14.02.2018

Interview zum Codeship-Exit: „Es wird niemand von uns umziehen“

Interview. Nach dem Exit an CloudBees haben wir mit dem Wiener Codeship-Founder und (Ex-)CEO Moritz Plassnig darüber gesprochen, wie es nun weitergeht.
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Codeship: Moritz Plassnig
(c) Codeship: Moritz Plassnig

2011 in Wien gegründet, wuchs das Startup Codeship in Boston zu einem IT-Dienstleister mit über 2000 Business-Kunden heran. Mehr als elf Millionen US-Dollar Kapital wurden in mehreren Runden aufgestellt. Nun folgte der Exit: Konkurrent CloudBees übernahm das Unternehmen für einen nicht näher genannten Betrag. Wobei: Als (Ex-)Konkurrenten will der Codeship-Founder und nun Ex-CEO Moritz Plassnig seine neue berufliche Heimat natürlich nicht bezeichnen. Im Interview sprachen wir mit Plassnig darüber, wie es bei Codeship als Teil von CloudBees nun weitergehen wird.

+++ Archiv: 7 Mio Dollar für Codeshíp: “Fundraising nur Mittel zum Zweck” +++


Zunächst Gratulation zum Exit! Wie ich gelesen habe, darfst du nichts über die Summe sagen?

Das ist korrekt (lacht).

Auch nicht im wieviel-stelligen Bereich das war?

Nein, da gebe ich jedem die gleiche Antwort.

Bevor wir zur Sache kommen, bitte ich dich um einen kurzen Pitch. Was macht Codeship?

Wir machen zwei Dinge. Wir testen automatisiert Software-Änderungen. Und dann helfen wir über einen automatisierten Prozess und unser Produkt, diese Änderungen auch wirklich an die Kunden unserer Kunden auszurollen. Wenn unser Kunde etwa eine Web-Applikation hat, an der 20 bis 30 Software-Entwickler arbeiten, dann verwenden die Software-Entwickler unser Produkt, um sicherzustellen, dass jede Änderung, die sie an ihrem Produkt bzw. ihrer Applikation machen, tatsächlich fehlerfrei funktioniert. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist, dass diese Änderungen dann wirklich so schnell wie möglich online sind. Der Grund für die Kunden, das zu nutzen, ist einfach, dass sie damit schneller ihre Applikationen verbessern können und dadurch letztlich erfolgreicher in ihrem Business sind.

„Wenn man sich Software-Firmen ansieht, happert es oft genau an diesem Prozess.“

Denn für Software-Firmen ist es heute einfach sehr, sehr wichtig, dass sie sich so schnell wie möglich weiterentwickeln, innovativ sind, neue Produkte bauen, alte Produkte verbessern, um am Markt attraktiv zu bleiben und damit ihre Kunden glücklich zu machen und deren Anforderungen zu erfüllen. Und das wird in der Zukunft noch wichtiger sein. Und wenn man sich Software-Firmen ansieht, happert es oft genau an diesem Prozess. Wir haben Kunden, die, bevor sie Codeship genutzt haben, wirklich Wochen gebraucht haben, um eine kleine Änderung von einem Programmierer an die Kunden rauszubringen. Mit uns passieren diese Updates quasi täglich, weil der Prozess so vereinfacht ist, dass diese „Continous Delivery“ möglich wird.

Ihr habt über 2000 Kunden. Gibt es große Namen, die du nennen darfst?

Wir haben Kunden in mehr als 80 Ländern in den unterschiedlichsten Marktsegmenten. Wir sind natürlich sehr erfolgreich bei Software-Firmen, aber auch bei Firmen, die in der Öffentlichkeit nicht als Software-Firmen wahrgenommen werden. Da wäre etwa CNN. Die verwenden sehr viel Software, um den gesamten Media-Content und alles, was sie machen, zu unterstützen. Andere Beispiele wären die Supermarkt-Kette Whole Foods oder Red Bull. Für uns ist es letztlich irrelevant, ob die Firma die Software-Produkte, die sie macht, wirklich an die Kunden verkauft, oder ob es nur interne Produkte sind, um ihr Kerngeschäft besser zu machen. Trotzdem haben wir natürlich auch klassische Software-Firmen als Kunden. Zum Beispiel Sage, ein großes britisches Unternehmen, das unter anderem Buchhaltungssoftware anbietet.

Kann man das dann als Outsourcing bezeichnen?

Der Begriff „Outsourcing“ würde schon irgendwie passen. Aber er wird oft auch negativ verstanden. Damit wird ja häufig assoziiert, dass man irgendwo ein Team beschäftigt, um die Kosten niedrig zu halten. Unsere Kunden outsourcen aber nicht zu uns als Team, sondern kaufen ja unsere Software und nutzen unsere automatisierte Plattform. Ich würde also den Begriff „Outsourcing“ eher nicht verwenden. Was man aber natürlich in unserer Industrie sieht ist, dass die Kunden merken, dass sie nicht alles selber machen müssen. Sie verwenden immer mehr B2B-Produkte um einzelne Teile ihres Business zu unterstützen.

