05.09.2017

Claude Ritter von Book A Tiger: „Du darfst nicht über-analysieren!“

Interview. Claude Ritter war 2010 als Co-Founder bei Delivery Hero dabei. 2014 startete er gemeinsam mit Nikita Fahrenholz Book A Tiger. Am 28. September spricht er auf der Darwin's Circle Conference 2017 in Wien.
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(c) Book a Tiger: Claude Ritter
kooperation

Claude Ritter blickt als Serial Entrepreneur bereits auf viele Jahre Erfahrung zurück. So war er 2010 CoFounder von Delivery Hero, jenem Unternehmen, das vor kurzem einen erfolgreichen Börsengang hinter sich brachte. Ritter stieg dort bereits 2014 aus und gründete sein aktuelles Startup Book A Tiger. Dieses startete mit der Vermittlung von Reinigungskräften an Privathaushalte und bewegt sich nun immer stärker im B2B-Bereich.

Ritter wird als Speaker auf der Darwin’s Circle Conference 2017 am 28. September in Wien auftreten. Er befindet sich damit in einer illustren Runde von Vortragenden, der u.v.a. auch Bundeskanzler Christian Kern und Top-Manager von Facebook, Google, Amazon, Youtube, Nvidia, AirBnB, IBM und zahlreicher heimischer Großunternehmen angehören.

Im Gespräch mit dem Brutkasten gibt Ritter einen Einblick in seine persönliche Motivation,  führt aus, wer nicht als Unternehmer geeignet ist und gibt Tipps für First Time Founder. Etwa, dass man es langsam angehen lassen sollte.

+++ Live von der Präsentation der heurigen Digitalisierungskonferenz Darwin’s Circle +++


Du warst Co-Founder von Delivery Hero. Bereust du manchmal, dass du dort aufgehört hast?

Nein, ich habe es nicht bereut, bei Delivery Hero ausgestiegen zu sein. Schlussendlich kann man immer sagen: „Das wäre toll gewesen.“ Natürlich ist es cool, zu sehen, was aus der Firma geworden ist, aber ich schaue nach vorne und nicht zurück. Bei Book A Tiger läuft alles nach Plan. Insofern habe ich den Wechsel nie bereut.

Was hat dich 2014 dazu bewegt bei Delivery Hero aufzuhören und mit Book A Tiger etwas ganz Neues zu starten?

Als wir 2010 in Deutschland mit Lieferheld angefangen haben, war das auch nicht meine erste Firma. Ich habe davor schon einige Unternehmen gegründet und schlussendlich war es für mich immer am spannendsten, etwas Neues aufzubauen. Nach vier Jahren bei Delivery Hero waren wir an einem Punkt, an dem die Firma gut lief und das Produkt nur noch in neue Märkte übertragen werden musste. Da war einfach die Challenge weg. Nikita und ich haben uns dazu entschlossen, eine neue Herausforderung anzugehen, also quasi vom Ikea-Tische zusammenbauen bis hin zur Strategie nochmal alles neu zu machen.

Book A Tiger gibt es mittlerweile auch bereits drei Jahre. Bedeutet das, es wird wieder Zeit für eine neue Challenge?

Book A Tiger hatte zu Beginn ein ganz anderes Modell. Anfangs haben wir selbstständige Reinigungskräfte an Privatkunden vermittelt. Inzwischen arbeiten wir vorwiegend mit Geschäftskunden zusammen und haben alle Reinigungskräfte angestellt. In der Form gibt es die Firma erst seit knapp zwei Jahren, alles fühlt sich also noch sehr frisch an. Hier gibt es also noch genug Challenges und wir brauchen vorerst erst einmal keine Neuen.

Denkst du, bei Book A Tiger wird es den Punkt geben, an dem du sagst: „Jetzt läuft das Unternehmen. Ich bin bereit für eine neue Challenge“?

Ja, ich denke schon. Es gibt immer etwas, bei dem man sagt: „Das würde mich reizen“. Wenn wir unsere Ziele mit Book A Tiger erreicht haben, wird es wohl wieder etwas Neues geben, das ich anfangen werde.

