22.06.2020

Innovation.Talks-Überraschungsgast van der Bellen: „Gleichstellung a zache Gschicht“

Am Donnerstag, dem 18.6., fand in der Hofburg der Innovation.network.talk DX statt. Unter der Patronanz der First Lady, Doris Schmidauer, streifte das female-only-Format nicht nur spannende Zukunftsthemen über Arbeit und Wirtschaft nach Covid-19, sondern warf einen scharfen Blick auf die Rolle der und Gefahr für Frauen in der Coronakrise. Der brutkasten war als Eventpartner und technischer Umsetzer involviert und streamte die Veranstaltung gemeinsam mit 4Gamechangers auf verschiedenen Kanälen.
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Innovation.Talks, Cornelia DanielAlexander van der Bellen, Corinna Milborn, Iris Rauskala, Janice Goodeneough, Farmira Mühlberger, Kaps,
(c) BMK/Cajetan Perwein - Bundespräsident Alexander van der Bellen und First Lady Doris Schmidauer äußerten ihre Ansichten zur Gleichstellung der Frau bei den Innovation.Talks.
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Es gibt sie. Frauen in hohen Positionen, als Entscheidungsträgerinnen oder als hochqualifizierte Fachkräfte und Expertinnen. Doch trotz einer leicht spürbaren Verbesserung der Situation mit mehr Frauen in der Öffentlichkeit: Zwischen der Existenz der Damen in Schlüsselpositionen und deren Sichtbarkeit herrscht ein großer Unterschied, der systematischer Natur scheint. Ganz zu Schweigen von Frauen, die einzig allein wegen ihres Geschlechts von „Orten der Macht“ fern gehalten werden. Unter anderem aus diesem Grund wurden die Innovation.Talks als „female-only“-Format erfunden.

+++ Ein Startup holt zum Weltfrauentag Wiener Frauen vor den Vorhang +++

Vorstände ohne Frauen, All-Male-Panels zu den drängendsten Fragen unserer Zeit, Gehälter-Ungleichheiten und vorgefertigte Rollenbilder aus einem anderen Jahrtausend – all diese Dinge offenbaren sich als Instrumente der Diskriminierung, denen sich Frauen in industriellen Gesellschaften seit 120 Jahren gegenübersehen. Als erstes europäisches Land gab 1906 Finnland mit seiner Landtagsordnung vom 1. Juni Frauen das Wahlrecht. In Österreich erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht am 12. November 1918. Seitdem war der Kampf um die Gleichstellung der Frau „a zache Gschicht“, wie es Überraschungsgast und einer von zwei männlichen „Vertretern“ bei den Innovation.Talks Bundespräsident Alexander van der Bellen bezeichnete.

„Bühne in sonst männlich dominierten Sparte“

Die Idee hinter dem Event als „female only“ kam von Bettina Resl, die neben ihrer Tätigkeit bei Sanofi als Country Head Public Affairs auch Vizepräsidentin des Frauennetzwerks „Club alpha“ ist. Es ging ihr und Co-Founderin  Maria Rauch-Kallat, die zugleich den Alpha Club leitet, darum, Frauen zu vernetzen und ihnen eine Bühne zu geben in einer sonst männlich dominierten Sparte.

Großer Frauenanteil im Nationalrat

Eine aktuelle Studie von MediaAffairs gibt einen kleinen Überblick, warum derartige Events, die sich auf Frauen als Speakerinnen konzentrieren, auch 2020 nötig sind. Bereits 2018 sagte Geschäftsführerin Maria Pernegger, bezogen auf die politische Macht von Frauen: „Offensichtlich ist die Bevölkerung manchmal noch nicht bereit für eine weibliche Politikerin auf Kommunalebene. Weil das oft nicht in das typische Frauenbild passt. […] Auf 100 Jahre gesehen ist die Entwicklung hier zwar sehr langsam, aber es gibt positive Tendenzen. Aktuell haben wir im Nationalrat den größten Frauenanteil, sowie eine Opposition, die nur von Frauen geführt wird.“.

