31.07.2017

Michael Tillian: „Ziel ist der Erwerb und das Halten von Mehrheiten“

Michael Tillian, nunmehriger Co-Geschäftsführer der neuen Russmedia Digital-Holding, beantwortete dem Brutkasten einige Fragen. Russmedia hatte angekündigt, in den kommenden fünf Jahren 100 Millionen Euro im Digitalbereich zu investieren.
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Michael Tillian: 10 Forderungen zur Unternehmerpolitik
(c) Valerie Voithofer: Michael Tillian

Michael Tillian begann seine Medien-Karriere mit 27 Jahren in der Grazer Styria Media Group, zu der etwa die Tageszeitungen Die Presse und Kleine Zeitung oder das Portal willhaben gehören. Horst Pirker, der damalige CEO, wurde rasch zu seinem Mentor. Mit 31 wurde Tillian Vorstand der Styria Multi Media Gruppe, in der damals alle Zeitschriften der Styria und die Beteiligung am „WirtschaftsBlatt“ enthalten waren. Aus dieser Funktion konnte DLA Piper, eine global agierende Wirtschaftsanwaltskanzlei, Michael Tillian als Anwalt und Managementkapazität für sich gewinnen. Doch der Ruf der Medienwelt ließ nicht lange auf sich warten: Tillian wurde Vorstand der Regionalmedien Austria AG (RMA), einem Joint Venture von Styria und Moserholding mit 127 Gratis-Wochenzeitungen und einer Reichweite von über 3,6 Mio. Lesern in Österreich. Unter der Führung von Tillian wurde die RMA-Gruppe neu strukturiert und auf Wachstum ausgerichtet. In weiterer Folge übernahm Tillian nach Magazinen und Wochenzeitungen die Verantwortung für die nationalen Styria-Tageszeitungen „Die Presse“ und „WirtschaftsBlatt“ als Vorsitzender der Geschäftsführung.

Im Oktober 2014 legte Tillian nach 14 Jahren Tätigkeit für die Styria Gruppe als Manager und Anwalt all seine dortigen Management Funktionen zurück und stieg im Rahmen eines Management-Buy-in als geschäftsführender Gesellschafter in das Technologie- und Medienunternehmen MaxFun Sports ein, um selbst Unternehmer zu werden. Er zog diesen Weg laut Insidern mehreren lukrativen Angeboten aus der Medienwelt vor, übernahm aber einige Beratungs- und Aufsichtsratsmandate im In- und Ausland bei Druck- und Medienunternehmen. Im Mai 2017 beteiligte sich Tillian im Rahmen des Management-Buy-out auch am Brutkasten, dem Medium für digitale Wirtschaft, Startups und Innovation. „Weil ich an das Produkt, den Gründer und sein Team uneingeschränkt glaube und weil das Thema so spannend und zukunftsweisend ist“, sagte Tillian dazu.

Nun wird er der Sprecher der Geschäftsführung der neu gegründeten, wachstumsorientierten Digital-Holding der Vorarlberger Russmedia Gruppe. Diese will in den kommenden fünf Jahren innerhalb Europas 100 Millionen Euro in Digitalunternehmen investieren – der Brutkasten berichtete. Ein Fokus soll dabei auf E-Commerce liegen. Tillian hat mit dem Brutkasten exklusiv über Hintergründe und Pläne der neuen Russmedia Digital-Holding gesprochen.

+++ 100 Mio Euro in 5 Jahren: Voralberger Russmedia startet Investitionsoffensive +++


Russmedia bezeichnet sich als „das progressivste Multi-Nischen-Medienunternehmen Europas“. In der bunten Medienlandschaft ist das eine gewagte Ansage.

Russmedia ist ein internationales Familienunternehmen mit fast 100-jähriger Tradition. Ich erlebe das Unternehmen innovativ, schnell und stark am Puls der Zeit. An 28 Standorten in Europa arbeiten mehr als 1.450 Mitarbeiter. Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf regional oder thematisch klar definierte Segmente und agiert mit einem sehr hohen Spezialisierungsgrad äußerst konzentriert und ausdauernd in den jeweiligen Nischen. Unter „Nischen“ verstehen wir übrigens eng definierte Zielgruppen und/oder Tätigkeiten.

Worin liegt die Stärke von Russmedia?

