28.12.2023

Innovativ, inspirierend, inklusiv: Diese Female Founders haben 2023 verändert

Die Gender Gaps machen auch vor der Startup-Szene nicht halt. Trotzdem sind die Female Founders unseres Landes präsenter denn je: Sechs inspirierende Gründerinnen haben mit brutkasten gesprochen und verraten ihre Learnings aus 2023 sowie ihre Pläne für das neue Jahr.
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v.l.n.r.: Katharina Herzog (c) Julia Oberhauser, Stephanie Sinko und Victoria Neudorfer (c) Damn Plastic, Ana-Marija Autischer (c) Vigilios, Julia Kruselburger (c) Independo, Kosima Kovar (c) WKOÖ, Theresa Imre (c) Pamela Rußmann.

Deutlich weniger Finanzvolumen als ihre männlichen Kollegen und ein riesiger Gender-Gap. Damit mussten sich Österreichs Female Founders auch heuer wieder auseinandersetzen. Was die weibliche Startup-Szene in Österreich 2023 bewegt hat, kann sich trotzdem allemal sehen lassen: Hohe mediale Aufmerksamkeit und der EU-weit höchste nationale Anteil an Female Startups legen neben einer Vielzahl an Innovationen heuer immense Grundsteine für Veränderung. Denn die weibliche Startup-Szene hat einiges vor. Für den brutkasten-Jahresrückblick haben wir mit sechs inspirierenden Gründerinnen gesprochen und erfahren, was sie 2023 besonders bewegt hat.

Eines kann vorweg gesagt werden: Der Spirit der österreichischen Female Founders lautet “Support”. Hemmungen, diesen anzunehmen oder nützliche Tipps weiterzugeben, haben sie dabei keinesfalls. Warum auch? Welche Learnings sie an Neu-Gründerinnen weitergeben möchten, haben sie uns verraten.

Der Status Quo: Startup-Szene als Männerdomäne

Zwischen Funding Gaps und dem Überschuss an Male Startups müssen sich Frauen in der Gründungsszene beweisen. Und das, obwohl ihnen im vergangenen Jahr nur ganze zehn Prozent des nationalen Finanzierungsvolumens zugesteckt wurden. Der Rest, also 90 Prozent des frischen Kapitals hiesiger VC-Runden, rutschte in rein männliche Startups.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Nach dem letztjährigen Austrian Startup Monitor 2022 (S. 10) ist der Anteil der Female Startups in Österreich von 36 Prozent (2021) auf 39 Prozent (2022) gestiegen. Der Wirtschaftsprüfer EY verrät Ähnliches: Gemäß seinem Female Start-up Funding Index aus dem ersten Halbjahr 2023 machen Female Startups 36 Prozent der nationalen Jungunternehmen aus. Mit diesem Anteil befanden wir uns EU-weit im vergangenen Jahr im EU-Spitzenfeld.

Diese Gründerinnen zeigten 2023, was sie können

Wenig passierte im nationalen Segment der Female Startups also nicht: Bei Plattform-Launches, Neugründungen, Award-Nominierungen oder internationalen Auftritten konnten Österreichs Gründerinnen zeigen, wer hinter der Female Startup Szene unseres Landes steckt – und sie legten damit die Weichen für ein vielversprechendes Jahr 2024. brutkasten hat hier einige Gesichter aus der Startupszene aufgelistet, die man sich merken sollte.

Victoria Neuhofer und Stephanie Sinko von Damn Plastic

Stephanie Sinko und Victoria Neuhofer (c) Damn Plastic

Victoria Neuhofer und Stephanie Sinko sollte man kennen. Mit ihrem Female Impact Startup Damn Plastic haben sie 2023 einige Zeichen für Umweltschutz und gegen Ressourcenverschwendung gesetzt. Das Salzburger Startup verkündete im Oktober dieses Jahres, dass es mit seinem Franchise-Konzept nach Deutschland und in die Schweiz expandieren wird. Bereits im Oktober 2022 eröffnete Damn Plastic einen Standort in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana.

