09.07.2018

Interview FreightHub: „Warum hat Walmart nicht Amazon gemacht?“

FreightHub bietet intelligente Logistiklösungen für Unternehmen an. Das Startup mit Sitz in Berlin (Zentrale) und Hamburg bedient sich dabei seiner zentralen Plattform, die den kompletten Logistik-Prozess, etwa Angebotseinholung, Dokumentenmanagement, Echtzeittracking der Fracht, sowie die Supply Chain Datenanalyse abdeckt.
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FreightHub
(C) Jennie Schwartz - Das FreightHub-Gründerteam (vlnr.) Erik Muttersbach, Ferry Heilemann und Michael Wax.

FreightHub wurde 2016 von den Brüdern Ferry und Fabian Heilemann, Erik Muttersbach und Michael Wax in Berlin gegründet. Ferry, Fabian und Erik waren bereits gemeinsam für die 2009 gegründete lokale Online-Gutscheinplattform DailyDeal verantwortlich, die 2011 von Google für über 100 Millionen USD gekauft und übernommen wurde. Im Gespräch mit dem Brutkasten spricht Geschäftsführer Ferry Heilemann über die Digitalisierung der Logistikbranche, Nachhaltigkeit im Transportwesen und warum Big Player im Segment es schwerer haben, auf digitale Veränderungen zu reagieren.

+++ DB Schenker-CEO Schweighofer über Digitalisierung in der Logistik +++

Ich würde gerne mit der Frage einsteigen, was FreightHub eigentlich macht. Ich bitte um einen kurzen Pitch.

Ferry Heilemann: FreightHub ist eine digitale Spedition. Das heißt, wir bewegen Container und Paletten über Luft, See und auch Land. Größtenteils auf der Trade Lane zwischen Asien und Europa. Wir arbeiten mit vielen Echtzeit-Prozessen. Das heißt, wir haben eine Real Time-Engine, die Preise innerhalb von wenigen Sekunden generieren kann, womit wir die einzigen auf dem gesamten Markt sind. Wir haben ein Shipment-Management-Bereich, in dem der Kunde auf sein Dokumentenmanagement zugreifen und per Track and Trace permanent online verfolgen kann, wo sich seine Container gerade befinden und wann genau sie ankommen. Das heißt, wir bedienen uns  aktueller Technologie, um das Thema Freight-Forwarding ins 21. Jahrhundert zu heben. Da der bestehende Markt mit den etablierten Playern noch extrem analog ist, bleibt er auch fehleranfällig. Mit einer oftmals schlechten User-Experience.

Das heißt im Usability-Bereich ist es primär eigentlich die höhere Geschwindigkeit, die die Kunden dann zu spüren bekommen?

Ferry Heilemann: Ja, aber nicht nur das. Wir erhöhen die Transparenz für den Kunden und machen auch den Gesamtprozess effizienter. Da wir Technologie nicht nur intern, sondern auch in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern anwenden, sind wir in der Abwicklung verlässlicher als andere Freight-Forwarder. Bei einem Prozess, der sehr viele standardisierte Schritte beinhaltet, macht eine Maschine weniger Fehler als der Mensch. Wir automatisieren alles rund ums Freight-Forwarding, was automatisierbar ist. In der etablierten Welt ist der Digitalisierungsgrad sehr gering und der manuelle Grad an Arbeit sehr hoch. Und das führt natürlich auch zu mehr Fehlern, zu  Ineffizienzen und schlussendlich zu mehr Kosten.

Stichwort Kunden: Sind das tendenziell Unternehmen, die selber im Innovationssektor stärker verankert sind oder ist das ganz bunt gemischt?

Ferry Heilemann: Das ist komplett bunt gemischt. Wir haben Kunden aus dem deutschen Mittelstand, wie etwa Viessmann, aber auch aus der Digital-Szene, wie etwa den Möbel-Versandhändler ‚Home24‘. Der Großteil der Kunden kommt jedoch aus dem Mittelstand, der aus Makro-Sicht auch die meisten Waren bewegt. Etwa 90 Prozent aller Produkte weltweit waren zu einem Zeitpunkt ihrer Produktionskette schon mal in einem Container unterwegs.

Wie seid ihr an diese Kunden gekommen oder was ist da die primäre Marketingstrategie gewesen? Gerade Mittelstandsunternehmen scheinen oft schwer zu erreichen mit einem neuen Produkt.