Aus meiner Sicht ist es eine Mischung aus permanenter Suche nach Erneuerung und einer sehr fokussierten Art, Neues höchst effizient und rasch umzusetzen. Eugen Russ ist der Motor des Unternehmens. Er und sein großartiges Team beobachten seit vielen Jahren internationale Best-Practice-Beispiele, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und diese zukunftsgewandt und offen im eigenen Unternehmen zu implementieren. Veränderungen werden als Chance gesehen und ich erlebe das Führungsteam sehr unternehmerisch, exzellenzgetrieben und kämpferisch. Spitzenleistungen werden verlangt und erbracht. Ich glaube ein großer Erfolgsfaktor ist auch die Schnelligkeit, die ich in der Zusammenarbeit im unternehmerisches Denken und Handeln erlebe.

Das internationale Digitalgeschäft soll nun in der Russmedia Digital-Holding gebündelt werden. Was heiß das strategisch für Russmedia und was ist die genaue Aufgabe der Digital-Holding?

Wir haben klare Ziele formuliert und sehen den Erwerb und das Halten von strategischen Beteiligungen, und zwar von Mehrheiten, an digitalen Unternehmen als unsere erste Aufgabe. Unsere Aufgabe wird also das Management und die Führung der bereits vorhandenen Unternehmen bzw. Beteiligungen und die Akquisition, Integration und Führung von neuen strategischen Beteiligungen. Weiters wollen wir auch reine Finanzbeteiligungen eingehen. Die Digital Holding führt also das Beteiligungsmanagement, M&A sowie das strategische und operative digitale Geschäft außerhalb Vorarlbergs und im non-publishing-Bereich mit Schwerpunkt Marktplätze und Aggregatoren. Wir haben klare Wachstumsziele und wollen insbesondere auch international mit Fokus auf Europa wachsen.

„Wir werden nach fünf Jahren ein tolles, erfolgreiches Team und ein ebensolches Portfolio haben und daran werden wir uns auch messen.“

Was wird dabei Ihre Aufgabe sein? Woran werden Sie gemessen?

Ich führe die Digital Holding gesamthaft gemeinsam mit Eugen Russ und Josef Kogler als Geschäftsführer und vertrete das Unternehmen als Sprecher der Geschäftsführung nach außen. Wir werden ein gutes Team aufbauen, die bestehenden Unternehmen entwickeln und zahlreiche Beteiligung an digitalen Unternehmen in ganz Europa erwerben. In das digitale Wachstum sollen in den nächsten fünf Jahren 100 Mio. Euro investiert werden. Wir werden nach fünf Jahren ein tolles, erfolgreiches Team und ein ebensolches Portfolio haben und daran werden wir uns auch messen.

Woher stammen die 100 Millionen Euro?

Diese Mittel sind Eigenkapital und stammen ausschließlich aus der Russmedia Gruppe.

Es wurde auch kommuniziert, dass Russmedia gemeinsam mit Speedinvest einen Spezial-Fonds auflegen wird. Sollen alle 100 Millionen Euro in diesen Spezial-Fonds fließen?

Die Details zum Medien-Fonds werden zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert. Der größte Teil der 100 Millionen Euro werden allerdings nicht in den Fonds fließen sondern werden direkte Investitionen der Russmedia in das nachhaltige digitale Wachstum des Unternehmens sein.

Zur Investitionsstrategie: In welche Geschäftsmodelle oder Technologien will Russmedia investieren?

Der inhaltliche Fokus liegt im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie Tools und Services, die an diese Themen anschließen. Marktplätze stehen im Zentrum unseres Investmentansatzes. Ziele sind dabei Marktplätze mit einem vertikalen  bzw. Nischen-Fokus, das bedeutet, dass diese Unternehmen ihre Angebote auf Waren oder Dienstleistungen aus Geschäftsfeldern einer Wertschöpfungskette einer bestimmten Branche spezialisieren. Dazu gehören auch „SaaS enabled Marketplaces“. Ein weiteres Zielsegment sind Nischen und vertikale Segmente im Bereich E-Commerce, insbesondere die Verschmelzung von E-Commerce und Marktplatz sowie Conversational Commerce, also die Nutzung von Chat, Messaging, oder anderen Sprachoberflächen, um zu interagieren. Wir haben dabei B2B und B2C im Investmentfokus. Aber unser erster Schritt wird sein, sehr zeitnah ein hervorragendes Team in der Digital Holding aufzubauen, um unsere Vorhaben erfolgreich umzusetzen.