80 Prozent Politiker als Sprecher in der Coronakrise

Passend dazu analysierte MediaAffairs während der Coronakrise vom 10. März bis 31. Mai 9.100 Artikel der größten heimischen Tageszeitungen. Der Fokus dieser Studie lag darauf zu eruieren, wie oft Frauen als Kommunikatorinnen in den Medien vorkommen. Das Ergebnis: Zu 80 Prozent wurde die Krise in der politischen Berichterstattung von Männern kommentiert.

+++ Mehr zur Coronakrise auf unserer Sonderseite +++ 

Und das, obwohl 50 Prozent Frauen in der Regierung und knapp 40 Prozent im Parlament sitzen und für die Zeit der Pandemie wichtige Ressorts, wie das Wirtschaftsministerium, Arbeitsmarkt und Europapolitik innehaben. Ein weiteres Indiz dafür, dass „Zentren der Macht“ für Frauen und ihre Wahrnehmung weiterhin ein schwer einnehmbares Feld bleiben. Nicht der letzte Grund für die Entwicklung der Innovation.Talks.

Hochkarätige Runde

Es war eine hochkarätige Runde, die sich am Donnerstag dem 18. Juni unter der Moderation von Corinna Milborn in den edlen Hallen der Hofburg einfand. Zwei hochaktuelle Key Notes wurden von den Wissenschafterinnen, Rektorin der Technischen Universität Sabine Seidler und Univ. Doz.Ulrike Furmira-Mühlberger (WIFO) gehalten.

+++ WKÖ: Rekordwert bei Neugründungen durch Frauen +++

Umweltministerin Leonore Gewessler und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck widmeten sich in den Panels gemeinsam mit Michaela Fritz, Vizerektorin Medizinische Universität Wien, Iris Rauskala (Sektionschefin im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung) und mit Cornelia Daniel, Gründerin Dachgold, den wichtigsten Diskursen rund um Innovation und Wirtschaft nach Corona. Als zweiter männlicher Gast komplettierte Wolfgang Kaps, Geschäftsführer des Pharmakonzerns Sanofi Österreich, die illustre Runde.

Zusätzlich gab es drei Breakout-Rooms mit Irene Fialka, CEO INiTS Gründerservice, Sophie Martinez, CEO of Seinfeld Professionals, und Yvonne Martins, Head of Legal Sanofi, in denen Themen zu Legal-Tech mit Interessierten diskutiert wurden.

„All Male Panels Usus“

Die Diskussion begann mit einer Erklärung, warum die Innovation.Talks ins Leben gerufen wurden: „Weil wir seit Jahrzehnten damit konfrontiert sind, dass auf den Podien immer nur Männer sitzen. Und Veranstalter immer wieder sagen, wir finden keine Frauen“, erklärte Rauch-Kallat die Beweggründe: „Wir wollten diese Frauen vor den Vorhang holen und miteinander vernetzen“.

Bei diesem Vorhaben spielen Unternehmen und die Zusammensetzung von Führungspositionen eine wichtige Rolle. Wolfgang Kaps, der bei Sanofi Österreich im Leitungsgremium auf eine paritätische Besetzung, jeweils 50 Prozent Männer und Frauen, setzt, erzählte von den Schwierigkeiten, so eine Haltung zu etablieren.

Alexander van der Bellen, Corinna Milborn, Iris Rauskala, Janice Goodeneough, Farmira Mühlberger, Kaps,
(c) BMK/Cajetan Perwein – Die beiden männlichen Gäste, Bundespräsident Alexander van der Bellen und Sanofi Österreich-Geschäftsführer Wolfgang Kaps, beim „all female“-Format.

Unternehmerische Gleichstellung bedarf Organisation

Er sagte: „Die erste Schwierigkeit zeigt sich bereits dabei, das Vorhaben als Maxime im ganzen Unternehmen durchzusetzen. In der Größenordnung eines Unternehmens wie Sanofi bedarf es ein, bis zwei Jahre Organisation. Der zweite Punkt betrifft den Auswahlprozess, bei dem man sicherstellen muss, dass man am Ende des Tages nicht eine Frau anstellt, die als zweite Wahl gilt. Die Auswahlkriterien müssten exakt die gleichen sein.“.

