20.06.2016

Interview mit Martin Pansy: 100 Prozent sind nicht genug

Mit sms.at hatten Martin Pansy und sein Bruder Jürgen ab Ende der 90er-Jahre großen Erfolg. Heute betreiben die beiden in Graz den Accelerator Up to Eleven. Daneben arbeiten sie intensiv an zwei eigenen Startups. Im Interview erzählt Martin Pansy dem Brutkasten, warum Up to Eleven sich nicht "homöopatisch" an Startups beteiligt und warum das Projekt ein Leben lang halten könnte.
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(c) Up to Eleven: Martin Pansy sucht nach Startups im Mobile-Bereich.

Up to eleven, das sich ausschließlich an Startups aus dem Mobile-Bereich richtet, geht weit über einen klassischen Accelerator hinaus. Deswegen nutzen die Pansy-Brüder Martin und Jürgen auch den Begriff „Company Builder“. Denn Startups, die aufgenommen werden, werden sehr umfassend eingebunden: „focus on the essentials“ ist eine der Ansagen an die Startups und meint, dass Up to Eleven sich potenziell um alles kümmern kann, was das Startup braucht, etwa PR oder IT. Die Founder sollen sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können. Außerdem gibt das Startup bei der Aufnahme einen relativ großen Anteil ab, wird dafür aber auch ein Jahr lang voll finanziert und in die Strukturen von Up to Eleven eingebunden.

Founder Martin Pansy, bringt dabei einiges an Erfahrung ein. Sein Bruder zählte als Gründer von sms.at Ende der 90er-Jahre zu Österreichs Pionieren im Mobile-Bereich. Martin stieg wenige Jahre danach ins operative Geschäft ein. Später wurde sms.at verkauft, danach wieder gekauft, und 2015 endgültig wieder verkauft. Auch das Folgeprojekt, mysms wurde im Frühling 2016 abgegeben. Dafür gibt es wieder zwei neue Projekte der Pansy-Brüder: Nuki, ein smartes Türschloss, und Instahelp, ein psychologischer Online-Hilfsdienst. Im Interview wollten wir von Martin Pansy erfahren, was sich Startups von Up to Eleven erwarten können.

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Was ist die Message hinter dem Namen „Up to Eleven“?

Es ist ein Sprichwort aus dem angloamerikanischen Bereich und bedeutet umgelegt: „eins übers Maximum gehen“. Es kommt aus dem Kultfilm “This Is Spinal Tap“, wo ein Gitarrist unbedingt Rockstar werden möchte. Normale E-Gitarren-Verstärker gehen bis zehn, er bastelt sich aber selbst einen Verstärker der bis elf geht – also up to eleven. Damit erhofft er sich den Durchbruch zu schaffen, weil er besonders laut ist, besonders viel Einsatz zeigt. Auf Deutsch umgesetzt: 110 Prozent geben. Und das haben wir uns als Maxime für unsere unternehmerische Tätigkeit aufgegeben.

Was ist das Wichtigste, was ein Startup mitbringen muss, um bei euch aufgenommen zu werden?

Wenn ich nur eine Sache nennen kann, dann sind es die Personen, das Team.

„Wir finanzieren Startups nicht mit homöopatischen Beträgen“

Wieviele Startups könntet ihr potenziell aufnehmen?

Im Unterschied zu vielen anderen setzen wir bei unserem Modell mehr auf Qualität und weniger auf Quantität. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass wir pro Jahr ein bis zwei Investments machen. Die Startups, die wir aufnehmen, finanzieren wir dann aber nicht mit homöopathischen Beträgen. Wir wollen sie schnell auf wirklich international kompetitives Niveau bringen.

Ihr habt im Moment Nuki und Instahelp im Portfolio. Kommt bald etwas Neues dazu?

Es gibt Sachen, die in Vorbereitung sind, aber noch nichts, was heute spruchreif ist.

Warum die Spezialisierung auf den Mobile-Bereich? Ist das auch biographisch bedingt?

(c) Up to Eleven: Martin Pansy (r.) mit Bruder Jürgen. Durch die engen Familienbande könnte Up to Eleven ein Leben lang halten.
(c) Up to Eleven: Martin Pansy (r.) mit Bruder Jürgen.

