28.12.2023

Innovativ, inspirierend, inklusiv: Diese Female Founders haben 2023 verändert

Die Gender Gaps machen auch vor der Startup-Szene nicht halt. Trotzdem sind die Female Founders unseres Landes präsenter denn je: Sechs inspirierende Gründerinnen haben mit brutkasten gesprochen und verraten ihre Learnings aus 2023 sowie ihre Pläne für das neue Jahr.
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v.l.n.r.: Katharina Herzog (c) Julia Oberhauser, Stephanie Sinko und Victoria Neudorfer (c) Damn Plastic, Ana-Marija Autischer (c) Vigilios, Julia Kruselburger (c) Independo, Kosima Kovar (c) WKOÖ, Theresa Imre (c) Pamela Rußmann.

Deutlich weniger Finanzvolumen als ihre männlichen Kollegen und ein riesiger Gender-Gap. Damit mussten sich Österreichs Female Founders auch heuer wieder auseinandersetzen. Was die weibliche Startup-Szene in Österreich 2023 bewegt hat, kann sich trotzdem allemal sehen lassen: Hohe mediale Aufmerksamkeit und der EU-weit höchste nationale Anteil an Female Startups legen neben einer Vielzahl an Innovationen heuer immense Grundsteine für Veränderung. Denn die weibliche Startup-Szene hat einiges vor. Für den brutkasten-Jahresrückblick haben wir mit sechs inspirierenden Gründerinnen gesprochen und erfahren, was sie 2023 besonders bewegt hat.

Eines kann vorweg gesagt werden: Der Spirit der österreichischen Female Founders lautet “Support”. Hemmungen, diesen anzunehmen oder nützliche Tipps weiterzugeben, haben sie dabei keinesfalls. Warum auch? Welche Learnings sie an Neu-Gründerinnen weitergeben möchten, haben sie uns verraten.

Der Status Quo: Startup-Szene als Männerdomäne

Zwischen Funding Gaps und dem Überschuss an Male Startups müssen sich Frauen in der Gründungsszene beweisen. Und das, obwohl ihnen im vergangenen Jahr nur ganze zehn Prozent des nationalen Finanzierungsvolumens zugesteckt wurden. Der Rest, also 90 Prozent des frischen Kapitals hiesiger VC-Runden, rutschte in rein männliche Startups.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Nach dem letztjährigen Austrian Startup Monitor 2022 (S. 10) ist der Anteil der Female Startups in Österreich von 36 Prozent (2021) auf 39 Prozent (2022) gestiegen. Der Wirtschaftsprüfer EY verrät Ähnliches: Gemäß seinem Female Start-up Funding Index aus dem ersten Halbjahr 2023 machen Female Startups 36 Prozent der nationalen Jungunternehmen aus. Mit diesem Anteil befanden wir uns EU-weit im vergangenen Jahr im EU-Spitzenfeld.

Diese Gründerinnen zeigten 2023, was sie können

Wenig passierte im nationalen Segment der Female Startups also nicht: Bei Plattform-Launches, Neugründungen, Award-Nominierungen oder internationalen Auftritten konnten Österreichs Gründerinnen zeigen, wer hinter der Female Startup Szene unseres Landes steckt – und sie legten damit die Weichen für ein vielversprechendes Jahr 2024. brutkasten hat hier einige Gesichter aus der Startupszene aufgelistet, die man sich merken sollte.

Victoria Neuhofer und Stephanie Sinko von Damn Plastic

Stephanie Sinko und Victoria Neuhofer (c) Damn Plastic

Victoria Neuhofer und Stephanie Sinko sollte man kennen. Mit ihrem Female Impact Startup Damn Plastic haben sie 2023 einige Zeichen für Umweltschutz und gegen Ressourcenverschwendung gesetzt. Das Salzburger Startup verkündete im Oktober dieses Jahres, dass es mit seinem Franchise-Konzept nach Deutschland und in die Schweiz expandieren wird. Bereits im Oktober 2022 eröffnete Damn Plastic einen Standort in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana.

