16.01.2026
INDUSTRIESTRATEGIE

Innovation in Österreich: Was die Industriestrategie 2035 verändern soll

Die Bundesregierung präsentierte am Freitag die Industriestrategie Österreich 2035 – mit 114 Maßnahmen und dem Ziel, bis 2035 zu den Top-10-Industrienationen zu zählen. Was das 112-seitige Papier konkret für Startups, Scaleups und das Innovationsökosystem bedeutet, hat sich brutkasten im Detail angesehen.
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Die Industriestrategie 2035 ist da| (c) Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus; mockup: brutkasten

Ein weißes Pult, zwei Minister, ein Staatssekretär. Am heutigen Tag lud die Bundesregierung zu Siemens nach Wien, um über das „gemeinsame Produzieren von Zukunft“, die lange erwartete Industriestrategie Österreich 2035 zu sprechen. 

Im Hintergrund ein Zug, der künftig in London auf der Piccadilly Line unterwegs sein soll. Daneben eine U-Bahn, die autonom auf der Wiener U2 eingesetzt werden wird. Industrie als Exporterfolg, Technologie als Zukunftsversprechen.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) und Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) präsentierten sich sichtlich zufrieden. Man habe, so hieß es, bis zuletzt an dem Dokument gearbeitet. Noch in den letzten Minuten sei gefeilt worden, um die Strategie rechtzeitig finalisieren zu können.

Die Minister Peter Hanke (SPÖ) und Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) sowie Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) bei der Präsentation der Industriestrategie | Screenshot
Die Minister Peter Hanke (SPÖ) und Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) sowie Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) bei der Präsentation der Industriestrategie | Screenshot

Ziel: Bis 2035 zu den Top-10-Industrienationen

Der Anspruch ist hoch. Man wisse, dass sich nicht jedes Unternehmen in Österreich oder Europa halten lasse, räumten die Regierungsvertreter ein. Dennoch wolle man erreichen, dass Österreich bis 2035 zu den Top-10-Industrienationen zählt. Dafür habe man 114 Maßnahmen ausgearbeitet, zusammengefasst in einem 112-Seiten-starken Papier.

Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) beschrieb die Industriestrategie nicht nur als wirtschafts-, sondern ausdrücklich auch als soziales Projekt. Eine wettbewerbsfähige Industrie und eine gesunde Wirtschaft seien, so Hanke sinngemäß, Voraussetzung für soziale Sicherheit, stabile Beschäftigung und den Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Immer wieder fällt dabei ein Begriff: Innovation. Startups, Scaleups, neue Technologien – sie sollen künftig eine deutlich größere Rolle spielen. Österreich, so der Tenor, wolle zur „Kaderschmiede der Innovation“ werden. Auch öffentliche Beschaffung wird in diesem Zusammenhang neu gedacht: Investitionen sollen, wo möglich, zuerst im eigenen Land erfolgen – ein Ansatz, den die Regierung selbst als „patriotisch“ beschreibt.

Was hinter diesen Ankündigungen steckt und welche Teile der Industriestrategie für Startups, Scaleups und die Innovationscommunity tatsächlich relevant sind, hat sich die brutkasten-Redaktion genauer angesehen – und die zentralen Punkte herausgearbeitet.

Weniger Einzelprogramme, mehr Systemlogik

Anders als frühere Einzelpapiere setzt diese gesammelte Strategie auf eine strukturelle Neuordnung. Förderinstrumente, Standortpolitik und Technologietransfer sollen künftig stärker aufeinander abgestimmt werden. Die Strategie versteht Innovation dabei ausdrücklich nicht nur als Startup-Thema, sondern als Bestandteil industrieller Wertschöpfungsketten. Startups werden folglich weniger als isolierte Gründerprojekte betrachtet, sondern als potenzielle künftige Industrieunternehmen. Dazu heißt es im Dokument: „Ein besonderer Fokus liegt in diesem Zusammenhang auch auf der Stärkung und Geschwindigkeit des Technologietransfers von der Forschung in die Industrieanwendung sowie auf der Skalierung von Startups als künftige Industrieunternehmen.“

Austrian Business Agency: mehr als Standortmarketing

Eine zentrale Rolle soll künftig der Austrian Business Agency (ABA) zukommen. Sie soll zur zentralen Servicestelle für internationale Ansiedlungen, Investitionen und Fachkräfteanwerbung weiterentwickelt werden. Geplant ist, dass die ABA nicht nur Standortmarketing betreibt, sondern als koordinierende Schnittstelle fungiert – etwa bei Investitionsprojekten, Förderzugängen oder bei der Ansprache internationaler Talente. In der Praxis würde das bedeuten, dass Startups und Scaleups bei internationalen Expansions- oder Ansiedelungsvorhaben stärker über eine zentrale Stelle begleitet werden sollen. 