Außerdem winkte 2023 eine internationale Auszeichnung: Für sein Impact-orientiertes Geschäftsmodell erhielt Damn Plastic den Great Companies Global Business Award 2023 in der Kategorie “Retail”. Das Startup konnte sich als einziges Unternehmen aus Österreich im globalen Wettbewerb durchsetzen (brutkasten berichtete).

Innovatorin Victoria Neuhofer hat das Startup gemeinsam mit Stephanie Sinko 2019 gegründet. Mit Damn Plastic vertreibt das Team sogenannte “Impact Products”. Dabei handelt es sich um Waren, die aus Müll hergestellt werden. Damit wollen die beiden Gründerinnen zur Reduzierung von Müll beitragen. Im Sortiment befinden sich neben Mode- und Sportartikeln unter anderem Haushalts- und Beautyprodukte.

Damn Plastics größtes Learning aus 2023: Just f* do it!

Stephanie Sinko, Co-Founderin des Salzburger Startups, lernte im vergangenen Jahr vor allem eines: „Als Frau bist du nicht kleiner und schwächer, nur weil das viele vielleicht denken. Die Bühne ist da – nutze sie!“ Das Damn Plastic Duo gibt Gründerinnen (to be) vor allem diesen Ratschlag für 2024 mit: „Sich zu trauen ist kein Fehler. Try and fail ist eine Bereicherung und Erfahrung, die man sammelt. Just f* do it!“

Ana-Marija Autischer von Vigilios

Ana-Marija Autischer (c) Vigilios

Nicht nur kennen, sondern vor allem auch anerkennen sollte man die Tätigkeit von Gründerin Ana-Marija Autischer. Ein schwach besuchter Bahnhof zu später Uhrzeit, ein dunkler Park oder eine fremde Stadt. Zu viele Orte bieten nicht die Sicherheit, die es braucht, die Reisesafety-App Vigilios hat Anfang 2023 genau das geändert. Auf Reisen entdeckte Gründerin und CEO Ana-Marija Autischer, dass bereits verfügbare Apps nicht die Hilfestellung anbieten, die es für ein sicheres Gefühl und den nötigen Support braucht und entwickelt kurzerhand gemeinsam mit Co-Gründer und CTO Stefan Stumpfl endlich eine App, die all das kann: Mit einem datengetriebenen personalisierten Ansatz bietet Vigilios drei Hauptfunktionen – eine Karte, Safety Insights und Support via Telefonnummern – an, die nicht nur von Reisenden genutzt werden können.

„Just like Google Maps, only for your safety“ heißt es auf der Website des Startups und das stimmt. Denn neben Restaurants oder Cafés, die in der Nähe liegen, bekommen User:innen hier auf einen Blick alle relevanten Sicherheitsinformationen über einen Ort oder ein Gebiet präsentiert. Dabei bietet die App nicht nur wichtige Telefonnummern, Anlaufstellen und Empfehlungen anderer User:innen an, sondern auch Insights über die politische Situation in der Region und zeigt, wie man sich verhalten soll, um sicher zu bleiben.

Die Daten strömen dabei aus drei verschiedenen Quellen: Zum einen Open Source Daten, etwa OpenStreetMap, und Daten, die öffentliche Regierungen über APIs (Progammmierschnittstellen) zur Verfügung stellen. Zweitens lizensierte Daten von professionellen Data-Unternehmen, die Informationen zu aktuellen Protesten und Wahlen vor Ort bieten, und drittens User- generated Content. Letzteres wird inhaltlich strengstens geprüft, einfach so posten kann man also nicht. Dabei ist der Reisefaktor nur der Anknüpfungspunkt: Autischer, die erst Anfang dieses Jahres gegründet hat, berichtet brutkasten über ihre weiteren Pläne.

