09.01.2018

Interview: „Ich würde der Technologie eher trauen als meinen Eltern“

Interview. Vincent Nys vom belgischen Startup Newfusion erklärt, warum er sich einen Chip implantiert hat und was er von der Zukunft erwartet.
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Vincent Nys von Newfusion
(c) Juliane Fischer: Vincent Nys von Newfusion

Es ist ein unscheinbares Garagentor hinter dem es geschah. Desi Swartilé hält ihre Karte an den Summer. Sie könnte auch mit dem Schlüssel das Tor öffnen. Ihre Kollegen von Newfusion haben noch eine dritte Option. Bei ihnen reicht jetzt ein kurzes Heben der linken Hand. Sie haben sich nämlich neben dem Daumenknochen einen Mikrochip implantieren lassen. CEO Vincent Nys sieht sich als Pionier einer Smarten Welt und meint, Innovation sollte für alle verfügbar sein. Das Gerede von der Digitalisierung hatte er schon so satt. Vor vier Jahren als Startup begonnen, arbeiten heute zwölf Leute bei New Fusion. Nys folgt dem Motto von Linus Torvald „Talk of tech innovation is bullshit, shut up and get the work done“. Juliane Fischer hat im Rahmen der Aktion Eurotours sein Startup zwischen Brüssel und Antwerpen besucht.

+++ Große Tech-Trends für 2018 +++


Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eure Türen und Laptops mit einen Chip unter der Haut zu entsperren?

Es gibt viele Leute, die mit Digitalisierung zu tun haben, aber die wenigsten in der Ausführung. Keiner befasst sich wirklich in der Praxis damit. Während sie noch lernen, was das neue Marketing ist, es beschreiben und erklären, ist es schon wieder vorbei. Wir verwenden diese Technologie ständig, zum Beispiel bei Armbändern auf Festivals. Mit denen hat man Zugang zu den Bühnen, kann sich sein Geld darauf speichern, sein Bier kaufen. Das ist deine Identität auf dem Festival, zum Beispiel beim „Tomorrowland“ in Belgien. Wenn du ein VIP bist, kommst du damit in andere Bereiche.

Wo bekommt man denn so einen Chip her?

Wir haben ihn auf dangerousthings.com gefunden. Dahinter steckt ein Biohacking-Unternehmen, das sich auf die menschliche Augmentation durch implantierbare Geräte spezialisiert hat. Der Geschäftsführer Amal Graafstra nennt sich selbst Biohacker. Zwischen denen und uns gibt es aber einen großen Unterschied. Biohacker sind die Typen, die riesige Piercings haben, ihren Körper optisch verändern – Biomodification-Guys. Es ist verrückt. Die machen Dinge mit ihren Körper, die ich nicht verstehe.

Warum?

Ich glaube, damit sie eine Identität haben. Das passt in die Millennial-Story. Du willst besonders, anders, unique sein.

Indem man sich einen Chip implantiert und sich eine Nummer gibt?

Wir sehen uns bei Newfusion als Tech-Innovators und -Believers und dachten uns, es sei ein guter Schritt, um etwas mit Technologie zu tun. Nach einer Woche wurden die Chips geliefert. Dann war es mehr so: „Oh, Mist, jetzt müssen wir das echt tun!“.

Wie war die Reaktion?

Das Medieninteresse war groß, innerhalb von zwei Stunden. Das haben wir nicht erwartet. Manche wollten es mitfilmen. Wir waren zur Primetime im Belgischen Fernsehen und in internationalen Medien.

Welche Unternehmensidee steckt hinter deinem Startup Newfusion?

Vor etwa neun Jahren ist Facebook richtig erfolgreich geworden. Damals war das Digitale nur an der Oberfläche. Getränkemarken haben weiterhin Kostproben an der U-Bahnstation verteilt. Was dazu kam, war der Hinweis: Like uns auf Facebook! Das hat Null zusätzlichen Nutzen erzeugt. Die Technologie war nicht eingebunden, sondern on top. Newfusion will Technologie mit Marketing fusionieren – daher der Name.

Wie sieht das konkret aus?

Wir machen viel auf Veranstaltungen oder im Brand Management, arbeiten in der Entwicklung, kreieren Dinge. Hauptsächlich Software in Richtung Internet of Things und Augmented Reality.

Ein Beispiel?

