28.01.2026
ZWISCHEN KARIBIK UND EUROPA

Illegales Onlinegeschäft mit der Abnehmspritze: eine Spurensuche

Online-Medizin boomt. Diese brutkasten-Recherche beleuchtet einen Anbieter aus der Karibik, der in Österreich aktiv ist, und stellt ihm andere Modelle gegenüber.
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Das Online-Medizin-Angebot nimmt zu, nicht jedes ist auch seriös. (c) brutkasten / Canva

Der Alltag ist voll, der Druck hoch, die Geduld gering. Wer wenig Zeit hat, sucht nach Abkürzungen und findet sie scheinbar überall. Abnehmspritzen mit GLP-1-Wirkstoffen, Mittel gegen Erektionsprobleme, Medikamente gegen Haarausfall oder Präparate für Herz und Kreislauf werden heute nicht mehr nur in Arztpraxen verschrieben, sondern zwischen Instagram-Stories und Suchanzeigen beworben. Ein paar Klicks sollen reichen, um Probleme zu lösen, für die früher langwierige Arztwege nötig waren.

Gerade in Österreich stößt dieses Geschäftsmodell jedoch an Grenzen. Telemedizin ist erlaubt, aber streng reguliert. Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen nicht einfach online verkauft werden, die ärztliche Verantwortung ist klar definiert. 

ein Screenshot einer online Werbung
Werbungen wie diese, werden durch Dokteronline in den sozialen Medien geschaltet.

Von der Karibik nach Österreich

Wer online nach Abnehmspritzen oder Potenzmitteln sucht, stößt schnell auf das Angebot von Dokteronline und dessen Werbung in sozialen Medien. Schon auf der Startseite wird Hilfe bei Übergewicht und anderen Problemen versprochen. Das Informationsangebot ist umfangreich, das Präparat lässt sich selbst auswählen, vom Starterset bis zum Sparpaket.

Wir wählen ein Produkt und füllen den Fragebogen aus. Alles verstanden, gesund, bereit für die Veränderung. Wenige Stunden nach der Zahlung stellt eine rumänische Notfallmedizinerin ein Rezept aus. Der Vorgang ist auf der Plattform nachvollziehbar, kurz darauf folgt der Versandlink.

Fünf Tage später liegt das Paket vor der Tür. In einer silbernen Kunststofftasche, zwischen inzwischen warmen Kühlpads, befindet sich eine Abnehmspritze samt Nadeln und Anleitung. Es stellt sich heraus: Das Präparat ist echt, die Apotheke existiert.

Ein persönliches Gespräch mit der Ärztin findet nicht statt. Ein Identitätsnachweis wird nicht verlangt, weiterer Kontakt bleibt aus, abgesehen von der Möglichkeit, sich selbst zu melden. Die Dosierung ergibt sich aus einer Tabelle auf der Website und entspricht der Herstellerempfehlung.

Nach wenigen Tagen folgt bereits eine Erinnerung zur Nachbestellung, inklusive Rabatt. Dazwischen treffen Empfehlungen und weitere Werbung ein.

Screenshot eines Webshops mit Abnehmspritzen
Auswahl an Abnehmpräparaten im Dokteronline Webshop.

Wer ist dieser ominöse Online-Doktor?

Das Impressum der Website führt auf die karibische Insel Curaçao, Teil des Königreichs der Niederlande, die als Offshore-Finanzplatz gilt und im Zusammenhang mit den Panama Papers internationale Erwähnung fand. Auf gängigen Kartendiensten lässt sich tatsächlich ein kleines Büro der „eMedvertise N.V.“ ausfindig machen. Als vertretungsberechtigte Person sowie als Mitglied des medizinischen Beirats wird Herr M. (Name der Redaktion bekannt), ein Hausarzt, angeführt.

Wer nach Herrn M. sucht, findet wenig. Ein offizielles Foto ist nur über Umwege zu finden, seine medizinische Zulassung lässt sich prüfen. Er scheint zu existieren.