„Ich habe eine Liste mit Ideen. Von der Taschen-Produktion über die Eröffnung einer Bar bis hin zu einem Marktplatz für Daten ist alles dabei.“

Wäre das wieder im E-Commerce Bereich, oder glaubst du, dass du auch etwas ganz Anderes anfangen würdest?

Ich hatte bereits Gründungen im Bereich Software as a Service. Meine erste Firma, die ich damals in der Schweiz gegründet habe, war eine Software-Entwicklungs-Firma. Ich bin, was das Modell angeht, ehrlich gesagt relativ aufgeschlossen. Das wichtigste ist, dass es für mich spannend und interessant ist. Ob das dann in den E-Commerce-Bereich fällt, oder nicht, ist völlig offen. Ich habe eine Liste mit Ideen, auf der kreuz und quer verschiedenste Ideen stehen. Von der Taschen-Produktion, über die Eröffnung einer Bar eröffnen bis zu einem Marktplatz für Daten ist wirklich alles dabei.

Also könnte ich vielleicht in ein paar Jahren mal ein Bier in deiner Bar trinken?

(lacht) Ja, das könnte durchaus passieren. Das ist natürlich nicht das skalierbarste Geschäftsmodell, das man sich vorstellen kann, aber dafür ein sehr angenehmes.

„Du darfst die Dinge nicht über-analysieren.“

Du bist Serial Entrepreneur, hast schon mehrere Firmen gegründet. Was macht aus deiner Sicht einen guten Entrepreneur aus?

Da gibt es verschiedene Punkte. Zum einen wäre da natürlich die inhaltliche Kompetenz. Du musst von dem, was Du tust, Ahnung haben. Besonders wichtig ist aber auch Deine Persönlichkeit. Du musst ein Typ Mensch sein, der einfach Dinge startet und keine Angst davor hat, auf Basis von nicht vollständigen Informationen loszulegen. Du darfst die Dinge nicht über-analysieren. Stichwort: Paralyse durch Analyse. Bringst Du diese Eigenschaft mit, bist Du unfähig weiterzumachen, wenn Du Dich nicht vollständig informiert fühlst, und triffst auch nur langsam Entscheidungen. Das ist äußerst schlecht, wenn man gründen will. Du musst Dich wohl fühlen in einem gewissen Level an Chaos. Die Dinge liegen nicht immer in der eigenen Kontrolle. Man ist oft abhängig von diversen Faktoren, auf die man keinen Einfluss hat. Mir wird zum Beispiel super schnell langweilig, wenn das Chaos irgendwann weg ist. Man muss also eine gewisse Affinität für Turbulenzen haben. Natürlich ist es hilfreich, eine gute Ausbildung in dem Bereich, in dem man tätig ist, zu haben. Aber ich glaube, was zählt ist eine starke Persönlichkeit.

Das heißt, du würdest jemandem, den du als sehr vorsichtig wahrnimmst, eher abraten ein Unternehmen zu gründen?

Ja, die meisten Leute, die sehr vorsichtig sind, schaffen es gar nicht ins Unternehmertun einzusteigen. Es gibt viele smarte Leute, die bei einer Bank, Versicherung oder Beratung arbeiten, Anfang bis Mitte 30 sind, ein gutes Gehalt bekommen und sich laufend über ihren Job beschweren. Aber diese Leute würden nie kündigen. Sie haben ein sechsstelliges Jahresgehalt und sind einfach nicht risikoaffin genug um zu sagen „Egal, ich geh‘ jetzt.” Im Unternehmertum gibt es eine Art natürliche Selektion. Die Leute, die nicht als Unternehmer geeignet sind, werden es ganz häufig auch nicht. Aber prinzipiell ist es so: Wenn man ein geregeltes Leben mit viel Stabilität braucht, dann ist man meiner Meinung nach nicht für das Unternehmertum geeignet.

In den vergangen Jahren gab es eine Art Startup-Hype. Speziell viele junge Leute entschließen sich Unternehmer zu werden. Glaubst du es gibt heute eine gesellschaftliche Tendenz zu mehr Risiko oder hat das andere Gründe?

