30.06.2016

Interview mit Pioneers Gründer Andreas Tschas: „Enormes Humankapital in Wien“

Pioneers-Gründer Andreas Tschas im Interview über Wien als Hub, das Startup-Paket der Regierung und die Gründe, warum er sich für Europa Cluster statt Konkurrenz wünscht.
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(c) Pioneers: Andreas Tschas

Anmerkung: Dieses Interview erschien im Brutkasten-Magazin #3, Mitte 2016.


Andreas Tschas ist Co-Gründer von Pioneers und war bis März 2017 CEO, bevor er von Oliver Csendes abgelöst wurde. Er studierte auf der Wirtschaftsuniversität Wien. Dort traf er auch seinen Schulfreund Jürgen Furian wieder, mit dem er gemeinsam Pioneers startete. Die beiden haben Wien als Startup- Hub mit dem Pioneers Festival mitgeprägt. Tschas wird nicht müde zu betonen, wie wichtig es für Wien ist, international als pulsierender Ort für Gründertum wahrgenommen zu werden.

Zusammen mit dem Beratungsunternehmen Roland Berger hat Pioneers 2016 eine Studie zum Standort Wien durchgeführt und dabei einige Schwächen aufgelistet. Verwiesen wird auch auf den Index des „Global Startup Ecosystem Ranking 2015“. Dort scheinen zwar London, Berlin und Paris auf – Wien wird jedoch nicht erwähnt. Um den internationalen Anschluss nicht zu verlieren, wird als Empfehlung etwa ein zentraler „Startup-Campus“ abgegeben, aber auch ein Startup-Fonds und die Förderung der Zusammenarbeit zwischen großen Unternehmen und Startups empfohlen. Außerdem müssten junge Wissenschaftler zum Gründen bewegt werden. Im Interview erklärt Tschas, wieso das Startup- Paket ein Schritt in die richtige Richtung ist und was Wien besser kann als der „großer Bruder“ Berlin.

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Wie wirken sich politische Entwicklungen wie das Startup-Paket auf Wien als Startup-Hub aus?

Es ist gut zu sehen, dass sich etwas tut. Wien ist sicher Österreichs Aushängeschild in der Startup-Szene, aber es ist natürlich von der Bundesebene abhängig. Dass nun auch der Bundeskanzler aktiv wurde, ist ein sehr wichtiger Schritt und bringt sehr viel in der Breitenwirksamkeit. Man hat das auch in anderen Ländern gesehen: Überall, wo das auf der politischen Agenda oben steht und wo wirklich in die Startup-Community hineingehört wird, fühlen sich die Leute legitimiert, echt Gas zu geben. Auch Kerns Zusammenarbeit mit Harald Mahrer und Sebastian Kurz ist entscheidend. Jetzt wird es wichtig sein, dass die Regierungsparteien weiterhin gut zusammenarbeiten und ein gemeinsames Ziel verfolgen und nicht in Kleinkriegen das Big Picture aus den Augen verlieren. Natürlich wird sich nicht alles von heute auf morgen ändern, aber es gibt Hoffnung, dass jetzt mehr passiert. Und davon kann Wien sehr profitieren.

Und was gefällt dir am Startup-Paket der Regierung nicht?

Man merkt schon, dass das Paket auch ein Kompromiss ist. Zum Beispiel ist aus dem Investitionsfreibetrag die Risikoprämie geworden. Viele Ansätze sind sehr gut, etwa die Änderung bei der Lohsteuer, die Maßnahmen zu Uni-Spin-offs und das Startup-Visum. Nur muss man jetzt einmal abwarten, wie das funktioniert. Denn es besteht die Gefahr, dass die Umsetzung wieder superbürokratisch wird. Und insgesamt muss einfach noch mehr  passieren. Denn was jetzt beschlossen worden ist, sind Maßnahmen, die schon überfällig waren. Diese Änderungen haben in anderen Ländern schon vor ein paar Jahren stattgefunden, und wir Österreicher ziehen jetzt erst nach.

Mancherorts werden die Hubs Warschau, Prag und München als große Konkurrenten Wiens in der Region Zentral- und Osteuropa genannt. Wie siehst du das?