Dass jemand mit angeblich internationalem Apothekennetzwerk online nahezu unsichtbar bleibt, wirkt dennoch irritierend. Recherchen zeigen ihn bei Golfaufenthalten in der Dominikanischen Republik und auf Curaçao. Zwar taucht das offizielle Foto auf Websites früherer medizinischer Kongresse auf, die Einbindung dürfte jedoch erst nachträglich erfolgt sein. Naheliegend ist daher, dass die inzwischen übernommenen Domains später missbräuchlich genutzt wurden, um Seriosität vorzutäuschen.

Regelmäßige Besuche europäischer Partnerapotheken erscheinen vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich. Wir suchen daher nach seinem Team.

Die Apotheken

Laut Website von Dokteronline arbeitet das Unternehmen mit zugelassenen Apotheken in der gesamten EU sowie in Großbritannien zusammen. Die Redaktion von brutkasten hat sich auf die Suche nach diesen Partnerapotheken gemacht und mit Eigentümer:innen gesprochen. In einem Chat sichert Dokteronline uns zu, dass der Versand der Präparate durch die Apotheken nach Österreich legal sei.

Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) in Österreich teilt diese Auffassung nicht. Auf Anfrage von brutkasten erklärt die Behörde: „Ausländischen Onlineapotheken ist es nur gestattet, in Österreich zugelassene Arzneimittel zu versenden. Grundsätzlich bieten legale Onlineapotheken rezeptfreie Arzneimittel an. Der Verkauf von rezeptpflichtigen Arzneimitteln ist in Österreich für Versandapotheken nicht erlaubt. Legale Versandapotheken müssen auch Beratung anbieten.“

Zudem weist das BASG auf das Erkennungszeichen seriöser Onlineapotheken hin, ein grün-weißes Logo mit der jeweiligen EU-Landesflagge. (Nähere Informationen) 

Das grüne Sicherheitslogo steht für legale Onlineapotheken. (c)BASG

Die Argumentation, Dokteronline fungiere lediglich als Vermittler und hafte daher nicht für die rechtlichen Beschränkungen, die für Apotheken gelten, sieht das Bundesamt kritisch. Auch die von uns befragten Partnerapotheken zeigen sich irritiert, zumal sie nach eigenen Angaben im Vorfeld nie über diese rechtliche Einschätzung informiert worden seien.

In weiten Teilen der EU ist der Onlinehandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten unter strengen gesetzlichen Auflagen zulässig. Österreich nimmt hier jedoch eine Sonderstellung ein und gehört zu den wenigen Mitgliedstaaten, die den Versand sowie den Import rezeptpflichtiger Arzneimittel aus dem Ausland an Privatpersonen grundsätzlich verbieten. Eine ähnlich restriktive Regelung besteht etwa in Spanien. Jüngere Entscheidungen der EU-Rechtsprechung stellen diese nationale Sonderrolle zwar zunehmend infrage, vorerst bleibt das österreichische Verbot jedoch aufrecht.

Der größte Betreiber von Onlineapotheken innerhalb der EU, Redcare Pharmacy N.V. (“Shop Apotheke”), betont, man verstehe sich als wichtiges Zusatzangebot zu etablierten Apotheken und wolle bestehende Versorgungslücken schließen. Auf Anfrage von brutkasten erklärt Martina Egger, Director Country Management Österreich: „Wir respektieren die aktuelle Rechtslage in Österreich, halten das generelle Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten aber für nicht mehr zeitgemäß. Wir sprechen uns klar für eine kontrollierte Liberalisierung aus, mit strengen Qualitäts- und Sicherheitsauflagen, verpflichtender pharmazeutischer Beratung, E-Rezept-Integration und behördlicher Aufsicht.“

Der Betreiber einer Dokteronline-Partnerapotheke zeigt sich nach der Konfrontation durch brutkasten mit der Gesetzeslage betroffen und erzählt von einer schwierigen Zusammenarbeit. Man habe Aufträge ordnungsgemäß abgearbeitet und sei davon ausgegangen, dass das EU-Recht auch für Österreich gelte, zumal Dokteronline dies zugesichert habe. Zudem berichtet die Apotheke von fehlender Transparenz bei den notwendigen Patient:inneninformationen.

In den vergangenen Monaten seien teilnehmende Apotheken nicht mehr systematisch darüber informiert worden, welche weiteren Medikamente Patient:innen einnehmen, Angaben, die im Rahmen einer Rezeptanforderung üblicherweise verpflichtend gemacht werden müssen. Man habe mittlerweile Sorge um eine verlässliche Arzneimittelüberwachung.