Rauch-Kallat stimmte zu, dass, es vor allem an der fehlenden Geisteshaltung scheitere. Und dass, obwohl es Studien gebe, so die ehemalige Ministerin, die bescheinigen, dass gemischte Teams erfolgreicher agieren, als männlich konforme.

Gleichstellung: Unternehmen müssen Flexibilität etablieren

Bettina Resl zeigte danach mit einem Beispiel einen „best practice“-Case bei dieser Thematik auf. Als Mutter von drei Kindern sei es ihr trotzdem möglich, eine Führungsposition im Unternehmen innezuhaben, ohne die Kinderbetreuung auszulagern, weil ihr Arbeitgeber Sanofi derart flexibel (auch für Väter) auf seine Mitarbeiter eingehe.

Wertschätzung, Frauenquote – letzteres laut Rauch-Kallat ein wenig elegantes, aber zurzeit noch nötiges Instrument – und eine flexible Grundhaltung seien in einem Unternehmen die Schlüsselpunkte, wie es für Frauen als Führungspersönlichkeiten gut funktionieren könne.

Corona als Gefahr, in alte Rollen zurück zu fallen

Dass die Frauen-Problematik bereits vor der Krise ein Problem darstellte, ist kein Geheimnis. Die Pandemie jedoch hat laut Rauch-Kallat  besonders das weibliche Geschlecht getroffen, insbesondere jene mit Schulkindern. „Corona darf nicht der Anlass sein, in alte Rollen zurück zu fallen, in denen sich der Mann in ein Zimmer zurückzieht und die Gattin den Rest regelt“, so die Ex-Ministerin.

Häusliche Gewalt nimmt zu

Neben der Gefahr in das alte Familienbild der kochenden und sich um Kinder kümmernden Frau zurück zu fallen, hat die Krise auch die häusliche Gewalt (Hilfe gibt es hier) ansteigen lassen. Im Februar sprach zum Beispiel die österreichische Polizei 874 Betretungs- und Annäherungsverbote aus, im März gab es einen Anstieg auf 961. Und das sind nur die erfassten Fälle.

Österreich hat Nachholbedarf bei Entlohnung systemrelevanter Berufe

Neben diesem düsteren Blick auf familiäre Verhältnisse, zeigten sich die Innovation.Talks grundlegend optimistisch und konstruktiv. Bundespräsident Alexander van der Bellen riet Frauen dazu, Netzwerke zu gründen und sich formell und informell auszutauschen. „In der Coronakrise ist besonders deutlich geworden, welchen Nachholbedarf Österreich hat, was die Entlohnung von systemrelevanten Berufen betrifft, in denen vorrangig Frauen vertreten sind“, sagte er.

+++ Rekord-Arbeitslosigkeit in der Coronakrise als Risikofaktor für häusliche Gewalt +++

Die Gründe dafür verortete das Staatsoberhaupt in einer Reihe von Ursachen. Ungleichgewichte bei Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt, ein schwacher, gewerkschaftlicher Organisationsgrad, Schwächen in den Lohnverhandlungen und eine systemische Benachteiligung nannte er als die Knackpunkte bei der Problematik der Benachteiligung von Frauen.

Informelle Treffen als Männer-Vorteil?

Die Gleichstellung der Frau, das als Thema seit rund 120 Jahren in den Gesellschaften verankert ist, würde laut van der Bellen zu langsam vorangehen. Er nannte es wie erwähnt „a zache Gschicht“ und wies auf einen Aspekt hin, der bei Männern ausgeprägter zu sein scheint: Informelle Treffen.

