14.04.2025
INSOLVENZ-STATISTIK

Insolvenzen in Österreich steigen auf über 2.000 seit Jahresbeginn – auch FlexCo betroffen

Leider war es zu erwarten: Die Insolvenzen heimischer Unternehmen steigen. Aktuell sind seit Jahresbeginn 2.004 Firmen insolvent gegangen, man rechnet bis Jahresende mit einer Vervierfachung. Die US-Zölle könnten die Lage verschärfen.
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(c) Adobe Stock - Axel Bueckert

Im ersten diesjährigen Quartal meldeten in Österreich 2.004 Unternehmen Insolvenz an. Das entspricht einem Anstieg der Firmenpleiten um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, so die Analyse des in Wien sitzenden Informationsdienstleisters CRIF Österreich. Die volatile US-Zollpolitik zeigt ihre Auswirkungen und lässt gerade Unternehmen im Handel nicht unberührt. Bis zum Jahresende rechnet man mit einer Vervierfachung der Pleiten.

Handel leidet besonders, Zölle verstärken Druck

Wenig überraschend wurden die meisten Insolvenzen im Sektor „Handel“ (384 Insolvenzen) verzeichnet, gefolgt vom Baugewerbe (315 Insolvenzen) und der Gastronomie (242 Insolvenzen).

Am wenigsten Insolvenzen gab es in der Energie- und Wasserversorgung (jeweils eine Insolvenz), gefolgt vom Sektor „Erziehung und Unterricht“ mit nur vier und „Land- und Forstwirtschaft, Fischerei“ mit elf Insolvenzen.

Unverkennbar ist die heimische Wirtschaft aktuell mit vielschichtigen Herausforderungen konfrontiert. Darunter die bekannterweise hohen Energie- und Lohnkosten, geopolitsche Unsicherheiten sowie eine anhaltende Rezession.

Zick-Zack-Zoll-Politik fordert Gegenmaßnahmen

Das neue, wenn auch volatile US-Zollpaket soll den wirtschaftlichen Abschwung in Österreich voraussichtlich weiter verschärfen. Erst letzten Mittwoch verkündete der amtierende US-Präsident Donald Trump Zölle in Höhe von 20 Prozent auf Waren, die aus Europa in die USA importiert werden.

Die „Zick-Zack-Zoll-Politik“ erlebte seither einige volatile Veränderungen, was Börsenkurse weltweit zum Einbruch bewegte und Kurse weiterführend ins Schwanken brachte.

Klarerweise erweist sich die Situation auch für das heimische Unternehmertum als schwierig: Gerade der Handel leidet unter den Schwankungen. Heimische Unternehmer berufen sich bereits auf Gegenstrategien – brutkasten berichtete exklusiv hier.

„Zusätzlich wirkt sich der Rückgang der Industrieproduktion im gesamten Euro-Raum negativ auf österreichische Firmen aus“, wird Anca Eisner-Schwarz, Geschäftsführerin von CRIF Österreich, zitiert.

8.000 Insolvenzen bis Jahresende erwartet

Auch die Prognosen für die drei bevorstehenden Quartale scheinen sich nicht zu bessern: CRIF prognostiziert aktuell etwa über 8.000 Insolvenzen für das laufende Jahr, was einen Quartalsdurchschnitt von 2.000 Insolvenzen bedeuten könnte.

Wien weiterhin Insolvenz-Hauptstadt

Die meisten Firmeninsolvenzen finden sich im ersten Quartal 2025 in Wien, was nicht zuletzt an der hohen Firmendichte im Wiener Wirtschaftsraum liegt. In der Bundeshauptstadt verzeichnete man 802 Insolvenzen, gefolgt von Niederösterreich mit 355 Insolvenzen. An dritter Stelle steht Oberösterreich mit 236 und die Steiermark mit 176 Insolvenzen. Die Schlusslichter bilden Salzburg mit 130, Tirol mit 129, Kärnten mit 114, Vorarlberg mit 44 und das Burgenland mit 38 Firmenpleiten.

Bei genauerem Blick auf Wien fällt auf: Die Insolvenzdichte ist hoch – sie liegt bei einem Durchschnitt von 34 Insolvenzen je 10.000 Firmen. Die geringste Insolvenzdichte wurde im Q1 2025 in Vorarlberg verzeichnet – und zwar bei 17 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen.

Tiroler Insolvenzen am stärksten angestiegen

Den höchsten Anstieg verzeichnete Tirol mit einem Plus von 76,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. In Salzburg stiegen die Firmenpleiten um 56,6 Prozent, in Oberösterreich um 22,3 Prozent.

