20.05.2021

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

Die Amerikanerin Lisa Friedrich ist Head of SMB für TikTok in Europa. Im Interview mit dem brutkasten kündigt sie einen eigenen Hub für KMUs in Österreich sowie eine TikTok-Shopify-Integration an und macht deutlich, warum kein Unternehmen auf TikTok for Business verzichten sollte.
/artikel/interview-lisa-friedrich-tiktok-kmus
Lisa Friedrich TikTok
Lisa Friedrich, Head of SMB für TikTok in Europa © TikTok

TikTok startet nun auch in Österreich einen eigenen Hub für KMUs und stellt Werbetreibenden zudem die vollumfängliche Nutzung des globalen Angebots TikTok für Business zur Verfügung. Außerdem geht die führende Plattform für mobile Kurzvideos eine Partnerschaft mit der E-Commerce Plattform für Multichannel-Vertrieb, Shopify, ein, um einen Teil zum Wachstum österreichischer Unternehmen beizutragen. Vorangetrieben wird diese Initiative von Lisa Friedrich, die sich als Head of SMB für Europa mit ihrem Team vom Standort in Dublin (Irland) aus dem Erfolg von kleinen und mittelständischen Werbetreibenden auf TikTok in allen europäischen Ländern verschrieben hat. Vor ihrem Wechsel zu TikTok war Lisa Chief Marketing Officer bei Evident, einem Cybersecurity-Startup, sowie Gründerin von JCG Digital, einer Boutique-Vertriebs- und Marketingberatung, die sich auf kleine und mittelgroße Tech-Unternehmen fokussiert hat. Im Laufe ihrer Karriere hat Lisa sowohl bei Start-ups als auch bei Fortune-100-Unternehmen, darunter Facebook und der Bank of America, Führungsaufgaben wahrgenommen. Lisa bringt fast 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Management mit. Sie hat einen Undergraduate-Abschluss von der University of Georgia und einen MBA von der Georgia State University. Sie wohnt derzeit in Dublin, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Lisa, TikTok startet nach Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland nun auch in Österreich einen Hub für kleine und mittelständische Unternehmen. Was genau hat es damit auf sich?

Wir bei TikTok glauben, dass der Aufbau von authentischen und positiven Communities eine entscheidende Rolle für kleine und mittlere Unternehmen spielt. Sie müssen von potenziellen Kund*innen gehört und gesehen werden. Im Gegensatz zu den Möglichkeiten und Budgets der Werbeabteilungen größerer Unternehmen zählt für KMUs jeder Euro und jeder Cent, der ausgegeben wird. Deshalb freue ich mich, dass unser neuer TikTok-Hub ab heute kleine und mittlere Unternehmen in Österreich dabei unterstützen kann, von neuen Zielgruppen entdeckt zu werden. Konkret bedeutet das, dass wir KMUs Informationen, Tipps und Hilfestellungen geben, wie sie TikTok als Plattform und unsere Community für ihre Marketingziele nutzen können, neue Kund*innen gewinnen und bestehende binden – quasi ein One-Stop-Shop für Werbeanleitungen, kreative Inspirationen und Ressourcen. Wir haben außerdem einen Guide veröffentlicht, der jetzt auf dem SMB-Hub verfügbar ist.

Warum sollten KMUs keinesfalls auf TikTok als Werbe-und Marketinginstrument verzichten?

TikTok ist mit den Formaten auf KMU-Kund*innen zugeschnitten: Mit Produkten wie den kürzlich eingeführten sogenannten „Leadgenerierungs-Anzeigen“ können Unternehmen beispielsweise über ein von potenziellen Kund*innen ausfüllbares Formular auf einfache Weise Konversionen vorantreiben. Marken können Hashtags wie #kleinunternehmer (> 724K Aufrufe), #Geschäftsidee (> 6 Mio. Aufrufe), #entrepreneur (> 11 Mrd. Aufrufe), #smallbusinesscheck (> 9 Mrd. Aufrufe), supportsmallbusiness (> 2 Milliarden Aufrufe) oder #smallbusiness (> 26 Mrd. Aufrufe) nutzen, um ihre einzigartige Unternehmensgeschichte und -reise mit anderen zu teilen und eine Fangemeinde aufzubauen. TikTok ist außerdem der ideale Ort für KMU, um eine große Community von engagierten und gleichgesinnten Unternehmen zu erschließen. Wir ermutigen Unternehmen dazu, gerade jetzt unkonventionelle Wege zu gehen, aber wir bieten auch Ratschläge, wie eine
erfolgreiche Zusammenarbeit auf TikTok aussehen könnte.