So soll die App auch Informationen zu Gesundheitsfragen oder Umzügen bieten. Vor allem für Personen, die remote arbeiten und durch längere Aufenthalte andere Anlaufstellen benötigen, wäre die Erweiterung hilfreich. Anfang 2024 soll der Launch für Android-Geräte erfolgen. Bis dahin will das Startup aus dem Nutzungsverhalten seiner User:innen lernen, am Product-Market Fit arbeiten und weiter wachsen. Eines der größten Ziele für 2024 ist Prävention: Vigilios- Nutzer:innen sollen mithilfe der App gar nicht erst an unsichere und potenziell gefährliche Orte gelangen.

Ana-Marija Autischers größtes Learning aus 2023: Fokus, Fokus, Fokus.

„Es ist besser einige wenige, relevante Sachen richtig gut zu machen anstatt viele nur mittelmäßig. Sich beim Tun auch immer wieder fragen — ist das wirklich relevant für das große Ganze?“ Ganz wichtig sei dabei auch öfter einmal „Nein“ zu sagen. 2023 habe gezeigt, wie entscheidend Anpassungsfähigkeit an neue Situationen sei, betont sie im Gespräch mit brutkasten. Ihr Rat daher für Gründerinnen: „Sei anpassungsfähig und bleib optimistisch, auch wenn es mal nicht nach Plan läuft. Es ist auch keine Schande, um Hilfe und Unterstützung zu fragen. Ein frischer Blick von außen kann manchmal Wunder wirken.“

Theresa Imre von markta

Theresa Imre (c) Pamela Rußmann

Eine weitere Inspiration aus der heimischen Startup-Szene ist Theresa Imre. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von markta – einem digitalen Online-Marktplatz. Das Wiener Startup unterstützt mit seinem gleichnamigen Online-Bauernmarkt den Vertrieb regionaler Produkte von Klein- und Familienbetrieben.

Im vergangenen Jahr hat markta einige Meilensteine erreicht. Einer davon ist die Eröffnung der ersten markta-Filiale im neunten Wiener Gemeindebezirk, was Geschäftsführerin Theresa Imre gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Julian Hödlmayr in diesem Frühjahr verkündete. Das Jungunternehmen erweitert damit sein Geschäftskonzept als Reaktion auf die immer größer werdende Konkurrenz im Onlinehandel.

Neben der Eröffnung des ersten Bauernladens startete sich markta im Dezember dieses Jahres ein neues Sozialprojekt: Mit „sozialen“ Adventskränzen und Adventskalendern will markta Langzeitarbeitslosen zurück ins Berufsleben verhelfen und regionale Produktionen stärken.

Theresa Imres größtes Learning aus 2023: Resilienz & gegenseitiges Stärken

Das vergangene Jahr beschreibt markta-Gründerin Theresa Imre im Gespräch mit brutkasten als “wirtschaftlich, politisch und sozial angespannte Zeit”. Trotzdem blickt sie positiv auf das Geschaffte zurück: “Wir hatten sowohl unfassbares Glück, aber auch einen guten Weitblick, dass wir 2023 markta vom singulären Online-Bauernmarkt zum multiplen Omnichannel-Modell mit der ersten stationären Filiale und B2B-Vertrieb ausgebaut haben.”

Zusätzlich betont sie, dass es für Unternehmen gerade in ungewissen Zeiten der Klimakrise und Auswirkungen globalisierter Wirtschaftssysteme wichtig sei, Resilienz zu zeigen, sich anzupassen, auf mehrere Standbeine zu setzen und Kooperationen untereinander zu stärken. Ihr Tipp für 2024: Wirtschaftlichkeit statt reinem Wachstum fokussieren, vorrausschauend planen und diverse Szenarien berücksichtigen.