Vergleichsweise weniger Firmeninsolvenzen als im Vorjahreszeitraum meldete das Burgenland (29,6 Prozent weniger), die Steiermark (1,1 Prozent weniger) und Wien (0,5 Prozent weniger).

Nur eine FlexCo unter insolventen Firmen

Überraschenderweise hat es auch die erst mit 1. Jänner 2024 eingeführte neue Gesellschaftsform der Flexiblen Kapitalgesellschaft (FlexCo) getroffen. Laut KSV 1870 sei dies ein Gastronomiebetrieb namens ARF FlexCo aus dem niederösterreichischen Ort Kottingbrunn.

Bedeutung hatte die neue Gesellschaftsform vor allem dank ihrer flexibleren Kapital- und Beteiligungsmaßnahmen. Als Gegenstück zur GmbH lässt die FlexCo die Übertragung von Unternehmensanteilen zu und vereinfacht die Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmenserfolg.

Einzelunternehmer traf es am häufigsten

Am stärksten und häufigsten traf es allerdings die Unternehmensform der Einzelunternehmer: nämlich ganze 980 Einzelunternehmen und damit fast die Hälfte (etwa 49 Prozent) aller Firmenpleiten. Am zweitstärksten traf es die Rechtsform der GmbH: 868 GmbHs mussten Insolvenz anmelden, das sind 43 Prozent der gesamt verzeichneten Insolvenzen.

Die beiden Rechtsformen machen damit 92 Prozent und somit den Großteil der heimisch verzeichneten Firmeninsovlenzen aus. Statistisch gesehen ergibt das Sinn: Einzelunternehmen sind die am häufigsten vorkommende Rechtsform unter den heimischen Personengesellschaften, gefolgt von der GmbH unter den Kapitalgesellschaften.

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Foto: OTS Amt der Oö. Landesregierung

Das Land Oberösterreich holt einen prominenten Player aus dem Silicon Valley dauerhaft nach Linz: Am Campus der Johannes Kepler Universität (JKU) entsteht das erste „Center of Excellence for Physical and Industrial AI“ von Plug and Play innerhalb der Europäischen Union. Das gaben Landeshauptmann Thomas Stelzer und Vertreter der beteiligten Unternehmen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Landhaus Linz bekannt.

Plug and Play wurde 2006 im Silicon Valley gegründet und betreibt ein internationales Netzwerk für Innovation und Startup-Kooperationen. Nach eigenen Angaben zählt das Unternehmen zu den aktivsten Early-Stage-Venture-Capital-Investoren der Welt, mit mehr als 65 Standorten auf fünf Kontinenten, über 550 Unternehmenspartnern, rund 250 Startup-Investments pro Jahr und mehr als 2.500 Unternehmen im Portfolio, darunter über 35 Unicorns.

Neu ist Plug and Play in Österreich dabei nicht: Seit 2019 kooperiert das Netzwerk mit dem Flughafen Wien, 2021 eröffnete es dort sein österreichisches Headquarter (brutkasten berichtete). In den ersten fünf Jahren dieser Partnerschaft wurden mehr als 700 Startups gemeinsam gescreent, rund zwei Dutzend Projekte in Bereichen wie Robotics, Predictive Maintenance und KI entstanden daraus. Geleitet wird Plug and Play Austria von Managing Director Nik Munaretto. Mit dem Exzellenzzentrum in Linz kommt nun ein dauerhafter Standort mit industriellem Fokus hinzu.

Fünf Industrie-Schwergewichte als Anchor-Partner

Mit Keba, Primetals Technologies, Swietelsky, TGW Logistics und voestalpine beteiligen sich fünf oberösterreichische Industrieunternehmen als künftige Anchor-Partner an der Gründungsrunde. Als Gründungspartner erhalten sie besondere Mitgestaltungsmöglichkeiten und können industrielle Aufgabenstellungen und technologische Schwerpunkte in das Programm einbringen. Im Mittelpunkt stehen konkrete KI-Anwendungen in Produktion, Anlagenbau, Logistik, Engineering und Bauwirtschaft.

Das Prinzip dahinter ist der Open-Innovation-Ansatz von Plug and Play: Etablierte Unternehmen bringen konkrete technologische Herausforderungen ein, Plug and Play identifiziert über sein internationales Netzwerk passende Startups und Technologien und bringt beide Seiten für Pilotprojekte und Kooperationen zusammen.

„Oberösterreich wartet nicht darauf, was die Zukunft bringt: Wir gestalten sie. Mit Plug and Play holen wir eines der weltweit führenden Innovationsnetzwerke nach Linz und machen Oberösterreich zum europäischen Pionier bei ‚Physical and Industrial AI‘“, sagt Landeshauptmann Thomas Stelzer. Neue Technologien sollten „nicht irgendwo Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen, sondern bei uns in Oberösterreich“.