Für Unternehmen welcher Branchen ist euer Angebot besonders interessant und warum?

Wir freuen uns über jedes neue Unternehmen, das TikTok bereichert. KMUs aus verschiedensten Branchen haben die Möglichkeit, den TikTok Ads Manager, unserer Self-Service-Werbeplattform, auf der Unternehmen jeder Größe In-Feed-Anzeigen auf TikTok schalten können, zu nutzen, um sich Tausenden von kleinen Unternehmen in Europa anzuschließen, die auf TikTok viral gehen, engagierte Zielgruppen erreichen und ihren Umsatz steigern.
Der TikTok Ads Manager wurde entwickelt, um Unternehmen jeder Größe den Einstieg in die Plattform zu erleichtern. Die TikTok-Community kann ihre Lieblings-Kleinunternehmen unter #SupportSmallBusiness entdecken und sie so unterstützen. Thematisch ist wirklich für jedes Unternehmen und alle potenziellen Kund*innen etwas dabei: Von Kleidung, Accessoires, Schmuck, über Kosmetik, Süßigkeiten und viele weitere Themen, es gibt auf TikTok für jede Produkt die passende, begeisterte Zielgruppe.

Um diese Zielgruppen bestmöglich zu erreichen, öffnet ihr euer globales Service „TikTok for Business“ nun auch hierzulande. Wie profitieren Unternehmen konkret davon?

TikTok for Business ist unser Angebot für Werbetreibende – wir wollen ihnen die Tools geben, kreative Geschichten zu erzählen und eine nachhaltige Beziehung mit der TikTok-Community einzugehen. Marken jeder Größe haben Möglichkeit, durch Kurzvideos entdeckt zu werden und mit ihren Zielgruppen in Kontakt zu treten.
Nutzer*innen können mit ihren Lieblingsmarken interagieren und so Teil der Marken werden. Unsere TikTok-Werbeformate decken verschiedene Stationen der Customer-Journey und der Marketing-Touchpoints ab, an denen sich das Bild einer Marke bei potenziellen Kund*innen verdichtet. Unabhängig von der Branche arbeiten wir mit den Marken individuell zusammen, um eine Kampagne zu entwickeln, die zum Unternehmen, aber auch zu TikTok passt, denn durch den einzigartigen Charakter von TikTok sollte jede Werbung auf unsere Plattform zugeschnitten sein. Um einige Highlights zu nennen: Neben Formaten wie In-Feed Videos, die im Für-dich Feed der Nutzer*innen nativ eingebunden werden und unserem „TopView“-Format, das direkt beim Öffnen der App erscheint, sind Hashtag-Challenges und Branded Effects beliebte Lösungen, weil sie auf kreative und bunte Art und Weise die Community zur Interaktion aufrufen. Wichtig ist für Werbetreibende natürlich auch, dass Kampagnen ausgewertet werden können. Mit unserem „Tiktok Creator Marketplace“ können Werbetreibende Creator*innen suchen, die zu ihrer Kampagne passen.

Mit welchen Kosten müssen Unternehmen hier rechnen?

