11.03.2026
DEEP-DIVE

Identitätskrise: Wie die Tech-Szene mit dem EU-USA-Konflikt umgeht

Die alte Allianz zwischen den USA und Europa ist brüchig geworden. Wie soll die Tech-Szene damit umgehen? Eine Bestandsaufnahme zwischen EU-Patriotismus und EU-Bashing, Idealismus und Pragmatismus.
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Matthias Neumayer und Dima Rubanov / Johannes Berger | (c) Vlad Dobre / brutkasten/Haris Dervisevic
Matthias Neumayer und Dima Rubanov / Johannes Berger | (c) Vlad Dobre / brutkasten/Haris Dervisevic

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jänner 2026. Über mehrere Tage hinweg beschäftigt sich ganz Europa mit einer Frage, von der man vor nicht allzu langer Zeit niemals erwartet hätte, sie stellen zu müssen: Werden die USA militärisch gegen ein EU-Mitglied vorgehen? Keine zwei Monate später ist die Situation bereits als „Grönland-Krise“ in die Geschichte eingegangen. Ob es an dem für europäische Verhältnisse entschlossenen und geschlossenen Auftreten der EU-Spitzen liegt, dass US-Präsident Donald Trump schließlich eine Militäroperation gegen den Nato-Partner Dänemark ausgeschlossen hat, darüber kann nur gemutmaßt werden. Was bleibt, ist sehr viel Unsicherheit und – zumindest bei manchen – eine gestärkte europäische Identität.

Es war freilich nicht die erste und nicht die einzige Attacke, die von der US-Regierung gegen den alten Partner Europa kam. Die Allianz ist brüchig geworden und wird es zumindest so lang bleiben, wie Donald Trump im Oval Office sitzt. Eine militärische Auseinandersetzung, wie sie in der „Grönland-Krise“ im Raum stand, ist dabei vielleicht das maximale Bedrohungsszenario, aber nicht das einzige. Angst und Schrecken verbreitet auch die Idee vom „Kill Switch“, also der Möglichkeit des US-Präsidenten, den amerikanischen Tech-Giganten die Abschaltung ihrer Dienste in Europa anzuordnen – mit fatalen Folgen weit über die Wirtschaft hinaus. Auch wenn es sehr gute Gründe gibt, die gegen ein solches Szenario sprechen, ist die „digitale Souveränität“ zu einem der Themen der Stunde in Europa geworden.

Illusorische Souveränität?

Gefragt ist also die europäische Tech-Szene. Sie kann die Alternativen zu den Produkten der US-Riesen liefern. Doch wie kaum ein anderer Bereich wird sie durch die Spannungen zwischen den USA und Europa in eine Identitätskrise gestürzt – denn die europäischen Tech-Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahrzehnte hätte es ohne US-Technologie und US-Kapital nicht gegeben. Und auch die Silicon-Valley-Philosophie prägt das Selbstverständnis vieler Gründer:innen. Ist digitale Souveränität unter diesen Umständen illusorisch?

„Wir haben uns den Digital Independence Day, der unter anderem vom deutschen Chaos Computer Club ausgerufen wurde, zum Vorbild genommen. Dabei geht es darum, jeden ersten Sonntag im Monat von einem amerikanischen auf ein europäisches Softwareprodukt umzusteigen. Wir machen das jeden Sonntag“, erzählt Dima Rubanov. Zusammen mit Matthias Neumayer hat er in Wien ein Startup gegründet, das eine Reihe von KI-Anwendungen auf Basis von Large Language Models (LLMs) anbietet, etwa die Gutenachtgeschichten-KI Oscar Stories oder das Marketing-Tool Branding5. „Wir haben beim Umstieg auf europäische Produkte mit den ,low-hanging fruits‘ begonnen. Inzwischen ist es mitunter ein mühsamer Prozess, aber wir machen es trotzdem“, sagt Neumayer.

Die beiden zählen zu den exponiertesten Pro-EU-Stimmen in der österreichischen Startup- und Tech-Szene – eine Bubble, in der EU-Kritik bis hin zu EU-Bashing durchaus Gehör findet. Das sei aber auch ein Phänomen, das stark in sozialen Medien stattfinde, meint Neumayer: „Die meisten Gründer:innen sind definitiv pro EU, auch wenn natürlich nicht unkritisch; alles andere wäre auch ein Schuss ins eigene Knie.“