Wir sind fest der Meinung, wenn wir uns auf das konzentrieren, was wir wirklich können und dort mit 110 Prozent dahinter sind, dann wird am Ende ein gutes Ergebnis herauskommen. Und als das, was wir wirklich können, sehen wir vor allem den mobilen Bereich an. Mein Bruder Jürgen hat schon Ende der 90er-Jahre mit sms.at begonnen, ich hab mittlerweile auch mehr als 10 Jahre Erfahrung in dem Bereich. Wir haben schon viele Produkte von der Skizze weg durch den gesamten Produktlebenszyklus begleitet und daher gibt es einfach viel Erfahrung und Expertise genau dort. Das ist das, was wir einbringen können und daher konzentrieren wir uns auch auf das.

Glaubst du, wird der Desktop auf Dauer aussterben? Wird alles nur mehr mobil sein?

Nein, wir sind da keine radikalen Denker. Ich glaube grundsätzlich, für unterschiedliche Anwendungsfälle, hat das jeweilige Gerät seinen Vorteil. Daher geht es vielmehr darum, dass man den kompletten Mix betrachtet. Denn es wird immer ein Mix bleiben. Es wird nicht das eine aussterben und das andere Überhand nehmen.

+++ Was erfolgreiche Teams anders machen +++

Wenn jetzt jemand mit einer wirklich guten Idee aus einem anderen Bereich zu dir kommt, könntest du dir dann auch vorstellen außerhalb von up to eleven als Business Angel aufzutreten?

Das wäre natürlich genau so möglich. Wir haben ja ein größeres Netzwerk. Generell sehen wir uns die Ideen genau an und die Entscheidung, ob das in den mobilen Bereich fällt, oder nicht, ist nicht schwarz-weiß. Der Fokus auf „mobile“ bleibt aber eine Orientierungshilfe für uns und für Startups, die sich bewerben wollen.

„Wir wollen Teams vervollständigen, sodass sie dann schlagfertig aufgestellt sind.“

Ihr sagt den potenziellen Startups „focus on the essentials“. Ihr übernehmt im Accelerator selbst sehr viel, etwa PR oder IT. Was sind diese „essentials“, die dann für die Founder bleiben?

Das hängt vom jeweiligen Team ab. Was man in Österreich sehr oft sieht, sind etwa Teams, die aus drei ausgezeichneten Technikern bestehen, wo aber niemand Sales oder Marketing machen kann. Umgekehrt gibt es Leute, die haben eine gute Idee und das wirtschaftliche Know-How, ihnen fehlt aber die technische Umsetzungskompetenz. Und da wir einen gewissen Stock an Personal und Kontakten haben, glauben wir, dass wir einen Beitrag leisten können, Teams zu vervollständigen, sodass sie dann entsprechend schlagfertig aufgestellt sind. Das ist eigentlich genau das, was wir machen wollen.

Als Company Builder nehmt ihr ja Anteile. Was für eine Größenordnung an Beteiligungen kann man sich da vorstellen?

Wir schauen, dass wir das Startup für ein Jahr finanzieren können. Und zwar ein Jahr mit raschem Wachstum. Daraus ergibt sich dann der jeweilige Kapitalbedarf. Unser Beteiligungsumfang ist in der Regel nicht unter 30 Prozent. Die genaue Höhe hängt von anderen Faktoren, wie dem Reifegrad der Idee ab. Wir wollen jedenfalls keine geringfügigen Beteiligungen. Wir wollen die Startups, die wir aufnehmen, stärker unterstützen.

Ihr habt zuerst sms.at, dann auch mysms verkauft. Warum?

Erstens haben uns diese Transaktionen ein gutes Wachstum ermöglicht. Zweitens, weil wir uns auf unsere neuen Themen konzentrieren wollten. Das sind vor allem Nuki und Instahelp, die beide in einer sehr spannenden Phase sind und auch volle Aufmerksamkeit brauchen.

„Einen Bruder hat man ein Leben lang und up to eleven vielleicht auch.“

Was sind die Vor- und Nachteile einer so intensiven Zusammenarbeit mit dem eigenen Bruder?