Die Budgets sind je nach Kampagne unterschiedlich, genau wie die Vorstellungen, mit denen unsere Kunden zu uns kommen. Für viele Unternehmen ist die wichtigste Zielgröße, Awareness zu schaffen und ihre Produkte durch Engagement und Interaktion bekannter zu machen. Viele Marken nutzen TikTok, um sich in einer neuen, authentischen, bunten Umgebung zu präsentieren und mit einem breiteren Publikum zu interagieren, das man kaum auf anderen Plattformen findet. Aber auch zum Abverkauf bietet sich TikTok an, hier haben wir viele beeindruckende Beispiele zur Kaufkraft unserer Community. Erst kürzlich war der „Bio Tee Hibiskus“ von Volvic in vielen Geschäften ausverkauft, mit einem Umsatzplus von teilweise 150 Prozent, weil in der Community unter dem Hashtag PinkDrink ein Rezept für einen Sommer-Drink viral gegangen ist, der das Produkt beinhaltet.

Inwiefern unterscheidet sich TikTok als Werbe- und Marketinginstrument von Plattformen wie Facebook oder Instagram?

TikTok ist eine einzigartige Plattform, die ein bildschirmfüllendes Erlebnis mit Ton bietet, mit einem Publikum, das Werbetreibende nirgendwo anders finden. Wir sehen uns als „Unterhaltungs-Plattform“, nicht primär als „Social Media Plattform“. Das bedeutet, dass bei uns Inhalte im Zentrum stehen. Auch ohne eine große
Follower*innenzahl können sich neue Inhalte schnell verbreiten und finden ihr Publikum, wenn sie die richtige Sprache unserer Community sprechen. Mit der kürzlich überschrittenen Reichweite von 100 Millionen monatlichen aktiven Nutzer*innen in Europa entwickelt sich TikTok schnell zu einer der kulturell und kommerziell einflussreichsten Plattformen der Welt. Unsere Mission lautet: Menschen zu inspirieren und zu bereichern, indem wir ein Zuhause für kreativen Ausdruck und positive, inspirierende Erlebnisse bieten. Damit ist TikTok eine generationsübergreifende Plattform, die Zielgruppen auf der ganzen Welt anspricht. Durch einen Algorithmus, der auf das Entdecken von neuen Inhalten ausgelegt ist, ist die interaktive Umgebung von TikTok für Marken der perfekte Ort zur Ansprache ihrer Zielgruppe.

Welche Zielgruppe erreichen KMU, wenn sie auf TikTok werben?

KMU erreichen bei uns Zielgruppen, die sie auf anderen Plattformen nicht erreichen. Unsere Zielgruppe sind die Gen Z und Millenials, aber wir werden auch immer „erwachsener“. Laut einer Kantar Studie sind mittlerweile 67 Prozent der TikTok Nutzer*innen weltweit älter als 25. 83 Prozent der Nutzer*innen geben an, dass sie durch Inhalte auf TikTok zu einem Kauf inspiriert wurden. Laut Kantar’s Kampagneneffektivitäts-Tracking ist die Kaufabsicht von Verbraucher*innen nachdem sie eine Werbung auf TikTok gesehen haben im Vergleich zu Branchenstandards 2,6 mal höher. Wir sind in mehr als 150 Märkten und 75 Sprachen verfügbar. Die Inhalte und auch die Interessen unserer Community sind sehr divers: Die Community in Österreich interessiert sich für vielfältige Themen von lehrreichen Videos, Sport und Gaming bis hin zu Comedy und Lifehacks. Österreichischen Nutzer*innen liegt außerdem das Thema Diversität am Herzen – beispielsweise unter dem Hashtag #lgbtq. Pro Minute werden weltweit mehr als 100 Millionen TikToks erstellt und generieren täglich Milliarden von Ansichten.

Ein neues Feature für österreichische Unternehmen ist eine Integration in den Onlineshopping-System-Anbieter Shopify. Wie funktioniert das genau und welche Vorteile ergeben sich für Nutzer dieses Services?