Die Narrative, mit denen vor allem die Regulatorik der Europäischen Union zum Grundübel erklärt wird, kämen mitunter direkt von US-Konzernen, die von dieser Regulatorik betroffen sind – und würden hierzulande ungefiltert übernommen, ist Rubanov überzeugt. Dabei, meint Neumayer: „Was viele nicht verstehen: Eine Deregulierung, die europäischen Startups hilft, ist nicht das Gleiche wie eine Deregulierung, die US-Big-Tech hilft. Das, was US-Big-Tech will, ist nicht unbedingt förderlich für die Entbürokratisierung für europäische Startups, sondern geht eher auf Kosten des Verbrauchers.“

Die Mindset-Frage

Doch es geht in der Diskussion nicht nur um Regulatorik. Wenn Vertreter:innen der heimischen Tech-Bubble neidisch ins Silicon Valley blicken, steht ganz oft etwas anderes im Zentrum: das Mindset. Besonders auffällig kochte dieses Thema zuletzt hoch, als der Wiener Entwickler des weltweit gehypten KI-Agenten Open-Claw, Peter Steinberger, seinen Gang zum US-KI-Riesen OpenAI verkündete.

Ein Interview mit Steinberger in der „ZiB 2“ des ORF, in dem der bekannt kritische Anchorman Armin Wolf auf Sicherheitsbedenken rund um Open-Claw fokussierte, wurde für viele in der Tech-Szene zum Sinnbild für eine falsche Herangehensweise in Österreich. „Gewohnt rückständig bis weltfremd“ nennt etwa KI-Experte Clemens Wasner die Berichterstattung in Österreich gegenüber brutkasten. „Wenn man heute im Tech-Bereich – zumindest in der westlichen Welt – etwas wirklich Großes aufbauen will, ist Europa derzeit nicht der Ort, an dem das realistisch möglich ist. Wer wachsen will, muss in ein Umfeld wie das US-Tech-Ökosystem gehen“, kommentiert Bitpanda-Gründer Eric Demuth den Fall auf LinkedIn. Steinberger selbst schließlich kommentiert auf X: „In den USA sind die meisten Menschen enthusiastisch. In Europa werde ich beschimpft, Leute schreien ‚Regulierung!‘ und ‚Verantwortung!‘“

Das Mindset wird durchaus auch für Neumayer und Rubanov zum Thema – vor allem in ihrem Daily Business als KI-Startup-Gründer. „Wir merken zum Beispiel, dass wir viele B2B-Kunden aus den USA haben, die viel mehr gewillt sind, etwas Neues auszuprobieren“, sagt Neumayer. Er spricht dabei ein generelles Thema an, das er in Sachen digitaler Souveränität in Europa sieht: Gerade heimische beziehungsweise europäische Startups, die Alternativen zu US-Produkten bauen, hätten es schwer. Neumayer ortet „zwei massive Problemfelder“. Erstens hätten US-Tech-Riesen deutlich mehr Präsenz in den Massenmedien. Zweitens gehe es auch hier um das Mindset: „Ich höre oft diese Wahrnehmung, dass eine Alternative zu Google Cloud immer ein bisschen schlechter sei. Und das, ohne dass die Leute die Alternativen überhaupt selbst ausprobiert hätten. Sie trauen sich nicht drüber, weil wir hier in Europa überhaupt keine First Mover sind“, so der Gründer.

(Keine) europäische Alternative

Auch mit ihren eigenen Anwendungen machen Rubanov und Neumayer nicht weniger als rund 80 Prozent der Umsätze ausgerechnet in den USA. Damit ist ihr Unternehmen nicht allein: Auch für das Wiener Coding-Startup Mimo sind die USA ein zentraler Markt. Die Verflechtungen gehen aber weit über die Kundschaft hinaus: „Bei Mimo verkaufen wir fast ausschließlich über iOS und Android. iOS kommt von Apple, Android von Google. Das sind beides US-Firmen. Es gibt keine Alternative, wenn man eine mobile App vertreiben möchte“, sagt Gründer und CEO Johannes Berger.

Genau das zeige, wie schwer es für Europa sei, technologische Unabhängigkeit zu erreichen. „Schon gar nicht von heute auf morgen. Selbst wenn morgen ein ‚euOS‘ kommt, fehlt die Infrastruktur“, meint der Gründer. Digitale Souveränität hält auch Berger ob der unvorhersehbaren US-Politik für ein Gebot der Stunde. Aber: „Digitale Souveränität darf nicht bedeuten, dass wir nur noch europäische Software verwenden. Sie sollte bedeuten, dass wir europäischen Unternehmen ermöglichen, mit internationalen Firmen zu konkurrieren.“ Souveränität könne durch Wettbewerbsfähigkeit entstehen; Abschottung sei der falsche Weg. „Aber das geht nur, wenn wir Gründerinnen und Gründern einen fruchtbaren Boden zum Gründen bereiten. Das kostet Zeit“, so Berger.