Foto-Booth ist schon fad. Für ein Spiel der Belgischen Fußball-Nationalmannschaft haben wir eine 360-Grad-Kamera auf der Trainerbank installiert und mit der VR-Brille verbunden. Damit fühlst du dich, wie am Spielrand sitzend. Ein anderes Unternehmen hat am Festivalstand Tattoos verschenkt. Man konnte es mit einer App scannen, dann bewegte sich das Löwentattoo. Einmal haben wir ein Quiz für drei Freunde auf einer kleinen Festivalnebenbühne inszeniert. Bei falschen Antworten taucht der Stuhl den Kandidaten unter Wasser, von oben kommt die Eisdusche, das Gesicht wird bunt angemalt. Alles festgehalten von zwei Slow-Motion-Kameras und in den Social Media dann erhältlich. Das haben wir innerhalb einer Woche konzipiert.

Was kostet der Spaß?

Das Marketingbudget ist mit 200-300.000 Euro meistens recht hoch, aber für die Ausführenden bleibt durch die vielen Zwischenschritte nicht viel. Newfusion macht das effizienter und billiger durch die neuen Technologien.

Habt ihr schon einmal Drohnen eingesetzt?

Ja! Wir hatten zwei Wochen Zeit und wollten über ein Festival fliegen. Das war im Sommer 2016. Drohnen waren the new hot shit. Das Problem: Nach zehn Minuten war die Batterie dieser Modelle schon wieder am Ende. Außerdem erlaubt das belgische Gesetz nicht, dass man über eine Menschenmasse fliegt.

Wie habt ihr das gelöst?

Wir haben selbst eine Art Drohne mit einer 360-Grad-Kamera gebaut und die Fernsteuerung an ein iPad gekoppelt. Die Drohne war acht Stunden lang in der Luft an einem langen Kabel – rechtlich gesehen war es ein langer Selfie-Stick. An einer Kletterausrüstung wurde man einen Meter in die Luft gehoben. Durch die VR-Brille sieht man den Livestream: das Festivalgelände aus der Vogelperspektive und deine Freunde unten winken.

Wie verändert die Digitalisierung?

Es geht um die Feedback-Kultur. Früher war eine Veranstaltung selbst die Attraktion. Heute gibt es schon Aktivitäten, um dich zum Event zu bringen. Du bekommst ein interaktives Email. Auf einer eigenen App siehst du, wer noch dort sein wird. Das verändert das Kundenverhalten. Online-Shopper sind gewohnt, dass das Paket in den kommenden Tagen ankommt. Wir haben ein Bedürfnis, eine Erwartungserhaltung erschaffen. Selbst wenn sie noch ins Fachgeschäft gehen, wissen sie oft schon – vorinformiert im Netz – was sie wollen. Was gute Bewertungen hat, haben sie in Foren gelesen.

+++ Digitalisierung in KMU: “Das Internet ist kein Modegag” +++

Und sie sind beeinflusst von Target Marketing.

Wenn Target Marketing funktionieren würde, würde es mir nichts ausmachen. Aber wenn ich jetzt die Werbung für die Waschmaschine auch noch lange nach meinem Kauf bekomme, nur weil ich einmal danach gesucht habe… Wir wollen keine Daten hergeben, weil sie sinnlos missbraucht werden. I want your cookie, heißt es immer.

Wie funktioniert der Handel mit Daten?

Für einen vollen Kontakt inklusive Name, Adresse, Email bekommst du circa 1, 20 Euro. Unternehmen verwenden diese Daten und verkaufen sie weiter. Große Konzerne können das nicht. Denen schaut jeder auf die Finger. Sie überlegen: Was kostet meine Kampagne? Wie viele Leute muss ich erreichen? Es ist ein Unterschied zwischen Big und Smart Data. Die meisten Unternehmen wissen nicht, was sie mit den Daten tun sollen. Sie sammeln sie einfach.

Was wollen sie wissen?

Alter, Geschlecht, Location, Reaktion. Sie müssen nicht wissen, ob es John oder Mark ist. Sie wolle nur wissen, ob ihr Produkt positiv bei ihrer Zielgruppe ankommt.

Blickst Du eigentlich eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Zukunft?