Er brachte die Selbsthaltung der Frau ins Spiel, als er dazu sagte: „Männer wären eher geneigt sich nach der Arbeit ‚auf ein Bier‘ zu treffen und sich auszutauschen. Auch in Sachen Selbstbewusstsein und Selbstdarstellung reagieren Frauen eher bescheiden. Ich finde diese Verhaltensweisen sympathisch. Sie könnten am Arbeitsmarkt aber ein Nachteil sein“, so der Bundespräsident.

Corona als Innovationsschub

Nach dieser Einschätzung, widmete sich die Runde des „Innovation.network.talk DX“dem zweiten Schwerpunkt des Tages. Neben der Gleichstellung der Frau wurde die Frage behandelt, wie man mit dem Innovationsschub durch Corona umgehe und welche Zukunftschancen sich daraus ergeben.

„Land hat gelernt, mit Tools umzugehen“

TU-Rektorin Sabine Seidler bezeichnete Daten als das „Gold des 21. Jahrhunderts“ und meinte, dass in dieser Krise das Land gelernt habe, mit Tools umzugehen, deren Namen man vorher nicht kannte. Umweltministerin Leonore Gewessler stimmte zu und hob die Bereitschaft zu gesellschaftlicher Innovation in einer bisher undenkbaren Geschwindigkeit hervor. „Wir habe Dinge wie Videokonferenzen und Online-Services integriert, die bleiben werden“, sagte sie.

Die Wiederentdeckung der Wissenschaft und Natur

Während Michaela Fritz, Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien, und Daniela Haluza, Lektorin dort, den erhöhnten Stellenwert der Wissenschaft und die Wiederentdeckung der Natur in der Krise als das gesellschaftlich „Neue“ betonten, erzählte Dachgold-Gründerin Cornelia Daniel von der Erfolgsstrategie ihres Unternehmens.

Hillinger, Gschwandtner, Schneider, Haselsteiner, Rohla, Kuntke, Zech, REWE, Startup
(c) BMK/Cajetan Perwein – Dachgold-Gründerin Cornelia Daniel (li.) neben Umweltministerin Leonore Gewessler gab Einblicke in ihr Unternehmen Dachgold während der Coronakrise.

Newsletter statt direkter Kontakt

Cornelia Daniels Photovoltaik-Unternehmen hat während des Lockdown statt dem Kundenkontakt, der vorrangig B2B stattfindet, auf Newsletter-Aussendungen gesetzt. Dabei konnten die Adressaten unterscheiden, ob sie weiteren Kontakt wünschen, ihn gänzlich ablehnen oder trotz schwieriger Phase versuchen Geschäftsgespräche am Leben zu halten. Dachgold erstellte Webinare und beriet seine Kunden online.

Zeitenwende: „Normaler zu sagen, ich muss mich um die Kinder kümmern“

„Ein besonderes Learning war aber, dass es viel normaler wurde zu sagen, ich muss mich um die Kinder kümmern“, sagt Daniel und gab eine Anekdote preis, in der ihr Kollege die Kinder nach einem Augenarzt-Termin, weil gleich lokal gelegen, zum Kundengespräch mitnahm. „In der Ecke spielten die Kinder, während man mit dem Kunden sprach. Es fühlt sich wie eine Zeitenwende, in der viel möglich ist“, so die Gründerin weiter.

Slideshow: Die Highlights des Events in der Hofburg

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Negative Effekte von Pandemien bleiben 40 Jahre lang bestehen

Neben diesem hoffnungsfrohen Zugängen, war bei diesen Talks besonders der Bericht von Ulrike Farmira-Mühlberger, stellvertretende Leiterin Wifo, bemerkenswert, weil er sich von den positiven Aussagen der anderen Teilnehmerinnen sehr unterschied. Die Ökonomin wies darauf hin, dass laut wirtschaftshistorischen Studien Pandemien seit dem 14. Jahrhundert makroökonomische Effekte erschaffen haben, die vier Jahrzehnte lang geblieben sind. „Es bleibt abzuwarten, ob unsere Zeit eine resilientere Wirtschaft kreiert hat, die negative Effekte verkürzen wird“, sagte sie. Und holte weiter aus.