Er greift damit einen Argumentationsstrang auf, der in der Startup- und Tech-Szene – egal ob mehr oder weniger EU-kritisch – allgegenwärtig ist: Damit es europäische Player ganz nach oben schaffen, müssen auch die Rahmenbedingungen passen. „Der Boden ist noch nicht fruchtbar genug“, meint der Gründer. Mit Initiativen wie der EU Inc., einer europaübergreifenden, einheitlichen Gesellschaftsform für Startups, sieht er aber, „dass sich etwas tut“.

Doch vom Prozess zur Etablierung einer neuen Unternehmensform bis zum konkurrenzfähigen Tech-Player aus der EU ist es ein langer Weg. Und bis dahin entscheidet der Markt nach der Qualität des Angebots. „Beim Thema KI sah es kurz so aus, als könnte Europa zumindest den einen oder anderen ernsthaften Player hervorbringen, der auf Augenhöhe mitspielen kann. Aber Stand heute ist der Abstand zu OpenAI, Google oder Anthropic noch zu groß. Das bedeutet in der Praxis, dass ich, wenn ich unbedingt eine EU-Lösung nutzen will, hier einen Kompromiss bei der Qualität eingehen muss“, meint Berger. So bleibe digitale Souveränität am Ende „ein moralischer Wunsch, aber keine echte Option“.

Dima Rubanov hält hier entgegen: „Man darf dabei nicht vergessen: Wir nutzen US-Apps in Europa seit über 15 Jahren. Diese Unternehmen hatten dadurch einen massiven Kapital-, Daten- und Wachstumsvorsprung. Netzwerkeffekte, Investitionen und Talent haben sich dort kumuliert. Du musst dich vielleicht dazu durchringen, dass du ein europäisches Startup für die Navigation verwendest, auch wenn du dadurch im Monat 20 Minuten länger im Stau stehst. Irgendwo müssen wir anfangen und europäische Apps unterstützen. Dass eine App vier Prozent schlechter ist, kann nicht das einzige Argument sein, sie nicht zu verwenden. Wenn wir jetzt eine europäische Alternative verwenden, ist sie vielleicht noch nicht perfekt. Aber sie kann nur besser werden, wenn sie Nutzer bekommt.“ Im eigenen Umfeld sehe man zahlreiche Gründer:innen, die ebenfalls auf europäische Alternativen umsteigen. Und in mehreren europäischen Ländern würden auch staatliche Institutionen und große Firmen bereits umstellen.

Zudem könne man bei solchen Produkten als First Mover mitgestalten, werde mit Feedback gehört und ernst genommen. „Wir sind zum Beispiel auf Proton (Tech-Anbieter aus der Schweiz, Anm.) umgestiegen und sehr zufrieden mit Proton Mail. Der Kalender könnte noch besser sein. Protons Umsatz ist dabei für Google ein Rundungsfehler. Wir müssen anfangen, solche Tools zu nutzen und Bug Reports zu schicken, damit sie besser werden“, sagt Rubanov.

Und Neumayer ergänzt: „Wenn du bei einem der US-Tech-Riesen mit jemandem telefonieren möchtest, musst du gefühlt über tausend Mitarbeiter haben.“ Der Appell des Gründers: den Weg Richtung digitale Souveränität vorantreiben. „Wir dürfen nicht in den Perioden zwischen den Trump-Aussagen den Kopf in den Sand stecken. Wir hatten eine Gasabhängigkeit von Russland, das war schlecht. Wir haben eine Tech-Abhängigkeit von den USA, das ist auch schlecht.“

Globale Identität

Doch bei allem Willen zur Souveränität bleibt klar: Die Tech-Welt ist global. Europa und die USA lassen sich hier wohl weder von der einen noch von der anderen Seite auseinanderdividieren. Johannes Berger drückt es so aus: „Das Internet war und ist gelebte Globalisierung.“ Wenn man einen Film auf einer Streamingplattform anschaue, laufe das über Dutzende verschiedene Softwarekomponenten. Es sei nicht nur, was die Streamingplattform selbst entwickelt hat, sondern basiere auf Frameworks und Codes anderer Firmen, Entwickler:innen und Teams sowie auf Open-Source-Code weiterer Beteiligter. „Komplett egal, woher die Personen oder Teams kommen, die diese Software entwickeln – das ist das Schöne daran. Ich kann Software aus den USA oder China oder dem Kongo benutzen. Entwicklerinnen und Entwickler bauen mit dem Code gegenseitig aufeinander auf“, sagt der Gründer. Dass sich diese globale Identität mit dem innerhalb der westlichen Welt längst überwunden geglaubten „Säbelrasseln“ nicht verbinden lässt, überrascht wenig…

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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