Von der Karibik nach Nordbrabant

Zentraler Ansprechpartner sei durchgehend ein Büro in Breda in den Niederlanden (Provinz Nordbrabant) gewesen, das unter dem Namen “eHealth Ventures Group” firmiere und von CEO Vincent Peeters geleitet werde. Über diesen Standort seien Vereinbarungen, operative Fragen und die laufende Kommunikation abgewickelt worden. Mit Herrn M. habe man hingegen nie Kontakt gehabt, sein Name sei in keinem Dokument aufgeschienen.

Ergänzend habe es fallweise Austausch mit COO Marrit van Distel sowie administrativen E-Mail-Kontakt mit einem Serviceteam in Curaçao gegeben.

Anhand dieser Informationen lässt sich ein Netzwerk von mindestens fünf Unternehmen identifizieren, die unterschiedliche medizinische Beratungs- und Vermittlungsangebote betreiben. Auf den offiziellen Webseiten wird auch „Dokteronline“ als seit 2004 bestehendes Best Practice angeführt, mit mehr als 2,3 Millionen Konsultationen.

Vom ominösen Herrn M. fehlt dabei jede Spur. Stattdessen wird plötzlich ein anderer Name genannt: Maarten Jan Reijnders. Er soll Dokteronline, damals noch „The Online Doctor“, als Hommage an einen an MS (Multiple Sklerose) erkrankten Freund gegründet haben. Mittlerweile scheint Reijnders sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und dem Immobilienbereich zugewandt zu haben, unter anderem auch in Curaçao.

Dafür tauchen CEO Vincent Peeters und COO Marrit van Distel wiederholt auf. Peeters haben wir im Zuge der Recherche mehrfach kontaktiert, bislang jedoch ohne Antwort.

Unternehmensnetzwerk wie im text

Der Doktor und das Gesetz

Die Unternehmen rund um Dokteronline sind in den Niederlanden seit Jahren Gegenstand behördlicher und gerichtlicher Verfahren. Im Fokus standen Untersuchungen der Gesundheitsaufsicht IGJ zur Bewerbung und Vermittlung verschreibungspflichtiger Medikamente über Online-Plattformen.

Gegen das für dokteronline.com verantwortliche Unternehmen wurden Verwaltungsstrafen verhängt, die der Raad van State bestätigte. Streitpunkte waren unter anderem die Ansprache niederländischer Konsument:innen, die Außendarstellung des Angebots und die arzneimittelrechtliche Einordnung der Plattform.

Zudem kam es 2016 zu einem medienrechtlichen Verfahren. eMedvertise N.V. und eHealth Ventures versuchten per Eilantrag, die Ausstrahlung eines Beitrags der niederländischen TV-Sendung „Rambam“ zu verhindern, der auf verdeckten Recherchen beruhte und das Geschäftsmodell von Dokteronline thematisierte. Das Gericht wies den Antrag ab.

Der Bedarf bleibt

Dass die Nachfrage nach Telemedizin steigt, ist unbestritten. Auch deshalb können unseriöse Anbieter so viele Kund:innen gewinnen. Dass medizinische Onlineberatung aber auch anders organisiert werden kann, zeigt das Wiener Startup Haelsi, bekannt für seine hybriden Gesundheitszentren (brutkasten berichtete). Seit kurzem bietet Haelsi auch ein Online-Abnehmprogramm mit GLP1-Präparaten an.

Im Gespräch mit brutkasten beschreibt Co-Founder Felix Faltin das Programm als „wirklich ärztlich geführtes Programm für medizinische Gewichtsreduktion“, mit digitalen Prozessen, aber „mit klarer ärztlicher Verantwortung“. Der entscheidende Unterschied liege nicht im Kanal, sondern in der Verantwortungskette: „Das Problem hier ist nicht, dass Medizin digital oder online umgesetzt wird. Das Problem ist, dass bei unseriösen Alternativen eine ärztliche Verantwortung fehlt.“

Bei Haelsi stehe „immer zuerst die medizinische Entscheidung und nicht das Rezept oder nicht das Medikament“ an erster Stelle. Auf eine ausführliche Online-Anamnese folge ein Arztgespräch, danach eine engmaschige Betreuung samt Verlaufskontrolle und klaren Abbruchkriterien. Selbst nach Fragebogen und Termin könne ein Rezept verweigert werden. Sollte jedoch ein Präparat verschrieben werden, ist dieses selbständig über eine Apotheke zu beziehen.