Man kennt sich sehr, sehr gut und hat daher ein gutes Gefühl, was die Stärken und Schwächen des anderen sind. Und es ist einfach enorm viel Vertrauen da, vor allem was eine längerfristige Zusammenarbeit betrifft. Wir machen das ja nicht nur auf zwei bis drei Jahre, sondern wir wollen mit Up to Eleven langfristige Aktivitäten machen. Einen Bruder hat man ein Leben lang und up to eleven vielleicht auch.

Du arbeitest für Up to Eleven, Nuki und Instahelp. Wie geht sich das alles aus?

Das setzt sich zusammen aus guter Organisation, Konsequenz und natürlich starken Teams, die einen unterstützen. So kann ich das alles bewältigen.

Was ist dein persönlicher Rat für Founder? Was ist das Wichtigste, was sie beachten müssen?

Vom Start weg international Denken, sich bei Leuten mit viel Erfahrung Rat suchen und selbst Gas geben wollen. Man braucht hohe Eigenmotivation, sonst braucht man sich nicht auf die Reise des Unternehmers begeben.

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Cécile Deterre (Co-Founderin von Blue Planet Ecosystems) und Renaud Viot (CEO und Co-Founder des Startups Lynxia) führen La French Tech Vienna als Co-Präsident:innen | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Im Foyer der französischen Botschaft in Wien läuft an diesem Abend ein Gast auf vier Beinen über den Marmorboden. Auf seinem Rücken sitzt ein Kamerakopf, daneben ragt eine Funkantenne hervor. Im Hintergrund stehen drei Flaggen: die französische, die europäische und die österreichische.

Der Hausherr hält es an diesem Abend betont analog. „Ich muss sagen, meine Rede wurde nicht von ChatGPT geschrieben, sondern von Menschen“, sagt Botschafter Matthieu Peyraud zur Begrüßung. Dann wird er grundsätzlich: Technologische Souveränität lasse sich nur auf europäischer Ebene erreichen, kein Mitgliedstaat schaffe das allein.

Der Anlass für Roboter und Rede am 8. Oktober: der offizielle Start von La French Tech Vienna, laut Peyraud der ersten French-Tech-Community in Österreich. Sie ist Teil von La French Tech, einem Netzwerk mit nach eigenen Angaben mehr als 100 Communities in Frankreich und weltweit, das großteils von Freiwilligen getragen wird.

Zwei Jahre Pilotphase

Neu ist die Initiative nicht. Sie lief zuvor unter dem Namen French Startups Vienna. Peyraud bezeichnet diese Phase in seiner Rede als „eine Art Pilotprojekt“. Seit rund zwei Jahren bringt sie französische und österreichische Gründer:innen, Forschende und Investor:innen zusammen.

Der französische Botschafter Matthieu Peyraud eröffnete am 8. Oktober den offiziellen Start von La French Tech Vienna in der Botschaft in Wien. Seine Botschaft: Technologische Souveränität gelingt nur auf europäischer Ebene. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

„Wir haben sehr klein angefangen, nur mit französischsprachigen Leuten, die mehr über Tech sehen und hören wollten“, sagt Renaud Viot im Gespräch mit brutkasten. Er ist Co-Präsident von La French Tech Vienna und CEO des Startups Lynxia. Er versteht die Initiative als Community: Die Mitgliedschaft ist kostenlos und steht österreichischen wie französischen Startups offen. „Wir verlangen nur, dass die Leute entweder neugierig auf Tech sind oder bereit, ihr Wissen über Tech zu teilen“, sagt er. Das Kernformat sind regelmäßige Events.

Souveränität als Leitthema

Inhaltlich steht der Abend im Zeichen technologischer Souveränität. Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cybersicherheit, Halbleiter und Dateninfrastrukturen seien zu strategischen Gütern geworden, sagt Peyraud. Frankreich und Österreich hätten starke Forschungseinrichtungen wie das französische CNRS und das AIT Austrian Institute of Technology. Die gemeinsame Herausforderung sei, wissenschaftliche Exzellenz in globale Technologieführerschaft zu übersetzen. Zu oft gelinge es europäischen Innovationen nicht, im Tempo und in der Größe der internationalen Konkurrenz zu skalieren.