Außerdem winkte 2023 eine internationale Auszeichnung: Für sein Impact-orientiertes Geschäftsmodell erhielt Damn Plastic den Great Companies Global Business Award 2023 in der Kategorie “Retail”. Das Startup konnte sich als einziges Unternehmen aus Österreich im globalen Wettbewerb durchsetzen (brutkasten berichtete).

Innovatorin Victoria Neuhofer hat das Startup gemeinsam mit Stephanie Sinko 2019 gegründet. Mit Damn Plastic vertreibt das Team sogenannte “Impact Products”. Dabei handelt es sich um Waren, die aus Müll hergestellt werden. Damit wollen die beiden Gründerinnen zur Reduzierung von Müll beitragen. Im Sortiment befinden sich neben Mode- und Sportartikeln unter anderem Haushalts- und Beautyprodukte.

Damn Plastics größtes Learning aus 2023: Just f* do it!

Stephanie Sinko, Co-Founderin des Salzburger Startups, lernte im vergangenen Jahr vor allem eines: „Als Frau bist du nicht kleiner und schwächer, nur weil das viele vielleicht denken. Die Bühne ist da – nutze sie!“ Das Damn Plastic Duo gibt Gründerinnen (to be) vor allem diesen Ratschlag für 2024 mit: „Sich zu trauen ist kein Fehler. Try and fail ist eine Bereicherung und Erfahrung, die man sammelt. Just f* do it!“

Ana-Marija Autischer von Vigilios

Ana-Marija Autischer (c) Vigilios

Nicht nur kennen, sondern vor allem auch anerkennen sollte man die Tätigkeit von Gründerin Ana-Marija Autischer. Ein schwach besuchter Bahnhof zu später Uhrzeit, ein dunkler Park oder eine fremde Stadt. Zu viele Orte bieten nicht die Sicherheit, die es braucht, die Reisesafety-App Vigilios hat Anfang 2023 genau das geändert. Auf Reisen entdeckte Gründerin und CEO Ana-Marija Autischer, dass bereits verfügbare Apps nicht die Hilfestellung anbieten, die es für ein sicheres Gefühl und den nötigen Support braucht und entwickelt kurzerhand gemeinsam mit Co-Gründer und CTO Stefan Stumpfl endlich eine App, die all das kann: Mit einem datengetriebenen personalisierten Ansatz bietet Vigilios drei Hauptfunktionen – eine Karte, Safety Insights und Support via Telefonnummern – an, die nicht nur von Reisenden genutzt werden können.

„Just like Google Maps, only for your safety“ heißt es auf der Website des Startups und das stimmt. Denn neben Restaurants oder Cafés, die in der Nähe liegen, bekommen User:innen hier auf einen Blick alle relevanten Sicherheitsinformationen über einen Ort oder ein Gebiet präsentiert. Dabei bietet die App nicht nur wichtige Telefonnummern, Anlaufstellen und Empfehlungen anderer User:innen an, sondern auch Insights über die politische Situation in der Region und zeigt, wie man sich verhalten soll, um sicher zu bleiben.

Die Daten strömen dabei aus drei verschiedenen Quellen: Zum einen Open Source Daten, etwa OpenStreetMap, und Daten, die öffentliche Regierungen über APIs (Progammmierschnittstellen) zur Verfügung stellen. Zweitens lizensierte Daten von professionellen Data-Unternehmen, die Informationen zu aktuellen Protesten und Wahlen vor Ort bieten, und drittens User- generated Content. Letzteres wird inhaltlich strengstens geprüft, einfach so posten kann man also nicht. Dabei ist der Reisefaktor nur der Anknüpfungspunkt: Autischer, die erst Anfang dieses Jahres gegründet hat, berichtet brutkasten über ihre weiteren Pläne.