Wir haben mit Shopify seit vergangenen Oktober eine globale Partnerschaft, die wir heute auch in Österreich starten. Ziel ist es, Geschäftsinhaber*innen und Gründer*innen zu inspirieren und ihnen dabei zu helfen, die Kreativität der TikTok-Community für sich zu nutzen, entdeckt zu werden und ihre Marketingkampagnen zu optimieren. Über die neue TikTok-Integration können Shopify-Händler auf Kernfunktionen des TikTok Ads Managers zugreifen, ohne das Shopify-Dashboard zu verlassen. Shopify-Händler können ihren TikTok Pixel mit einem Klick installieren oder mit dem Account verbinden, um so das Tracken von Conversions zu vereinfachen und zu beschleunigen. Händler können Kampagnen erstellen, Zielgruppen ansprechen und die Ergebnisse an einem Ort mitverfolgen. Die TikTok-Integration ermöglicht es Shopify-Händlern, eigene native, teilbare Anzeigen zu erstellen. Die intuitiven Kreativ-Tools von TikTok helfen Händlern dabei, Produktfotos und -videos in wenigen Minuten in hochwertige TikToks zu verwandeln. Und die Erweiterung des TikTok Pixels ermöglicht es Shopify-Händlern, Zielgruppen effektiver anzusprechen, um TikTok-Anzeigen besser mit Website-Konversionen abzugleichen und Zielgruppen für Retargeting weiter auszubauen.

Du hast gesagt, dass die Shopify-Integration eine globale Partnerschaft ist. In welchen Ländern bietet ihr diese bereits an und wie fällt deine Bilanz hierzu aus?

In Europa bieten wir bieten die Shopify-Integration derzeit in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und seit heute auch in Schweden, Irland und Österreich an und sind stolz auf die spannenden und vielfältigen Unternehmen mit einer großen Bandbreite an Produkten und Geschäftsmodellen, die wir auf unserer Plattform mit ihren Communities verbinden konnten.

Kannst du exemplarisch drei besonders erfolgreiche Kooperationen in diesem Bereich nennen?

Wir haben viele inspirierende Beispiele, unter anderem das Tiroler Startup NatureCraft, das die Shopify-Integration in der Beta-Phase getestet hat. Das Unternehmen stellt handgefertigte Schmuck-Unikate aus Holz, Naturelementen, Metall und Baumwolle her. Mit In-Feed Anzeigen bringt NatureCraft seine kreativen und bunten Schmuckkreationen zur Geltung und spricht eine neue Zielgruppe an. Seine inspirierenden und kreativen Produkte passen außerdem gut zur kreativen und positiven Community auf TikTok. Ein weiteres Beispiel, diesmal aus Deutschland, ist das Startup Oatsome, das seine bisherige Marketingstrategie ergänzen und die Reichweite erheblich steigern konnte. Seine Smoothie Bowls und Bliss Balls waren im Januar beinahe ausverkauft. 93 Prozent der Kund*innen, die über TikTok zu ihnen kamen, waren Neukund*innen, was die Relevanz des Kanals für sie bestätigt hat. Ein weiteres Beispiel aus Schweden, die übrigens auch heute mit ihrer Shopify-Partnerschaft starten, ist Ninepine, ein Label mit Sitz in Stockholm, das Activewear herstellt. Durch TikTok und Shopify konnten sie über Schweden hinaus in andere europäische Märkte wachsen. Sie haben den Wert von TikTok für ihren Marketing-Mix erkannt und arbeiten zukünftig mit einem Content-Creator zusammen, der ihnen dabei helfen wird, Inhalte für die Plattform zu produzieren.

Abschließende Frage: Wie zufrieden bist du mit der Geschäftsentwicklung von TikTok aktuell?

Seit wir in Europa aktiv sind verfolgen wir einen lokalen Ansatz und wollen ein Teil der Gesellschaft sein. Das spiegelt sich in den reichhaltigen lokalen Inhalten und Trends wider. Es ist unglaublich zu sehen, wie TikTok in dieser Zeit und in den vergangenen Jahren in Europa angenommen wurde. Wir sind ja schließlich im August letzten Jahres erst zwei Jahre alt geworden. Heute nutzen in Europa mehr als 100 Millionen Menschen jeden Monat TikTok. TikTok hat derzeit rund 200 Mitarbeiter*innen für den DACH-Raum und wir bauen aktuell diverse Teams weiter aus. In den letzten Monaten fand und findet das Leben vieler Menschen verstärkt online statt – viele suchten verstärkt nach Möglichkeiten, um auf unserer Plattform mit anderen in Kontakt zu treten. Das konnten auch Marken für sich nutzen. Die Diversität unserer Plattform und der Inhalte zeigt sich auch darin, dass Familien generationenübergreifend die App nutzen und miteinander Zeit verbringen, um gemeinsam kreative Ideen umzusetzen.