Förderagenturen sollen stärker zusammenrücken

Auch bei den Förderstrukturen kündigt die Strategie einen Umbau an. FFG, aws und CDG sollen im Rahmen des kommenden FTI-Pakts neu ausgerichtet werden. Förderprogramme sollen sich künftig stärker an sogenannten Schlüsseltechnologien orientieren und besser ineinandergreifen.

Vorgesehen ist unter anderem, dass Anträge nicht mehrfach bei unterschiedlichen Stellen eingereicht werden müssen. Förderlogiken sollen durchlässiger werden, und nationale Programme sollen sich enger mit europäischen Fördertöpfen verzahnen. So will man vermeiden, dass innovative Projekte an formalen Hürden oder an fragmentierten Zuständigkeiten scheitern.

Kapitalfrage: Ein Fonds für die Wachstumsphase

Ein zentrales Signal an die Startup-Szene ist der angekündigte Rot-Weiß-Rote Standort- und Scaleup-Fonds. Er soll als Fund-of-Funds-Struktur mit öffentlichem Ankerinvestment aufgebaut werden und privates Kapital mobilisieren. Ziel ist es, insbesondere Spin-offs und wachstumsstarke Scaleups besser zu finanzieren und langfristig in Österreich zu halten.

Die Strategie reagiert damit auf eine der größten Schwächen des heimischen Ökosystems: den Mangel an Wachstumskapital. Ob der Fonds tatsächlich jene Volumina erreicht, die international wettbewerbsfähig sind, bleibt offen. Operativ starten soll er laut Papier Anfang 2027. Ob mit dem Beginn des operativen Starts bereits erste Investments getätigt werden oder zunächst das Fundraising beginnt, geht aus dem Dokument jedoch nicht hervor.

Universitäten als Inkubatorzentren

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Hochschulen. Technologietransfer, Spin-offs und Entrepreneurship sollen verbindlich in den Leistungsvereinbarungen der Universitäten verankert werden. Die Strategie orientiert sich dabei an internationalen Vorbildern, etwa aus Deutschland, wie der TU-München.

Ziel sei es, dass wirtschaftliche Verwertung nicht länger als freiwillige Zusatzaufgabe einzelner Institute verstanden wird, sondern als systemischer Bestandteil universitärer Arbeit. Unterstützt werden soll das durch stärkere Christian-Doppler-Gesellschafts-Strukturen, ausgebaute COMET-Zentren (Competence Centers for Excellent Technologies) und gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsinfrastrukturen.

Innovations-Hubs statt isolierter Förderlogik

Statt einzelner Inkubatoren oder zeitlich begrenzter Programme setzt die Strategie auf den Aufbau von Innovations-Hubs, Clustern und Ökosystemen. Diese sollen Startups, KMU, Leitbetriebe und Forschungseinrichtungen zusammenbringen – thematisch entlang definierter Schlüsseltechnologien wie KI, Life Sciences oder fortgeschrittener Produktion.

Geplant ist, dass insbesondere Leitbetriebe stärker in die Verantwortung genommen werden, solche Ökosysteme mitzugestalten. Ein neues FFG-Flagship-Programm soll genau das fördern. Startups könnten davon profitieren, indem sie früher in industrielle Wertschöpfungsketten eingebunden werden.

Öffentliche Hand als erster Kunde

Bemerkenswert ist auch der Fokus auf strategische öffentliche Beschaffung. Die öffentliche Hand soll stärker als Nachfrager für innovative Produkte auftreten und so Markteintrittsbarrieren senken. Öffentliche Ausschreibungen sollen Innovation explizit berücksichtigen und nicht nur auf den günstigsten Preis abzielen. Für Startups könnte das künftig bedeuten, dass Pilotprojekte und erste Referenzkunden leichter zugänglich werden – vorausgesetzt, die Beschaffungspraxis ändert sich tatsächlich.