KMU würden die negativen Auswirkungen stärker spüren. Auch gebe es massive Probleme im Bereich Investitionstätigkeiten: 41 Prozent der Unternehmen hätten Investitionsprojekte aufgeschoben, 21 Prozent gestrichen. Jedoch sehe man, dass Unternehmen, die aktiv in F&E tätig sind, leichter durch Krisen kommen. „Sie weisen eine höhere Resilienz auf“, sagte sie.

Wie bestellt, bestätigte Patricia Neumann, Geschäftsführerin IBM Österreich, danach diese Aussage: „Alle Unternehmen, die weiter fortgeschritten in Sachen Digitalisierung waren, haben sich in dieser Krise leichter getan“ sagte sie und verwies darauf, dass 98 Prozent der weltweiten 350.000 IBM-Mitarbeiter im Home Office waren. Sie appellierte daran, das Gelernte nicht jetzt „wegzuwerfen“, sondern es im wiederkehrenden Arbeitsalltag „aufzusetzen“.

Potential und „rapid prototyping“

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck dagegen fokussierte nach den negativen Ausblicken und Warnungen von Famira-Mühlberger auf das Potential, das die Krise ausgelöst habe. Man habe eine noch nie gesehene weltweite  Zusammenarbeit erlebt, sagte sie und verwies darauf, dass Europa durch lokale Produktion stärker werden müsse. In Österreich wären ihren Angaben nach 94 Prozent der Unternehmen bereit, alle Mitarbeiter nach der Kurzarbeit wieder zurückzunehmen.

Spannend war, was die Ministerin durch Beispiele andeutete und zugab, dass Österreich zwar Vieles, aber nicht alles richtig gemacht habe, was die Abfederung der Krise betraf. Sie meinte in Richtung Kritiker, dass man zum ersten Mal gemeinsam eine Pandemie erlebe und die Arbeitsweise des „rapid prototyping“ sich bewähre. Die Hilfsleistungen würden rasch „raus“ gehen, dann müsse man schauen, wo Dinge angepasst gehören. „Das Motto, niemand wird zurückgelassen, gilt nach wie vor“, sagte sie: „Jetzt muss man das Geld zu den Firmen und EPU bringen“.

Schramböck attestierte der aktuellen Pandemie eine Andersartigkeit im Vergleich zu vergangenen und nannte Digitalisierung, Vernetzung, neue Geschäftsmodelle der einzelnen Unternehmen als Triebfeder, die einen optimistischen Blick in die Zukunft wagen lassen.

Kritischere Investoren

Hydrogrid-CEO Janice Goodenough lenkte die Diskussion danach auf Startups, die zwar schnell mit Home-Office-Umstellung reagiert hätten, nun aber härter getroffen werden. „Investoren schauen kritischer in einer neuen Welt, ob das Geschäft einen Bestand hat“, sagte sie. Auch Neumann sah es ähnlich und sprach von einer Investitionszurückhaltung. Neue Projekte würden verschoben werden, man brauche Zeit, die Krise zu verarbeiten.

HYDROGRID
(c) Hydrogrid – Die Geschäftsführerin von Hydrogrid, Janice Goodenough, lenkte den Fokus beim Online-Event auf den Sozialstaat und Steuergerechtigkeit.

Hybride Welt und sozialer Aspekt

Neumann meinte zudem, sie sehe in Zukunft eine hybride Welt entstehen. Traditionelles und Digitales würden zusammenkommen, Investitionen ins Unternehmen würden getätigt werden, nicht nur um Kosten zu senken, sondern schneller und besser zu sein, neue Geschäftsmodelle zu finden. „Ein digitales Produkt ist resilienter“, sagte Neumann, während Goodenough den oft übersehenen sozialen Aspekt einwarf.