Vielen Dank für das Interview.

Deine ungelesenen Artikel:
06.10.2026

Toto Wolff: „Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden“

Interview: Toto Wolff hat mit dem Mercedes-AMG-Petronas-Formula-One-Team eine lange Phase großer Erfolge verantwortet, danach vier Saisonen ohne Titelkampf erlebt und das Team in dieser Zeit umgebaut. Im Interview spricht er über psychologische Sicherheit als Voraussetzung für Fehlerkultur, über Entscheidungen unter Unsicherheit, über die Grenzen von KI im Rennsport – und über seine Beteiligungen an Nuki und Instahelp.
/artikel/toto-wolff-niemand-wird-bei-der-fehlersuche-die-hand-heben-wenn-er-angst-hat-gefeuert-zu-werden
06.10.2026

Toto Wolff: „Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden“

Interview: Toto Wolff hat mit dem Mercedes-AMG-Petronas-Formula-One-Team eine lange Phase großer Erfolge verantwortet, danach vier Saisonen ohne Titelkampf erlebt und das Team in dieser Zeit umgebaut. Im Interview spricht er über psychologische Sicherheit als Voraussetzung für Fehlerkultur, über Entscheidungen unter Unsicherheit, über die Grenzen von KI im Rennsport – und über seine Beteiligungen an Nuki und Instahelp.
/artikel/toto-wolff-niemand-wird-bei-der-fehlersuche-die-hand-heben-wenn-er-angst-hat-gefeuert-zu-werden
Toto Wolff
© Sulay Kelly for Mercedes-Benz Grand Prix Ltd. - Toto Wolff.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


brutkasten: Sie haben Mercedes durch eine lange Phase großer Erfolge geführt, dann kamen schwierige Jahre. Was war Ihr wichtigstes Learning darüber, wie Organisationen nach Rückschlägen wieder in die Spur finden?

Toto Wolff: Die Formel 1 ist eine Welt der ständigen Evolution, nichts steht je still. Zum Beispiel haben die Regeländerungen 2022 schonungslos Schwächen in unseren Entwicklungsfähigkeiten und unserem Verständnis offenbart. Wir haben diese Ära klar hinter unseren Wettbewerbern gestartet und es über vier Saisonen hinweg nicht wirklich geschafft, diese Defizite auszubügeln.

Der eine oder andere Rennsieg waren die Highlights, wir haben es geschafft, zweimal in vier Jahren den zweiten Platz in der Konstrukteursmeisterschaft zu erringen; aber wir haben nie um den Titel gekämpft. Wir haben im Hintergrund größere Änderungen in unserer technischen Ausstattung, beim Personal und den Strukturen vorgenommen, um das Team stärker und wettbewerbsfähiger zu machen. Wir haben auch die Führungskultur adaptiert, weil wir das Team motivieren mussten, das begann, sich nach so vielen Jahren des Erfolgs selbst infrage zu stellen. Es war jedenfalls eine wichtige und wertvolle Phase für uns.

Sie sprechen in diesem Sinne wiederholt von einer „No Blame Culture“. Wie baut man eine Kultur auf, in der Fehler nicht versteckt oder angeprangert, sondern als Lernchance genutzt werden?

Es geht hier fast ausschließlich um psychologische Sicherheit. Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden. Wir müssen aber zu unseren Fehlern stehen können. Und das fängt bei den Führungskräften an. Nur so können auch andere zu ihren Fehlern stehen. Eine „No Blame Culture“ funktioniert jedoch nur im Zusammenspiel mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Man braucht Teammitglieder, die Verantwortung übernehmen, auch wenn es um Fehler geht.

In der Formel 1 hat jeder Fahrer eigene Ingenieure und Mechaniker. Wie verhindert man, dass interne Konkurrenz gegen die gemeinsame Strategie arbeitet?

