Einsatz von Sturzhelmen oder Sicherheitsgurten uns dabei helfen, die Anzahl der Verkehrstoten bis 2030  zu reduzieren. 

Gab es spezielle Momente in Ihrer Motorsport-Karriere, die Sie dazu bewegt haben, sich so aktiv für Straßenverkehrssicherheit einzusetzen?

Jean Todt: Natürlich gibt es im Leben gute und schlechte Momente. In der Regel erinnert man sich eher an die schlechten Momente und wie man daraus lernt bzw. was man anderen dadurch zurückgeben kann. Was ich erreicht habe ist, dass wir gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden eine medizinische Stiftung mit Sitz in Paris gegründet haben. Auf 25.000 Quadratmetern arbeiten mehr als 750 Forscher:innen an Lösungen für Gehirn- und Rückenmarks-Erkrankungen. Das ist einer der Momente im Leben, in denen ich etwas für die Gesellschaft mache.

90 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle ereignen sich in Entwicklungsländern. Was muss getan werden, damit sich dies ändert?

Jean Todt: Die Regierungen dieser Länder müssen endlich handeln und Maßnahmen treffen, wie sie in der Vergangenheit beispielsweise in Europa getroffen wurden. Meine Aufgabe ist es, hier Aufklärungsarbeit zu leisten und Regierungen dazu zu ermutigen, dass sie dieses Problem angehen. Oftmals denken Menschen erst an die Straßenverkehrssicherheit, wenn es bereits zu spät ist. Wenn wir vorbeugen wollen, müssen wir jetzt handeln. Dahingehend braucht es mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema. Zu Beginn der Covid19-Pandemie waren Menschen sehr verängstigt und haben sich mit Masken und später mit der Impfung vor der Krankheit geschützt. Im Straßenverkehr hingegen fehlt ein derartiges Schutzbewusstsein. Aber auch in Österreich gibt es noch immer 400 Verkehrstote pro Jahr und mehr als 7500 Verletzte, die oftmals auch Folgeschäden erleiden. Jährlich kostet das die Gesellschaft zehn Milliarden Euro, was rund drei Prozent des BIP entspricht. 

(c) Viktoria Waba / der brutkasten

Welchen Beitrag können Technologien wie autonomes Fahren für die Verkehrssicherheit leisten?

Jean Todt: Autonomes Fahren ist noch lange nicht so weit, dass es einen entscheidenden Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten kann – auch nicht in entwickelten Ländern wie Österreich, der Schweiz, Frankreich oder Deutschland. Electronic-Stability-Control (ESP) ist hingegen ein fantastisches Tool, wenn es darum geht, Autos oder Motorräder sicherer zu machen. Ich bin eher zurückhaltend, wenn es um autonome Fahrzeuge geht, da es noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen wird. Zudem müssen in den Ländern dafür noch zahlreiche Adaptierungen vorgenommen werden. 90 Prozent der tödlichen Unfälle passieren in Entwicklungsländern, wie Sie richtig gesagt haben. Dahingehend stelle ich mir auch die Frage, wann diese Länder Zugang zu dieser Technologie haben werden. In 50 Jahren? Wir müssen schon viel früher handeln. Sofern wir nichts ändern, sterben in den nächsten Jahren 65 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Das entspricht ungefähr der Größe der französischen Bevölkerung. Daher müssen wir jetzt Maßnahmen ergreifen und können nicht auf die Einführung von Technologien, wie autonomes Fahren, warten.

Motorsport ist daher nicht nur eine Show, sondern eine Art Labor für Verkehrssicherheit.

Jean Todt

Im Motorsport wurden zahlreiche Sicherheitsfeatures entwickelt. Was waren Ihrer Meinung nach die größten Errungenschaften?

Jean Todt: Vor einem halben Jahrhundert war Motorsport sehr gefährlich und er ist noch immer gefährlich. In der Vergangenheit wurde aber sehr viel erreicht. Das trifft nicht nur auf die Autos, sondern auch auf die Rennstrecken und die Qualität der Rettungsketten zu, die im Falle eines Unfalls in Gang gesetzt werden. Wenn wir uns ein heutiges Formel 1 Auto anschauen, dann hat die Monocoque-Technologie sehr viel geleistet. Aber auch die Einführung des Halo-Systems war hilfreich. Wir erinnern uns alle an den schrecklichen Unfall von Romain Grosjean in Bahrain im Jahr 2020. Er ist mit 300 Stundenkilometer in die Streckenbegrenzung gekracht. Ohne die Halo-Technologie hätten die Leitblanken seinen Kopf abgeschnitten. Das Gute am Motorsport ist, dass man bei jedem Unfall etwas dazu lernt. Motorsport ist daher nicht nur eine Show, sondern eine Art Labor für Verkehrssicherheit. Wir verbessern dadurch nicht nur den Motorsport, sondern können vom Racing auch viel für den Straßenverkehr lernen.