Weniger Regulierung, mehr Experimentierräume?

Neben finanziellen und strukturellen Maßnahmen stellt die Strategie auch regulatorische Erleichterungen in Aussicht. Geplant sind Regulatory Sandboxes, beschleunigte Genehmigungsverfahren für Technologieprojekte sowie vereinfachte Regelungen für internationale Gründer:innen im Rahmen der Rot-Weiß-Rot-Karte. Damit will man Innovationsprojekte schneller in die Praxis bringen. Ob diese Instrumente breit angewendet oder auf wenige Leuchtturmprojekte beschränkt bleiben, ist eine der offenen Fragen.

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REEDuce-Gründerin Birgit van Duyvenbode (Mitte) bei der Eröffnung der neuen Schilf-Lärmschutzwand | (c) Strabag

An der A1 Westautobahn bei Völlerndorf nahe St. Pölten geht eine neue Lärmschutzanlage in Betrieb. Statt auf herkömmliche Materialien wie Beton oder Aluminium setzt diese auf Schilf, Thermoholz und Lehm. Dahinter steckt das Wiener Startup REEDuce rund um Gründerin und CEO Birgit van Duyvenbode. Gemeinsam mit der Asfinag und dem Baukonzern Strabag wurde die Technologie nun auf einem rund einen Kilometer langen Autobahnabschnitt umgesetzt.

REEDuce-Geschäftsführerin Birgit van Duyvenbode, Infrastrukturminister Peter Hanke und ASFINAG-Vorstand Hartwig Hufnagl bei der Präsentation der neuen Schilf-Lärmschutzwand an der A1.

4.000 Schilfbündel für einen Kilometer Lärmschutz

Die Anlage entstand im Zuge der Sanierung der A1 zwischen St. Pölten und Völlerndorf. Auf einer Fläche von rund 2.690 Quadratmetern wurden Lärmschutzelemente mit einem Rahmen aus thermisch behandeltem Holz, einer Lehmfüllung und beidseitiger Schilfabdeckung verbaut.

Das verwendete Schilf stammt aus dem Raum Neusiedler See. Für den rund einen Kilometer langen Abschnitt wurden insgesamt 4.000 Schilfbündel benötigt. Das entspricht etwa 1,5 Prozent der gesamten österreichischen Schilfernte. Die Nutzung des Rohstoffs soll gleichzeitig zur Pflege des Ökosystems am Neusiedler See beitragen.

Anders als konventionelle Lärmschutzwände soll die Konstruktion nach Angaben von REEDuce vollständig kreislauffähig sein. Zugleich soll sie dieselben technischen Anforderungen hinsichtlich Lärmschutz und Haltbarkeit erfüllen, wie herkömmliche Systeme.

„Mit dem ersten Autobahn-Kilometer unserer Lärmschutzwand aus Schilf, Thermoholz und Lehm erreichen wir einen wichtigen Meilenstein“, sagt Gründerin van Duyvenbode. Die Technologie zeige, dass Lärmschutz und Umweltschutz gemeinsam funktionieren können.

Von der Idee des Vaters zum Startup

Der Ursprung der Idee reicht bis ins Jahr 2008 zurück. Damals entwickelte das Sägewerk von van Duyvenbodes Vater im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts eine ökologische Lärmschutzwand, die an der A22 bei Langenzersdorf errichtet wurde. Die Gründerin griff die Idee später auf und entwickelte die Technologie unter dem Namen REEDuce weiter.

Bereits Anfang 2022 berichtete brutkasten über das Startup. 2023 wurde REEDuce bei der #glaubandich Challenge zum „Startup des Jahres“ gekürt. Im selben Jahr folgte ein erstes Pilotprojekt mit der Asfinag: An der S33 bei Herzogenburg wurde eine 16 Meter lange Testwand errichtet, um die Technologie unter realen Bedingungen zu erproben.

Mit der neuen Anlage an der A1 kommt die weiterentwickelte Technologie nun in deutlich größerem Umfang zum Einsatz. Für die Asfinag ist das Projekt zugleich eine Möglichkeit, weitere Erfahrungen mit der Bauweise aus regionalen Naturmaterialien zu sammeln.

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