So soll die App auch Informationen zu Gesundheitsfragen oder Umzügen bieten. Vor allem für Personen, die remote arbeiten und durch längere Aufenthalte andere Anlaufstellen benötigen, wäre die Erweiterung hilfreich. Anfang 2024 soll der Launch für Android-Geräte erfolgen. Bis dahin will das Startup aus dem Nutzungsverhalten seiner User:innen lernen, am Product-Market Fit arbeiten und weiter wachsen. Eines der größten Ziele für 2024 ist Prävention: Vigilios- Nutzer:innen sollen mithilfe der App gar nicht erst an unsichere und potenziell gefährliche Orte gelangen.

Ana-Marija Autischers größtes Learning aus 2023: Fokus, Fokus, Fokus.

„Es ist besser einige wenige, relevante Sachen richtig gut zu machen anstatt viele nur mittelmäßig. Sich beim Tun auch immer wieder fragen — ist das wirklich relevant für das große Ganze?“ Ganz wichtig sei dabei auch öfter einmal „Nein“ zu sagen. 2023 habe gezeigt, wie entscheidend Anpassungsfähigkeit an neue Situationen sei, betont sie im Gespräch mit brutkasten. Ihr Rat daher für Gründerinnen: „Sei anpassungsfähig und bleib optimistisch, auch wenn es mal nicht nach Plan läuft. Es ist auch keine Schande, um Hilfe und Unterstützung zu fragen. Ein frischer Blick von außen kann manchmal Wunder wirken.“

Theresa Imre von markta

Theresa Imre (c) Pamela Rußmann

Eine weitere Inspiration aus der heimischen Startup-Szene ist Theresa Imre. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von markta – einem digitalen Online-Marktplatz. Das Wiener Startup unterstützt mit seinem gleichnamigen Online-Bauernmarkt den Vertrieb regionaler Produkte von Klein- und Familienbetrieben.

Im vergangenen Jahr hat markta einige Meilensteine erreicht. Einer davon ist die Eröffnung der ersten markta-Filiale im neunten Wiener Gemeindebezirk, was Geschäftsführerin Theresa Imre gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Julian Hödlmayr in diesem Frühjahr verkündete. Das Jungunternehmen erweitert damit sein Geschäftskonzept als Reaktion auf die immer größer werdende Konkurrenz im Onlinehandel.

Neben der Eröffnung des ersten Bauernladens startete sich markta im Dezember dieses Jahres ein neues Sozialprojekt: Mit „sozialen“ Adventskränzen und Adventskalendern will markta Langzeitarbeitslosen zurück ins Berufsleben verhelfen und regionale Produktionen stärken.

Theresa Imres größtes Learning aus 2023: Resilienz & gegenseitiges Stärken

Das vergangene Jahr beschreibt markta-Gründerin Theresa Imre im Gespräch mit brutkasten als “wirtschaftlich, politisch und sozial angespannte Zeit”. Trotzdem blickt sie positiv auf das Geschaffte zurück: “Wir hatten sowohl unfassbares Glück, aber auch einen guten Weitblick, dass wir 2023 markta vom singulären Online-Bauernmarkt zum multiplen Omnichannel-Modell mit der ersten stationären Filiale und B2B-Vertrieb ausgebaut haben.”

Zusätzlich betont sie, dass es für Unternehmen gerade in ungewissen Zeiten der Klimakrise und Auswirkungen globalisierter Wirtschaftssysteme wichtig sei, Resilienz zu zeigen, sich anzupassen, auf mehrere Standbeine zu setzen und Kooperationen untereinander zu stärken. Ihr Tipp für 2024: Wirtschaftlichkeit statt reinem Wachstum fokussieren, vorrausschauend planen und diverse Szenarien berücksichtigen.