Welchen Beitrag können Entwicklung und Innovationen im Motorsport für eine nachhaltigere Mobilität leisten? 

Jean Todt: Seit einigen Jahren erleben wir in der Formel 1 mit den Hybrid-Motoren neue Antriebstechnologien. Und es werden noch mehr Innovationen kommen. 2026 wird es neue Regularien in Bezug auf den Antriebsstrang geben. Das stößt bei vielen in der Industrie auf großes Interesse. Wir haben beispielsweise Audi, die sich erst kürzlich dazu entschieden haben, in die Formel 1 einzusteigen. Warum? Weil es sich um einen nachhaltigen Motorsport handelt. Zudem werden auch Green Fuels eingeführt. Des Weiteren erleben wir Rennserien, wie die Formel E, die Menschen in Städten dazu ermutigt, E-Autos zu kaufen. Auch im Bereich der Formel E wurden zahlreiche Fortschritte erzielt. Als die Rennserie vor rund zehn Jahren an den Start ging, musste man für ein 45 Minuten Rennen das Auto wechseln. Seit zirka zwei Jahren schafft man die Renndistanz mit nur einem Auto. Dabei handelt es sich auch um ein Technik-Labor, wobei sich Erkenntnisse auch auf Straßenautos anwenden lassen. 

Jüngere Generationen nutzen verstärkt Carsharing, was meiner Ansicht nach ein effektiver Weg der Fortbewegung ist.

Jean Todt

Der Zugang zu einem sicheren und öffentlichen Transport ist auch ein Sustainable Development Goal. Derzeit haben 25 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zum öffentlichen Verkehr. In Afrika oder gewissen Regionen in Asien erleben wir daher noch immer Situationen, wo drei bis vier Personen auf einem Motorrad fahren. Oftmals wird auch kein Sturzhelm getragen. Mittlerweile wurden aber bereits Sturzhelme entwickelt, die unter 20 US-Dollar kosten und zudem auch den UN-Sicherheitsstandards entsprechen. Diese einfachen Sicherheitstechnologien müssen wir noch stärker fördern. Im Prinzip handelt es sich bei Sturzhelmen um eine Art “Impfung”. Wenn wir im Kontext der Corona-Pandemie von Masken und Impfungen sprechen, müssen wir im Zuge der Straßensicherheit über Helme für Motorräder sprechen. 

Mobilität befindet sich stark im Wandel. Wie nehmen sie diesen Wandel wahr?

Jean Todt: Als ich jung war, habe ich die Tage gezählt, bis ich meinen Führerschein machen konnte. Heutzutage haben junge Menschen oft andere Interessen. Der Führerschein ist nicht mehr die erste Priorität. Zudem nutzen jüngere Generationen verstärkt Carsharing, was meiner Ansicht nach ein neuer und effektiver Weg der Fortbewegung ist. Aber darüber können Sie mir vielleicht noch mehr erzählen. Heutzutage hat man über sein Smartphone, die Möglichkeit innerhalb von fünf Minuten ein Auto zu rufen, um sich von einem Ort zum anderen bringen zu lassen. Das vereinfacht die Mobilität in Städten enorm. Global hat sich der Transport durch diese Technologien daher langfristig verbessert.


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Es ist wieder soweit: Die halbjährliche Trilogie der EY-Reports zur Startup-Finanzierung in Österreich wird mit der gewohnten Hiobsbotschaft komplettiert. Während die allgemeine Investment-Statistik Zyklen unterliegt, die sich in der langfristigen Betrachtung durchaus aufwärts bewegen, zeigt sich beim Female Startup Funding Index, den EY gemeinsam mit Female Founders und Fund F herausbringt, immer das gleiche Bild: Verbesserungen und Verschlechterungen passieren im Prozentpunkt-Bereich auf konstantem Keller-Niveau.

94,9 Prozent des Kapitals an rein männliche Teams

Die konkreten aktuellen Zahlen: Von den statistisch erfassten 472 Millionen Euro Risikokapital für österreichische Startups im ersten Halbjahr 2026 flossen 94,9 Prozent an rein männliche Founding-Teams, gemischte Teams erhielten 4,8 Prozent des Kapitals und rein weibliche Teams lediglich 0,3 Prozent; der Frauenanteil unter den Gründer:innen von Startups mit Investment im ersten Halbjahr liegt bei nur 13 Prozent; nur drei der 95 für den Index analysierten Startups mit Finanzierung haben ein ausschließlich weibliches Founding-Team; und bei Finanzierungen über zehn Millionen Euro gibt es kein einziges Gründungsteam mit weiblicher Beteiligung.