Ferry Heilemann: Ja, das ist in der Tat nicht ganz leicht. Wir bedienen uns einerseits der gängigen Online-Marketing und Social-Media-Kanäle. Das heißt, wir arbeiten mit Google AdWords, Facebook und LinkedIn. Außerdem nutzen wir auch PR und Content-Marketing. Wir betreiben einen eigenen, mittlerweile in der Logistik-Branche sehr etablierten, Content-Blog. Durch Artikel mit inhaltlicher Relevanz generieren wir Reichweite. Unser Netzwerk hilft außerdem und schlussendlich kommen auch viele Empfehlungen zufriedener Kunden.

Jetzt stellt sich die Frage: Habt ihr euren Sitz eigentlich in Berlin? In der deutschen Hauptstadt gibt es weder einen großen Hafen, noch einen großen Airport. Die Diskussion ist ja bekannt. Wie arbeitet es sich von Berlin aus im Logistik-Bereich?

Ferry Heilemann: Also wir sind keine Logistikfirma im eigentlichen Sinne, sondern ‚first of all‘ sind wir eine Tech-Company. Wir bauen ein Tech-Produkt, das letztendlich einen Logistikservice generiert.  Und deswegen ist Berlin für uns der mit Abstand beste Standort in Gesamteuropa, weil wir hier die Besten Tech-Talente finden. Berlin hat ein extrem starkes Ökosystem mit digitalen Firmen und Leuten, die genau das Wissen haben, das wir benötigen. Daneben haben wir einen zweiten Standort in Hamburg, wo unsere ‚Logistics-Experts‘ sitzen. Das sind Kollegen, die das Logistik-Handwerk von Grund auf gelernt und vorher bei Kuehne & Nagel oder DHL gearbeitet haben. Jetzt kümmern sie sich bei uns darum, dass Shipments, die von unseren Kunden über die Plattform gebucht werden, vollkommen reibungslos abgewickelt werden. So lassen sich die beiden Standorte inhaltlich erklären. Berlin als Hauptquartier und die europäische Hafen-Metropole Hamburg als kleinerer Standort mit höchster Logistik-Expertise.

Immer wieder fallen die Namen der Logistik-Riesen in der Branche. Da bleibt die Frage offen: Warum machen die das nicht selbst? Warum können die Big Player im Segment ihre Systeme nicht ausreichend digitalisieren und, wie erwähnt, ins 21. Jahrhundert heben?

Ferry Heilemann: Warum hat Walmart nicht Amazon gemacht? Warum ist Kodak nicht die Firma, die digitale Photographie vorangetrieben hat? Weil große Firmen mit einer aus ihrer Historie gewachsenen Komplexität kämpfen, die schier unendlich scheint. Der Versuch, zu digitalisieren und zu automatisieren, ist entsprechend schwer. Das „New Forwarding Environment“-Projekt von DHL ist ein Beispiel für ein Projekt, dass trotz hoher Kraftanstrengung nicht aufgegangen ist. Es ist eben schwerer einen Öltanker zur Luxusyacht umzubauen als sie von Grund auf neu zu errichten.

Zur Finanzierung: Ihr habt Ende 2017 erst 20 Millionen Dollar aufgenommen. Das ist noch nicht lange her. Was passiert mit dem Kapital? Wo geht die Expansion hin oder was macht ihr damit?

Ferry Heilemann: Wir werden zeitnah ein weiteres Büro in Asien eröffnen, was wichtig ist, um Prozesse und Abläufe weiter zu professionalisieren und optimieren. Mittelfristig ist das auch für lokale Kunden relevant. Daneben werden wir unser Software-Development-Team weiter massiv ausbauen.

FreightHub hat aktuell etwas mehr als 100 Mitarbeiter. Zu eurer Zukunftsvision: Werden die traditionellen Speditionen euch nicht überleben? Oder anders: Werdet ihr derzeitige große Player ersetzen?

Der Speditionsmarkt insgesamt ist stark fragmentiert. Es gibt alleine in Deutschland 15.000 gemeldete Spediteure und weltweit sind es noch deutlich mehr. Ich gehe fest davon aus, dass in fünf Jahren weniger Speditionen geben wird als es heute der Fall ist. Digitalisierung ist ein Grund dafür, und wir treiben die Digitalisierung mit voran. Dennoch wird es aus meiner Sicht kein „winner takes it all“-Markt, dafür ist die Industrie zu groß. Die Firmen, die die Digitalisierung nicht mitgehen, werden in Zukunft Schwierigkeiten haben.