Kosima Kovar von Ada Growth

Kosima Kovar (c) WKOÖ

Die Mehrfachgründerin, Innovatorin und Geschäftsführerin Kosima Kovar hat sich im vergangenen Jahr einige Male im nationalen und internationalen Rampenlicht gezeigt. Nicht zu unrecht, denn vor allem mit ihrem Startup Ada Growth, das sie gemeinsam mit Matthew Ziebarth im März 2021 in Wien gegründet hat, startete die Innovatorin dieses Jahr durch.

Das Startup Ada Growth sieht sein Ziel in der Förderung der Sichtbarkeit und des Erfolgs von Frauen in der Wirtschaft. Geschafft werden soll das mit einer App, die als B2B-Lösung vertrieben wird und Unternehmen dabei helfen soll, attraktiver für weibliche Talente zu werden. Das Wiener Startup erhielt im Juli des vergangenen Jahres ein sechsstelliges Investment, mit dem Ada Growth nun auf mehr als eine Million Euro investiertes Kapital kommt (brutkasten berichtete).

Den Lead dabei übernahm Business Angel Hansi Hansmann, der bereits zuvor in das Startup investiert war. Auch die Bestandsinvestor:innen Anna Hofmann, Managing Director von Green Source, und Berndt Zinnöcker, Tax Partner bei BDO, zogen wieder mit. Dazu kam eine ganze Reihe teils prominenter Neuinvestor:innen, allen voran die VC-Fonds Calm/Storm und Fund F.

Ada-Growth-Co-Founderin Kovar kann allerdings nicht nur über finanzielle Errungenschaften im Jahr 2023 berichten. Die Innovatorin wurde unter anderem für die US-Leaders Initiative YTILI (Young Transatlantic Innovation Leaders Initiative) in Chicago nominiert, an der sie im kommenden Jahr teilnehmen wird. IM brutkasten-Interview sprach sie über transatlantische Beziehungen sowie Unterschiede in der US-amerikanischen und österreichischen Startup-Szene. Neben vielen weiteren Errungenschaften, Erwähnungen und Auftritten wurde Kosima Kovar in der Forbes-„30 under 30“-Liste neben internationalen Persönlichkeiten wie der Sängerin Miley Cyrus erwähnt.

Kosima Kovars größtes Learning aus 2023: Der Sichtbarkeits-Boost & “fail smart!”

Gegenüber brutkasten erwähnt Kovar ihr größtes Learning aus dem Jahr 2023 und rät Gründer:innen zur Sichtbarkeit: “Der eine öffentliche Auftritt führt zum nächsten, der wiederum führt zum nächsten und so weiter – und plötzlich steht man auf einer TED-Bühne. Egal was du tust, wenn niemand davon weiß, hat es weniger Impact. Mach dich und deine Initiativen sichtbar!”

Für 2024 will Kovar anderen Gründer:innen die Angst vor Investor:innen nehmen: “Das ist eine Aufforderung vor allem an die weiblichen Gründerinnen, sich Finanzierungsmodelle anzusehen, die über Bootstrapping hinausgehen. Einfach machen. Du fühlst dich nie bereit. Weniger konzipieren, mehr umsetzen. Fail fast! Fail smart!”

Katharina Herzog von money:care

Katharina Herzog (c) Julia Oberhauser

Finanziell absichern können sich bei money:care zumindest die Nutzer:innen. Das Startup kümmert sich nämlich um nachhaltiges Investieren und das, ohne sich von „Greenwashing“ täuschen zu lassen. Die Wiener Plattform bietet Einblicke in Nachhaltigkeitsdaten börsengelisteter Unternehmen. Privatangeler:innen können mittels künstlicher Intelligenz zeitsparend und unkompliziert Finanz-Informationen abrufen. Beraten werden sie zusätzlich auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal des Startups rund um das Founder-Trio Katharina Herzog, Timo Nothdurft und Ulrich Penitz, der das Thema finanzielle Bildung aufgreift.