Das ganze Team hat das gleiche Ziel: Die Meisterschaft für Mercedes zu gewinnen. Nicht mit dem einen oder anderen Fahrer, sondern für die Marke und das Team. Alle Mitarbeiter sind gleich incentiviert: Ausschlaggebend ist der Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft, nicht der Fahrerwertung. Das ist die Grundlage unserer Entscheidungsfindung. Auch die Ingenieure und Mechaniker, die einem der Fahrer zugeteilt sind, arbeiten zuallererst für das Team. Beide Seiten der Garage machen jeden Boxenstopp gemeinsam. Alle technischen Daten werden zwischen den Ingenieuren der Fahrer geteilt, damit wir so wettbewerbsfähig wie möglich sein können. Das Motto ist klar: Das beste Team gewinnt, der beste Fahrer gewinnt; und zwar in dieser Reihenfolge.

Viele Gründerinnen und Gründer kämpfen damit, schnell zu wachsen und dabei die Kultur zu bewahren. Lassen sich Prinzipien aus der Formel 1 auf Startups und Scaleups übertragen?

Wir haben seit dem Cost Cap 2021 starkes Wachstum in der Formel 1 gesehen. Wir mussten uns überlegen, ob wir die Geschäftsfelder erweitern wollen, wie wir es etwa mit unserem Engagement im America’s Cup beim Segeln gemacht haben. Der Headcount ist gewachsen, vor allem in den Support-Bereichen außerhalb der technischen und operationellen Hauptbereiche. Aber dann haben wir uns wieder auf unser Kerngeschäft fokussiert, mit einem klaren Ziel: die Formel-1-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Und bei jedem neuen Projekt stellen wir uns die Frage: Bringt uns das Projekt diesem Ziel näher, hilft es uns, Rennen und Meisterschaften zu gewinnen?

Wenn die Antwort Ja ist, dann investieren wir in das Projekt; wenn nicht, dann nicht. Ich denke, es geht vor allem darum, das Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren, da mit dem Unternehmenswachstum viele Elemente komplexer werden. Wenn man in einem so kompetitiven Umfeld wie der Formel 1 tätig ist, dann ist das Hauptziel relativ klar. Aber jedes Startup muss sich ein Ziel geben können und dann genau wie wir darauf fokussieren.

Wie treffen Sie strategische Entscheidungen, wenn nicht alle Informationen vorliegen? Gibt es ein Erfolgsgehmeinis?

Mein Freund und Geschäftspartner Niki Lauda hat immer auf die rasche Entscheidungsfindung gepocht – es ist besser, eine mangelhafte Entscheidung jetzt zu treffen, als darauf zu warten, alle Informationen zusammengetragen zu haben, wenn es dann zu spät ist. Man kann Entwicklungen immer noch korrigieren, wenn eine Entscheidung nicht ganz richtig war. Persönlich versuche ich die Upside und Downside bei den großen Entscheidungen zu erkennen: Wenn ich mit der Downside, dem Worst Case, leben kann, dann gibt es keinen Grund, vor der Entscheidung zurückzuschrecken.

Welche Leadership-Lektion hätten Sie gerne früher gelernt?

Meine wichtigste Erfahrung ist wohl, in Konfliktsituationen neugierig zu bleiben, zu versuchen, die Perspektive der anderen Seite zu verstehen, und auch manchmal zu akzeptieren, dass man nicht einer Meinung ist oder unterschiedliche Interessen hat; ein „agree to disagree“ als Ergebnis zu akzeptieren. Bei Leadership geht es ja vor allem darum, andere Menschen zu verstehen, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen, sie mit etwas zu incentivieren, das für sie auch wirklich relevant ist. Nur wer motiviert ist und sich wohlfühlt, kann 100 Prozent geben. Ziele klar formulieren, Mitarbeitern Verantwortung übertragen, ihnen dabei helfen, Herausforderungen zu meistern, und Ergebnisse offen analysieren – das ist meine Arbeitsweise.

Gibt es Ihrer Ansicht nach die eine Eigenschaft, die erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen? Und welche Fähigkeiten werden durch den zunehmenden Einsatz von KI wichtiger?