Ich glaube in den kommenden fünf Jahren wird es einen neuen Shift geben. Wir müssen „smart“ neu definieren und wirklich „smart“ sein. Wer nutzt Smart TV? Sobald jemand aufsteht und sich bewegt, wechselt der Sender. Das ist nervig. Andererseits: Filme wie Matrix waren einst reine Science Fiction für uns. Nun ist das alles schon Realität. Wir können zwar keine Pistolenkugel mit unserem Gehirn stoppen, aber Touchsceens, Nanoroboter und selbstfahrende Autos gibt es mittlerweile. Das ist verrückt. Ich war ein Kind, als der Film in die Kinos kam. Die virtuelle Welt mit den Gedanken lenken – das funktioniert sicher auch bald.

Scheint, als wäre in Science Fiction mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthalten.

Entweder haben sie 1999 die Zukunft vorausgesagt, oder es ist so passiert, weil sie uns die Vision vorgegeben haben. Wahrscheinlich eine Kombination, im Sinne einer self-fulfilling prophecy. Das war auch unsere Idee bei Newfusion. Wenn du keine Angst hast, probierst du Dinge aus!

Apropos Angst: Keine Angst, gehackt zu werden?

Es ist eine einzigartige Nummer, die kann nicht gehackt werden. Aber seien wir uns ehrlich: Wir sind sowieso schon längst alle Nummern. Durch unsere Handys kann viel mehr nachverfolgt werden. Der Chip hat keine Batterie in sich. Es funktioniert auch nur bei Nahkontakt von weniger als zehn Zentimeter. In Amerika gibt es eine neue Hacking-Technik. Die können im Vorbeigehen den Inhalt deiner Kreditkarte auslesen und kopieren.

Werden sich Chipimplantate durchsetzen?

Vielleicht eher wearable Chips, die dann erkennen, wenn sich die Körpertemperatur nur geringfügig ändert. Dann weiß die dazugehörige App früher, wenn du krank wirst. Versicherungen könnten es auch verwenden.

Zu viel Wissen über die gesundheitliche Zukunft hat nicht nur Vorteile.

23 and me (Anmerkung: u.a. von Google finanziertes Unternehmen, das DNA-Tests für Zuhause verkauft) kann dich clonen mit den Daten. Was, wenn da rauskommt, dass dein Vater nicht dein Vater ist? Das Einzige, was sicher ist, ist dass deine Mutter deine Mutter ist. Der Vater könnte lügen.

Wen würdest du eher trauen: Deinen Eltern oder Google?

Der Technologie. Menschen lügen, um sich besser darzustellen. Schau dir die Darstellung auf Facebook an! Das ist nicht, wie wir sind. Wir verändern uns um besser zu erscheinen. In machen Dingen verliere ich das Vertrauen in die Menschen.

Wie wir auch unseren Ur-Instikt und Orientierungssinn etc. verlieren.

Gleichzeitig lernen Maschinen selbst zu lernen, damit nicht alles programmiert sein muss. Ein Chatbot lernt 100 Mal schneller als der Mensch. Wir sollten etwas finden, wo wir immer besser als die Maschinen sind. Aber das ist schwierig, wenn wir sie selbst denken lassen. Reynold Cruswell, ein verrückter Futurist und Ex-Google-Typ, schreibt in seinem Buch aus 1990 „Age of Intelligent Machines“ über die Zukunft im Maschinenzeitalter. Von den 120 Vorhersagen sind schon 108 eingetreten.

Wie soll das Zusammenleben mit Robotern aussehen?

Roboter werden entweder neben uns leben als „intellectual beings“, die wie wir aussehen. Vielleicht werden sie aber auch klüger als wir werden und uns ausrotten und die dritte Variante: Wir vermischen uns mit ihnen. Das halte ich für am Wahrscheinlichsten. Es wird auch gar nicht aufzuhalten sein. An einem gewissen Punkt werden wir Liebe und Freundschaft neu definieren. In Japan verlieben sich manche Männer in Anime-Figuren. In Amerika kannst du auch Objekte heiraten. Ich bin überzeugt, es wird Leute geben, die eine Beziehung zu virtuellen Figuren haben. Warum soll das böse sein, wenn deine Freundin smarter ist und dir besser helfen kann als jedes menschliche Wesen?

Findest Du persönlich das seltsam?

Ja, schon. Wir müssen versuchen, den menschlichen Touch zu bewahren. Bei unseren Marketingaktivitäten versuchen wir es immer möglichst lebendig, physisch zu halten. Wir sind im Alltag ohnehin schon so viel virtuell, am Bildschirm klebend. Ich kaufe meine Lebensmittel online, aber Obst kaufe ich frisch. Das hat mit dem Geruch und der physischen Wahrnehmung von frisch zu tun, glaube ich. Wir verlernen ja auch, einzukaufen, zu wissen, was frisch ist, gerade saisonal, wie etwas riecht und sich anfühlt. Das könnte vielleicht Technologie ausgleichen.