Als Beleg dafür, dass es anders geht, nennt der Botschafter Mistral AI. Die Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral AI zeige, wie Unternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Expertise bündeln. Sie unterstreiche zudem die technologische Stärke Österreichs.

„Noch nicht so sehr am Radar“

Wo es konkret hakt, schildert Arnaud Béasse. Der Managing Director von 1764 Advisory kümmert sich in der Community um die Investorenbeziehungen. „An erster Stelle möchte ich Investoren mit Startups verbinden“, sagt er im Gespräch mit brutkasten. Das gelte in beide Richtungen. Österreicher:innen nach Frankreich zu bringen, habe bisher sehr gut funktioniert. Die größere Aufgabe sei nun der umgekehrte Weg: französische Investor:innen auf das aufmerksam zu machen, was in Österreich entsteht. Das sei bei ihnen „noch nicht so sehr am Radar“.

Das österreichische Deep-Tech-Startup iono Robotics aus Linz hat mit dem WORKMATE den ersten humanoiden Arbeitsroboter „Made in Austria“ entwickelt. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Béasse nennt dafür mehrere Gründe. Größere Fonds würden oft mit Teams aus Deutschland auf Österreich schauen. „Das genügt nicht“, sagt er. Dazu komme bei manchen Venture-Capital-Fonds die Angst vor der Sprachbarriere. Bei Business Angels sei diese Hürde noch höher.

Seine Rolle sieht Béasse deshalb nicht nur im Vermitteln von Kontakten. Es gehe darum, Investor:innen auch beim Ökosystem und bei der Kultur zu begleiten. Aus französischer Sicht sehe man in Europa zuerst Spanien, Italien, Deutschland und die Benelux-Länder. Österreich müsse man erst aus dem Schatten von Deutschland und der Schweiz holen.

Acht Startups aus Frankreich und Österreich pitchten vor dem Publikum in der französischen Botschaft, abgestimmt wurde per Smartphone. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Chancen sieht er bei Corporate Venture Capital. Französische Konzerne seien in Österreich vertreten. Hier gebe es derzeit viele Innovationen in den Bereichen Defense und Dual Use, die für solche Gruppen interessant seien.

ABA will Brücke zwischen den Ökosystemen schlagen

Auf österreichischer Seite ist die Austrian Business Agency (ABA) eingebunden. Verena Gruber, Director Western Europe, ist außerordentliches Mitglied im Board der Community. Als Standortagentur der Republik sei die ABA dafür da, französische Startups dabei zu unterstützen, die Chancen in Österreich zu entdecken, sagt sie im Gespräch mit brutkasten. Mit La French Tech Vienna habe man nun „ein tolles Tool“, um Verbindungen herzustellen, bei Investments ebenso wie bei Kooperationen mit Corporates. Am Tag nach dem Launch standen laut Programm Besuche bei der ABA, der Wirtschaftsagentur Wien und ecoplus sowie eine Führung durch die AI Factory Austria (AI:AT) auf dem Plan.

Die Initiative ist noch sehr jung. Als Beispiel dafür, was möglich ist, nennt auch Gruber den Emmi-AI-Deal. Er zeige die Kompetenz Österreichs bei Industrial AI. „Das ist eine Nische, worauf wir uns auch sehr stark konzentrieren können“, sagt Gruber. Damit könne Österreich auch einen Beitrag zur europäischen Souveränität bei Technologie leisten.

Acht Startups auf der Bühne

Nach den Reden pitchen acht Startups, das Publikum stimmt per Smartphone ab. Aus Frankreich kommen Proxima, VirtualBrowser, PleIAs und Manabou, aus Österreich Cyberaci, Eustella, Prop Corn und Ablatic. Sechs der acht ordnet die Event-Website dem Thema Souveränität zu, von europäischen Sprachmodellen bis Cybersecurity.

Manche der französischen Startups sehen laut Renaud Viot einen Market Fit mit Österreich, andere suchen einen Partner vor Ort, wieder andere haben hier bereits Kund:innen. Die beiden Ökosysteme seien einander ähnlich, beide seien stark bei Spinoffs und in der Forschung. Gemeinsam könne man einander „zu Partnern statt zu Konkurrenten“ machen, sagt Viot.

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