Das eigene Geschäft verstehen und die Leute kennen und verstehen, mit denen man arbeitet. Ein großes Ziel verfolgen und das Auge fürs Detail, das Gleichgewicht in allen relevanten Bereichen nicht verlieren. KI wird viel in unserer Welt verändern. Aber sie wird hoffentlich vor allem ein Instrument sein, das den Menschen dabei helfen wird, bessere Entscheidungen zu treffen. Die fähigsten Leute werden das Beste aus AI herausholen, die Stärken nutzen und sich von den Gefahren und Schwächen nicht beeinträchtigen lassen. Wir stehen sicher am Anfang einer rasanten Entwicklung, deren Ergebnis kaum vorhersehbar ist.

Und im Rennsport selbst: Kann KI helfen, die Ideallinie, die optimalen Bremspunkte oder das perfekte Setup zu entschlüsseln?

Wo die richtigen Bremspunkte sind, sollten wir eigentlich schon wissen; auch, dass, wenn es regnet, ein Reifen ohne Profil nicht so toll funktioniert. Aber im Ernst: Wir müssen AI zur Entscheidungsfindung einsetzen, wo hochkomplexe Datenmodelle es verlangen. Aber AI wird in keinem Bereich eigenständig entscheiden. Sie wird immer eine Unterstützung für unsere Ingenieure bleiben; zumindest in absehbarer Zeit.

Welche Innovationen aus dem Motorsport könnten in den kommenden Jahren für andere Industrien relevant werden?

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für Technologietransfer, und das geht auch heute weiter. Wir als Industrie lernen gerade viel über Batteriesysteme, über Steuerungselektronik und elektrische Motoren, aber auch über nachhaltige Treibstoffe und innovative Composite-Materialien; alles wichtige Entwicklungsbereiche für die Automobil- und Transportindustrie.

Es gibt aber auch ganz andere Bereiche, die mit dem Fahrzeug an sich nichts zu tun haben. So haben wir etwa vor ein paar Jahren Pionierarbeit beim Einsatz von 5G-Technologie an der Rennstrecke geleistet. Die Formel 1 ist in ihrer Grundcharakteristik interessant für Entwicklungen unterschiedlicher Technologien, weil sie ein sehr kompetitives Umfeld mit einer enorm hohen Entwicklungsgeschwindigkeit bietet. Das ist für Innovation und Entwicklung wertvoll.

Sie sind ja an mehreren Unternehmen beteiligt. Was sind Ihre Kriterien dabei?

Nuki und Instahelp sind ja nicht mehr Startups im eigentlichen Sinn, beide sind profitabel. Nuki macht über 50 Millionen Euro Umsatz und ist Marktführer in Europa; Instahelp hat seit zwei Jahren einen zweistelligen Millionenumsatz und verdient Geld. Unsere Kriterien waren damals, als wir die beiden Firmen mit unseren Partnern in der Up to Eleven, den Brüdern Martin und Jürgen Pansy und René Berger, gegründet haben, dass wir unsere bestehende Kompetenz bei mobiler Kommunikation, die wir mit sms.at und ucp über Jahre aufgebaut hatten, für innovative Geschäftsmodelle einsetzen wollen.

Dass wir direkt in Startups investiert haben, die wir nicht selbst gegründet haben, ist ja schon lang her; das war zu Zeiten von Marchfifteen beziehungsweise ganz vereinzelt vor über 15 Jahren. Das wichtigste Kriterium war jedenfalls immer, dass die Gründer gute Leute waren, denen man vertrauen kann. Einer davon war übrigens Oliver Holle. Auch heute vertrauen wir ihm, und zwar indem wir bei Speedinvest und damit auch weiterhin indirekt in Startups investieren.

Abschließend: Wie sieht bei Ihnen eigentlich ein Sonntag aus, an dem kein Rennen stattfindet?

Meistens bin ich in Italien, an einer Kartstrecke. Da sind Susie und ich dann die größten Fans unseres jungen Sohns. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen.


Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“