Die haelsi-Gründer Christopher Pivec und Felix Faltin | (c) haelsi
Die Haelsi-Gründer Christopher Pivec und Felix Faltin | (c) haelsi


Faltin betont dabei, die Verabreichung von GLP 1-Präparaten, sei keine “Lifestyle-Abkürzung”, sondern „ein hochwirksamer medizinischer Eingriff und gehört als solcher auch gescheit begleitet“. Die Spritze allein sei „ein mögliches Werkzeug“, aber „keine Lösung“. Plattformmodelle, die auf tabuisierte, schambesetzte Themen setzen, würden hingegen oft genau diese Abkürzung versprechen. „Das sind Themen, wo die Leute sich vielleicht auch beim Arzt des Vertrauens nicht trauen, das anzusprechen“, sagt Faltin. Daraus folge aber kein Freibrief für rezeptbasierte Schnelllösungen: „Das sind alles Medikamente und die sollten nicht ohne medizinische Begleitung verkauft werden.“

Gleichzeitig schließt Haelsi eine Weiterentwicklung des Modells und Angebots nicht aus. Denkbar sei perspektivisch auch eine Zusammenarbeit mit etablierten, regulierten Zustellern oder Apothekenpartnern, sofern die rechtlichen Rahmenbedingungen dies zulassen und die medizinische Verantwortung gewahrt bleibt.

Ziel sei es, den ärztlich begleiteten Weg für Patient:innen praktikabler zu machen, nicht ihn abzukürzen. Das Online-Angebot verstehe sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zur physischen Versorgung, sondern als Ergänzung zu bestehenden Arztpraxen und Gesundheitszentren, dort, wo Zeitmangel, Scham oder Alltagsrealitäten den Zugang sonst erschweren würden.

Auch preislich kann das seriöse Angebot mithalten. brutkasten Recherchen zeigen, dass Dokteronline den Patient:innen oft teurer kommt, als es etwa über Haelsi der Fall wäre. Dabei wird das Präparat in den Niederlanden mutmaßlich günstiger eingekauft.

Gegenüber brutkasten zeigt sich der Hersteller Novo Nordisk besorgt. Abnehmspritzen seien Medikamente, die „nur über offizielle Vertriebskanäle mit gültigem Rezept“ erworben werden sollten und auch die Gewährleistung der erforderlichen Kühlkette sei nur bei solchen Stellen garantiert. „Das Diabetesmedikament Ozempic, sowie die Adipositasmedikamente Saxenda und Wegovy sind verschreibungspflichtige Medikamente und sollten daher in Österreich nur in Apotheken und bei Ärzt:innen mit Hausapotheke bezogen werden“ heißt es von Herstellerseite.

Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel behandelt Fragen rund um Telemedizin und Online-Gesundheitsangebote und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden steht in Österreich rund um die Uhr die Gesundheitsnummer 1450 zur Verfügung. In akuten Notfällen wählen Sie bitte den Rettungsnotruf 144 oder den europaweiten Notruf 112.

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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer haben We Are Unicorns gegründet | (c) treat.agency

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen


An einem Mittwochabend in Yokohama treffen einander Gründerinnen und Gründer, Corporate-Innovator:innen, Studierende und Investor:innen im Tech Hub Yokohama; kein Panel, keine Preisverleihung, sondern ein offener Community-Abend unter dem Namen Yokohama Connect. Wenige Wochen später sitzt in einem Wiener Coworking-Space ein Bäckereichef neben einer Innovationsmanagerin und dem Vertreter eines Tourismusbetriebs – auch sie sprechen über die Zukunft ihrer Organisationen. Am Ende beider Abende steht dieselbe Frage: Wie zukunftsfähig sind wir wirklich?