Oder wir verlernen es einfach nicht. Was wäre deine Grenze?

Da halte ich es mir Asimov und seinem Buch „Laws of Robotics“ (1942). Er hat damals schon überlegt, wie sie nicht zur Bedrohung werden. Die Story, dass die Roboter unsere Jobs wegnehmen – da gibt es eine lustige Simpson-Folge. Wir müssen mit den Maschinen Schritt halten, schon allein wegen unserer Jobs. So Dinge wie Fremdsprachen können wir uns unterstützend ja zum Beispiel auf einen Chip speichern.

Also das Gehirn hacken, um mit dem Zeitgeist mithalten zu können, den wir uns jetzt selbst bescheren?

Die AI, die gerade gebaut wird, kann schon fast alles wie wir, aber wir können noch besser werden. Vielleicht kann uns Technologie helfen, alles in unserem Gehirn zu nutzen, um besser zu sein.

Was ist „wir“ dann, wenn wir schon teilweise aus Technik bestehen? Dann kommen wir zurück zur Roboter-Definition…

Es geht nicht nur um meinen Chip. Man kann jetzt auch schon eine 3-D-Prothese haben. Der Chip im Gehirn verbindet sich mit deinen Nerven. Wir haben noch nicht unser ganzes Potenzial entschlüsselt. Das Nächste wird Sprachen lernen sein, das können Roboter schon viel schneller wie wir.

Siehst Du dich als Transhumanist?

In dem Sinn, dass ich glaube, dass Menschen durch Technologien noch optimierbar und transformierbar sind: Ja.

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Lirone Glikman, Branding-Expertin und Gründerin der Agentur The Human Factor, spezialisiert auf Founder-Led Branding

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einer Welt, in der KI Inhalte massenhaft produziert und Unternehmen täglich neu entstehen, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsfaktor: weg vom reinen Produkt, hin zum Vertrauen. „Founder Led Branding“ heißt das Konzept, das Gründer:innen dazu bringt, sich selbst als sichtbare Persönlichkeiten ihrer Unternehmen zu positionieren – authentisch, strategisch und mit klarer Botschaft. Anders als beim klassischen Personal Branding geht es dabei nicht nur um die eigene Person, sondern um die enge Verzahnung von Founder-Identität und Unternehmensmission. Studien und Beobachtungen auf LinkedIn zeigen: Beiträge von Personen erzielen deutlich höhere Reichweiten als jene von Unternehmensseiten. Investoren prüfen Profile, bevor sie ein Meeting zusagen. Kunden googeln Gründer, bevor sie kaufen. Wer als Founder unsichtbar bleibt, verliert Deals – noch bevor sie überhaupt verhandelt werden.

Eine, die dieses Thema international bearbeitet, ist Lirone Glikman. Die israelisch-französische Branding-Expertin begann bereits mit 16 Jahren ihre Karriere, indem sie beim CEO eines israelischen Radiosenders an die Tür klopfte und kurz darauf jüngste Radiomoderatorin des Landes wurde. Heute leitet sie ihre Agentur The Human Factor, die sich auf Founder-Led Branding spezialisiert hat, unterrichtet seit über zwölf Jahren in 28 Ländern und ist Autorin des Buchs „The Super Connector’s Playbook“. Zudem ist sie Executive Director des NGO Committee on Sustainable Development – NY, das mit der UNO affiliiert ist. Im Interview spricht sie über die Trust Economy, häufige Fehler von Gründern und darüber, warum es heute nicht mehr genügt, einfach nur ein gutes Produkt zu haben.

brutkasten: Frau Glikman, beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Glikman: Ich pendle zwischen Berlin und Tel Aviv. Meine Klienten sind Startups in frühen oder späteren Phasen, die Sichtbarkeit brauchen; meist dann, wenn sie Kapital aufnehmen, Kunden gewinnen oder in einen neuen Markt eintreten wollen. Dazu kommen Innovationsmanager in Konzernen.

Ein Beispiel ist Celleste Bio, ein israelisches Startup, das als erstes Unternehmen der Welt Milchschokolade mit echter Kakaobutter aus Zellsuspensionskultur-Technologie vorgestellt hat; ein Meilenstein für eine skalierbare, kommerziell tragfähige Kakao-Lieferkette. Jüngst wurde gemeinsam mit Mondelez die erste Tafel produziert, deren Kakaobutter zu 100 Prozent bio-identisch im Labor erzeugt wurde.