Ja, das glaube ich schon. Aber ich denke, es gibt verschiedene Faktoren. Einerseits hast Du durch das Internet Informationen, die sich wesentlich schneller verbreiten. Die Erfolgsgeschichten sind wesentlich transparenter. Wenn man früher in Deutschland gelebt hat und in den USA jemand mit einem neuen Geschäftsmodell erfolgreich geworden ist, dann hat man das gar nicht wirklich mitbekommen – es sei denn, man war in derselben Branche tätig. Heute gibt es viele Publikationen, wie euch zum Beispiel, die das Unternehmertum portraitieren. Hier sieht man überall, dass andere Leute ihr Ding machen und damit erfolgreich sind. Ich glaube, dass das ein großer Treiber ist. Ein weiterer Faktor ist, dass vor allem viele junge Leute nicht mehr gewillt sind, einen Durchschnittsjob anzufangen und dann bis an ihr Lebensende im gleiche Unternehmen zu arbeiten. Heute heißt es eher: „Okay, ich probiere mal etwas aus. Wenn es gut läuft, gut. Und wenn nicht, dann habe ich immer noch meine Ausbildung und kann mir eine Anstellung suchen.” Insofern glaube ich, dass sich mit dem Generationswechsel auch die Mentalität geändert hat.

Gibt es aus deiner Sicht auch eine negative Seite? Etwa dass es heute weniger solide Angestelltenposten gibt und daher ein größerer Druck zur Selbstständigkeit besteht?

Aus meiner Sicht würden Leute, die als Gründer geeignet sind auch einen Angestellten-Job bekommen.

„Das wichtigste für mich ist, nicht gleich zu Beginn mit Geld um sich zu werfen, sondern erst einmal am Produkt zu arbeiten.“

Viele unserer Leser sind First Time Founder. Sie haben ihr Unternehmen gerade gestartet oder befinden sich in den ersten Jahren. Was ist dein Tipp für sie?

Ich glaube, es gibt ein paar Punkte, auf die man achten sollte. Erstens, man sollte langsam anfangen und nicht zu früh zu viel Geld ausgeben. Es gibt viele Gründe, die einen dazu bringen, Dinge schnell zu machen und dabei viel Geld in die Hand zu nehmen. Aber das wichtigste für mich ist, nicht gleich zu Beginn mit Geld um sich zu werfen, sondern erst einmal am Produkt zu arbeiten, und herauszufinden, was man eigentlich machen will. Ebenfalls wichtig ist, dass man über das Know-How, das man für sein Produkt oder seinen Service braucht, verfügt. Nichts ist schlimmer, als keine Ahnung vom Thema zu haben. Es ist ganz wichtig, dass man im Kernteam alle notwendigen Kompetenzen vereint. Zu guter Letzt sollte man im Team von Anfang an klare Verhältnisse schaffen. Jeder muss wissen, wie viel er von der Firma hat und was seine Pflichten und Verantwortlichkeiten sind. Denn im Guten, wie im Schlechten kommt es häufig zu Streit, wenn Dinge nicht geregelt sind. Es ist schade, wenn ein Unternehmen gut läuft, sich dann aber die Gründer zerstreiten, weil die Dinge nicht von Anfang an geklärt worden sind.

Ich habe die vorige Frage schon sehr oft gestellt, aber das langsam los starten ist dabei noch nie als erster Punkt gekommen. Es ist sehr selten überhaupt genannt worden.

Ich bin da ein gebranntes Kind. Den Fehler zu früh loszustarten habe ich selbst schon ein oder zweimal gemacht. Es gibt viele Firmen, die schon 250.000 Euro verbrannt haben und noch immer nicht wissen, was ihr Produkt ist. Da fragt man sich dann: „Wofür hast du eigentlich zwei Entwickler eingestellt? Was machen die den ganzen Tag?” Meine Meinung ist, solche Firmen sollten aufhören und es noch einmal von Neuem probieren. Das bringt dann nichts mehr. Und genau deswegen ist das langsam Anfangen so wichtig.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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