„Wir streben eine Mischung aus Finanzbeteiligungen mit Exitorientierung und langfristigen, strategischen Investments an.“

Sind die Investitionen langfristig angelegt oder steht kurzfristige Monetisierung im Fokus?

Wir sind zu beidem bereit, wenn die Investition passt. Wir streben eine Mischung aus Finanzbeteiligungen mit Exitorientierung und langfristigen, strategischen Investments an. Wobei bei letzteren unser Schwerpunkt liegen wird, weil es vor allem um den langfristigen, nachhaltigen digitalen Ausbau der Russmedia Gruppe geht.

+++ Business Angel Philipp Kinsky: “Die teuerste Währung eines Gründers sind Anteile” +++

Wird die Holding auch in Startups investieren oder sind größere Tickets geplant?

Wir empfehlen den Startups im pre-seed und seed-Bereich Kontakt mit Speedinvest aufzunehmen. Wir suchen tendenziell eher Unternehmen, die schon etwas weiter sind, also eher Series-A und B Finanzierungen und auch insbesondere strategische Beteiligungen.

Wer ist aus Ihrer Sicht die Konkurrenz?

Alle, die sich im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie Tools und Services, die an diese Themen anschließen, engagieren und beteiligen wollen, können entweder Mitbewerber oder Partner sein. Wir sind sehr offen dafür, gute und unternehmerische Partner zu sein. Wir streben win-win Konstellationen an und haben den entscheidenden Vorteil äußerst schnell und flexibel entscheiden zu können.

Wo sehen Sie die Russmedia in 10, 20 Jahren?

Ich spreche nur für einen Teil der Russmedia Gruppe, eben für die Digital Holding. Mit ihr wollen wir dann im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie bei angrenzende Tools und Services in Europa eine starke und führende Rolle spielen. Die Gesamtgruppe soll dann im Digitalen noch weiter sein. M&A, Beteiligungserwerbe und das Eingehen von unternehmerischen Partnerschaften werden ein wesentlicher Teil der Kultur und des unternehmerischen Alltags sein. Ich hoffe es wird uns gemeinsam mit dem Führungsteam gelingen, dass das Digitale und die vorhin genannten Themen Teil des genetischen Codes der Russmedia Gruppe sein werden.

Im Rahmen der Gründung der Digital-Holding hat sich Russmedia an Ihrem Unternehmen MaxFun beteiligt. Was bedeutet Ihr Wechsel für MaxFun?

Ich bleibe Gesellschafter und suche zur Verstärkung einen operativen, marktgetriebenen Geschäftsführer. Im besten Fall mit Erfahrung aus dem Sport- und digitalen Medienbereich. MaxFun Gründer Werner Sallinger bleibt ebenfalls Geschäftsführer und ist weiterhin Motor für die technische Entwicklung und auch am Markt. Dort müssen wir im Vertrieb und in der Internationalisierung aber noch mehr tun und dafür brauchen wir eine starke Person als zusätzliche Verstärkung.

„Es geht dabei um einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag.“

Welche Summe wird Russmedia investieren? Sind Sie mit der Bewertung zufrieden?

Die MaxFun ist stark bewertet und wird mit ausreichend Wachstumskapital ausgestattet, um weiteres Wachstum und eine weitere Internationalisierung zu schaffen. Es geht dabei um einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Die neue Konstellation ist eine hervorragende Basis für die weitere Entwicklung der MaxFun.

Was genau macht MaxFun? Was ist das Geschäftsmodell? Worin liegt der USP?