Ich glaube, vor allem wir in der Startup-Szene müssen stark den europäischen Gedanken vorleben. Ich halte nicht viel von der Diskussion um Konkurrenz. Es wird absolut notwendig sein, dass es in jeder größeren Stadt Europas eine aktive Startup-Community gibt. Denn wir werden in Europa gerade links und rechts überholt – man muss nur nach Asien sehen. Wir sollten uns auf EU-Ebene daher auch untereinander abstimmen und Cluster aufbauen. In München könnte zum Beispiel der Automotive-Cluster entstehen, in Warschau der Security-Cluster und in Wien der Life-Science-Cluster. Wenn man das so macht, bringt das Konkurrenzdenken nichts, sondern man muss sehen, wie diese Cluster voneinander profitieren können. Ich glaube, in den nächsten Schritten ist es also auch ein wichtiger Punkt für die Bundesregierung, Themenschwerpunkte zu setzen und wirklich zu versuchen, in diesen Bereichen exzellent zu werden.

Redaktionstipps

Was kann Wien, was Berlin nicht kann?

Wir haben hier die Fachhochschulen und die Unis. In Berlin gibt es das so nicht. Was an Humankapital in Wien da ist, ist enorm. Und natürlich haben wir hier die Industrie. In Berlin tut sich diesbezüglich nicht viel. In Wien haben wir dagegen einige Headquarters und Vertretungen von vielen internationalen
Firmen. Wo uns Berlin voraus ist, ist, dass es dort bereits einen Schwerpunkt, nämlich E-Commerce, gibt. Auch die große Zahl an Leuten mit Erfahrung und generell die Größe und das Wachstum der Community sind Assets von Berlin. Es ist ein Magnet für Startups geworden. Das ist Wien sicher noch nicht.

Wie beurteilst du die Ecosystems in den anderen Bundesländern?

Runtastic hat bewiesen, dass man von überall aus eine richtig erfolgreiche Firma starten kann. Ich finde, was in Linz passiert, ist generell sehr spannend zu beobachten. Da entstehen zum Beispiel Coworking Spaces mit echt viel Potenzial. Die Runtastic-Gründer bringen extrem viel Erfahrung mit und geben das an andere Firmen in der Szene weiter. Oder zum Beispiel Wattens, wo ich kürzlich eine Werkstätte besucht habe. Die Leute dort haben eine echt große Vision. Und mit Swarovski als Firma vor Ort bin ich auch hier wieder beim Punkt Clusterbildung: Wattens wird nicht Startups aus der ganzen Welt anziehen. Aber wenn man dort einen Schwerpunkt zum Beispiel auf das Thema „neuartige Materialien“ setzt, kann etwas daraus werden. Man sieht überall in Österreich schon gute Entwicklungen. Es geht jetzt darum, dranzubleiben.

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Anmerkung: Dieses Interview erschien im Brutkasten-Magazin #3, Mitte 2016.

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Impression vom VERBUND Venture Day 2026 | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Impression vom VERBUND Venture Day 2026 | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

„Von der Innovation zur Skalierung und von der Skalierung zu einem stärkeren Europa“ mit diesem einen Satz könne man das große Ziel für den europäischen Energiesektor zusammenfassen, sagt VERBUND-X-Geschäftsführer Franz Zöchbauer in seinen einführenden Worten zum VERBUND Venture Day 2026, der erstmals beim neuen Energy-Launchpad-Partner WU Wien stattfand. „Wir haben die Lösungen, aber es dauert zu lange, bis sie am Markt sind. Wir müssen skalieren, aber kein Player kann das alleine. Es braucht ein Ökosystem und hier zählen die Menschen“, so Zöchbauer.

Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Die Zusammenarbeit im Ökosystem als Motto beim VERBUND Venture Day ist nicht neu, der Diskurs, in den das Motto dieses Jahr eingebettet ist, durchaus: Auch hier dominiert das große Thema europäische Souveränität. Der Titel des diesjährigen Events lautet „Scaling Beyond Borders“.

10,25 Billionen Euro für die Energiewende

Zöchbauer drückt die Ambition hinter der eingeforderten Skalierung in Zahlen aus: Es brauche Schätzungen zufolge 10,25 Billionen Euro, um das Energiesystem Europas bis 2040 zu transformieren. „Das ist 70 mal das Volumen des Marshallplans oder das Volumen von 25 Jahren globale VC-Investments“, so der VERBUND-X-Geschäftsführer. Es handle sich also um eine epochale Investment-Chance. Doch er erinnert: „Zahlen ändern die Welt nicht. Menschen tun es.“

Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Dabei sei die Energiewende keineswegs nur ein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit, betont VERBUND-COO Achim Kaspar in einer Panel-Diskussion unter dem Titel „Owning the Future“: „Wir sind an einem Wendepunkt. Man liest jeden Tag von Problemen beim Transport fossiler Energieträger. Wir müssen auf erneuerbare umsteigen.“ Für VERBUND sei dabei schon lange klar: „Wir wollen nicht das nächste Kodak werden.“

„Es laufen mehrere Energiewenden parallel“

Diese europäische Sicht auf die Energiewende setzt Angela Wilkinson, CEO des World Energy Council, im Panel und bei ihrer Keynote in die globale Perspektive: „Es laufen mehrere Energiewenden parallel. In Europa geht es um den hundertprozentigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Im nahen Osten etwa geht es um Technologien, um den CO2-Ausstoß auch mit fossilen Energieträgern auf Null zu bringen.“

Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Bei der Souveränität gehe es letztlich um die Möglichkeit, sich seine Abhängigkeiten auszusuchen, „nicht um teuren Isolationismus“, meint Wilkinson. Was ihr insgesamt fehle, sei eine kollektive Vision für eine bessere Zukunft. „Wir haben klare Ziele bei der CO2-Reduktion, aber keine gemeinsame positive Perspektive. Wir haben die Energiewende zwar an die Wall Street gebracht, aber nicht auf die Hauptstraße, wo die Menschen sind.“

Konsequenter Fokus auf die Kund:innen

Darum, wie die Transformation direkt zu den Menschen gebracht werden kann, ging es in einem Talk von VERBUND-CEO Michael Strugl und Greg Jackson, Gründer von Octopus Energy. Strugl sieht das britischen Unternehmen dabei als Vorbild: „Octopus ist ein echter Champion, wenn es um Kundenservice geht.“ Als er Jackson zum ersten Mal nach dessen Geschäftsmodell gefragt habe, sei die Antwort denkbar simpel gewesen: „Ich will den Kunden weniger verrechnen.“ Dieser konsequente Fokus auf die Kund:innen sei der Schlüssel, sagt Strugl.

Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Viele Energieunternehmen würden Kund:innen bisher nur als reine Abnehmer verstehen, meint Jackson. Octopus setze stattdessen auf radikale Vereinfachung und digitale Flexibilität: „Statt schwer lesbarer, regulierter PDFs nutzen wir einfache E-Mails, auf die man direkt antworten kann.“ Diese Kundennähe gepaart mit intelligenter Steuerung – etwa beim Laden von Elektrofahrzeugen – sei der Treiber für das rasante Wachstum des Unternehmens. Für Strugl ist das eine klare Orientierung für die gesamte Branche: „Innovatoren und Disruptoren helfen uns dabei, das gesamte System in ein erneuerbares, dezentrales und digitalisiertes Energiesystem zu verwandeln.“

Tragende Rolle für Gründer:innen – Unis entscheidend

Es sind also nicht nur Politiker:innen und Verantwortliche in Energiekonzernen, sondern auch Gründer:innen, die bei der Energiewende eine tragende Rollen spielen. Hier wiederum sind die Universitäten entscheidende Akteure, wie Franz Zöchbauer am Panel gemeinsam mit WU-Wien-Rektor Rupert Sausgruber und TU-Wien-Rektor Jens Schneider erläutert. „Es gibt im Energiesektor so viel Potenzial, aber man braucht nicht nur viel Geld sondern auch die Ideen“, bringt es Schneider auf den Punkt.

Jens Schneider (l.) und Rubert Sausgruber (r.) | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

„Starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“

Dass natürlich auch die Politik ihren Beitrag leisten muss, um die Skalierung über die Grenzen hinaus zu ermöglichen, erörtert Startup-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner in ihrer Keynote. Man müsse die Herausforderung angehen, Startups in Europa zu halten. „Wir haben starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“, sagt Zehetner und spricht nicht nur das bekannte Thema Wachstumskapital, sondern unter anderem auch die Ausgründungsbedingungen für universitäre Spinoffs an.

Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Als konkrete Maßnahmen – teils auf europäischer, teils auf nationaler Ebene – nennt die Staatssekretärin etwa den European Scaleup Fund und den heimischen Dachfonds und die Notwendigkeiten, die europäische Kapitalmarktunion zu stärken und die Mitarbeiter:innenbeteiligung auch durch steuerliche Anreize weiter zu verbessern. Denn letztlich sei das Ziel – ganz getreu dem Motto des Venture Days – klar: „Erfinde dein Produkt hier, bau dein Unternehmen hier und skaliere hier, aber verkaufe dein Produkt in die ganze Welt.“

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