Wie die Co-Gründerin und CEO Katharina Herzog, die zugleich das Gesicht des Kanals ist, auf die Idee für ein solches Startup gekommen ist? “Mir wurde klar, dass ich meine eigenen Finanzen nicht irgendwem überlassen, sondern mich selbst darum kümmern sollte. Daher habe ich mich immer mehr mit der Thematik beschäftigt”, erklärt sie im brutkasten-Interview.

Die Auseinandersetzung mit dem Finanzwesen machte ihr klar: Es braucht unabhängige und vertrauenswürdige Beratung in Sachen Cash. Mit dem Ziel nachhaltiges Investieren für jede und jeden simpler und transparenter zu gestalten arbeitet money:care daher mit Organisationen wie dem Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für soziale Entwicklung (UNRISD) zusammen.

Katharina Herzogs größtes Learning aus 2023: Fokus & Vision treu bleiben!

Gelernt habe Herzog 2023 vor allem, dass es im „Startup-Rollercoaster so wichtig ist auch kleine Erfolge zu feiern, um die Energie beizubehalten und weiterzumachen.“ Ein besonders schwieriges Learning war es, nicht allen, die anfragen, Feedback zu geben, sondern dem eigenen „Fokus und der Vision treu zu bleiben.“

Auf die Frage nach ihrem Erfolgsrezept antwortet Herzog: Das Netzwerken nicht unterschätzen. „Beziehungen zu pflegen ist eine Superpower und ein starkes Netzwerk, besonders in einer frühen Gründerphase das A und O“, betont sie. Neu-Gründerinnen möchte sie daher auf den Weg geben: „Es lohnt sich, auf Menschen zuzugehen und sich auszutauschen. Nicht selten können dann aus anfangs oberflächlichen Verbindungen auch tiefere, authentische Beziehungen entstehen, die einem beruflich, aber auch persönlich viel geben.“

Julia Kruselburger von independo

Julia Kruselburger (c) independo

Um Austausch und vor allem Inklusion geht es Julia Kruselburger, Gründerin von independo. Wenn es nach ihr gehen würde, wäre digitale Inklusion in der Startup-Szene kein Randthema mehr. Erst im August gelauncht hat die Co-Founderin von independo gemeinsam mit ihrem Team ein Produkt entwickelt, das jede:r braucht und nun auch endlich alle nutzen können: Die Rede ist von einer Kalender-App.

Mit speziellen Anpassungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten werden textbasierte Termine, die zuvor mit gängigen Kalendern von Google oder Apple synchronisiert wurden, in Piktogramme oder Audiodateien übersetzt. Schüler:innen mit kognitiven Behinderungen können die App somit eigenständig nutzen und verwalten. Dies sei besonders in inklusiven Klassen nützlich, da alle Schüler:innen denselben Kalender verwenden können, um Barrieren abzubauen.

Julia Kruselburgers größtes Learning aus 2023: Bau dir ein Umfeld, in dem du wachsen kannst!

Wichtig sei es, seine Zielgruppe von Anfang an in den Design- und Entwicklungsprozess mit einzubinden, erklärt die Founderin im Gespräch mit brutkasten. Für die Entwicklung des Produkts haben sie daher eng mit Sonderschulen, Vereinen und dem Partnerverein „Integration Wien“ gearbeitet. 2024 plant das Startup Abo-Modelle für Schulen zu entwickeln und diese im App-Store auch für individuelle Nutzer:innen anzubieten. Neu-Gründerinnen rät Julia Kruselburger sich ein Umfeld aufzubauen, in dem man wachsen kann. „Man kann so viel mehr erreichen, wenn man sich gegenseitig unterstützt, fordert und versteht.“

Ihr Tipp für Gründerinnen: „Lebt den Pippi-Langstrumpf-Vibe: Bleibt frech, wild und wunderbar. Hartnäckigkeit ist das Geheimnis – selbst bei der zehnten Frage oder dem dritten Hilferuf!“

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Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

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