Knogler: „Bei KI entscheidet nicht allein, wer die besten Ideen hat“

Keba-CEO Christoph Knogler, zugleich Vorsitzender der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung, sieht in dem Zentrum einen Hebel für die Umsetzungsgeschwindigkeit: „Bei Künstlicher Intelligenz entscheidet nicht allein, wer die besten Ideen hat, sondern wer sie rasch in die industrielle Anwendung bringt.“ Das Exzellenzzentrum schaffe einen direkten Zugang zu internationalen Startups und Technologien. „Damit haben wir die Chance, die weltbesten und innovativsten KI-Lösungen nach Oberösterreich zu holen und gemeinsam mit unseren Unternehmen in konkrete Wertschöpfung zu übersetzen.“

Im großen Cover-Interview der aktuellen brutkasten-Printausgabe hatte Knogler zuletzt dargelegt, warum er die Chance Europas nicht im LLM-Rennen sieht, sondern in industrieller KI: Produktionswissen und Maschinendaten als europäische Souveränitätschance.

Auch die übrigen Partner ordnen die Initiative in ihre Strategien ein: Primetals-CFO Michael Kienberger will „modernste KI-Ansätze noch schneller in unsere Systeme“ integrieren, Swietelsky-CFO Harald Gindl kündigt an, „Physical AI und Robotik im Baubetrieb in Oberösterreich gezielt erproben“ zu wollen. TGW-CTO Christoph Wolkerstorfer spricht mit Blick auf autonom agierende Systeme von einem „echten Game Changer“ für die Intralogistik. voestalpine-CFO Gerald Mayer verweist darauf, dass sich der Konzern über die Partnerschaft „den Austausch mit führenden Forschungseinrichtungen und den Zugang zu globalen Startups“ sichere.

tech2b als Schnittstelle, keine Parallelstruktur

Die Abwicklung für das Land Oberösterreich übernimmt der Inkubator tech2b. Damit soll keine neue Parallelstruktur entstehen, sondern das internationale Netzwerk von Plug and Play mit dem bestehenden oberösterreichischen Innovationsökosystem verbunden werden. Über die fünf Anchor-Partner hinaus sollen auch weitere tech2b-Mitgliedsunternehmen Zugang zum Netzwerk erhalten.

„Oberösterreich vereint genau das, wonach wir als globales Innovationsnetzwerk und Venture Capital Investor aus dem Silicon Valley suchen: eine unglaublich starke industrielle Basis, exzellente Forschung, ambitionierte Startup-Gründer und Unternehmen, die neue Technologien in die Anwendung bringen wollen“, sagt Nik Munaretto, Managing Director von Plug and Play Austria.

Umsetzungsschritt der KI-Exzellenzstrategie

Das Zentrum ist ein konkreter Umsetzungsschritt der von Landeshauptmann Stelzer initiierten KI-Exzellenzstrategie für den Industriestandort Oberösterreich. Deren Mitautor Teodoro Cocca sieht die „eigentliche Pionierleistung“ darin, „dass das Land nicht bei Strategiepapieren stehen bleibt, sondern eine Struktur schafft, die weltweit nach den besten Lösungen sucht und sie systematisch in die oberösterreichische Industrie bringt“. Mitautor Meinhard Lukas ergänzt: „Aus Wissen werden Anwendungen, aus Kontakten konkrete Kooperationen und aus technologischen Chancen neue Wertschöpfung.“

Dass der Standort Substanz mitbringt, untermauert die Aussendung mit Beispielen: Die JKU bietet ein englischsprachiges Bachelor- und Masterstudium Artificial Intelligence. Das 2024 gegründete JKU-Spin-off Emmi AI holte sich 2025 eine Seed-Finanzierung über 15 Millionen Euro und wurde im Mai 2026 vom französischen KI-Unternehmen Mistral AI übernommen (brutkasten berichtete). Und das oberösterreichische Technologieunternehmen Tractive hat sich mit GPS- und Gesundheitstrackern für Haustiere zu einem international tätigen Anbieter entwickelt, dessen Produkte laut Aussendung in mehr als 175 Ländern funktionieren.

Wie Oberösterreich als Industrie- und Innovationsstandort insgesamt aufgestellt ist, beleuchtet brutkasten im großen Standort-Check der aktuellen Printausgabe: von der Tabakfabrik über die JKU bis zu den Exits von Emmi AI und Tractive.

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