Ein Werkzeug gegen die Ziellosigkeit

Österreich und Japan sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernt. Bei näherer Betrachtung eint sie aber ein Muster: hohe Ingenieurskompetenz, eine dichte Landschaft aus kleinen und mittleren Unternehmen, starke Familienbetriebe, daneben große Konzerne und Städte, die vor ähnlichen Fragen stehen. Wer heute ein Unternehmen führt, hat selten Zeit für Buzzwords – gefragt sind Werkzeuge, die aus abstrakten Trends nächste Schritte machen; und eine Sprache, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert.

Genau hier setzt das Wiener Unternehmen We Are Unicorns (WAU) an. Die Gründer:innen Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer arbeiten seit rund sieben Jahren mit Betrieben an Zukunftsthemen, zuvor gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich. Ihre Beobachtung: Viele KMU stehen mehrfach unter Druck – steigende Kosten, Energiewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, während im Alltag oft Zeit, Orientierung und leistbare Unterstützung fehlen. WAU versteht sich deshalb als „Innovationsabteilung as a Service“, die komplexe Zukunftsthemen in verständliche Handlungsfelder übersetzt und Betriebe bis zur Umsetzung begleitet.

Yokohama ist die zweitgrößte Stadt Japans | (c) Antomattei

Ihr zentrales Werkzeug ist das Future Radar. Es ordnet Zukunftsfähigkeit entlang von fünf Feldern: Menschen, Organisation und Kultur; digitale Prozesse, Automatisierung und KI; Kunden, Vertrieb und Services; Geschäftsmodelle und Plattformen; Energie, Kosten und Nachhaltigkeit. Daraus werden 55 konkrete Chancen statt tausend Schlagworte, entstanden in Co-Creation-Workshops mit KMU aus ganz Österreich sowie Partnern aus Universitäten und Forschung. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet nächste Schritte ab, die Betriebe eigenständig umsetzen können. Er ersetzt keine unternehmerische Entscheidung, sondern versteht sich als Sparringpartner, der ins Tun bringt.

Kommt das Future Radar in Yokohama auf den Tisch, betrachten alle Beteiligten dieselben fünf Felder, dieselben Fragen, dieselbe Auswertung. Ein japanisches KMU, ein Startup aus dem Tech Hub Yokohama und ein österreichischer Mittelständler sehen auf einen Blick, wo sie stark sind und welche Schritte sich ableiten lassen. Der Mehrwert entsteht im Vergleich.

Von Wien nach Yokohama

Warum aber der Blick nach Japan? Weil sich dort ein Ökosystem entwickelt hat, das als Referenz dienen kann. Rund um CIC Tokyo, Japans größten Startup-Campus, hat sich unter dem Dach von Venture Café Japan eine offene Innovationscommunity etabliert: wöchentliche Thursday Gatherings, Formate wie Yokohama Connect, Tsukuba Connéct oder Nagoya Connect, dazu Partner wie der Tech Hub Yokohama, der als Soft-Landing-Punkt für internationale Startups und KMU konzipiert ist. Dazu kommt die städtische Ebene: Der Midterm Plan der Stadt Yokohama verankert Nachhaltigkeit als Ziel bis 2029. Physische Orte, Community-Programme und Stadtstrategie greifen ineinander.

Wer dort sitzt und warum diese Unternehmen nach Europa schauen, zeigt Qubitcore: Das Unternehmen mit Sitz in Yokohama entwickelt Hardware für Quantencomputing, hervorgegangen aus der Forschung am Okinawa Institute of Science and Technology (OIST). Es verbindet mehrere Quantenprozessoren auf Basis von Ionenfallen über Licht miteinander und arbeitet so an fehlertoleranten Rechnern, die über die Grenzen eines einzelnen Prozessors hinaus skalieren.

„Das Quanteninternet entfaltet seinen vollen Wert erst durch grenzüberschreitende Vernetzung. Gerade Europa verfügt über große Tiefe in der Quantenoptik und in der Ionenfallenforschung. Wir hoffen, dass der Tech Hub Yokohama zur Brücke zwischen Yokohama und europäischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren wird“, so Ryuta Watanuki, Gründer und CEO von Qubitcore.

Der Tech Hub Yokohama. | (c) TechHub Yokohama

Damit solche Verbindungen tatsächlich entstehen, braucht es Brückenbauer. Auf japanischer Seite übernimmt Marcel Rasinger mit genten LLC diese Rolle: Als Mitinitiator von Yokohama Connéct verbindet er lokale Unternehmen, Startups und städtische Organisationen mit internationalen Partnern. Auf österreichischer Seite strukturiert WAU die Zukunftsthemen heimischer Betriebe so, dass sie in den Dialog mit japanischen Partnern passen.