Kosima Kovar von Ada Growth

Kosima Kovar (c) WKOÖ

Die Mehrfachgründerin, Innovatorin und Geschäftsführerin Kosima Kovar hat sich im vergangenen Jahr einige Male im nationalen und internationalen Rampenlicht gezeigt. Nicht zu unrecht, denn vor allem mit ihrem Startup Ada Growth, das sie gemeinsam mit Matthew Ziebarth im März 2021 in Wien gegründet hat, startete die Innovatorin dieses Jahr durch.

Das Startup Ada Growth sieht sein Ziel in der Förderung der Sichtbarkeit und des Erfolgs von Frauen in der Wirtschaft. Geschafft werden soll das mit einer App, die als B2B-Lösung vertrieben wird und Unternehmen dabei helfen soll, attraktiver für weibliche Talente zu werden. Das Wiener Startup erhielt im Juli des vergangenen Jahres ein sechsstelliges Investment, mit dem Ada Growth nun auf mehr als eine Million Euro investiertes Kapital kommt (brutkasten berichtete).

Den Lead dabei übernahm Business Angel Hansi Hansmann, der bereits zuvor in das Startup investiert war. Auch die Bestandsinvestor:innen Anna Hofmann, Managing Director von Green Source, und Berndt Zinnöcker, Tax Partner bei BDO, zogen wieder mit. Dazu kam eine ganze Reihe teils prominenter Neuinvestor:innen, allen voran die VC-Fonds Calm/Storm und Fund F.

Ada-Growth-Co-Founderin Kovar kann allerdings nicht nur über finanzielle Errungenschaften im Jahr 2023 berichten. Die Innovatorin wurde unter anderem für die US-Leaders Initiative YTILI (Young Transatlantic Innovation Leaders Initiative) in Chicago nominiert, an der sie im kommenden Jahr teilnehmen wird. IM brutkasten-Interview sprach sie über transatlantische Beziehungen sowie Unterschiede in der US-amerikanischen und österreichischen Startup-Szene. Neben vielen weiteren Errungenschaften, Erwähnungen und Auftritten wurde Kosima Kovar in der Forbes-„30 under 30“-Liste neben internationalen Persönlichkeiten wie der Sängerin Miley Cyrus erwähnt.

Kosima Kovars größtes Learning aus 2023: Der Sichtbarkeits-Boost & “fail smart!”

Gegenüber brutkasten erwähnt Kovar ihr größtes Learning aus dem Jahr 2023 und rät Gründer:innen zur Sichtbarkeit: “Der eine öffentliche Auftritt führt zum nächsten, der wiederum führt zum nächsten und so weiter – und plötzlich steht man auf einer TED-Bühne. Egal was du tust, wenn niemand davon weiß, hat es weniger Impact. Mach dich und deine Initiativen sichtbar!”

Für 2024 will Kovar anderen Gründer:innen die Angst vor Investor:innen nehmen: “Das ist eine Aufforderung vor allem an die weiblichen Gründerinnen, sich Finanzierungsmodelle anzusehen, die über Bootstrapping hinausgehen. Einfach machen. Du fühlst dich nie bereit. Weniger konzipieren, mehr umsetzen. Fail fast! Fail smart!”

Katharina Herzog von money:care

Katharina Herzog (c) Julia Oberhauser

Finanziell absichern können sich bei money:care zumindest die Nutzer:innen. Das Startup kümmert sich nämlich um nachhaltiges Investieren und das, ohne sich von „Greenwashing“ täuschen zu lassen. Die Wiener Plattform bietet Einblicke in Nachhaltigkeitsdaten börsengelisteter Unternehmen. Privatangeler:innen können mittels künstlicher Intelligenz zeitsparend und unkompliziert Finanz-Informationen abrufen. Beraten werden sie zusätzlich auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal des Startups rund um das Founder-Trio Katharina Herzog, Timo Nothdurft und Ulrich Penitz, der das Thema finanzielle Bildung aufgreift.