Wie nähern Sie sich einem Founder, der mehr Sichtbarkeit braucht?

Zuerst geht es um die Bereitschaft. Viele Gründer wissen, dass sie sichtbar sein müssen – bevor sie einen Raum betreten, ist die Entscheidung beim Investor oft schon teilweise gefallen. Er googelt, schaut auf LinkedIn, gleicht ab, ob das Gesagte zum Gesendeten passt. Unsere Marke arbeitet für uns, bevor wir den Raum betreten – aber zwischen dem Wissen und dem Tun klafft eine Lücke. Viele sind kamerascheu oder arbeiten lieber am Produkt.

Wenn sie zu mir kommen, beginnen wir mit der Strategie. Founder-Persönlichkeit und Unternehmenswerte liegen am Anfang oft sehr nah beieinander. Wir bauen eine Markenidentität auf – authentisch, nicht aufgesetzt. Welche Botschaften, welche Werte, welche Stärken? Ist die Person warm, eher kühl, fürsorglich? Wir nehmen, wer sie sind, und betonen die relevanten Aspekte online.

Was unterscheidet Founder-Led Branding vom klassischen Personal Branding?

Personal Branding ist ein abgenutzter Begriff – wir alle haben eine Marke, ob wir wollen oder nicht. Founder-Led Branding bedeutet, dass man als Gründer bewusst Botschaften platziert, die einem selbst und dem Unternehmen dienen. Heute vertrauen wir Institutionen, großen Namen und Regierungen weniger – wir vertrauen einander.

Wenn Vertrauen zur Währung wird – gerade in einer Welt, in der KI Posts schreibt und Unternehmen über Nacht entstehen lässt – bleibt das Menschliche. Wenn Sie mir vertrauen, vertrauen Sie vielleicht auch meinem Unternehmen.

Auf LinkedIn performt Founder-Content stärker als Unternehmenscontent. Warum?

Der Algorithmus will, dass Sie sich mit einer Person verbinden. Unternehmensbeiträge werden weniger ausgespielt. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch.

Was sind die größten Fehler, die Gründer machen?

Erstens: Viele halten Sichtbarkeit für ein „Nice to have“. Damit fehlt die Konsistenz.

Zweitens: Es gibt keinen roten Faden. Wenn man sich Posts der letzten Monate ansieht, sollte ein Muster erkennbar sein. An einem Tag der Urlaub, am nächsten das Unternehmen, dann etwas anderes – das funktioniert nicht. Es braucht Markensäulen.

Drittens: Viele teilen nur Beiträge ihrer Firmenseite oder von Kollegen. LinkedIn mag das nicht. Die Plattform will wissen, was Sie zu sagen haben, was Ihre Kämpfe und Erkenntnisse sind.

Und viertens: Manche gehen zu Medien, die nicht zu ihrer Phase passen. Wenn das Produkt noch nicht reif ist, sollte man etwa in einem Podcast über das Feld sprechen, nicht über die Lösung. Sonst verspricht man zu viel und liefert zu wenig.

Wie viele Posts pro Woche sind realistisch sinnvoll?

Optimal wären zwei pro Woche. Realistisch reicht ein guter, tiefgehender Post pro Woche, der eine eigene Perspektive zeigt. LinkedIn liebt sogenannte „Scar Stories“ – Geschichten von Verletzungen, aus denen man gelernt hat.

Über Fehler zu sprechen ist guter Content?

Ja, weil es verbindet. Es muss nicht der größte Fehler sein. Sie können sagen: Wir haben anfangs in diese Richtung investiert, dann hat sich der Markt verändert, also haben wir gepivotet. Das ist „Building in Public“ – Sie nehmen Ihre Follower mit auf die Reise. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre eigene Show!

Im DACH-Raum spricht kaum jemand über Misserfolge. Wie ist das in anderen Kulturen?

Es geht nicht darum, sich in schlechtem Licht zu zeigen, sondern Lernerfahrungen zu teilen. Die israelische Kultur ist sehr expressiv und leidenschaftlich. Wir haben Gründer, die ihre tiefen Kämpfe und Frustrationen während des Aufbaus ihres Unternehmens radikal offen teilen. Das gibt anderen Gründern die Erlaubnis, es ihnen gleichzutun – was am Ende sowohl persönlich als auch für das Unternehmen hilfreich ist.