Es gibt in dem Bereich ja viele große Firmen. Ein Beispiel wäre Sales Force. Deren Produkt wird von sehr vielen Firmen genutzt. Auch wir verwenden Sales Force. Niemand würde heute mehr auf die Idee kommen, so etwas wie Sales Force inhouse zu bauen. Das würde einfach keinen Sinn machen. Dasselbe gilt für die Software-Industrie, wenn man sich all die Produkte ansieht, die Entwickler-Teams verwenden. Vor 10-20 Jahren wurde noch sehr viel davon inhouse erstellt. Oder man hat open source-Software genutzt und kleinere Teams aufgestellt, die diese Tools bauen. Unsere Kunden verwenden Codeship und noch 20 weitere Produkte, damit ihre Software-Entwickler sich darauf konzentrieren können, was für das Unternehmen am wichtigsten ist. Sie müssen keine Zeit mehr dafür aufwenden, quasi ihr eigenes Codeship zu bauen, was letztlich reine Zeitverschwendung wäre.

„Am einfachsten kann ich es wohl so ausdrücken: Cloudbees macht das Gleiche wie Codeship.“

Jetzt natürlich die Gegenfrage: Was macht CloudBees?

Am einfachsten kann ich es wohl so ausdrücken: Cloudbees macht das Gleiche wie Codeship. Sie machen es nur in deutlich größerem Ausmaß. Das Team ist etwa zehnmal so groß wie unseres. Gemeinsam sind wir jetzt mehr als 300 Leute. Und sie sind in anderen Marktsegmenten aktiv, als wir. Codeship ist komplett in der Cloud, ist ein SaaS-Produkt. Dadurch haben wir sehr viele kleinere und mittlere Unternehmen als Kunden bekommen, die First Mover in der Cloud waren. Sie haben von Beginn an auf Tools wie Codeship gesetzt.

CloudBees ist dagegen vor allem im On-Premise-Teil des Markts und im Enterprise-Markt aktiv. CloudBees ist also quasi das Gegenteil von Codeship. Sie haben sehr viele, große Kunden. Viele davon sind weltweit bekannte Firmen. Dadurch ergänzen wir uns sehr gut. Wenn also jetzt ein Unternehmen zu uns kommt, ist es irrelevant, ob es groß oder klein ist. Es ist irrelevant, in welchem Marktsegment das Unternehmen ist – ob es nun eine Bank oder ein Software-Unternehmen ist. Oder ob es ein kleines Startup ist, das etwas neues ausprobiert. Es ist irrelevant, ob die Applikation in der Cloud läuft, oder man ein eigenes Data-Center hat. Wir können die richtige Lösung bieten. Wir haben Produkte für die verschiedensten Verticals.

Das ist auch der Grund, warum ich und unser Team so euphorisch darüber sind, jetzt Teil dieses Ganzen zu sein. Das ist genau das, was wir von Anfang an machen wollten. Wir wollten ein Produkt haben, das jeder Software-Entwickler draußen verwenden kann. Wir wollten uns nicht einschränken. Und jetzt ist das möglich, weil wir gemeinsam den gesamten Markt abdecken. Das ist halt super geil.

Codeship bleibt ja als eigene Marke erhalten. Wie handhabt ihr das? Werdet ihr Kunden, die besser zur anderen Lösung passen, einfach weiter verweisen?

Ja, genau das. Und für alle größeren Kunden, egal ob von Codeship oder CloudBees, ist es auch sehr wahrscheinlich, dass sie beide Produkte verwenden werden. Weil größere Firmen einfach so viele Software-Entwickler und Software-Entwickler-Teams haben, dass sie so unterschiedliche Anforderungen haben, dass sie letztlich beides benötigen. Unser Sales-Team wird dann Fall für Fall entscheiden, welches Produkt sinnvoller ist. Wir wollten das auch durch eine Änderung des Namens klarstellen. Wir sind „Codeship by CloudBees“. Damit soll man klar erkennen: Wir sind jetzt eine gemeinsame Firma, aber zugleich bleibt die Brand weiter bestehen. Und das hat den Grund, dass wir sehr viele Kunden haben und uns am Markt sehr viele kennen. Da würde es einfach keinen Sinn ergeben, den Namen aufzugeben.

+++ Archiv: Codeshíp unter Top 5 der besten Continuous Integration Tools +++

Könnte man dann sagen, dass Codeship dadurch zu einer Produkt-Marke innerhalb von CloudBees wird?

Ja, das kann man so sagen.