„Fakt ist, dass die Krise Ungleichheiten verstärkt. Amazon boomt, während kleine Geschäfte eingehen“, sagte sie. Die Gründerin nannte die nahende Zeit eine Periode des Schmerzes und meinte, dass „cracks in the foundation“ offensichtlicher werden. „Wir in Österreich stehen aber gut da, weil wir ein starkes Sozialsystem haben. Ich fürchte eine kurzfristige Verstärkung von negativen Tendenzen, die aber auch Chancen bringt, Dinge zu lösen. Besonders mit Hinblick auf die Steuergerechtigkeit. Man hat klar gesehen, welche Jobs die wahren Leistungsträger einer Gesellschaft sind“, so Goodenough.

Nach letzter Krise Stärkung des Populismus

Diese negativen Tendenzen sieht auch Puls 4-Info-Chefin Corinna Milborn. Sie brachte am Ende der Diskussion die Finanzkrise von 2008/09 auf und meinte, dass wir als Gesellschaft wissen, was passiert, wenn man Menschen zurücklässt. „Der Populismus kam stark auf“, sagte sie an Margarete Schramböck gewandt. Die Wirtschaftsministerin blieb der Parteilinie treu und meinte, eine gute Wirtschaftspolitik sei die beste Sozialpolitik.

Innovation.Talks, Schramböck
(c) BKA Andy Wenzel – Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck: „Die Technologien um Menschen Möglichkeiten zu bieten, sind alle da.“.

Schramböck bei Innovation.Talks: „Jährlich bis zu 30.000 Jobs“

„Das wichtigste ist es, Jobs zu schaffen in unterschiedlichsten Bereichen. Durch die Digitalisierung entstehen jährlich bis zu 30.000 neue Arbeitsplätze“, sagte Schramböck und verwies darauf, dass man auch auf jene schauen müsse, die nicht „AI-Hacker“ sein könnten. Das Bieten von Möglichkeiten sei eine europäische Aufgabe: „Denn Technologien dafür sind alle da“.

Warnung an die Frauen

Konkreter zu den Gefahren einer Post-Pandemie-Welt wurde da schon Maria Rauch-Kallat. Die ehemalige Politikerin warnte Frauen davor zu glauben, dass alles bisher Erreichte an Frauenrechten in Stein gemeißelt sei. „Krisen sind nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren. Wir müssen aufpassen“, sagte sie.

„Nicht gefallen lassen“

Und die Hausherrin und First Lady Doris Schmidauer stimmte in die Mahnungen ein: „Wir Frauen müssen sehr darauf achten, wie sich die Maßnahmen auswirken“, sagte sie und gab sich bezüglich der Gefahr wegen der Corona-Krise gesellschaftlich in alte Frauenrollen zurück gedrängt zu werden kämpferisch: „Wir lassen uns das nicht gefallen“.

Innovation.Talks: Der komplette Event zum Nachsehen

⇒ Club alpha

⇒ Sanofi

⇒ Hydrogrid

⇒ Dachgold

⇒ Wifo

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

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„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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AI Summaries

Innovation.Talks-Überraschungsgast van der Bellen: „Gleichstellung a zache Gschicht“

  • Krise birgt besonders für Frauen neben Chancen auch die Gefahr in alte Muster gedrängt zu werden.
  • Gleichstellung der Frau in Unternehmen ein langer Prozess.
  • Hybride Welt ist im Kommen.
  • Gesellschaft hat in Corona schnell reagiert.
  • Mehr Verständnis für Kinder als neuer normaler Faktor.
  • Monatlich 30.000 Jobs durch Digitalisierung geschaffen.

AI Kontextualisierung

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Innovation.Talks-Überraschungsgast van der Bellen: „Gleichstellung a zache Gschicht“

  • Krise birgt besonders für Frauen neben Chancen auch die Gefahr in alte Muster gedrängt zu werden.
  • Gleichstellung der Frau in Unternehmen ein langer Prozess.
  • Hybride Welt ist im Kommen.
  • Gesellschaft hat in Corona schnell reagiert.
  • Mehr Verständnis für Kinder als neuer normaler Faktor.
  • Monatlich 30.000 Jobs durch Digitalisierung geschaffen.

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