In asiatischen Kulturen, im Baltikum, im DACH-Raum oder in Skandinavien sind Menschen reservierter und risikoaverser. Das ist nicht schlecht – Israelis springen auf jede Idee; manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die Frage ist: Wie viel kann ich teilen, das mir dient, anderen Wert gibt, mir aber nicht schadet?

Wie misst man eigentlich, ob Sichtbarkeit auch Umsatz bringt?

Anders als im Vertrieb, wo Sie 50 Leute ansprechen und zwei Deals abschließen, geht es hier um Signale. Verbinden sich qualitativ relevante Menschen aus Ihrer Zielgruppe mit Ihnen? Merken Sie, dass Investoren Sie schon kennen, bevor Sie den Raum betreten? Sprechen Menschen über Sie? Das nennt man „Dark Social“ – wenn das passiert, funktioniert Ihre Marke.

Ein konkreter Tipp zur Monetarisierung: Vor jedem Meeting werden Sie beobachtet. Posten Sie zwei oder drei Tage vorher etwas, das Fragen oder Einwände beantwortet, die im Gespräch kommen werden. Wenn Investoren an der Skalierbarkeit zweifeln könnten, schreiben Sie über die Skalierbarkeit Ihrer Branche.

Das ist strategische Kommunikation pur…

Genau. Wenn Sie sich auf ein Meeting vorbereiten, gehört ein LinkedIn-Post auf die To-do-Liste. Sichtbarkeit ist kein Privileg, sondern ein Business-Tool, eine Infrastruktur.

Wie viel Zeit sollte ein Gründer investieren?

Mit KI ist das heute leichter. Erstellen Sie ein Projekt in ChatGPT oder Claude, füttern Sie es mit Ihrer Marke, Werten, Botschaften, kopieren Sie E-Mails oder Texte hinein. Dann sagen Sie: Ich möchte über die Skalierbarkeit unseres Geschäfts schreiben, hier sind drei Punkte. So entstehen Posts in Ihrer Stimme. Minimum: ein Post pro Woche. Sie können sich 30 Minuten wöchentlich Zeit nehmen oder einmal im Monat ein, zwei Stunden für alle Posts.

LinkedIn ist mit KI-Content geflutet. Sehen wir eine Gegenbewegung hin zu mehr Authentizität?

Es heißt, etwa 80 Prozent der Posts seien KI-generiert – ich denke, es sind mehr. Was Sie vermeiden sollten: den langen Gedankenstrich, den alle KI-Tools lieben; und typische Strukturen wie „Don’t do X, do Y“ oder kurze Sätze mit Punkt am Ende. Ich habe gestern in einem Post einen Tippfehler gefunden und ihn drin gelassen – weil er menschlicher ist. Verwenden Sie keine Wörter, die Sie sonst nie benutzen. KI können Sie trainieren, aber vertrauen Sie ihr nicht zu 100 Prozent.

Welche Trends sehen Sie auf LinkedIn?

Authentizität mit eigenem Stil und visuellen Wiedererkennungsmerkmalen. Und Spezifität: LinkedIn will Sie mit relevanten Menschen vernetzen – fokussieren Sie sich also auf Ihr Fachgebiet.

In Österreich gibt es Gründer, die sehr laut auftreten. Birgt das Risiken?

Kulturell, ja. Wenn Sie Wertvolles teilen, das anderen hilft, ist Lautstärke okay. Aber im DACH-Raum kann das Türen schließen. In Israel sind die Menschen wie gesagt von Natur aus lauter und leidenschaftlicher. Heute sehen wir auch einen Shift zu Solopreneuren oder Drei-Personen-Unicorns. Als Solopreneur müssen Sie Ihre Marke draußen haben – das Ziel sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Gibt es internationale Vorbilder?

Jensen Huang von Nvidia versteht, dass er das Gesicht des Unternehmens ist. Auf seinem LinkedIn-Profil steht Nvidia und davor ein Job als Tellerwäscher in einem Burgerladen.

Oder Sam Altman: Vor drei Jahren, als die Menschen Angst vor OpenAI hatten, machte er mit seinem Mitgründer eine Welttournee, traf Menschen auf Events. Sie nutzten ihre Founder-Marke, um Botschaften zu transportieren und Vertrauen aufzubauen.

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