Wir erbringen automationsunterstützt Dienstleistungen an Sportveranstalter. Wir organisieren das Teilnehmer-Management, insbesondere die Anmeldung und Zahlung sowie die Zeitmessung bei Wettbewerben mit einer neuen Technologie. 2017 wird MaxFun die Zeitmessungen für ca. 350.00-400.000 Läufer in Österreich, Deutschland und Tschechien machen. Weiters betreibt MaxFun mehrere Internetplattformen, auf denen Medien- und Werbeleistungen erbracht werden. Das ist Österreichs führende Laufsportplattform www.maxfunsports.com, weiters unser Shop www.maxfunshop.com sowie unsere digitales Anmeldesystem www.anmeldesystem.com und wir versenden Newsletter. In einem starken Laufsportmonat haben wir ca. 300.000 – 400.000 Visits bzw. etwa 4.200.000 Page Impressions laut Österreichischer Web Analyse (ÖWA) und erreichen ca. 290.000 Newsletter Abonnenten und ca. 37.000 Facebook Fans. Alle unsere User sind Läufer oder Laufsportinteressierte. Wir treffen und begleiten die Zielgruppe ganz genau in einem 360 Grad Modell ohne Streuverlust und haben dabei mehrere analoge und digitale Erlösströme.

Könnten Sie eine Zwischenbilanz ziehen? Sie sind im Herbst 2014 eingestiegen, was hat sich seitdem bei MaxFun getan und was sind die nächsten Schritte?

Wir haben es geschafft ein super Team aufzubauen, konnten die Umsatzerlöse verdreifachen und sind jetzt in drei Ländern tätig. Es ist viel gelungen, aber es bleibt noch mehr zu tun. Wir gehen in die richtige Richtung und können Wachstum und Internationalisierung vorantreiben. All das macht sehr viel Freude und wird uns jetzt mit Russmedia als Investor und Partner noch besser gelingen.

Nach Ihrem Buy-In ist Ihr Kontakt in die Medienwelt erhalten geblieben. Sie sind Berater und Aufsichtsrat und haben sich unlängst auch am Brutkasten beteiligt. Sind Sie mit dem „Medienvirus“ angesteckt?

Ja, eindeutig, das lässt mich nicht mehr los und begeistert mich immer wieder aufs Neue.

Sie wurden mehrmals als Geschäftsführer für mehrere große Medienunternehmen im In- und Ausland kolportiert. Womit konnte Sie nun Eugen Russ überzeugen?

Eugen Russ ist Visionär und Vorreiter in unserer Branche. Einer der Chancen sucht und sie verwertet. Wir beide sind Vorarlberger und unser Arbeitsstil ist ähnlich. Es gibt großes wechselseitiges Vertrauen und die Aufgabe, eine Digitalholding in dieser Größe aufbauen zu können, ist alles andere als alltäglich. Ich fühle mich als Mitunternehmer in der Russmedia Gruppe und partizipiere auch unternehmerisch. Es ist kein Abgehen vom Weg als Unternehmer sondern eine Bereicherung auf diesem Weg mit neuen Chancen in einem äußerst unternehmerischen Umfeld und gemeinsam mit hervorragenden Leuten.

Wenn Sie Ihre Manager-Karriere mit dem Unternehmertum vergleichen: Wo liegen die Unterschiede?

Der große Unterschied ist, dass sich Chancen und Risiken viel unmittelbarer auswirken. Und als Unternehmer ist man oft ganz alleine. In einer kleinen Struktur mit allen Problemen unmittelbar konfrontiert, dafür auch sehr schnell und flexibel.

„Demut und Mut liegen so nah beieinander, ich empfinde den Grat zwischen Erfolg und Scheitern als Unternehmer viel schmaler.“

Sind Sie nach Ihrem unternehmerischen Weg ein besserer Manager? Was konnten Sie bei MaxFun dazulernen?

Ich habe sehr viel gelernt, vor allem als kleine Einheit ohne Stäbe und größere Strukturen alles hinzukriegen. Finanzierung, Teamaufbau, interne Abläufe, Markt, behördliche Bürokratie, etc. Ein echter Hindernislauf mit vielen positiven und negativen Überraschungen ganz unmittelbar. Demut und Mut liegen so nah beieinander, ich empfinde den Grat zwischen Erfolg und Scheitern als Unternehmer viel schmaler.

Drei Tipps an aufstrebende Gründer?

Erstens: Es wagen und mutig ausprobieren. Zweitens: Konzentriert dahinter bleiben, sich nicht vom Weg abbringen lassen, immer wieder das Positive suchen und sich selbst immer wieder neu erfinden. Drittens: Es rentiert sich jedenfalls, so oder so – die Learnings sind unbezahlbar. Es macht sehr viel Spaß und es macht uns stärker!

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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