„Es wird niemand von uns umziehen.“

Euer gesamtes Team wird von CloudBees übernommen. Bleiben die Standorte auch so, wie sie sind?

Ja. Es wird niemand von uns umziehen. Wir haben weiterhin Büros in Boston, Wien und Berlin und Leute in England, Frankreich, Kanada und den USA. Es bleibt alles, wie es ist, auch wenn wir weitere Leute anstellen. Es kann auch sein, dass es dann irgendwann mehr Leute in Wien gibt. Da müssen wir einfach sehen, wo es Sinn für uns macht.

Aber CloudBees hat seinen Sitz relativ weit weg?

Sie haben ihr Headquarter in San José in Kalifornien und auch eine ganze Reihe internationaler Standorte. Witzigerweise waren sie anfangs sehr stark in Boston aufgestellt und sind dort gut vernetzt. Aber es ist ja mittlerweile für Software-Unternehmen vollkommen normal, so international aufgestellt zu sein. Man muss ja nur unsere Kunden ansehen, die aus mehr als 80 Ländern kommen. Man muss also auch das Team international aufstellen, weil man die Kunden ja gut supporten können will. Da geht es gar nicht anders, als dass man in immer mehr Ländern vertreten ist. Das ist bei uns schon mit einem sehr kleinen Team passiert und das ist bei CloudBees das Gleiche. Sie haben ebenfalls sehr viele Leute in den USA, aber auch in Europa und etwa in Australien.

Zu dir persönlich: Du bleibst Codeship-Chef innerhalb CloudBees. Hältst du auch CloudBees-Anteile?

(lacht) Ich werde auch dazu nichts sagen. Ich bin durch den Exit jetzt Teil des Executive-Teams von CloudBees. Mein Titel ist VP Cloud. Wir sind stark darauf fokussiert, Codeship nicht zu sehr als Silo innerhalb CloudBees aufzubauen. Wir wollen, wie gesagt, dass es für die Kunden mehrere Produkte gibt, die stark miteinander integriert sind. Es soll für die Kunden sehr einfach sein, mit einem Produkt, etwa Codeship, anzufangen und dann später auch noch ein Enterprise-Produkt von CloudBees dazuzunehmen. Das soll wirklich aus einem Guss kommen.

„Meine zentrale Frage lautet jetzt: Was ist für CloudBees am Ende des Tages besser?“

Daher arbeiten wir intensiv daran, dass wir die Teams gut integrieren. Aber wie gesagt, die Marke bleibt erhalten und wir entwickeln Codeship weiter. Und es gibt eine sehr, sehr coole Roadmap, was wir da machen. Und ich bin dafür verantwortlich, dass Codeship innerhalb von Cloudbees weiter sehr erfolgreich ist. Ich will natürlich dazu sagen: Meine zentrale Frage lautet jetzt: Was ist für CloudBees am Ende des Tages besser? Da ist Codeship jetzt ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil. Wir wollen letztlich als eine Firma erfolgreich sein.

Du hast eben von einer coolen Roadmap gesprochen. Wie geht es weiter?

Man kann es grob in zwei Workstreams aufteilen. Der eine Workstream ist: Wir werden das, was wir ohnehin geplant haben, weitermachen. Da gibt es sehr viel Kunden-Feedback. Was sind die Features und Funktionalitäten, die sie benötigen? Der zweite Workstream dreht sich um die Frage: Wie können wir es den bestehenden Kunden von Codeship und CloudBees erleichtern, Produkte beider Unternehmensteile zu nutzen? Es soll eine seamless Experience geben. Das beginnt mit der Brand, weswegen wir jetzt „Codeship by CloudBees“ heißen, und dem User Interface. Aber es sollen dann wirklich im Kern die Funktionalitäten immer mehr übergreifen.

Ein konkretes Beispiel: CloudBees hat ein Analytics-Produkt im DevOps-Bereich, wo große Unternehmen Insights bekommen, wo es bei den Applikationen Probleme gibt, was sie verlangsamt und wie man den Workflow optimieren kann. Das ist ein Produkt, das wir sehr schnell integrieren werden. Denn die Frage nach dem Workflow ist über alle Produkte hinweg spannend. Da muss es dann für die Kunden irrelevant sein, wenn sie mit 20 Teams ein CloudBees-Produkt nutzen und mit fünf Teams ein Codeship-Produkt. Das muss dann übergreifend funktionieren. Da werden wir nun einige Zeit investieren, um das für unsere Kunden zu optimieren. Und es wird auch spannend werden, mit welchen neuen Anforderungen unsere Kunden zu uns kommen, nun, da sie wissen, dass wir jetzt eine Firma sind. Oder auch Kunden von CloudBees. Es werden sich dadurch jedenfalls viele neue Aufgaben für uns ergeben.


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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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