Wie die Co-Gründerin und CEO Katharina Herzog, die zugleich das Gesicht des Kanals ist, auf die Idee für ein solches Startup gekommen ist? “Mir wurde klar, dass ich meine eigenen Finanzen nicht irgendwem überlassen, sondern mich selbst darum kümmern sollte. Daher habe ich mich immer mehr mit der Thematik beschäftigt”, erklärt sie im brutkasten-Interview.

Die Auseinandersetzung mit dem Finanzwesen machte ihr klar: Es braucht unabhängige und vertrauenswürdige Beratung in Sachen Cash. Mit dem Ziel nachhaltiges Investieren für jede und jeden simpler und transparenter zu gestalten arbeitet money:care daher mit Organisationen wie dem Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für soziale Entwicklung (UNRISD) zusammen.

Katharina Herzogs größtes Learning aus 2023: Fokus & Vision treu bleiben!

Gelernt habe Herzog 2023 vor allem, dass es im „Startup-Rollercoaster so wichtig ist auch kleine Erfolge zu feiern, um die Energie beizubehalten und weiterzumachen.“ Ein besonders schwieriges Learning war es, nicht allen, die anfragen, Feedback zu geben, sondern dem eigenen „Fokus und der Vision treu zu bleiben.“

Auf die Frage nach ihrem Erfolgsrezept antwortet Herzog: Das Netzwerken nicht unterschätzen. „Beziehungen zu pflegen ist eine Superpower und ein starkes Netzwerk, besonders in einer frühen Gründerphase das A und O“, betont sie. Neu-Gründerinnen möchte sie daher auf den Weg geben: „Es lohnt sich, auf Menschen zuzugehen und sich auszutauschen. Nicht selten können dann aus anfangs oberflächlichen Verbindungen auch tiefere, authentische Beziehungen entstehen, die einem beruflich, aber auch persönlich viel geben.“

Julia Kruselburger von independo

Julia Kruselburger (c) independo

Um Austausch und vor allem Inklusion geht es Julia Kruselburger, Gründerin von independo. Wenn es nach ihr gehen würde, wäre digitale Inklusion in der Startup-Szene kein Randthema mehr. Erst im August gelauncht hat die Co-Founderin von independo gemeinsam mit ihrem Team ein Produkt entwickelt, das jede:r braucht und nun auch endlich alle nutzen können: Die Rede ist von einer Kalender-App.

Mit speziellen Anpassungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten werden textbasierte Termine, die zuvor mit gängigen Kalendern von Google oder Apple synchronisiert wurden, in Piktogramme oder Audiodateien übersetzt. Schüler:innen mit kognitiven Behinderungen können die App somit eigenständig nutzen und verwalten. Dies sei besonders in inklusiven Klassen nützlich, da alle Schüler:innen denselben Kalender verwenden können, um Barrieren abzubauen.

Julia Kruselburgers größtes Learning aus 2023: Bau dir ein Umfeld, in dem du wachsen kannst!

Wichtig sei es, seine Zielgruppe von Anfang an in den Design- und Entwicklungsprozess mit einzubinden, erklärt die Founderin im Gespräch mit brutkasten. Für die Entwicklung des Produkts haben sie daher eng mit Sonderschulen, Vereinen und dem Partnerverein „Integration Wien“ gearbeitet. 2024 plant das Startup Abo-Modelle für Schulen zu entwickeln und diese im App-Store auch für individuelle Nutzer:innen anzubieten. Neu-Gründerinnen rät Julia Kruselburger sich ein Umfeld aufzubauen, in dem man wachsen kann. „Man kann so viel mehr erreichen, wenn man sich gegenseitig unterstützt, fordert und versteht.“

Ihr Tipp für Gründerinnen: „Lebt den Pippi-Langstrumpf-Vibe: Bleibt frech, wild und wunderbar. Hartnäckigkeit ist das Geheimnis – selbst bei der zehnten Frage oder dem dritten Hilferuf!“

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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