Die Stimme aus Tokio

Warum diese Übersetzungsarbeit nötig ist, weiß Kentaro Imai aus eigener Erfahrung – er verantwortet beim japanischen Konzern Kokuyo die Global Marketing Division im Global Workplace Business und ist dort Ansprechpartner für Europa und Nordamerika. Kokuyo beschäftigt sich seit mehr als 120 Jahren damit, wie Menschen arbeiten und lernen, und nutzt die eigenen Büros seit den 1960er-Jahren als Versuchsflächen. „Ideen lassen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren“, sagt Imai, „sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch.“ Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung und Risiko unterschieden sich. Imai: „Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.“

Dass Zusammenarbeit über Kontinente hinweg dabei mehr braucht als Videocalls, ist für Imai keine Frage: „Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen – aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.“ Innovation beginne oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen und unerwarteten Begegnungen. Kokuyo hat deshalb Teile seiner Konzernzentrale The Campus in Tokio-Shinagawa für die Nachbarschaft geöffnet, samt Park, Shop und Coffee Stand. „Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen“, so Imai. Was The Campus für Tokio ist, soll der Tech Hub Yokohama für europäische Partner werden.

Für Imai ist das der Punkt, an dem Werkzeug und Erfahrung zusammenfinden könnten: „We Are Unicorns und das Future Radar machen abstrakte Veränderungen für KMU verständlich und helfen dabei, von weiten Schlagworten zu konkreten Chancen zu kommen.“ Kokuyo wiederum bringe Erfahrung darin ein, wie Menschen arbeiten, lernen und physische Umgebungen nutzen. „Gemeinsam könnte das Future Radar eine Chance identifizieren, und wir könnten helfen, sie in konkrete Arbeitsweisen, Umgebungen und Pilotprojekte zu übersetzen“, sagt Imai.

Tiefe trifft Tempo

Was können beide Seiten voneinander lernen? Imai warnt vor Klischees, sieht aber komplementäre Stärken: Japanische Organisationen zeigten im besten Fall langfristige Verbindlichkeit, hohe Aufmerksamkeit für Qualität, kontinuierliche, schrittweise Verbesserung und Geduld beim Aufbau von Vertrauen; österreichische und europäische Ökosysteme brächten direkte Auseinandersetzung, schnelles Experimentieren, starke Zusammenarbeit zwischen KMU, Startups und Universitäten und eine größere Bereitschaft, Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit zu treffen. Imai: „Der produktivste Austausch ist nicht Japan gegen Österreich; es ist die Kombination aus japanischer Tiefe und österreichischer Agilität.“

Für WAU heißt das: Österreich kann von der langfristigen Ökosystem-Architektur Japans lernen, vom Zusammenspiel aus Infrastruktur, Community-Programmen und städtischer Strategie. Japan wiederum profitiert von der pragmatischen KMU-Kultur in Europa, von Betrieben, die mit wenigen Ressourcen neue Technologien testen und in überschaubaren Schritten starten.

Zurück nach Yokohama, an jenen Mittwochabend im Tech Hub: Was dort als offener Community-Abend beginnt, endet im besten Fall mit einem Projekt, das ein Wiener Betrieb und ein japanisches Startup gemeinsam angehen. Das Future Radar liefert die gemeinsame Ausgangslage, die Brückenbauer den Zugang. Oder, wie Imai es formuliert: „Die Zukunft ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir greifbar machen, gemeinsam testen und durch Neugier laufend verbessern.“

Über We Are Unicorns

We Are Unicorns (WAU) macht Zukunftsarbeit für österreichische KMU konkret, leistbar und umsetzbar. Das Wiener Unternehmen von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer realisiert als „Innovationsabteilung as a Service“ auch Projekte für Regionen, Institutionen und Corporates. Zentraler Baustein ist das Future Radar mit 55 konkreten Chancen entlang von fünf Zukunftsfeldern, ergänzt um einen eigens entwickelten KI-Assistenten. Der Anspruch: Zukunft ohne Blabla.

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