Themenwechsel: Nachhaltigkeit und E-Mobility. Vielleicht gibt es heutzutage bei euch auch Kundenanfragen, was zum Beispiel den Co2-Ausstoß der Last betrifft oder auch die Umweltschäden, die durch die Frachtschiffe entstehen, die mit Schweröl betrieben werden. Ihr besitzt selbst keine Frachtschiffe und keine Lastwagenflotte. Ist es dennoch für FreightHub ein Thema, mit entsprechenden Unternehmen zu kooperieren? Wie seht ihr das?

Ferry Heilemann: Ja, das ist in der Tat ein extrem spannendes Thema, das mich privat aber auch beruflich beschäftigt. FreightHub ist komplett Co2-neutral. Wir haben in unserem Office alles so optimiert, dass wir einen minimalen Energieverbrauch haben, Mülltrennung vorantreiben und Wasser sparen. Wir haben zudem myclimate als Partner, weil uns bei FreightHub das Thema Nachhaltigkeit und Co2-Reduktion ein wichtiges Anliegen ist.

Wie sieht es von Seiten der Kunden aus?

Ferry Heilemann: Die tatsächliche Anfrage nach grüner Logistik ist leider relativ gering. In unserem Kundensegment vielleicht zwei, drei Prozent, die das tatsächlich anfragen.

Und wie verhält sich die Kooperation mit myclimate?

Aktuell nutzen wir myclimate, um unsere eigene CO2 Bilanz auszugleichen. Wir überlegen gerade gemeinsam, wie wir auf der Plattform darstellen können, wie viel Co2 durch ein Shipment verursacht wird. Wenn ich einen Container zwischen Shanghai und Wien bewege, macht es zum Beispiel einen großen Unterschied, ob ich den Nachlauf vom europäischen Hafen an den Bestimmungsort per Truck oder Zug mache. Ein Exklusiv-Truck hat auf der Strecke Hamburg-Wien natürlich eine ganz andere Co2-Bilanz als ein Zug, der noch 80 andere Container transportiert.

Als letztes eine Frage, die Off Topic ist. Und zwar eine für unsere Leserinnen und Leser, unter denen sehr viele Early Stage-Gründer sind. Was gibst du diesen Gründerinnen und Gründern für einen Tipp für den Aufbau ihres Unternehmens?

Als erstes empfehle ich, im Vorfeld einmal bei einem anderen Startup zu arbeiten, um zu sehen, wie das Ganze überhaupt funktioniert. Wie muss ich eine Organisation aufbauen? Wie funktioniert Investorenansprache? So lerne ich und kann einige Fehler vermeiden. Potentielle Arbeitgeber gibt es mittlerweile sehr viele in dem Bereich. Für mich unbedingt zu empfehlen, auch um ein Netzwerk aufzubauen. Zweitens würde ich generell dazu raten, im Team zu gründen. Dieses Team sollte komplementär sein. Das heißt, nicht ausschließlich Absolventen von der WU Wien, die alle BWL studiert haben, sondern eben idealerweise nur ein BWLer und unbedingt einen Programmierer. Was Gründer zudem noch haben müssen, ist die Fähigkeit durch dick und dünn gehen zu können. Das ist extrem wichtig. Das Dritte: Der Markt, den sie adressieren wollen, sollte sehr groß sein und viel Potenzial haben. Das vierte ist das Produkt selbst. Was man entwickelt, muss signifikant besser sein, als das, was existiert. In dem Moment, wo es nur ein wenig besser ist, bringt es nichts und die Kunden werden nicht wechseln. Der US-amerikanischen Investor Peter Thiel hat seinen ’10x better-Ansatz‘. Das ist natürlich ein Ideal und praktisch ein Garant für eine erfolgreiche Firma. Klar, dass nicht jede Firma einmal so groß wie PayPal sein wird. Aber es gibt auch viele Gründungen, die kein echtes Problem lösen und entsprechend Schwierigkeiten haben werden zu wachsen.

Kurzum: Erfahrung, Team, Produkt und Marktkenntnisse?

Daneben ist Timing auch noch sehr wichtig. Man kann zu früh oder auch zu spät sein. Zum Beispiel hatten mein Bruder und ich 2009 eine Idee für das Mobile-Ordering in Restaurants. Das war zu diesem Zeitpunkt aber einfach noch zu früh, auch weil die Marktdurchdringung von Smart Phones niedriger war als jetzt. Also erstens, ‚learn from the best‘, zweitens das Team sollte komplementär zusammengestellt sein und unbedingt eine extrem starke Verbindung haben. Drittens das Thema Marktgröße, viertens das Thema ’10x better‘ und fünftens eben – das geht ein Stück weit einher mit Marktgröße und Markt, in dem ich mich bewege: Timing.


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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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