Fassl: „Der Aufschwung hat ein Geschlecht“

„2026 ist das Kapital zurück: 472 Millionen Euro Risikokapital für Österreichs Startups, mehr als eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr, und so viele Finanzierungsrunden wie nie zuvor. Bei Frauen ist davon nichts angekommen. Während rein männliche Teams fast das gesamte Volumen einsammelten, gingen 0,3 Prozent des Geldes an rein weibliche Teams – rund 1,4 Millionen Euro im gesamten Halbjahr. Damit ist klar: Der Aufschwung hat ein Geschlecht“, kommentiert Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders.

Dass die Schieflage auch in einem starken Marktumfeld bestehen bleibt, habe mehrere Gründe, analysieren die Studienautor:innen: Große Finanzierungsrunden würden häufig von etablierten Venture-Capital-Fonds getragen, die auf bestehende Netzwerke, frühere Investmenterfolge und bekannte Muster zurückgriffen. Gleichzeitig zeige sich seit Jahren, dass Gründerinnen insbesondere beim Zugang zu Investorennetzwerken und großen Wachstumsfinanzierungen häufiger auf Hürden stoßen. Genau diese späten Finanzierungsphasen hätten jedoch den größten Einfluss auf die Verteilung des investierten Kapitals. „Das Problem beginnt nicht erst bei der Finanzierung, wird dort aber besonders sichtbar“, kommentiert Florian Haas, Head of Startup bei EY Österreich.

Fürst: „Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ“

Wie oben erwähnt, liegt der Frauenanteil unter den Gründer:innen jener Startups, die erfolgreich eine Finanzierung erhalten haben, bei rund 13 Prozent (31 von insgesamt 248 Gründer:innen). Eine weitere Aufschlüsselung: Von den insgesamt 95 erfassten Startups mit Investment im ersten Halbjahr, deren Gründungsteam bekannt ist, haben 72 ein ausschließlich männliches Founding-Team (76 Prozent), weitere 20 ein gemischtes Team (21 Prozent) und lediglich drei ein rein weibliches Gründungsteam (3 Prozent). Dabei handelt es sich um Factorymaker, Faund Social Dating Club und Recruitiverse.

Natascha Fürst, CEO von Female Founders, leitet daraus ab: „Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ: Es gründen genug Frauen – das Problem ist, wer von ihnen ans Kapital kommt.“ Die Studie zeige kein Problem an der Gründungsbasis, sondern ein strukturelles Versagen des Kapitalmarkts. „Und das lässt sich nicht wegdiskutieren“, so Fürst.

Lisa-Marie Fassl legt nach: „Noch nie saßen so viele Frauen in finanzierten Gründungsteams wie jetzt: 13 Prozent. Und trotzdem floss fast das komplette Kapital an rein männliche Teams. Mehr Frauen am Tisch heißt offensichtlich nicht mehr Geld für Frauen. Wer glaubt, dass das der nächste Aufschwung von selbst reguliert, hat die letzten vier Jahre die Augen zugemacht. Es wird Zeit, dass wir aufhören, eine rationale, wirtschaftliche Diskussion emotional zu führen. Denn als Standort lassen wir Rendite auf dem Tisch liegen, nachweislich, Jahr für Jahr.“

Keine Frau in Gründungsteams mit Investments über 10 Mio. Euro

Konkret lag bei Startups mit Finanzierungen bis zu einer Million Euro der Gründerinnenanteil bei 17 Prozent. Bei Finanzierungen zwischen einer und zehn Millionen Euro waren acht der insgesamt 75 Gründer:innen Frauen (11 Prozent). Bei allen analysierten Finanzierungen über zehn Millionen Euro bestanden die bekannten Gründungsteams ausschließlich aus Männern.

„Dass Gründerinnen bei kleineren Runden sichtbar sind, bei größeren Tickets aber praktisch verschwinden, zeigt sehr deutlich, wo die größte Herausforderung liegt: beim Zugang zu Wachstumskapital. Dort entscheidet sich letztlich, welche Unternehmen zu internationalen Champions werden“, analysiert Florian Haas.

Health-Sektor sticht positiv heraus

Deutliche Unterschiede beim Gender Investment Gap zeigen sich übrigens auch im Branchenvergleich: Hier sticht vor allem der Health-Sektor heraus, in dem insgesamt 17 Startups eine Finanzierung erhielten. Dort lag der Frauenanteil bei knapp 23 Prozent. Unter den insgesamt 48 Gründer:innen dieser Unternehmen befanden sich elf Frauen. Demgegenüber weisen mehrere technologieintensive Bereiche keine einzige Gründerin unter den finanzierten Startups auf, darunter SpaceTech/NewSpace, FinTech/InsurTech, Education, DefenseTech sowie ClimateTech/GreenTech/CleanTech.

„Gerade der Bereich Health zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn unterschiedliche Perspektiven in Gründungsteams zusammenkommen“, kommentiert Natascha Fürst. „Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern ein Innovationsfaktor. Unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel führen zu besseren Produkten, neuen Märkten und nachhaltigeren Unternehmen.“

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